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Thomas Rusche – Arnold-Janssen-Preisträger 2019: Ein Artikel von Stefan Rehder

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Der Artikel von Herrn Stephan Rehder erschien am 17. Januar 2019 in der katholischen Wochenzeitung ,,Die Tagespost” : Thomas Rusche (2.v.l.) erhielt am 13. Januar 2019 im Rahmen den 6. Gocher Gespräche den Arnold-Janssen-Preis 2019. Foto: privat

 

Manche Ressentiments besitzen eine erstaunliche Resistenz. Dass Philosophen nichts Brauchbares von Ökonomie und Unternehmer nichts Nennenswertes von Philosophie verstünden, sind zwei von ihnen. Dabei wurden sie früh falsifiziert. Schon Thales von Milet, den die Antike unter die sieben Weisen rechnet und den Aristoteles gar den „Vater der Philosophie“ nennt, war auch ein erfolgreicher Unternehmer. Im elften Kapitel des ersten Buches seiner „Politischen Schriften“ berichtet Aristoteles, Thales habe in der Gegend um Milet sowie auf der Insel Chios im Winter sämtliche Olivenpressen preiswert gepachtet und sie zur Ernte im Sommer mit „beträchtlichem Gewinn“ weiterverliehen.

In vierter Generation

Über ein derartiges Monopol verfügt Thomas Rusche nicht. Doch mit seinen 60 SOR-Damen und Herrenmodehäusern, die der Spross einer Textilhändlerfamilie aus dem münsterländischen Oelde in vierter Generation inzwischen – von Sylt bis Rottach-Eggern – über ganz Deutschland verteilt hat, sowie einem zusätzlichen Online-Store, ist der 56-Jährige Marktführer im Premium-Segment der Herrenausstatter.

Wer den bekennenden Katholiken am vergangenen Wochenende auf den „6. Internationalen Gocher Gesprächen“ erlebte, in deren Verlauf er mit dem „Arnold-Janssen-Preis“ ausgezeichnet wurde, kann sich indes kaum vorstellen, dass der Philosoph, Wirtschafts- und Sozialethiker, der Rusche auch ist, bei aller Wertschätzung für den Philosophen der Unternehmung des Thales eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt hätte. „Die ökonomischen Imperative der erfolgsorientierten Unternehmensführung stehen in einem spannungsreichen Verhältnis zu den ethischen Imperativen der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls“, beginnt die Arbeit, mit der Rusche sich vergangenen Sommer an der Universität Siegen habilitierte und in deren Verlauf er Wege aufzeigt, wie sich diese auflösen oder wenigstens entspannen ließen.

Der mit einer italienischen Ärztin verheiratete Vater vier erwachsener Kinder, der sich kleidet, wie man dies von einem Herrenausstatter erwartet – dunkler, dezent gemusterter Dreiteiler, Manschettenhemd, Krawatte, schwarzes Schuhwerk, Oxford statt Budapester – hätte deshalb wohl auch von Thales wissen wollen, ob Oliven im damaligen Griechenland ein Luxusgut darstellten oder aber zu den Grundnahrungsmitteln gerechnet wurden.

Vermutlich hätte Rusche, Mitglied des Verwaltungsrates der Päpstlichen Stiftung „Centesimus Annus Pro Pontifice“ und Koordinator ihrer deutschen Aktivitäten, im Dialog mit Thales Möglichkeiten aufzuzeigen gesucht, wie dieser sein „legitimes Streben nach Gewinn“ in eine „alle Stakeholder“ zufriedenstellende „win-win-Situation“ überführen könne. Denn dass ein Unternehmer nicht lediglich die Erwartungen der Shareholder, sondern – im eigenen Interesse – auch die legitimen Erwartungen des größeren Kreises der Stakeholder im Blick haben müsse, davon ist Rusche, der, bevor er 1988 die alleinige Geschäftsführung der Rusche GmbH übernahm, Erfahrungen auch in namhaften anderen Unternehmen wie Peter Scott, Daks, Burberry und Atkinson in England, Schottland und Nordirland sowie bei Bogner und Konen in München sammelte, längst überzeugt.

Vermutlich hätte der „Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem“, Mitglied des „Kolpingwerks“ und des „Bundes Katholischer Unternehmer“, dem „American Express“ bescheinigt, über die kaufkräftigste Kundenkartei des deutschen Einzelhandels zu verfügen, und dem Thales deutlich zu machen gesucht, dass Wirtschaft – frei nach Clausewitz – nicht als „Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“ verstanden werden dürfe und die „the-winner-takes-it-all-Mentalität“ eine so verantwortungs- wie einfallslose Maxime sei.

Internationale Regeln sind nötig

Auch mit dem in westlichen Industriestaaten oft nahezu reflexartig inkriminierten Satz von Papst Franziskus: „Diese Wirtschaft tötet“ (Evangelii gaudium Nr. 53) hat sich Rusche, der in Fribourg und der FU Berlin Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Theologie studierte und zwei Doktortitel hält, intensiv auseinandergesetzt. Auf der Konferenz, die die „Arnold-Janssen-Solidaritätsstiftung“ unter die Doppelfrage „Markt versus Moral? Oder benötigen sozial gerechte Gesellschaftsordnungen Grenzen für Märkte?“ gestellt hatte, kritisierte er eine Haltung, die sich damit zufrieden gebe, dass die Armut „tendenziell“ weltweit zurückgehe.

Je nachdem welche OECD-Indizes man zugrunde lege, gebe es nach wie vor zehn bis 20 000 Hungertote pro Tag. „Dass wir über diese nur in dem Maße redeten, dass wir sagten, das werde doch weniger“, das sei, so der Preiseträger, der unlängst auf den Papst traf, „für Franziskus ein Schrei des Entsetzens wert“. Wie Franziskus – und vor ihm Benedikt XIV. – ist auch Rusche der Ansicht, dass wir „eine Weltordnung brauchen, die in der Lage ist, internationale Regulierungen vorzunehmen“. Viele der entscheidenden Problemstellungen seien heute derart global, dass sie von Nationalstaaten allein nicht mehr zu lösen seien.

Der Einzelne ist gefordert

Doch statt auf eine Regelung auf der Makroebene zu warten, müssten wir lernen, die beiden anderen Handlungsebenen stärker in den Blick zu nehmen: „die Mikroebene der Menschen und die Mesoebene der Unternehmen und Organisationen“. Hier sieht Rusche einen jeden gefordert, „in seiner individuellen Lebenssituation und in seiner Möglichkeit, in Organisationen und Unternehmen Einfluss zu nehmen“. In demselben Sinne gelte es auch, „Laudato si“ ernst zu nehmen. Denn was mit der Ersten industriellen Revolution begonnen habe, könne in der Vierten, die wir gerade erleben, „die Grundlage der Zukunft unserer Welt zerstören“.

Der Unternehmer und Philosoph hält es jedenfalls für möglich, dass die „externen Effekte“ unserer Art zu wirtschaften, „auf eine ökologische Katastrophe zulaufen, die es uns morgen nicht mehr möglich machen wird, zu wirtschaften“. „Der Unternehmer“ müsse, meint Rusche mit dem Technikphilosophen Hans Jonas, „schon allein, um morgen noch wirtschaften zu können, heute alles dafür tun, dass die Permanenz menschenwürdigen Lebens auch zukünftig noch möglich ist“.

