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100 Meisterwerke – Teil 27: Friederike Walter/Dieter Mammel & Jacob Toorenvliet

 

Der vorletzte Monat des Jahres hat bekanntlich nicht den besten Ruf. Grau und vorwinterlich im Erscheinungsbild zeigt sich spätestens jetzt, dass der Sommer endgültig vergangen ist und auch das Jahr sich seinem Ende zuneigt. Die bevorstehende Weihnachtszeit ist jedoch noch zu weit entfernt, die Erinnerung an die letzten warmen Sonnenstrahlen nicht mehr hinlänglich präsent, als dass es dem November gelänge, ein positives Image zu entwickeln. Um nun jedoch nicht in eine kollektive Herbstmelancholie zu verfallen, könnte man eine Methode anwenden, wie es die Künstler Friederike Walter und Dieter Mammel in ihrer Arbeit „Atelierziege“ aus dem Jahr 2007 getan haben: Sie verwandeln schlichtweg den Alltag in Kunst. Ihre Vorgehensweise ist dabei so klug wie einfach.

Sehr gewöhnlichen Alltagsgegenständen wie einer alten Kommode samt Beistellhocker, einem Eimer mit Kerichtbesen und Schaufel sowie einer weißen Kanne mit Teetasse gesellen sie erst einmal einen sehr ungewöhnlichen Gast bei: das Porträt einer Ziege. Ziegen können durchaus ambivalente Assoziationen erwecken. Die einen nutzen diese Tierart, um ihre Mitmenschen durch den Vergleich mit ihr keineswegs schmeichelhaft zu beurteilen; für die anderen sind Ziegen kluge Wesen, die allein schon ob ihrer freundlichen Physiognomie Sympathiepunkte erhalten. Hier darf jeder selbst entscheiden, wie er sich in Anwesenheit dieses Tieres fühlt. Ganzfigurig, in leicht verschwommen-bläulicher Optik, präsentiert sich unsere Ziege formatausfüllend im Bild. Dieter Mammel hat sie gemalt.

Nun könnte diese Zusammenstellung sich in jedem beliebigen Raum befinden, Besen und Schaufel weiterhin zur Benutzung parat stehen, aus dem Geschirr Tee getrunken werden, dem ist aber augenscheinlich nicht so. Jemand hat Gedanken und Hand angelegt, sodass sich die Gegenstände samt Ziegenporträt in die Sphäre der Kunst begeben haben. Monsieur Duchamp lässt grüßen.

Friederike Walter und Dieter Mammel haben entschieden, den Beistellhocker und all die anderen Utensilien nicht länger in ihrer funktionsorientierten Gewöhnlichkeit zu belassen, sie stattdessen für ausstellungswürdig zu befinden. Klugerweise lassen sie es aber dabei nicht bewenden. Wäre die Gefahr zu groß, dass der Transformationsprozess nicht erkannt würde?

Dem versierten Kunstkenner und Ausstellungsbesucher hätte die Beigabe eines Ziegengemäldes vermutlich schon genügt, um festzustellen, dass es sich hier nicht mehr länger um die Ansammlung normaler Gebrauchsgegenstände handelt und dieser Hocker nicht mehr länger zum Sitzen taugt. Um jedoch alle Zweifel hinsichtlich der neuen Ausrichtung der Objekte auszuräumen, geht die Künstlerin noch einen Schritt weiter und hält auch diese neue Anordnung von Kommode, Eimer, Hocker und Ziegenbild wiederum in einem Gemälde fest, das nun ebenfalls innerhalb der Installation zu sehen ist. (Für Kuratoren hat dieses Bild noch den unschlagbaren Nebeneffekt über die exakte, vom Künstler gewollte, Ausrichtung bestens informiert zu sein.) Das ursprüngliche Ateliermobiliar ist damit endgültig in die Ebene der Kunst erhoben.

Auch in anderen Bereichen des menschlichen Daseins funktionieren die vielfältigen Arten der Um- und Neukonnotierung. Nicht erst zeitgenössische Persönlichkeitsberater wissen um die Macht der eigenen Beurteilungskraft und raten dementsprechend nicht zwingend die Situation, sondern die eigene Einstellung zu ändern.

Einer der empfindsamsten und klügsten Geister der Zeit um 1800, Novalis, hat dafür den wunderbaren Satz formuliert, der gerade an nebligen Novembertagen gar nicht oft genug zitiert werden kann: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

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Jacob Toorenvliet, Paar beim Wein, zwischen 1676 und 1686, 37,5 x 31,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nun ist aber nicht jeder zum feinsinnigen Romantiker geboren und so kann bisweilen auch die Fähigkeit zur Freude am einfachen Vergnügen hilfreich im Ertragen des Alltags sein. Vermutlich ist das „Paar beim Wein“ von Jacob Toorenvliet eher letzterer Ansicht. Vor einer rundbogig geschlossenen Hauswand hat sich ein Paar auf einfachem, hölzernen Gestühl niedergelassen. Die beiden sind bester Feierstimmung.

Früchte, Wein und eine offenkundige Sympathie der beiden Protagonisten zueinander lassen an das berühmte Terenz Zitat denken: Sine Cerere et baccho friget Venus. Frei übersetzt bedeutet dies: Ohne Essen und Trinken wird es auch mit der Liebe nichts. Dass der Rebensaft der Liebe nicht abträglich ist, wusste man auch in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts sehr genau, weshalb dieser Zusammenhang häufig in Gemälden thematisiert wird, auch wenn der Wein lediglich indirekt Gegenstand unseres Bildes ist. Nur einige wenige Weinranken ragen von oben über das Mauerwerk. Das Glas, das der Mann fröhlich in der Luft schwenkt, ist leer. Vermutlich wurde es von dem Paar gemeinschaftlich schon häufiger ausgetrunken.

Einfach und reduziert zeigt sich das Kolorit des Gemäldes. Fast ein wenig bemüht erscheinen in der Gesamtkomposition die auf dem Tisch verteilten, leuchtend orangefarbenen Melonen und Feigen, die, exakt vor dem Landschaftsausblick arrangiert, weniger zum Verzehr als zur koloristisch-optischen Aufwertung der Szene dienen.

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Jacob Toorenvliet, Paar beim Wein (Detail), zwischen 1676 und 1686, 37,5 x 31,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als nicht ganz subtile Hinweise auf den vermutlichen weiteren Verlauf eines fröhlichen Miteinanders des Paares. Farbe und Form sind zweideutig angelegt, genau wie die Gestik der Frau. Ihr loses aufgeschnürtes Mieder, sowie sein bereits in Unordnung geratenes Unterhemd lassen hingegen wenig gedanklichen Spielraum.