„Würden alle Firmenchefs ihre Verantwortung so ernst und engagiert wahrnehmen, wie Sie dies tun, sehr verehrter Herr Rusche, dann herrschten – jedenfalls in der Wirtschaft – Zustände, die von solchen, die man paradiesisch nennen könnte, nur schwer zu unterscheiden wären“, lobte der Vorstandsvorsitzende der Arnold Janssen Solidaritätsstiftung, Konsul Georg Claessens, den Preisträger. Das sei, wie Claessens einräumte, zwar eine steile These. Aber eben auch eine, die den Versuch der Falsifizierung verdient hätte.

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Stefan Rehder M.A., Jahrgang 1967, studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik an der Universität zu Köln und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Journalist und Publizist ist Sonderkorrespondent der überregionalen katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ und Leiter der Rehder Medienagentur in Würzburg. Foto, Rehder Medienagentur

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100 Meisterwerke – Teil 28: Carsten Fock & Geldorp Gortzius

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Carsten Fock, Untitled (Detail), 2008, 160,4 x 133,5 cm, Oil on Canvas, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Zart, fast schwerelos sitzt das freundliche Jesuskind zwischen seiner Mutter Maria und seiner Großmutter Anna. Die beiden Frauen bilden die rahmende Hülle um das göttliche Kind in diesem nahezu quadratischen Gemälde des Künstlers Geldorp Gortzius aus dem Jahr 1604.

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Geldorp Gortzius, Die heilige Anna Selbdritt, 1604, 129 x 122,5 cm, Oil on Wood, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Als Halbfiguren werden die drei Generationen nahsichtig in einem schlichten Raum präsentiert, der lediglich durch eine steinerne Rückwand und eine grünlich schimmernde Textildraperie akzentuiert wird. Der von oben einfallende Lichtstrahl trifft direkt auf das Jesuskind und lässt es hell erstrahlen. Sein Kopf ist nach vorne geneigt und wird von einem feinen Strahlennimbus hinterfangen. Die rechte kleine Hand hat es zu einem leichten Segensgestus erhoben, während es, von einem Tuch weich umfangen, auf dem Arm seiner Mutter ruht.

Diese befindet sich am linken Bildrand. Der Marienikonografie entsprechend trägt sie ein rotes Kleid mit blauem Umhang. Über das offene Haar hat sie einen zarten Schleier gelegt; ein ähnlicher Stoff säumt auch den Ausschnitt des Kleides. Die Hände umfassen liebevoll ihren Sohn, während das feine, fast noch kindlich anmutende Gesicht dem Betrachter zugewandt ist. Ihre Mutter Anna, die Großmutter des Jesuskindes, hingegen widmet ihre volle Aufmerksamkeit dem Enkelsohn. Mit eleganter Geste bietet sie diesem ein Paar Kirschen dar, das sie von einem stilllebenhaft arrangierten Früchteteller genommen hat, der vor der Personengruppe auf einer steinernen Platte steht. Mit ihrer linken Hand ist sie im Begriff nach einem Apfel zu greifen, dem Symbol für die Überwindung des Sündenfalls durch Jesus.

Das Gesicht der Hl. Anna ist konzentriert auf das Jesuskind gerichtet. Die Physiognomie zeigt ähnliche Züge wie das Antlitz ihrer Tochter, erscheint in seiner Rundlichkeit jedoch sichtlich älter. Anna trägt ein schlicht geschnittenes Kleid, das lediglich durch die unterschiedlich glänzende Farbgestaltung von Ärmeln, Oberteil und Rock eine Aufwertung erhält. Nicht locker fallend, sondern eng gebunden, verdeckt ein weißes Tuch ihre Haare.

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Geldorp Gortzius, Die heilige Anna Selbdritt (Detail), 1604, 129 x 122,5 cm, Oil on Wood, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

In manieristischer Formensprache stellt der Künstler das Motiv der Anna Selbdritt dar, das seit dem 15. Jahrhundert eine große Verbreitung findet. In der Erweiterung der genealogischen Reihe kommt der Auserwähltheit Mariens eine besondere Bedeutung zu. Auch ihre Mutter Anna wurde nur durch göttliches Wirken von ihrer Unfruchtbarkeit befreit und konnte dadurch die ab ihrer Zeugung von der Erbsünde befreite Gottesmutter Maria zur Welt bringen. Jesu Ankunft auf Erden ist demnach eine planvoll göttlich gestaltete.

Um an die Geburt Jesu zu erinnern feiern wir Weihnachten. Mit vielerlei Traditionen begehen wir heute diese Feiertage. Von den Adelspalästen her kommend, hielt der lichtergeschmückte Tannenbaum seinen Einzug in das bürgerliche Wohnzimmer ebenso wie die abendliche Bescherung der Kinder. In Gemälden wie dem des Geldorp Gortzius findet das Weihnachtsfest als Fest der Kinder seine Entsprechung und die Geburt des Erlösers wird emotional nahbar vermittelt.

Wie anders stellt uns der zeitgenössische Künstler Carsten Fock den erwachsenen Jesus vor Augen. Mit furchteinflößendem Habitus konfrontiert er den Betrachter. Nicht das kleine Jesuskind mit freundlichem Segensgestus, zärtlich umfasst von seiner liebenden Mutter, sondern formatausfüllend, allmächtig und herrschaftlich ist der Gottessohn hier zu sehen.

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Carsten Fock, Untitled (Detail), 2008, 160,4 x 133,5 cm, Oil on Canvas, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Unvermittelt zeichnet sich die Halbfigur mit gelben Umrisslinien vor einem schwarzen Hintergrund ab, der durch den gleichen wilden Pinselduktus charakterisiert wird, mit der auch die Gestalt des Erlösers gemalt ist. Das Gesicht Jesu wird von einem Vollbart umrahmt. Das Haupt ist der Tradition entsprechend von einem Nimbus hinterfangen. 

Von Anfang an zeichnet sich die Christusikonografie durch eine Dualität aus. Bereits im Mittelalter wählten Künstler zwei unterschiedliche Wege, die Menschen zur Andacht anzuregen. Es gab die freudvolle Weise, die sich in Madonnendarstellung mit dem Jesuskind manifestierte, die die mütterliche Liebe zu ihrem Sohn zum Thema hatte und es gab Darstellungen von der Passion Christi, die mittels der compassio die Gläubigen zum Mitleiden anregen sollten. Kein fühlender Mensch wird sich weder dem Glück, das eine Mutter über ihr neugeborenes Kind empfindet, noch der Trauer, die diese erleidet, wenn ihr Sohn getötet wird, entziehen können.

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Carsten Fock, Untitled, 2008, 160,4 x 133,5 cm, Oil on Canvas, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Mit dem Einsetzen der Renaissance kam zur Vermittlung religiöser Inhalte und der Förderung der Frömmigkeit noch einer weiterer Aspekt hinzu. Auch Bilder religiösen Inhaltes wurden nun mit den Maßstäben der Kunst gemessen.

Sowohl inhaltliche als auch formale Vielfalt und Kunstfertigkeit zogen nun in die sakrale Kunst ein. Die künstlerische Charakterisierung Jesu wurde variantenreicher und vielgestaltiger. Neben dem Kind, dem Erleider der Passion, dem Auferstandenen oder dem Triumphator bereicherte der furchteinflößende Gottessohn die christliche Ikonografie. Die berühmteste dieser Darstellungen ist sicherlich Michelangelos Weltenrichter aus seinem Fresko des Jüngsten Gerichtes an der Stirnseite der Sixtinischen Kapelle in Rom. Entschlossen trennt er die Menschheit in Verdammte und Selige. Sein Urteil ist so unerbittlich, dass selbst Maria, die Fürsprecherin der Menschen, sich ängstlich von ihrem Sohn abwendet ob seines Furors. Terribilità nannten die Zeitgenossen diesen Ausdruck. Ein Begriff der sich nur annähernd mit einer erhabenen „Schrecklichkeit“ oder „Gewalt“ übersetzen lässt. Carsten Focks Erlöser erinnert in seiner Wirkmacht an diese Christusgestalt aus dem 16. Jahrhundert.

Obwohl er nicht dem Weltengericht vorsitzt, leistet er sich weder Schwäche noch Nachgiebigkeit. Er ist strikt, gerade und aufrecht. Er bezieht Haltung und Stellung, auch in einer unsicheren Umgebung.

Wirkt diese Gestalt auf den ersten Blick düster und bedrohlich, so wird bei näherer Betrachtung deutlich, dass sie es ist, die das Licht mit sich bringt. Der Widerschein schlägt sich bereits im Antlitz nieder. Mit Entschlusskraft schreitet der Erlöser voran, um das Licht weiter zu verbreiten.

So vertraut und freundlich uns gerade zur Weihnachtszeit die lieblichen Jesuskinder sind, so tröstlich ist doch der Gedanke, dass der erwachsene Erlöser auch in dunkler Zeit den Fackelschein sicheren Schrittes voranträgt.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 162-166.

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100 Meisterwerke – Teil 27: Friederike Walter/Dieter Mammel & Jacob Toorenvliet

 

Der vorletzte Monat des Jahres hat bekanntlich nicht den besten Ruf. Grau und vorwinterlich im Erscheinungsbild zeigt sich spätestens jetzt, dass der Sommer endgültig vergangen ist und auch das Jahr sich seinem Ende zuneigt. Die bevorstehende Weihnachtszeit ist jedoch noch zu weit entfernt, die Erinnerung an die letzten warmen Sonnenstrahlen nicht mehr hinlänglich präsent, als dass es dem November gelänge, ein positives Image zu entwickeln. Um nun jedoch nicht in eine kollektive Herbstmelancholie zu verfallen, könnte man eine Methode anwenden, wie es die Künstler Friederike Walter und Dieter Mammel in ihrer Arbeit „Atelierziege“ aus dem Jahr 2007 getan haben: Sie verwandeln schlichtweg den Alltag in Kunst. Ihre Vorgehensweise ist dabei so klug wie einfach.

Sehr gewöhnlichen Alltagsgegenständen wie einer alten Kommode samt Beistellhocker, einem Eimer mit Kerichtbesen und Schaufel sowie einer weißen Kanne mit Teetasse gesellen sie erst einmal einen sehr ungewöhnlichen Gast bei: das Porträt einer Ziege. Ziegen können durchaus ambivalente Assoziationen erwecken. Die einen nutzen diese Tierart, um ihre Mitmenschen durch den Vergleich mit ihr keineswegs schmeichelhaft zu beurteilen; für die anderen sind Ziegen kluge Wesen, die allein schon ob ihrer freundlichen Physiognomie Sympathiepunkte erhalten. Hier darf jeder selbst entscheiden, wie er sich in Anwesenheit dieses Tieres fühlt. Ganzfigurig, in leicht verschwommen-bläulicher Optik, präsentiert sich unsere Ziege formatausfüllend im Bild. Dieter Mammel hat sie gemalt.

Nun könnte diese Zusammenstellung sich in jedem beliebigen Raum befinden, Besen und Schaufel weiterhin zur Benutzung parat stehen, aus dem Geschirr Tee getrunken werden, dem ist aber augenscheinlich nicht so. Jemand hat Gedanken und Hand angelegt, sodass sich die Gegenstände samt Ziegenporträt in die Sphäre der Kunst begeben haben. Monsieur Duchamp lässt grüßen.

Friederike Walter und Dieter Mammel haben entschieden, den Beistellhocker und all die anderen Utensilien nicht länger in ihrer funktionsorientierten Gewöhnlichkeit zu belassen, sie stattdessen für ausstellungswürdig zu befinden. Klugerweise lassen sie es aber dabei nicht bewenden. Wäre die Gefahr zu groß, dass der Transformationsprozess nicht erkannt würde?

Dem versierten Kunstkenner und Ausstellungsbesucher hätte die Beigabe eines Ziegengemäldes vermutlich schon genügt, um festzustellen, dass es sich hier nicht mehr länger um die Ansammlung normaler Gebrauchsgegenstände handelt und dieser Hocker nicht mehr länger zum Sitzen taugt. Um jedoch alle Zweifel hinsichtlich der neuen Ausrichtung der Objekte auszuräumen, geht die Künstlerin noch einen Schritt weiter und hält auch diese neue Anordnung von Kommode, Eimer, Hocker und Ziegenbild wiederum in einem Gemälde fest, das nun ebenfalls innerhalb der Installation zu sehen ist. (Für Kuratoren hat dieses Bild noch den unschlagbaren Nebeneffekt über die exakte, vom Künstler gewollte, Ausrichtung bestens informiert zu sein.) Das ursprüngliche Ateliermobiliar ist damit endgültig in die Ebene der Kunst erhoben.

Auch in anderen Bereichen des menschlichen Daseins funktionieren die vielfältigen Arten der Um- und Neukonnotierung. Nicht erst zeitgenössische Persönlichkeitsberater wissen um die Macht der eigenen Beurteilungskraft und raten dementsprechend nicht zwingend die Situation, sondern die eigene Einstellung zu ändern.

Einer der empfindsamsten und klügsten Geister der Zeit um 1800, Novalis, hat dafür den wunderbaren Satz formuliert, der gerade an nebligen Novembertagen gar nicht oft genug zitiert werden kann: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

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Jacob Toorenvliet, Paar beim Wein, zwischen 1676 und 1686, 37,5 x 31,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nun ist aber nicht jeder zum feinsinnigen Romantiker geboren und so kann bisweilen auch die Fähigkeit zur Freude am einfachen Vergnügen hilfreich im Ertragen des Alltags sein. Vermutlich ist das „Paar beim Wein“ von Jacob Toorenvliet eher letzterer Ansicht. Vor einer rundbogig geschlossenen Hauswand hat sich ein Paar auf einfachem, hölzernen Gestühl niedergelassen. Die beiden sind bester Feierstimmung.

Früchte, Wein und eine offenkundige Sympathie der beiden Protagonisten zueinander lassen an das berühmte Terenz Zitat denken: Sine Cerere et baccho friget Venus. Frei übersetzt bedeutet dies: Ohne Essen und Trinken wird es auch mit der Liebe nichts. Dass der Rebensaft der Liebe nicht abträglich ist, wusste man auch in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts sehr genau, weshalb dieser Zusammenhang häufig in Gemälden thematisiert wird, auch wenn der Wein lediglich indirekt Gegenstand unseres Bildes ist. Nur einige wenige Weinranken ragen von oben über das Mauerwerk. Das Glas, das der Mann fröhlich in der Luft schwenkt, ist leer. Vermutlich wurde es von dem Paar gemeinschaftlich schon häufiger ausgetrunken.

Einfach und reduziert zeigt sich das Kolorit des Gemäldes. Fast ein wenig bemüht erscheinen in der Gesamtkomposition die auf dem Tisch verteilten, leuchtend orangefarbenen Melonen und Feigen, die, exakt vor dem Landschaftsausblick arrangiert, weniger zum Verzehr als zur koloristisch-optischen Aufwertung der Szene dienen.