Zahlreich sind die Darstellungen innerhalb der Genremalerei des 17. Jahrhunderts in Holland, die mehr oder minder offensichtlich die derben Vergnügungen einfacher Leute zum Bildgegenstand haben. Vor dieser Zeit waren solche Bilder alles andere als geläufig. Wann wurden jemals vorher die kleinen Freuden der niedrigen Bevölkerungsschichten als bildwürdig angesehen?

Die einmaligen politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und damit einhergehenden kulturellen Verhältnisse in den nördlichen Niederlanden trugen dazu bei, dass in jener Zeit – in anderer Form – etwas Ähnliches geschehen war wie in dem zuvor besprochenen Werk des 21. Jahrhunderts: Der Alltag wurde künstlerisch relevant und bildwürdig. Die Intention des Künstlers sowie die Bereitschaft des Betrachters, sich auf eine außergewöhnliche Form der Rezeption einzulassen, gerieren ein nahbares, weil im eigenen Alltag bekanntes Erleben, jedoch auf künstlerischer Ebene.

„Sogar der Raum einer Nussschale kann uns wichtig werden, wenn wir selbst Fülle des Daseins mitbringen,“ sagt Novalis. Wie man diese Fülle nun definiert, ob subtil-ironisch, romantisch oder derb, das sei jedem selbst überlassen.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.: Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Genre. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1996. S. 242-243.

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100 Meisterwerke – Teil 22: Justine Otto & Christoffel Lubieniecky

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Christoffel Lubieniecky, Bildnis Dame mit ihrem Sohn, um 1680, Öl auf Leinwand, 62,5 x 73,6 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Vermutlich würde heute die Reaktion einer Mutter anders ausfallen, wenn ihr junger Sohn mit einer Handvoll eigenständig erjagter Vögel nach Hause käme. Im ausgehenden 17. Jahrhundert als Christoffel Lubieniecky dieses „Bildnis einer Dame mit ihrem Sohn“ gemalt hat, zeigt es neben der Geschicklichkeit des Knaben auch den unverhohlenen Stolz der Mutter, die ihrem Sprössling zart aber doch respektvoll die Hand auf die Schulter legt.

Wer die beiden gewesen sind, lässt sich nicht mehr klären. Da das Jagen in dieser Zeit ein Privileg des Adels gewesen war und auch aufgrund ihrer herrschaftlichen Haltung in kostbarer Kleidung, muss es sich bei den Dargestellten um Mitglieder einer wohlhabenden und hochgestellten Familie gehandelt haben.

Porträts sind in dieser Zeit vielmehr als nur das Abbild der äußeren Erscheinung eines menschlichen Individuums. Gesellschaftlicher Stand, der damit einhergehende gehobene Lebensstil, ein Sinn für luxuriöse Umgebungen, Vermögen, Familienzusammengehörigkeit, dynastisches Denken und vieles mehr gehören innerhalb der Porträtikonografie ebenfalls zur Charakterisierung der Protagonisten. In unserem Fall stellt somit das Jagdmotiv ein wesentliches Distinktionsmerkmal dieser Familie dar. Bereits im Kindesalter wird der männliche Nachwuchs für seine spätere Rolle innerhalb einer Gesellschaft vorbereitet, in der das Jagen als Freizeitbeschäftigung einer Elite galt, die ihre Zeit nicht, wie das Gros der damaligen Bevölkerung, mit lebensnotwendiger, harter Arbeit verbringen musste.

Der Künstler hat Mutter und Sohn in ein Querformat eingepasst. Die geringere Körpergröße des Kindes erlaubt es ihm zu stehen, während die Mutter vor einer antik anmutenden Brunnenhausarchitektur Platz genommen hat. Aufwendig ist ihr grau gelocktes Haar nach oben frisiert. Die Kostbarkeit der glänzenden Stoffe und Spitzen, in die sie gekleidet ist, gleicht das Fehlen jeglichen Schmuckes aus. Vermutlich wurde darauf verzichtet, da es sich um die Darstellung in einer weitläufigen, von Abendlicht beschienen Parklandschaft handelt, zu der ein ostentativ zur Schau gestellter Juwelenreichtum nicht recht passen würde.

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Christoffel Lubieniecky, Bildnis Dame mit ihrem Sohn (Detail), um 1680, Öl auf Leinwand, 62,5 x 73,6 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nah und in kindlicher Vertrautheit, die in einem gewissen Kontrast zu seiner erwachsenen Tätigkeit steht, ist der Junge an seine Mutter geschmiegt. Sein linker Unterarm, mit dem er dem Betrachter scheu und doch triumphierend lächelnd ein leichtes Jagdgewehr präsentiert, ruht auf dem Oberschenkel der Mutter. In seiner Rechten hält er mehrere erlegte graue Vögel kopfüber an den Füßen. Als wäre er gerade erst von seinem Abenteuer zurückgekehrt, ist der Junge in einer leichten Schrittstellung gezeigt. Passend zu seiner Tätigkeit trägt der kleine Jäger ein leuchtend blaues, locker fallendes, in der Körpermitte gegürtetes Oberhemd und braune eng anliegende Hosen. Eine leichte Jagdtasche hängt von einer Schnur gehalten an seiner rechten Hüfte.

Lubieniecky spielt in diesem Bild sowohl formal als auch inhaltlich versiert auf der Klaviatur barocker Adelsporträts.

Streng begrenzt die steinerne Brunnenarchitektur, nahsichtig wiedergegeben, den rechten Bildrand und schafft damit einen stabilen Abschluss des Bildraumes, während der Betrachter den Blick im linken Teil des Gemäldes weit in die Hintergrundlandschaft schweifen lassen kann. Eine subtile Kontrastierung der Lebensalter drückt sich in der Positionierung der ruhig, ja nahezu majestätisch, sitzenden Mutter und ihres agilen Kindes aus. Trotz seines jungen Alters nimmt der Knabe die seiner Mutter heraldisch überlegenere rechte Seite ein.

Jedoch erscheinen die beiden nicht nur dynastisch miteinander verbunden. Der Maler hat auch auf das emotionale Moment eine besondere Aufmerksamkeit gerichtet, indem er die zwei Personen ihrer jeweiligen Familienrolle entsprechend positioniert und dadurch ihre persönliche Verbindung sowohl durch das liebevolle Aneinanderrücken als auch durch eine korrespondierende Gestik veranschaulicht, wie das übereinstimmende Händespiel beider bezeugt. Sicher nicht zufällig ergänzt sich das Kolorit der Kleidung von Mutter und Sohn.