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Jacob Toorenvliet, Paar beim Wein (Detail), zwischen 1676 und 1686, 37,5 x 31,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als nicht ganz subtile Hinweise auf den vermutlichen weiteren Verlauf eines fröhlichen Miteinanders des Paares. Farbe und Form sind zweideutig angelegt, genau wie die Gestik der Frau. Ihr loses aufgeschnürtes Mieder, sowie sein bereits in Unordnung geratenes Unterhemd lassen hingegen wenig gedanklichen Spielraum.

Zahlreich sind die Darstellungen innerhalb der Genremalerei des 17. Jahrhunderts in Holland, die mehr oder minder offensichtlich die derben Vergnügungen einfacher Leute zum Bildgegenstand haben. Vor dieser Zeit waren solche Bilder alles andere als geläufig. Wann wurden jemals vorher die kleinen Freuden der niedrigen Bevölkerungsschichten als bildwürdig angesehen?

Die einmaligen politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und damit einhergehenden kulturellen Verhältnisse in den nördlichen Niederlanden trugen dazu bei, dass in jener Zeit – in anderer Form – etwas Ähnliches geschehen war wie in dem zuvor besprochenen Werk des 21. Jahrhunderts: Der Alltag wurde künstlerisch relevant und bildwürdig. Die Intention des Künstlers sowie die Bereitschaft des Betrachters, sich auf eine außergewöhnliche Form der Rezeption einzulassen, gerieren ein nahbares, weil im eigenen Alltag bekanntes Erleben, jedoch auf künstlerischer Ebene.

„Sogar der Raum einer Nussschale kann uns wichtig werden, wenn wir selbst Fülle des Daseins mitbringen,“ sagt Novalis. Wie man diese Fülle nun definiert, ob subtil-ironisch, romantisch oder derb, das sei jedem selbst überlassen.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.: Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Genre. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1996. S. 242-243.

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100 Meisterwerke – Teil 26: Miriam Vlaming & Horatius Paulijn

Miriam Vlaming, Der Dompteur (The Animal Trainer)

Miriam Vlaming, Der Dompteur, 2006, 140 x 160 cm, Egg tempera on canvas, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Still und beherrscht steht der kleine Junge in der Komposition von Miriam Vlaming.

Nahezu mittig ins Zentrum gerückt dominiert das Kind, mit erwachsener Strenge den Betrachter frontal fixierend, das Gemälde. Sein rechtes Bein hat der Knabe über das linke geschlagen, jedoch erzielt diese Körperhaltung ebenso wenig jene Lässigkeit, die normalerweise mit dieser Geste einhergeht, wie der linke kleine Daumen, den er in seinen Gürtel eingehakt hat, dies für gewöhnlich täte.

Diese sich so unkindlich gebärdende Kindergestalt irritiert. Nicht nur aufgrund der Körperhaltung, sondern auch ob des Utensils, das er bei sich trägt und dem das Gemälde vermutlich auch seinen Namen „Dompteur“ zu verdanken hat. Fest von der kleinen Faust umschlossen hält der Junge an seinen Körper angedrückt einen langen schmalen Stab, dessen Spitze vor ihm auf dem Boden aufliegt.

So unverrückbar diese kleine Gestalt, trotz ihrer leichten Neigung nach links, sich gibt, so unsicher ist ihre Standfläche. Die unumstößliche Festigkeit, mit der dieses Kind erscheint, vom fixierenden Blick bis zur uniformhaft anmutenden Kleidung, wird durch seine Umgebung konterkariert.

Nicht auf sicherem Boden steht der Junge, sondern auf einer wasserähnlichen Oberfläche, aus der auch die baumstammähnliche Vegetation des Hintergrundes erwächst. Aufgrund dieser instabilen Fläche haben die kleinen Stiefel keinerlei Bodenhaftung. Wie eine mittelalterliche Gewändefigur, deren Füße ins Nichts treten, entbehrt auch die physische Gestalt des Kindes einer soliden Basis.

Dieser Verrätselung fühlt sich der Betrachter ebenso ausgesetzt, denn das Bild lässt sich auf keiner Rezeptionsebene leicht greifen. So klar und eindeutig jedes Element sich zu Beginn darbietet, so leise entzieht es sich wieder. Nichts ist, wie es scheint. Ein Wald, der dem Wasser entspringt, ein Kind, das sich verhält wie ein Erwachsener, eine Stabilität, die instabil ist, ein Zeitpunkt, der keine Zeitlichkeit in sich trägt.

Miriam Vlaming, Der Dompteur (The Animal Trainer)

Miriam Vlaming, Der Dompteur (Detail), 2006, 140 x 160 cm, Egg tempera on canvas, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Man ist versucht, diese Unsicherheit in Begriffe zu kleiden, die jedoch genauso schnell wieder entschwinden, sowie man sie beim Schreiben in Erwägung gezogen hat. So ist dieses Werk eine erzählende Malerei, die aber dennoch momenthaft ist.

Trotz seiner gegenständlichen Erkennbarkeit lässt das Bild den Betrachter in völliger Freiheit hinsichtlich einer inhaltlichen Interpretation, genauso wie es eine exakte Bestimmbarkeit der Vegetation verweigert. Das aus einer alten Fotografie adaptierte Kinderporträt zeigt die individuellen Züge eines Jungen, dennoch erscheint er durch die zeitliche und räumliche Versetzung aus seiner ursprünglichen Umgebung fast unwirklich.

Aber nicht nur formal und inhaltlich zeichnen sich Miriam Vlamings Bilder durch eine ungewöhnlich kluge und subtile Art der Andersartigkeit aus, auch ihre Technik ist in hohem Maße ungewöhnlich. Die meisten Bilder fertigt die Künstlerin in der traditionsreichen Technik der Eitempera. Dem tatsächlichen Malen geht dabei ein langer, handwerklicher, aber auch meditativer Prozess, wie Miriam Vlaming es selbst bezeichnet, voran. Die Farbe muss erst mühsam und zeitaufwändig hergestellt werden.

Es geht alles durch meine Hand“ sagt Miriam Vlaming über ihre Bilder. Nun könnte man diesen Satz einzig auf den technischen Entstehungsprozess beziehen. Wer aber einmal zusehen durfte, wie die Künstlerin über ihre fertigen Bilder streicht, sie als Realwesen und nicht als „Bilder“ be-greift, der bekommt eine Ahnung davon, was die Malerin mit diesem Satz meint. Sie gesteht ihren Werken Eigenständigkeit zu. Sie setzt sich in einer Art und Weise mit ihnen auseinander, wie sie respektvoller nicht sein könnte. Miriam Vlaming lässt es zu, dass die Gemälde selbst über ihr finales Aussehen zu bestimmen scheinen, was ihnen eine Aufrichtigkeit verleiht, wie man sie nur selten in der zeitgenössischen Kunst findet.

Eine Aufrichtigkeit der anderen Art, die jedoch ähnlich dazu verlockt, das Bild nicht nur mit den Augen wahrzunehmen, ist in der holländischen Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts anzutreffen. Die stoffliche Oberflächenbeschaffenheit der unterschiedlichen Gegenstände ist bisweilen in einer solch perfekten Art und Weise malerisch dargestellt, dass man am liebsten die Hand zu Hilfe nehmen möchte, um sicher zugehen, dass es sich tatsächlich „nur“ um ein Abbild der dinglichen Realwelt handelt.

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Horatius Paulijn, Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus-Büste, um 1676, 50,7 x 38,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

 

Edel, anmutig und stolz hat sich die weiße Marmorbüste der Venus Medici in Horatius Paulijns „Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus –Büste“ ins elegante Profil nach rechts gewandt. In raffinierter Weise gesellt sich zu ihr in opulenter Farbenpracht ganz nah ein Federbusch, sodass er sie fast an der nackten Schulter zu streicheln scheint. Umgeben sind diese beiden Hauptprotagonisten des Stilllebens von allerlei Büchern, Noten, Urkunden, Schriftstücken sowie Musikinstrumenten, die sich auf einem Tisch befinden, der von einem dicken, in großen Falten sich aufwerfenden, ornamentiertem Teppich bedeckt ist. Ausschnitthaft wird dahinter eine würdevolle, von Wandvorlagen und Nischen gegliederteArchitektur sichtbar.

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Horatius Paulijn, Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus-Büste (Detail), um 1676, 50,7 x 38,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Seltsam fremd und unwirklich wirkt die schöne Venus zwischen all den Gegenständen und Utensilien, die die Gegenwart des 17. Jahrhunderts verkörpern und damit auf den zu dieser Zeit so präsenten Vanitas-Gedanken anspielen.

Die Göttin der Liebe und der Schönheit mischt sich zwar ins Leben – kompositorisch scheint es in diesem Gemälde, als hätte sie ihren eigentlichen Platz in der leeren Nische hinter dem Tisch und sei nur kurzzeitig auf diesen gestellt worden-, in ihrer zeitlosen Funktion steht sie jedoch über all den vergänglichen Vergnügungen und Objekten.

Wie so häufig innerhalb der holländischen Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts lässt sich dieses Gemälde auf unterschiedliche Weisen lesen, ohne dass eine davon ein Anrecht auf ihre Richtigkeit erheben könnte. In brillanter Technik ausgeführt ist dieses Gemälde ein wahrer Augenschmaus, wie er delikater nicht sein könnte. Meisterhaft arrangiert und ausbalanciert erscheint die Komposition im Raum. Sanft ausgeleuchtet ergeben allein die fein ausgesuchten und zueinander in virtuosem Kontrast gestellten Farben ein beglückendes optisches Schauspiel. Über die so ins Bild gezogenen Blicke werden auch die anderen Sinne angesprochen: Der so schnell verflogene Klang der Musikinstrumente, das Klimpern der Siegel, der Geruch des Papiers, die zarte Flauschigkeit der bunten Straußenfedern neben dem kühlen, glatten Marmor; all diese Eindrücke kann der Betrachter auf einer rein sinnlichen Ebene wahrnehmen.

Ginge man einen Schritt weiter, rückten inhaltliche Fragen in den Vordergrund. Wendet sich die schöne, aus unvergänglichem Stein gehauene Venus tatsächlich von all dem flüchtigen Tand ab oder kommentiert sie das alltägliche Treiben, die Musik, die Literatur, die schönen Dinge um sich herum nicht doch mit einem wohlwollenden Lächeln, das anzeigt, dass die Liebe eben doch stets dazu gehört und der eigentliche Mittelpunkt von allem ist?

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Horatius Paulijn, Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus-Büste (Detail), um 1676, 50,7 x 38,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

 

 Die einer antiken Statue nachgebildete Venus hat ihren Platz eingenommen in dieser arrangierten Unordnung des holländischen Goldenden Zeitalters, in die sie auf den ersten Blick nicht gehört; ähnlich dem kleinen, einer alten Fotografie entsprungenen Jungen, der sich nun in einem zeitgenössischen Gemälde wiederfindet. Beide schaffen sie sich durch ihre selbstbewusste Präsenz Raum in einer Umgebung, die nicht für sie gemacht scheint.

Sie erzeugen einen Widerspruch, der jedoch keiner sein muss, je nachdem wie man die Bilder lesen möchte. Die Bereitschaft, sich auf Kunst einzulassen, die Fragen stellt, die nicht sofort, vielleicht sogar nie beantwortet werden, ist eine Herausforderung, der sich der Betrachter stellen kann. Dann wird er erkennen, dass die Freiheit der Rezeptionsmöglichkeiten eines der wichtigsten verbindenden Merkmale großer Kunst ist.

PS: Im Zuge meiner Kuratorentätigkeit für die Ausstellung „Gute Kunst? Wollen!“ im Jahr 2015 auf dem AEG Areal in Nürnberg begegnete ich dem „Dompteur“ von Miriam Vlaming zum ersten Mal. Ähnlich wie die Künstlerin von einigen ihrer Bilder sagt, sie würden ihr Aussehen selbst bestimmen, konnte ich mich damals des Eindruckes nicht erwehren, dass der kleine Junge sich seinen Platz in der Ausstellungshalle selbst ausgesucht hatte: im Zentrum einer Schar von Tierbildern, die allesamt sich der unaufgeregten Strenge des kindlichen Dompteurs beugte.

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Miriam Vlamings Einzelausstellung „Anderszeit“ ist vom 14.09. – 10.11. in der Galerie Von&Von in Nürnberg zu sehen.

 

www.galerie-vonundvon.de

www.miriamvlaming.de

Vor Tür und Wand“ ein Film über Miriam Vlaming von Manuel Dorn:

https://www.youtube.com/watch?v=j2CFJ28FV8w

https://www.youtube.com/watch?v=y7baJ2M3Ens

 

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Stilleben und Tierstücke. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 2004. S. 190-193.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

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Aus der aktuellen Ausgabe des Tweed Magazins: »WIE ICH MICH KLEIDE, IST EINE BOTSCHAFT« Thomas Rusche im Gespräch mit Bernhard Roetzel

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Dr. Thomas Rusche leitet die sehr klassische Herrenausstatter-Kette Sør. Er ist überzeugt, dass wir heute die freieste Bekleidungskultur haben und Zwänge nur selbst auferlegt sind.

von Bernhard Roetzel mit Fotos von Martin Smolka

BR: In Ihrer Firmenzentrale hier in Oelde sieht man altes englisches Mobiliar und moderne Kunst nebeneinan­ der. Hat das eine Bedeutung?

TR: Unter der Ägide meines Vaters habe ich mich sehr in- tensiv mit dem Einmaleins der Kleidungskultur befasst und auch mit dem Einmaleins der britischen Möbel- kultur. Doch seit zehn, 15 Jahren, gibt es spannende Brüche – so wie wir es in der Mode durch den Einfluss des Italienischen erleben oder bei der Street- und Urbankultur. Mit dieser Dialektik umzugehen ist eine Herausforderung. In diesem Fall mit der Kunst, die in zeitgenössischen Ateliers entsteht und auf den ersten Blick überhaupt nichts zu tun hat mit klassischer, konservativer Auffassung. Was heißt das? Die reine Lehre zum einen, die Herausforderung durch eine Stilistik, die auf der Straße getragen wird, zum anderen. Damit umzugehen, ist die tägliche Aufgabe in der Kultur und der Kunstwelt. Und das wird vielleicht ein wenig zum Ausdruck gebracht durch die Kombination von alter Kunst und alten Möbeln mit zeitgenössischer Kunst.

BR: In diesem Besprechungsraum hängen Schlachtenbil­ der an den Wänden. Warum?

TR: Management – da geht es ja um Schlachten, um Pro und Kontra. Und um das Risiko, dass man sich nicht entscheidet. Das Risiko, dass man nicht vorankommt. Die Ambivalenz aller Dinge.