Die Ambivalenz des adeligen Kindseins hat der Künstler somit subtil gelöst: er zeigt die leichte Unsicherheit des Jungen in seiner Suche nach Nähe und Rückhalt bei der Mutter, genauso wie seinen Erfolg in einer Tätigkeit, die dem Erwachsenenleben zugerechnet wird und ihn damit als Träger und Verantwortlichen für den Fortbestand der Dynastie ausweist.

Auch im 21. Jahrhundert ist die Phase des Kindseins oftmals weit davon entfernt, jene glückliche und von den Sorgen und Lasten des Erwachsenenalters noch unbeschwerte Lebenszeit zu sein, wie sie seit der Aufklärung gerne idealisiert wird. Wenige Künstler haben diesen Aspekt des „unkindlichen Kindseins“ mit solch schonungsloser Radikalität seziert wie die Künstlerin Justine Otto. In ihrem Gemälde „Adlermund II“ aus dem Jahr 2008 rückt an den Betrachter in greller Farbigkeit ein Mädchenkopf zu nah heran. Bis zur Schulter nur ist der Körper ausschnitthaft gezeigt. Irritierenderweise hat das Kind den Kopf in den Nacken gelegt und wild zur Seite gedreht wohin auch die weit aufgerissenen Augen der Bewegung folgen. Ob Entsetzen oder doch erst aufgeregtes Erschrecken in diesem Blick liegt, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Schön gelegte, kurze blonde Locken, die an Marilyn Monroe erinnern, umrahmen das Kindergesicht. Von den roten Wangen ist zu hoffen, dass ihre Farbigkeit auch der Aufregung und nicht einem geschickten Rougepinsel geschuldet ist. Ein Blick auf die zu dichten und langen Wimpern, lässt jedoch nichts Gutes ahnen. Auch die für ein Kind unpassende weiße Bluse trägt zu dem verstörenden Eindruck dieser, an sich hübschen, Erscheinung bei.

Ein Adler, von dem nur der Kopf zu sehen ist, nimmt das linke untere Bildeck ein. Nah und schutzsuchend hat er sich an seine Begleiterin geschmiegt. Seltsamerweise erscheint der Vogel, der eigentlich in diesem Zusammenhang surreal wirken sollte, fast als ein erleichternd normales und damit beruhigendes Element in dieser verstörenden Komposition, da das Mädchen selbst ihn nicht als Bedrohung empfindet.

 

Ein Kind, das augenscheinlich nicht Kind sein kann und aufgrund seines Aussehens in einer Art und Weise als attraktiv-begehrenswerte Erwachsene betrachtet werden muss, hinterlässt stets mehr als nur ein ungutes Gefühl. Selbst wenn Justine Otto auf alles wirklich Eindeutige verzichtet, so wendet sie mit kühler Klugheit den besten aller Kunstgriffe an: Sie erzählt die Geschichte nicht zu Ende. Sie überlässt es der Phantasie des Betrachters die Lücke zu schließen, die der spannungsgeladene Moment in seiner brutalen Ausschnitthaftigkeit offenbart und nur gefahrvoll erahnen lässt. Weder im positiven noch im negativen Sinn kennt die Gedankenwelt des Menschen Grenzen, so dass sie sich auch die schlimmste aller Varianten vorzustellen vermag.

Würde man sich auf die allzu offensichtlich übereinstimmende Kind-Tier-Konstellation beider Bilder einlassen, wäre ein Vergleich schnell auserzählt und ohne jeden Mehrwert. So erscheint eine Gegenüberstellung auch nicht auf der motivischen Ebene relevant. Vielmehr verbindet beide Kunstwerke wie differenziert sie ausloten, was Kindsein und sein Bezug zur Welt der Erwachsenen in den unterschiedlichen Zeiten bedeuten kann.

Beide Gemälde erzählen davon eine Geschichte: Lubienieckys ist auf den ersten Blick eine kleine, heitere Episode, die vom kindlichem Stolz nach erfolgreicher Jagd erzählt. Dahinter verbirgt sich jedoch eine lange Erzählung über eine vermutlich traditionsreiche Vergangenheit und eine erhoffte dynastische Zukunft, die in diesem kurzen Moment der Rückkehr von der Jagd sich offenbart. Der kleine Junge erscheint in einer festgefügten Welt, in der er bereits in jungen Jahren spielerisch auf seinen Platz in der Familie und Gesellschaft vorbereitet und dabei fürsorglich von seiner Mutter beschützt und begleitet wird.

Genau dieses sichere Momentum fehlt in der Geschichte des Mädchens von Justine Otto. Irgendetwas sagt uns, dass es sich bei der zu grellen Aufmachung nicht um ein harmloses Verkleidungsspiel handelt, sondern, dass das Kind schutzlos in den Fokus gerückt und einer undefinierten Gefahr, die der Betrachter wiederum nur in ihrem Blick erkennen kann, ausgeliefert wird. Nichts Spielerisches, Heiteres oder Leichtes wohnt dem Gemälde inne. Nicht einmal der Greifvogel kann einer vielleicht intendierten märchenhaft-surrealen Beschützerfunktion nachkommen, zu ängstlich und selbst schutzsuchend wirkt er in seiner Körperhaltung.

Auch Justine Otto spielt damit bravourös auf einer erzählerischen Klaviatur; jedoch nicht auf der gleichsam geschichtsträchtigen und in die Zukunft weisenden der barocken Adelsporträts, sondern auf der eines düsteren Drehbuches, das intelligent sowohl die Sehgewohnheiten als auch die kreative Vorstellungskraft seines Publikums kennt und momenthaft zu nutzen weiß.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Portraits. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1995. S. 90-93.

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100 Meisterwerke – Teil 21: Birgit Brenner & Pieter Jacobsz Codde

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Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”, um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

 

Omnia vincit amor, lautet ein berühmtes Sprichwort: die Liebe besiegt alles!

Dass der kleine Gott Amor, der für das Verlieben zuständig ist, aber bisweilen selbst in durchaus irdische Nöte geraten kann, zeigt das Gemälde des Pieter Jacobsz Codde „Amor als Honigdieb“, das um das Jahr 1636 datiert wird.

In ungewöhnlicher Nahsicht stapft der kleine, dralle Liebesgott auf den Betrachter zu. Einen Fuß hat er trotzig nach vorn gesetzt. Mit der linken Hand wischt er sich die Tränen aus dem nach unten geneigten Gesicht, das von blonden Locken umrahmt wird. Die schwarz-weißen Flügel ragen hinter seinen Schulterblättern hervor. Mit ebenso schmaler Farbpallette wie der Amorknabe ist auch die ihn umgebende Landschaft gemalt. Eine dunkle Baumgruppe, die nach vorn von einem bizarr geborstenen, toten Baumstamm akzentuiert wird, füllt die rechte Bildhälfte. Die nach links abfallende Erdenzone gibt den Blick auf eine sich weit in die Ferne erstreckende Ebene frei, die von drei übergroßen Bienenkörben teilweise verdeckt wird.