BR: Hier hängt ein zeitgenössisches Bild, eine Komposi­tion mit Hellblau und Orange. Das Hemd mit den Streifen in Orange und Blau liegt nicht zufällig unter diesem Bild?

TR: Wir saßen hier Anfang des neuen Jahrtausends in einer Managementbesprechung. Das war keine einfache Zeit, weil damals der Business-Markt kollabierte. Hier hingen alte Meister, passend zu der Kollektion, die sich daran hielt, was ich in meinem „Sør-Brevier der Kleidungskultur“ aufgeschrieben hatte. Die Klientel, die sich für diese Dinge noch interessierte, wurde damals immer kleiner. Da hatte ich die Idee, dieses Hemd an die Malereiklasse von Professorin Ingrid Dörries-Höher an der Kunsthochschule in Bielefeld zu geben und zu sagen: Macht mal was mit diesem Hemd. Es kamen später diese Bilder an, die hier hängen. Wir haben eines davon prämiert und es auch auf den Umschlag unseres Katalogs gebracht. Eines der Bilder fiel farblich ein wenig heraus, es hatte ein bisschen mehr Grün und Türkis. Daraus haben wir einen Stoff weben lassen und ein Hemd daraus gemacht. Vom Hemd zum Bild, von der Kunst zum Hemd. Vor allem hatte uns aber die Farbe Orange bewegt. Damit haben wir in der nächsten Saison alles gemacht, was man sich für Männer damals in Deutschland nicht vorstellen konnte.

BR: Und wie kam das an?

TR: Orange wurde die am besten verkaufte Pulloverfarbe. Es gab auch die orangefarbene Baumwollhose. Man könnte sagen, dass wir die konservative Klientel in Deutschland aus diesem Erlebnis heraus zur Farbe befreit haben. Ich kann für Sør behaupten, dass wir in dieser schwierigen Zeit, in der sich immer mehr Männer gegen den Kleidungsstil gewendet haben, den Sie und ich vertreten, den Mann über die Farbe und über die extreme Sportswear-Orientierung gepackt haben. Den Mann, der sich, wenn er abends nach Hause kommt, als erstes die Krawatte abbindet. Wenn er sie denn überhaupt noch im Beruf anzieht. Dieser Mann möchte einen coolen Kaschmirpulli tragen, ein tolles Sportshemd dazu und gut geschnittene Hosen. Das war damals eine Lücke in Deutschland – die Kunst, sich in der Freizeit gut anzuziehen. Das musste der deutsche Mann lernen, weil er mit der Freiheit nicht umgehen konnte. Und durch diesen Gedanken, gerade auch in Auseinandersetzung mit der Berliner Künstlerszene, die sich um alles scherte, aber nicht um die Regeln der Kleidungskultur, ist mir deutlich geworden, dass der Anlass nur ein Aspekt der Kleidungskultur ist.

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Sør wurde 1956 von Dr. Thomas Rusches Eltern, Egon und Doris, in Bielefeld gegründet und etablierte sich schnell als sichere Adresse des guten Stils. Inzwischen gibt es 60 Filialen und den Online-Handel. Fotos Martin Smolka

 

BR: Was sind denn die anderen Aspekte der Kleidungs­kultur?

TR: Aus meiner heutigen Sicht hat Kleidungskultur mehrere Komponenten. Das ist einmal der objektive Anlass – Business, Theater, Freizeit –, für den sich aus der Grammatik heraus unterschiedliche Kleidungscodes er- geben. Ich bin ja durch die 68er-Revolution zur totalen Freiheit befreit, und wir müssen nichts mehr tragen, weil „man es so tut“ oder weil es von uns erwartet wird. Die subjektiven Erwartungshaltungen der anderen sind eine andere Dimension. Das heißt, dass ich mir angesichts des objektiven Anlasses die subjektiven Er- wartungen meines Gesprächspartners vorstellen kann, um dann zu entscheiden, ob ich diesen Erwartungen entsprechen möchte.

BR: Aber das muss man nicht?

TR: Ich kann auch in grün karierten Maiglöckchen kommen, dann hat der Fotograf seine Freude, und Sie wundern sich. Ich spiele mit den Erwartungshaltungen der ande- ren. Aber es gibt auch noch den Gedanken der zweiten Haut. Wir sprechen durch die Kleidung zunächst zu uns selber. Es sieht uns noch keiner, wenn wir in der Ankleide oder vor dem Badezimmerspiegel stehen und auf die mehr oder weniger geübte Outfit-Kombination zurückgreifen, die bei dem einen durchnummeriert sein kann oder die ich einfach memorieren kann.

BR: Durchnummeriert?

TR: Die Frau eines deutschen Politikers hat in einem Interview erzählt, dass sie ihrem Mann für seine Wahlkampfauftritte die Sachen mit Nummern versehen hat. Zu Anzug Nummer eins das Hemd Nummer eins und die Krawatte Nummer eins. Und es gibt nicht wenige Männer, die ein Leben lang aus der Situation nicht herauskommen, dass ihnen die Mutter die Kleider her- auslegt und später die Göttergattin. Eine aussterbende Art von Mann, Gott sei Dank. Ich kann also durchnummerieren, ich kann auf das Gewohnte zurückgreifen, ich kann aber auch kombinieren und sollte mich zunächst einmal in der Kleidung wohlfühlen. Wenn ich mich wohlfühle in meiner Kleidung und wenn sie sich gut an- fühlt, Farbe und Schnitt richtig sind, dann ist ein erster Schritt gemacht. So, wie ich mit Yoga-Techniken mein Inneres aufstellen kann, kann ich mir mit der Kleidung Halt geben und im nonverbalen Gespräch, bevor ich den Mund aufmache, dem anderen Dinge mitgeben.

BR: Das ist ein spannender Gedanke. Gerade in der heutigen Zeit, die gerade versessen ist auf Bilder.

TR: Wie ich mich kleide, ist eine Botschaft. Die Art und Weise, wie Sie sich kleiden, spricht, noch bevor Sie den Mund aufmachen. Und diese Bedeutung der zweiten Haut, dass sie zu mir und den anderen spricht, dass ich vermutlich in meinem Leben mit meiner Kleidung zu viel mehr Menschen spreche, als mit meinen Worten, da mich viel mehr Menschen sehen als hören, scheint mir ein erster Beweis der Bedeutung von Kleidung für den Menschen und seine Kultur. Für sein Wohlbefinden. Aber auch, wenn wir das Business nehmen, für sein strategisches Auftreten.

BR: Viele Menschen empfinden klassische Kleidung als einengend, Dresscodes als Bevormundung.

TR: Unsere Art sich zu kleiden ist gerade angesichts des Kastensystems und religiöser Hierarchien anderer Gesellschaften die erste Kleidung, die jedem zusteht. Der Kaiser zieht den Cutaway genauso an wie der Bürger, wenn er den Anlass mit diesem Kleidungsstück ehren möchte. Es ist die erste Art der Kleidungskultur, die ubiquitär ist, überall anzutreffen. Keiner muss sich in irgendeiner Weise Regeln unterwerfen, dass er dieses oder jenes gerade nicht tragen darf. Jeder darf den blauen Blazer tragen, jeder kann den Cutaway tragen, jeder kann die Jeans tragen.

BR: Und jeder trägt heute Sportswear. Selbst die Prinzen und Könige.