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Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”(Detail), um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Durch das Hinzufügen dieser Elemente hat Codde in seinem Bild ein Thema des Idyllendichters Theokrit aufgegriffen: Als der naschhafte Amor aus einem Bienenkorb die süßen Honigwaben stehlen wollte, wurde er von den Tieren heftig gestochen. Von Venus, seiner Mutter, bekam er jedoch kein tröstliches Mitleid, vielmehr verwies sie auf sein eigenes Tun: „Bist du nicht auch klein und kannst dennoch mit deinen Pfeilen schmerzhaft stechen?“ Amor, der Legende nachder Sohn der schönen Liebesgöttin Venus und des Kriegsgottes Mars, verkörpert nicht nur die angenehmen Seiten der Liebe. Schalkhaft und mutwillig verschießt er seine Pfeile nicht immer zum Wohl der Getroffenen. In seine kindlich-ungestümen Hände sind nämlich zwei verschiedene Arten gelegt: die goldenen entfachen die Liebe, während die bleiernen sie abtöten.

Dass eine den Menschen so sehr beeinflussende Macht wie die Liebe von einem unberechenbaren, frechen Kind verkörpert wird, hat für die Menschheit bereits seit der Antike einen besonderen Reiz besessen. In der Renaissance wird das Bildmotiv des kindhaften Liebesgottes verstärkt wieder aufgegriffen. Nördlich der Alpen setzen Dürer und vor allem Cranach das mutwillige Tun Amors variantenreich in Szene.

Interessanterweise verzichtet Codde gerade bei der Bienenwabenepisode nun jedoch auf ein sehr entscheidendes Bildelement: die ihren Sohn ermahnende, schöne Göttin Venus. Waren diese mythologischen Erzählungen im 16. Jahrhundert auch deshalb so beliebt, weil sie Anlass für die Darstellung eines ästhetischen Frauenaktes boten, so mutet es umso außergewöhnlicher an, dass der niederländische Künstler darauf bewusst verzichtet. Durch den ausschnitthaften Charakter des Bildes und die Konzentration auf das weinende Kind bekommt der Erzählinhalt eine gänzlich andere Aussage. Nicht die Diskrepanz zwischen erotisch-verführerischer Venus und versteckt-moralischer Textgrundlage kann den Betrachter erfreuen. Vielmehr nimmt das Gemälde durch diese Fokussierung genrehafte Züge an, die die durch und durch kindliche Natur Amors betonen, welche sich sowohl in den Körperproportionen als auch in seinem Verhalten ausdrückt.

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Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”(Detail), um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nach heutigem Forschungsstand ist Codde der einzige niederländische Maler, der diese Thematik bildlich umgesetzt hat. Ob sein eigenes kompliziertes Eheleben, das just zur Entstehungszeit des Bildes in einer Scheidung mündete, der Anlass für das Gemälde gewesen war, muss Spekulation bleiben.

Sei es in der Antike, in der Renaissance, im Barockzeitalter oder im beginnenden 21. Jahrhundert – die zwischenmenschliche Liebesbeziehung hat nie etwas von ihrer komplexen Kompliziertheit eingebüßt. Macht es einen Unterschied, ob nun Amor oder die eigene individuelle Verhaltensfreiheit verantwortlich für das Ge- oder Misslingen der Liebe ist? So wie das Gefühl des Verliebtseins den Betroffenen in einen permanenten Glückstaumel versetzt, kann sein Gegenpol, der Liebeskummer, den Zustand einer ernsthaften Erkrankung mit psychischen und physischen Symptomen annehmen.

Vermutlich nicht an den mythologischen Liebesgott, sondern an eine reale (männliche) Person ist der vorwurfsvolle Ausspruch „Wie kannst du mir das antun?“ gerichtet, mit dem Birgit Brenner im Jahr 2009 ihre Arbeit auch betitelt hat. Mit Filzstift und Acrylfarbe hat die Künstlerin in erkennbarer Schnelligkeit den nahsichtigen Ausschnitt eines nackten Frauenkörpers skizziert. Die Brust, der Bauch sowie die Arme werden zusätzlich durch eine rechteckige violette Umrahmung hervorgehoben. Darunter steht in Druckbuchstaben der Titel des Werks. Die Intimität des Motivs unterstreichend, lässt er, durch die Anrede in der zweiten Person Singular, als Adressaten eine nahe stehende Person vermuten. Verletzt, fassungslos und zutiefst authentisch wirkt dieser eine Satz in Kombination mit dem nur ausschnitthaft gezeigten nackten Körper einer Frau, die sich nicht einmal die Mühe macht, ihre Blöße zu bedecken, sondern die Arme schlaff und kraftlos nach unten sinken lässt. Gegenwehr oder Wut erscheinen sinnlos aufgrund der Tat, mit der sie nun umzugehen hat.

Irritierenderweise nutzt die Künstlerin für ihre Arbeit keinen neutralen Bildträger, sondern eine aus einer Zeitschrift herausgerissene Anzeige, die für das neueste Modell einer Uhrenmarke wirbt. Das Aufmalen des weiblichen Körpers auf die Werbeannonce eines Konsumgutes mag der situativen Dringlichkeit geschuldet sein, mit der der titelgebende Ausspruch getroffen werden musste; vermutlich ist die Frau aber auch als verfügbare „Ware“ behandelt worden. Die Reduzierung auf ihre (weibliche) Körperlichkeit legt sicher eine Interpretation dieser Art nahe. Zudem steht das Motiv der Uhr ikonografisch für die Vergänglichkeit. Somit kann die Wahl des Bildgrundes auch ganz traditionell gedeutet werden, nämlich im Sinne einer begrenzten Zeitlichkeit menschlicher Beziehungen. So klar und einfach die Aussage dieses Kunstwerkes wirkt, so vielfältig und individuell ist die Bandbreite der Assoziationen.

Sowohl das barocke Gemälde des niederländischen Malers als auch das Werk der Künstlerin aus dem 21. Jahrhunderts thematisieren durch ihre Motivwahl die unberechenbare Zufälligkeit, mit der die Liebe und ihr Ende in das Leben der Menschen treten. Nahsichtig und dadurch eindringlich setzen Codde und Brenner die Facetten der Liebe und ihre Wirkmacht auf den Menschen in Szene: ein Thema, das augenscheinlich nie etwas von seiner Faszination verloren hat. Jede Zeit findet dafür eigene Formen und setzt ihre Schwerpunkte.