TR: Das haben wir zum Glück früh erkannt. Im Jahr 2000 haben wir den ersten Sportswearladen auf Sylt eröffnet. Das war intern ganz umstritten. Können wir mit unserem Sortiment – graue Flanellhose und blauer Blazer – da überhaupt punkten? Diese Diskussion mündete dann in dem Thema Orange, von dem ich eben gesprochen habe. Wenn wir nicht die Bedeutung der Sportswear begreifen, dann werden wir nicht nur auf den Inseln nie Fuß fassen können, wir werden auch in den Städten irgendwann das Publikum nicht mehr erreichen.

BR: Woher kommt die Schreibweise des Firmennamens mit dem durchgestrichenen O? Die mutet eher skandinavisch an, obwohl „Sør“ sehr englisch klingt.

TR: 1956 hatte mein Vater den ersten Herrenausstatter in Bielefeld eröffnet, damals unter dem Namen „SIR“ in der normalen Schreibweise. Ein paar Jahre später, 1964, erkundigte er sich bei einem befreundeten Patentanwalt nach dem Warenzeichenschutz des Namens. Der riet ihm, die Schreibweise weiter zu benutzen. 1965 machte 4711 aber originäre Waren- zeichenrechte geltend wegen ihrer Herrenduftserie SIR Irish Moos. 1967 kam es zum Prozess. Beim Frühstück hatte mein Vater dann den entscheidenden Gedanken- blitz. Sein schwedisches Knäckebrot inspirierte ihn zu der Schreibweise, die wir heute kennen. Es gab dann 1968 einen Vergleich. Heute ist diese Schreibweise der prägnanteste Bestandteil unseres Logos. Wir bewahren noch das Frühstücksbrett auf, das an diesem Morgen benutzt wurde.

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In der SØR Zentrale in Oelde, treffen sich ganz deutlich Tradition und Innovation, die zwei Attribute die den Erfolg des Unternehmens ausmachen. Fotos Martin Smolka

BR: Ich kenne viele Ihrer Filialen. Die Schaufenster sind immer sehr reichhaltig und bieten viel für das Auge.

TR: Die dominante Haltung der Schauwerbegestaltung ist ein Vier-Meter-Fenster, und man stellt zwei Büsten hinein und noch irgendeinen Blickfang. Das mag Sinn machen. Aus unserer Sicht soll die Dekoration Outfitvorschläge liefern. Die Uni Osnabrück hat in einer Untersuchung festgestellt, dass die Menschen vor keinem anderen Schaufenster so intensiv stehen wie vor unserem. Es ist so unglaublich viel im Fluss zurzeit, das muss man auch in der Schaufenstergestaltung zum Ausdruck bringen. Wie erreicht man den 30-Jährigen, der diese Art gar nicht mehr kennt und auf keinen Fall wie „Opa“ aussehen will? Und den 70-Jährigen, der dann auch sagt, das ist ein Outfit, das mich überzeugt?

BR: Trägt der Gesamtauftritt von Sør Ihre Handschrift?

TR: Es gibt keine Werbedrucksache, die nicht im Detail mit mir abgestimmt ist. Gerade da, wo wir den Kunden mit einer solchen Deutlichkeit eine Empfehlung aussprechen, ist das sehr wichtig. Und wann immer ich einen Laden besuche, gehe ich immer die Fenster ab. Da gibt es eine ganze Reihe von Punkten, die mir wichtig sind. Die bespreche ich dann.

BR: Wollten Sie jemals etwas anderes machen, als das, was Sie heute tun?

TR: Ein Schauspieler hat einmal zu mir gesagt: Stell dir doch irgendeine andere Branche vor. Nägel, Maschinenbau. Es ist doch nichts so reizvoll wie Textil. Und innerhalb von Textil machen wir ja nun wirklich das Spannendste, was es gibt.

BR: Haben Sie eine sehr umfangreiche Garderobe? Oder sortieren Sie regelmäßig aus?

TR: Ich tue mich sehr schwer damit, etwas wegzuwer- fen. Ich habe nur einmal zwei Anzüge aus meiner Jugend aussortiert, unter anderem einen schilfgrünen Baumwollanzug, und ich habe mich bis heute nicht davon erholt. Die Garderobenklassiker, Cutaway und Stresemann, habe ich mir alle mit 20 schneidern lassen. Die wurden über die Jahre so weit rausgelassen, wie es ging, um sie an meine Figur anzupassen, zunehmen darf ich jetzt nicht mehr. Ich habe auch mit Bodybuilding aufgehört, weil ich oben zu breit wurde und die Anzüge dann nicht mehr gepasst hätten. Ich vergleiche den klassischen Kleidungsschrank immer mit einem guten Weinkeller, wo man das eine zum anderen fügt und immer wieder gerne danach greift. Vielleicht ist es dieser Kleiderschrank, der mich dazu verpflichtet, da nicht hinauszuwachsen.

BR: Wie halten Sie sich denn in Form? Machen Sie Sport?

TR: Ich bin kein Golfspieler, obwohl wir hier einen der schönsten Golfplätze vor der Tür haben. Einer der Gründe ist, dass mich das einen halben Tag kosten würde. Daran würde ich nicht denken wollen. Ich bin auch kein Reiter. Selbst Tennis dauert mir zu lange. Heute morgen habe ich eine Dreiviertelstunde gejoggt. Das mache ich ein-, zweimal in der Woche.

BR: Vielen Dank für das Gespräch!

Bernhard Roetzel, 1966 in Hannover geboren, ist ein deutscher Modepublizist und Autor von mehr als einem Dutzend Büchern über Herrenbekleidung. Sein bekanntester Titel ist „Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode“. Er schreibt regelmäßig für Zeitschriften und internationale Blogs, z. B. Gentleman’s Gazette und Parisian Gentleman. Bernhard Roetzel ist verheiratet, Vater von fünf Kindern und lebt in der Prignitz zwischen Hamburg und Berlin. Foto: Marco Carloni

Bernhard Roetzel, 1966 in Hannover geboren, ist ein deutscher Modepublizist und Autor von mehr als einem Dutzend Büchern über Herrenbekleidung. Sein bekanntester Titel ist „Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode“. Er schreibt regelmäßig für Zeitschriften und internationale Blogs, z. B. Gentleman’s Gazette und Parisian Gentleman. Bernhard Roetzel ist verheiratet, Vater von fünf Kindern und lebt in der Prignitz zwischen Hamburg und Berlin. Foto: Marco Carloni

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Das Cover der aktuellen Tweed Ausgabe 04/2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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100 Meisterwerke Teil 23 – Norbert Tadeusz & Frans Franckens II

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Frans Francken II, Die Hochzeit zu Kana, um 1630, 55 x 72 cm, Öl auf Kupfer, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Ob sie sich glücklich und wohl fühlt an diesem besonderen, feierlichen Tag lässt sich nur schwer sagen. Mittig als zentrale Hauptperson ist die Braut in Frans Franckens II Gemälde „Die Hochzeit zu Kana“ aus den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts zumindest formal hervorgehoben. Vor einer dunklen Hintergrundfolie, die sich erst nach längerer Betrachtung als ein großer, zu beiden Seiten geöffneter Baldachin entpuppt, sitzt die angehende Ehefrau kostbar geschmückt im Brokatkleid inmitten der Hochzeitsgäste. Ihr feiner porzellanfarbener Teint zieht als hellster Punkt des Gemäldes die Blicke auf sich. Das kleine Haupt, auf dem ein goldenes Krönchen sitzt, hat sie ihrem Mann zugeneigt, der neben ihr sitzt. Durch seine ihr ebenfalls zugewandte Körperhaltung entsteht eine harmonische Paarbildung.