Die dauerhafte Präsenz und Vielgestaltigkeit der Liebe innerhalb der bildenden Kunst liegt vermutlich auch in der Tatsache begründet, dass eben kein Mensch vor ihr gefeit ist; weder vor den goldenen noch vor den bleiernen Pfeilen des allmächtigen, unkalkulierbaren Liebesgottes.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

Lit.:

Ausst. Kat. Bittersüße Zeiten. Barock und Gegenwart in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Köln 2014.

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 88-91.

 

 

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100 Meisterwerke – Teil 14: James Lloyd & David Teniers d. J.

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Teniers d. J., David, Susanna und die beiden Alten (Dan. 13) nach Guido Reni, um 1655-1660 17,5 x 23 cm, Öl auf Holz

Die Geschichte aus dem apokryphen Buch Daniel gilt in der Justizwissenschaft noch heute als ein Paradebeispiel für die Effizienz der getrennten Zeugenbefragung. Susanna, eine ebenso schöne wie gottesfürchtige junge Frau, gerät ins Blickfeld zweier alter Männer, die täglich im Hause ihres Ehemannes Joachim verkehren. Zu Beginn noch zurückhaltend und sich mit der Betrachtung der anmutigen Weiblichkeit begnügend, wächst beider Verlangen, sich Susanna auch physisch zu nähern. Eines Tages scheint die Gelegenheit günstig: Aufgrund der Hitze des Tages beschließt Susanna, im weitläufigen Garten ihres Anwesens ein Bad zu nehmen. Zu diesem Zwecke schickt sie ihre Dienerinnen, die sie gewöhnlich aus Schicklichkeitsgründen begleiten, ins Haus, um die benötigten Badeutensilien zu holen und die Gartenpforte zu verriegeln. 

Die beiden Alten halten sich versteckt, bis Susanna alleine ist. Sie nähern sich ihr, bedrängen die durch ihre Nacktheit Hilflose und drohen, falls sie ihnen nicht zu Willen sei, ihr öffentlich Ehebruch mit einem jungen Mann anzulasten. Susanna jedoch lässt sich nicht einschüchtern, schreit vielmehr aus Leibeskräften. Die beiden Männer machen nun ihre Drohung wahr und bezichtigen die junge Frau des Ehebruchs, auf den die Todesstrafe steht. Daniel, Zeuge dieses Geschehens, fordert vor der Vollstreckung des Urteils eine getrennte Zeugenbefragung der Ankläger. Auf die Frage hin, unter welchem Baum denn Susanna ihren jungen Liebhaber empfangen hätte, antworte der eine, dass dies unter einer Zeder geschehen sei, der andere jedoch, dass es eine Eiche gewesen sei. Der Beweis war erbracht, dass die Frau zu Unrecht beschuldigt worden war. Das ursprünglich für Susanna gesprochene Urteil erwartete nun ihre Widersacher. 

(Daniel 13,1-64)

Selten hat ein apokrypher Stoff die Maler aller Epochen so intensiv beschäftigt wie diese Geschichte. Sicher liegt einer der Gründe in der zwingenden Notwendigkeit, unverhohlen nackte weibliche Schönheit abzubilden, um dem Inhalt der Erzählung gerecht werden zu können. Für die feinen Nuancen der an unterschiedlichen menschlichen Regungen reichen Erzählung hatten aber anscheinend die Künstler des Barock ein besonderes Faible. Während die Susanna Antonis van Dycks in ihrem zornigen Ingrimm ihren Peinigern in nichts nachsteht und sich tatkräftig wehrt, schuf beispielsweise Rembrandt ein Bild von subtiler Stille. Lediglich ein leises Rascheln der Blätter, verursacht von den beiden lauernden, noch versteckten Männern, lässt seiner aufhorchenden Susanna den ersten Schauer einer für sie noch nicht bestimmbaren Gefahr über den weißen Rücken jagen.

David Teniers d. J. ist mit der um das Jahr 1640 entstandenen Ölskizze „Susanna und die beiden Alten,“ die sich wiederum an einem heute verschollenen Werk des römischen Barockmalers Guido Reni orientiert, also in bester Gesellschaft. Teniers d. J., der neben Rubens, van Dyck und Jordaens berühmteste Maler des flämischen Barock, zeigt Susanna in der denkbar prekärsten Lage: Völlig entkleidet steht sie mit einem Fuß bereits im Bassin, das rechts von einem fratzenähnlichen Wasserspeier gefüllt wird. Die natürliche Bewegungsrichtung, um sich nun gänzlich ins kühle Nass zu begeben, wurde abrupt durch das massive Eindringen der beiden Männer in diese intime Sphäre unterbrochen und in die andere Richtung umgelenkt. Statt den anderen Fuß ebenfalls ins Wasser zu setzen, hat sie diesen nun auf die kleine Stufe am Beckenrand gestellt. Um gänzlich wieder aus dem Wasser zu steigen, fehlt es jedoch an Platz. Ein weiteres Hindernis stellt die halbrunde Balustrade dar, gegen die Susanna drängt. Sie bietet zwar den einzig verbliebenen Schutz vor einem physischen Zusammentreffen mit den Männern, ist aber zugleich auch eine Fluchtbarriere. Die Lage ist aussichtlos.

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Teniers d. J., David, Susanna und die beiden Alten (Dan. 13) nach Guido Reni (Detail), um 1655-1660 17,5 x 23 cm, Öl auf Holz

Aufdringlich in Gestik und Mimik sind die beiden Alten ihr bereits viel zu nahe gerückt. Während sich der Linke augenscheinlich in der Darlegung ihrer misslichen Situation gefällt, hebt der Turbanträger mit furchteinflößendem Gesicht beschwörend seinen linken Zeigefinger an den Mund, während er mit der anderen Hand das weiße Tuch festhält, mittels dessen Susanna versucht, sich zu bedecken. 

Unangenehm nah werden wir auch als Betrachter an die Szene herangeführt, so nah, dass diese sich nur ausschnitthaft darstellt: Vom Wasserbassin, dem rahmenden Springbrunnen und der am linken Bildrand abgelegten, kostbaren Kleidung ist nur ein Teil zu sehen. 

Im Hintergrund befindet sich, teilweise nur skizzenhaft ausgearbeitet, ein verschatteter Baumbestand, der durch sein dunkles Kolorit vornehmlich als kontrastreiche Folie für den dramatischen Vordergrund dient: Weiß ist das Tuch, mit dem die unschuldige Susanna sich zu bedecken müht. Weiß mit einem leicht goldenen Schimmer leuchtet das  sich an die schönlinigen Kurven des entkleideten Körpers anschmiegende Inkarnat auf. Kleider von sattgelber Farbe? liegen am Beckenrand. In dunkleres Gelb und Rot sind die beiden männlichen Akteure gekleidet. Neben der subtilen Verteilung des Kolorits auf die einzelnen Protagonisten wird die Dramatik der Szene gestisch noch offensichtlicher verdeutlicht: Vier Hände füllen das Zentrum der Komposition. Unbehagen empfindet der Betrachter bei der Vorstellung, an welcher Stelle sich wohl die andere Hand des in Gelb gekleideten Mannes bereits befinden mag. 

Teniers d. J. wählt in seiner Bilderzählung den offensichtlichen Höhepunkt des Geschehens. Susanna befindet sich in der ungünstigsten Lage, um sich der physischen Nachstellungen der beiden Männer zu erwehren. Ihr einziger Ausweg ist in dem Gemälde bereits enthalten. Die Augen erschrocken und weit aufgerissen auf die Männer gerichtet, hat sie den Mund zum Schreien geöffnet, um damit die von den zwei Alten angestrebte Heimlichkeit zunichte zu machen und einer Vergewaltigung zu entgehen. 

Moralisch unangetastet wird Susanna letztendlich aus dieser Geschichte hervorgehen. Kein noch so kleiner Makel bleibt laut der apokryphen Geschichte an ihr haften. Vermutlich war es auch der Zurückgezogenheit des Schauplatzes geschuldet, dass Susanna frei von Anschuldigungen blieb. Wo, wenn nicht in der Privatheit des eigenen Gartens oder der eigenen vier Wände sollte man sich unbefangen geben dürfen?

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Lloyd, James Large Nude 61 x 122 cm

Die Frau in James Lloyds querformatigem Gemälde „Large Nude (Aurore)“ tut das. Sie gibt sich, wie sie ist. Nichts scheint ihr ferner zu sein als sich in irgendeiner Weise mit dem Betrachter befassen zu wollen, geschweige denn sich für ihn zu positionieren. Auf einer einfachen aufklappbaren Pritsche, die lediglich mit einer sehr dünnen, blau bezogenen Matratze bedeckt ist, liegt sie völlig nackt. Ihr Kopf mit dem halblangen braunen Haar ruht auf einem ebenfalls himmelblauen, kleinen Kissen. Leicht erhöht gezeigt, wird ihr Antlitz lediglich im verlorenen Profil sichtbar. Der linke Arm ist über den Rand der Liege hinweg ausgestreckt. Das untere Bein ist leicht angewinkelt, langgestreckt darüber liegt das rechte. In einer ungewöhnlichen Draufsicht, die der niedrigen Höhe dieser Ruhestatt geschuldet ist, schauen wir auf die nackte Rückansicht der Frau. 

Unspektakulär erscheint der Raum, in dem sie sich befindet. Der Boden besteht aus groben Holzdielen mit verblassten Farbspritzern. Darüber läuft ein Kabel bis zu einer Steckdose. Vermutlich ist es das Atelier des Künstlers, in dem provisorisch ein kleines Bett aufgestellt wurde, um sich bei zu langen Arbeitssitzungen etwas ausruhen zu können. 

Anders als in vielen anderen Gemälden des Künstlers, in denen die Modelle mit dem Betrachter kommunizieren, hat sich die Frau von diesem abgewandt und zur Seite gerollt. Auch wenn wir einen kleinen Teil ihres Gesichtes erkennen können, bleibt es ungewiss, ob sie wach ist oder schläft. Entspannt wirkt ihr Körper, unprätentiös in seiner ausgestreckten Langeweile, die formatfüllend ist. Auf eine sehr beiläufige, fast irrelevante Weise nur wirkt er erotisch. Vielleicht ist es die Perspektive, die diesen Eindruck hervorruft, vielleicht ist es ein kleines Detail, wie die nackten Fußsohlen –  Körperteile, die für gewöhnlich auch bei Aktdarstellungen unsichtbar bleiben. Es ist ein vertrauter Blick, der auf diesem Körper ruht, ein Blick, der diesen Körper nicht zum ersten Mal sieht, und dies überträgt sich auf den Betrachter. Normalerweise erwecken Rückansichten Neugier und Begehren, auch die Vorderseite zu erblicken. In diesem Fall jedoch wirkt die Szene so selbstverständlich, dass dies ausbleibt. Und so kann diese Frau ihrem Betrachter vertrauen, sogar so sehr, dass sie ihm den Rücken zuwendet.

Wenig haben die beiden besprochenen Frauenakte aus dem 17. und dem 21. Jahrhundert gemein. Susanna kämpft einen physisch aussichtlosen Kampf um ein Stückchen sie bedeckenden Stoffes und damit ihre Selbstbestimmtheit. Nur aufgrund der Annahme, sich in einem geschützten, weil privaten Raum zu befinden, hat sie sich entkleidet. Wehr- und hilflos macht sie dieser Zustand des Ausgezogenseins, der durch ihre abgelegten Kleider am Bildrand unterstrichen wird. 

Aurore hingegen hat vermutlich seit Stunden keine getragen, zumindest finden wir keinen Verweis innerhalb des Bildes oder Spuren davon auf ihrer Haut. Ihre Nacktheit wirkt in dieser Räumlichkeit völlig natürlich. Sie verlangt nach nichts. Unaufgeregt erscheint ihre bequeme Position auf der Liege, die den Eindruck erweckt, als würde die Zeit still stehen – wie eine Pause von unbestimmter Dauer – ein Dazwischen, das jedoch keinen Verweis auf das Vergangene oder Kommende liefert. Hochdramatisch hingegen inszeniert der Barockmaler den Höhepunkt der Geschichte, in dem er exakt den Moment der Entscheidung Susannas, sich dem Willen der Männer zu widersetzen, dem Betrachter vor Augen führt. 

Seit jeher zieht weibliche Nacktheit Blicke auf sich. Schon immer weckte weibliche Nacktheit Begehren. Der grundlegende Unterschied dieser beiden Bilder ist die Tatsache, ob diese weibliche Nacktheit den Blicken des Betrachters freiwillig preisgegeben wird oder nicht. 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 388-392.

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Golden Age reloaded – Der ALC zu Gast in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Umrahmt von Niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts und zeitgenössischen Werken der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, genossen die Mitglieder des ALC das feudale Buffet am Endes des Kunstgangs mit dem Sammler und SØR Inhaber Thomas Rusche. Foto, SØR

Umrahmt von Niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts und zeitgenössischen Werken der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, genossen die Mitglieder des ALC das feudale Buffet am Endes des Kunstgangs mit dem Sammler und SØR Inhaber Thomas Rusche. Foto, SØR

Der Art Lovers Club (ALC) ist ein internationales Netzwerk und ein privater Mitgliedsclub für Frauen, die sich in der Kunstwelt bewegen: ob als ausgeprägte Kunstliebhaberinnen oder professionell tätig. Der Fokus des Clubs liegt auf dem intradisziplinären Austausch von Informationen und Ideen über alle Aspekte der Kunst mit führenden Akteuren aus der Kunstwelt. Für den Besuch in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin hat sich der Club-Vorstand etwas ganz besonderes einfallen lassen – ein Buffet ganz im Sinne der Niederländischen Meister des 17. Jahrhunderts.

Arrangiert wurde die Tischdekoration und die Speisen von der Berliner Künstlerin Berit Uhlhorn und ihrem Team. Foto, SØR

Arrangiert wurden die Tischdekoration und die Speisen von der Berliner Künstlerin Berit Uhlhorn (Mitte) und ihrem Team. Foto, SØR

 

Mit großer Liebe zum Detail , verwandelte sich die Tafel in der Sammlungs-Repräsentanz zu einem Stillleben wie man es von meisterlichen Malern wie z. B. Otto Marseus van Schrieck kennt. Foto SØR

Mit großer Liebe zum Detail , verwandelte sich die Tafel in der Sammlungs-Repräsentanz zu einem Stillleben wie man es von altmeisterlichen Malern wie z. B. Otto Marseus van Schrieck kennt. Foto SØR

ALC Founder Anja Groeschel und Sammler Thomas Rusche begrüssten die knapp Damen mit einem Glas Sekt in der Küche der Berliner Sammlung-Repräsentanz. Foto SØR

ALC Founder Anja Groeschel (rechts) und Sammler Thomas Rusche begrüssten die knapp 30 Damen mit einem Glas Sekt in der Küche der Berliner Sammlung-Repräsentanz. Foto SØR

Während sich die Club-Mitglieder auf die Führung von Thomas Rusche konzentrierten.....

Während sich die Club-Mitglieder auf die Führung mit Thomas Rusche konzentrierten…..

...verwandelte sich das Esszimmer in eine kulinarische Wunderkammer. Foto SØR

…verwandelte sich das Esszimmer in eine kulinarische Wunderkammer. Foto SØR

Selbst die Speisen waren  eine Homage an die Zeit der Niederländischen Meister; Terrinen aus Wurzelgemüse mit roten und gelben Beeten, Waldpilze, Kalbsrouladen, Hirse und eingelegt Birnen. Foto, SØR

Selbst die Speisen waren eine Homage an die Zeit der Niederländischen Meister; Terrinen aus Wurzelgemüse mit roten und gelben Beeten, Waldpilze, Kalbsrouladen, Hirse und eingelegt Birnen. Foto, SØR

Der ALC erfreute sich nach der Führung an der Schönheit und den Köstlichkeiten der herrschaftlichen Tafel. Foto, SØR

Der ALC erfreute sich nach der Führung an der Schönheit und den Köstlichkeiten der herrschaftlichen Tafel. Foto, SØR

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Bon Appetit!

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100 Meisterwerke – Teil 13: Miriam Jonas & Cornelis van Poelenburgh

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft, 1620 – 1625, 15,2 x 11,6 cm, Öl auf Kupfer

Auf Kupfer in feinster Manier gemalt, widmet sich Cornelis van Poelenburgh (1594/95 – 1667) einer der wichtigsten Persönlichkeiten des Neuen Testaments. Zwischen 1620 und 1625 schuf der Maler das hochformatige, kleine Gemälde „Der hl. Petrus in südlicher Landschaft“.  In strengem Profil mit leicht angehobenem Antlitz steht der Apostel fest und unerschütterlich auf einem Hochplateau, vor dem sich eine weite südliche Landschaft großzügig ausbreitet. Nur durch einige verstreut liegende kleinere Felsbrocken vom Betrachter getrennt, erhebt sich die majestätische Figur. Knapp über dem Knöchel des sichtbaren, nackten, rechten Fußes endet das leuchtend blaue Gewand, das durch einen beige-grauen, weiten Umhang komplettiert wird. Den üppigen Faltenwurf bändigt Petrus mit beiden Händen. Mittels seiner Rechten schiebt er die Stoffmenge seitlich hinter seine Gestalt zurück, mit der Linken befestigt er die Fülle der Drapierung um seinen Oberkörper. Dieser Griff könnte über den praktischen Nutzen hinaus auch als eine Geste der Ergriffenheit verstanden werden, denn visionär blickt Petrus in die Höhe zu einem Ziel weit außerhalb der realen Bildgrenzen. Sein Haupt wird von weißem, leicht gelocktem Haar bedeckt. Der Vollbart ist von gleicher Beschaffenheit. 

Rückwärtig wird diese beeindruckende Gestalt von dichtem, dunklem Laubwerk hinterfangen, das eine kontrastreiche Folie ausbildet. Um den Kopf des Apostels lichtet sich die Baumkrone und zeichnet in dezenter Weise die Umrisse des charaktervollen Hauptes nach. In weiter, hoher Draufsicht erstreckt sich die Landschaft vor der Gestalt des Petrus mit fast mittig ausgerichteter Horizontlinie. Durch die dunstige, starke Verblauung erscheint die ferne Landschaft in vagen Umrissen, worüber sich ein nur zart blauer Himmel mit starker Bewölkung erhebt.

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft (Detail), 1620 – 1625, 15,2 x 11,6 cm, Öl auf Kupfer

Unaufgeregt wirkt dieses kleine Gemälde mit einer einzigen Figur vor landschaftlichem Hintergrund auf den ersten Blick. Elegant differenzieren sich jedoch bei näherer Betrachtung die Stofflichkeiten der unterschiedlichen Oberflächen. Intelligent austariert erweist sich das Spiel zwischen Nähe und Ferne. Poelenburgh, der in Italien ausgebildete Niederländer, vereint hier die beiden hochkarätigen Qualitäten der Malerei nördlich und südlich der Alpen. Formal befindet sich die Horizontlinie exakt auf der Höhe der Leibesmitte des Apostels und integriert damit die nahsichtig dargestellte Figur harmonisch in die ferne Landschaft. Zu dieser Verbindung trägt auch der erstklassige Umgang des Künstlers mit dem Kolorit bei. Die einfache Gewandung des Petrus fasst in ihren zwei Farben alle Schattierungen der landschaftlichen Umgebung zusammen. 

Geradezu metaphorisch porträtiert der niederländische Künstler mit diesen künstlerischen Formalia die Wirkmächtigkeit des Petrus, der gemeinhin als eine der nächsten und zugleich wichtigsten Persönlichkeiten aus dem Umkreis Jesu gilt. Nach Mk 1,16 war Simon Petrus einer der ersten, die Jesus berufen hat: „Da er aber am Galiläischen Meer ging, sah er Simon und Andreas, seinen Bruder, daß sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Folget mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! Alsobald verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.“ Auf Petrus’ Christusbekenntnis hin erfolgte laut dem Matthäusevangelium Mt 16,18 die berühmte Aussage Jesu: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ Sowohl die Unerschütterlichkeit, mit der Petrus Christus nachfolgte, als auch dessen nachhaltiges Wirken hat van Poelenburgh in diesem kleinformatigen Werk anschaulich nachvollziehbar gemacht. Präsent erscheint die Felsenmetapher im Gemälde. Die prägende Zukunftsträchtigkeit wird durch die weite Übersicht und den in die Ferne gerichteten Blick verdeutlicht. Jedes malerische und kompositorische Detail steht mit dem großen Ganzen in Verbindung und nimmt Bezug auf die nachhaltige Wirkmacht der Petrusfigur. 

Etliche Künstler vor Poelenburgh haben sich bereits mit der Vielschichtigkeit Petri auseinandergesetzt. So wird man aufgrund der hochaufragenden Gestalt, der Profilansicht und des visionären Blicks unweigerlich an den berühmten Dürerschen Apostel erinnert. Ist dieser fast lebensgroß dargestellt, so zeigt Poelenburgh auf unnachahmliche Weise, dass geistige Monumentalität auch unabhängig vom Bildformat beschrieben werden kann. 

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Miriam Jonas, Polka Popes (Detail), 2011, Installation (Knetmasse in Konservendosen)

Ebenfalls in nicht monumentaler Weise setzt sich die Künstlerin Miriam Jonas mit den Nachfolgern Petri auseinander. Mit feiner Ironie spielt sie auf hohem ästhetischen Niveau mit den jahrhundertealten ikonografischen Mustern der Papstdarstellung nun im Miniaturformat. Auf den ersten Blick tanzen viele bunte Punkte trotz ihrer akkuraten Reihung auf weißer Wand fröhlich über die Fläche. Erst bei näherem Herantreten erkennt man, dass jede der kleinen ovalen, eckigen oder runden Fischkonservendosen hinter ihrer Plexiglasscheibe das höchst individuell aus buntem Plastilin geformte plastische Porträt eines fiktiven Papstes zeigt. Während des Jahres 2011 ist dieses Werk von der Künstlerin, die auch als Kostümplastikerin tätig ist, in Deutschland und Barcelona geschaffen worden. 

Der Reiz dieser Arbeit liegt in ihrer Vielschichtigkeit. Tief greift die Künstlerin mit ihrer Thematik in die christliche Ikonografie, um sie wiederum sofort zu brechen. Würdevoll aber nicht unbedingt individuell mussten die früheren Papstbildnisserien in ihrer Kontinuität auch stets als Legitimation der gesamten Institution der katholischen Kirche gelten. Weniger die einzelne Persönlichkeit, als vielmehr der jeweilige Inhaber des Amtes wurde präsentiert. Auch Miriam Jonas wählt eine Reihung, ersetzt die reine Horizontale aber durch eine weitaus komplexere Anordnung, die sowohl vertikal als auch horizontal gelesen werden kann. So streng die gewählte Struktur erscheint, so originell gestaltet sie jede der kleinen Büsten, die die fiktiven Päpste paradoxerweise mit einem Höchstmaß an Individualität zeigen. 

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Miriam Jonas, Polka Popes, 2011, Installation (Knetmasse in Konservendosen)

Miriam Jonas’ moderner Blick auf das tradierte kunsthistorische Thema zeigt sich auch in der Wahl des Materials. Fröhlich bunte Knetmasse, die gewöhnlich nicht im sakralen Kontext zu finden ist, gepaart mit einem banalen Abfallprodukt des Alltäglichen formiert sie zu einem Kunstwerk von zeitgenössischer Relevanz. Mit beißender Ironie wählt die Künstlerin sicher nicht von ungefähr Fischkonservendosen, um auf das biblische Fischergleichnis anzuspielen. Dass Materialikonographie auch in der Gegenwartskunst von Belang sein kann, wird in den Polka Popes auf humorvolle Art und Weise dargelegt. Zeigte man im Barock durch kostbaren Marmor und die aufwändige Form der lebensgroßen plastischen Büste die Wichtigkeit des Papstamtes an, so fragt Miriam Jonas am Beginn des 21. Jahrhunderts augenzwinkernd nach eben dieser Wichtigkeit. Alle erdenklichen charakterlichen Facetten zeigt sie in den kleinen Figuren: Vom frommen Betenden bis hin zum Wütenden oder einem, der sich aufgrund seines Amtes zu langweilen scheint, ist diesen bunten Päpsten nichts Menschliches fremd. Mit Bart, mit Glatze, mit Eitelkeit, mit einer Neigung zur Korpulenz; jeder versucht auf seine Weise seinen Rahmen zu füllen. Dass diese Arbeit nie den Verdacht der Blasphemie hervorruft, liegt am Respekt, mit dem Miriam Jonas sich in akribischer Detailversessenheit und einem höchst anachronistisch anmutenden Zeitaufwand der Thematik widmet.

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Miriam Jonas, Polka Popes, 2011, Installation (Knetmasse in Konservendosen)

Sowohl die Geduld als auch die Feinheit in der Ausführung haben die Werke des 17. und des 21. Jahrhunderts gemeinsam. Konzentriert sich Poelenburgh zwar auf die Darstellung des Petrus, dem die Komplexität des späteren Papsttums bereits inhärent ist, so zeigt er diese, wie auch Miriam Jonas, mit all den ihm zur Verfügung stehenden, zeitgenössischen Mitteln. Frei von künstlerischer Eitelkeit ist einer der frühesten niederländischen Italianisten nämlich nicht, wenn er die Thematik nutzt, um mit Bravour alle Finessen seiner umfangreichen Künstlerausbildung dem Betrachter virtuos vor Augen zu führen. Auch Miriam Jonas erweitert das Thema in ihrem Sinne. Indem sie fiktive Bildnisse wählt, sind ihrer bildhauerischen Kreativität weit weniger Grenzen gesetzt als dies bei realen Porträts der Fall wäre. Beide Arbeiten sind damit das Ergebnis einer selbst gewählten künstlerischen Freiheit, souverän gespielt auf der Klaviatur der Kunstkritik. 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Literatur: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 328-333.

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