Auf der anderen Seite der quergestellten, reich mit Delikatessen bestückten Festtafel sitzen einander zugewandt Jesus und Maria, erkennbar an ihrer schlichten, der biblischen Ikonografie entsprechenden Kleidung in Violett, Rot und Blau, sowie einem dezent angedeuteten Heiligenschein. Sie heben sich von den anderen, zeitgenössisch fantasievoll gekleideten Hochzeitsgästen jedoch nicht nur durch ihre besondere Art der Gewänder ab, sondern sind im Verhältnis auch etwas größer dargestellt.

Die Komposition des Gemäldes folgt einem strengen Schema. Während der Vordergrund sich wie eine großräumige Bühne für die vielen kostbar verzierten Wasserkannen öffnet, wird dahinter, ebenfalls das Querformat ausfüllend, in lebendiger Vielfalt, die figurenreiche Hochzeitsgesellschaft um die Festtafel gruppiert. Varietas in eleganter, noch leicht manieristisch angehauchter Formensprache findet sich aber nicht nur in der Kleidung und Körperhaltung der Anwesenden, sondern auch in den kreativ angerichteten Speisen in Form von Schwanenpasteten und üppigen Stillleben. Als beruhigende Folie hinterfängt der bereits erwähnte dunkle Baldachin mittig das farbenreiche Geschehen, während links und rechts die sich weit in die Ferne erstreckende, verblauende Hintergrundlandschaft zu sehen ist, die rechts durch eine elegante Bogenarchitektur eingerahmt wird.

Die einzig dominant handelnde Person in diesem Bild ist Jesus. Die Umwandlung des in den zahlreichen Kannen sich befindenden Wassers in Wein wird durch die befehlende Geste des ausgestreckten rechten Armes deutlich.

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Frans Francken II, Die Hochzeit zu Kana (Detail), um 1630, 55 x 72 cm, Öl auf Kupfer, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Es ist das erste Wunder, mit dem Jesus öffentlich auf sich aufmerksam macht und als Sohn Gottes vorgestellt wird: Einer bereits vermutlich seit Stunden feiernden Hochzeitsgesellschaft geht der Wein ob des übermütigen Konsums aus, woraufhin Jesus auf seine Weise für qualitativ noch besseren Nachschub sorgt.

Zahlreich sind die theologischen Interpretationsansätze dieser biblischen Erzählung: Wer auf Jesus vertraut, wird nicht enttäuscht. Vielleicht werden seine Erwartungen sogar noch übertroffen, ist eine davon. Interessant ist aber doch die Wahl des Sujets für die Darlegung der Exeptionalität Jesu. Es ist weder lebensnotwendig noch besonders vernünftig, den bereits angeheiterten Gästen krügeweise weiteren Wein zu organisieren. Dennoch tut Jesus es und gibt damit indirekt auch sein Placet zu einem Genuss und einer Lebensfreude, die momenthaft ist und keinen weiteren Nutzen verfolgt.

Es gehört mit zu den essentiellen Herausforderungen des Menschen, die Balance zu finden, ein Leben zu gestalten, das das individuelle Maß von Leichtigkeit und Pragmatismus kennt, um nicht nur nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip zu funktionieren. Vielleicht ist dieser Bewusstseinsprozess vergleichbar mit dem Hochseilakt, den der nackte Tänzer von Norbert Tadeuzs in den Aquatinta Radierungen aus dem Jahr 2003 vollführt. Hochkonzentriert vollzieht dieser Mann seine kunstvollen akrobatischen Posen in luftiger Höhe. Beweglich und plastisch modelliert sich der terrakottafarbene männliche Akt aus dem tief schwarzen Hintergrund heraus. Nahezu illusionistisch gezeichnet, suggeriert die Reduktion der Form eine reale Bewegung, die sich jedoch nur in der Fantasiewelt des Betrachterauges wirklich vollzieht.

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Norbert Tadeusz, o.T. (Akt an Seil), 2003, 100 x 70cm, Aquatinta/Kaltnadel, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Welchen Nutzen hat dieses freischwebende Tun? Welchen Sinn und Zweck erfüllt es?

Rational betrachtet natürlich keinen. Es dient dem Vergnügen dieses einzelnen Menschen in exakt diesem gegenwärtigen Moment. Nur er allein kann den Wert seines Tuns und das darin für ihn enthaltene Glück ermessen.

Auf einer anderen Ebene könnte man dem Hochzeitspaar von Frans Francken II genau dieselben Fragen stellen. Wozu dieses Fest? Wozu der Aufwand, die Mühe, das Übermaß an teuren Speisen, das Geldausgeben für einen lediglich kurzen Genuss? Und dann kommt auch noch Jesus und setzt dem ganzen die Krone auf, indem er das Wasser in Wein verwandelt.

In Zeiten eines beginnenden Jahrtausends, das von umwälzenden Veränderungen geprägt ist, deren Konsequenzen nicht im Entferntesten eingeschätzt werden können und die stets das verstörende Gefühl einer hilflosen Unsicherheit mit sich bringen, sind solche Bilder, solche Motive und Themen, die die Fähigkeit zu einer Leichtigkeit des menschlichen Daseins aufzeigen, eben doch bisweilen lebensnotwendig.

Ein Blick auf diese beiden Werke verdeutlicht, dass diese menschliche Fähigkeit durch alle Zeiten und Epochen hindurch anscheinend möglich war. Nicht nur in der Gegenwart, auch mitten im 30-jährigen Krieg als das Hochzeitsbild vermutlich anlässlich einer realen Heirat entstanden ist, hat der Mensch sich das Talent bewahrt, seine ganz eigene Form des Glücks zu finden: sei es nun inmitten einer feiernden Festgesellschaft oder allein in luftiger Höhe schwebend.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

Lit.: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 144-148.

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100 Meisterwerke – Teil 22: Justine Otto & Christoffel Lubieniecky

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Christoffel Lubieniecky, Bildnis Dame mit ihrem Sohn, um 1680, Öl auf Leinwand, 62,5 x 73,6 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Vermutlich würde heute die Reaktion einer Mutter anders ausfallen, wenn ihr junger Sohn mit einer Handvoll eigenständig erjagter Vögel nach Hause käme. Im ausgehenden 17. Jahrhundert als Christoffel Lubieniecky dieses „Bildnis einer Dame mit ihrem Sohn“ gemalt hat, zeigt es neben der Geschicklichkeit des Knaben auch den unverhohlenen Stolz der Mutter, die ihrem Sprössling zart aber doch respektvoll die Hand auf die Schulter legt.

Wer die beiden gewesen sind, lässt sich nicht mehr klären. Da das Jagen in dieser Zeit ein Privileg des Adels gewesen war und auch aufgrund ihrer herrschaftlichen Haltung in kostbarer Kleidung, muss es sich bei den Dargestellten um Mitglieder einer wohlhabenden und hochgestellten Familie gehandelt haben.

Porträts sind in dieser Zeit vielmehr als nur das Abbild der äußeren Erscheinung eines menschlichen Individuums. Gesellschaftlicher Stand, der damit einhergehende gehobene Lebensstil, ein Sinn für luxuriöse Umgebungen, Vermögen, Familienzusammengehörigkeit, dynastisches Denken und vieles mehr gehören innerhalb der Porträtikonografie ebenfalls zur Charakterisierung der Protagonisten. In unserem Fall stellt somit das Jagdmotiv ein wesentliches Distinktionsmerkmal dieser Familie dar. Bereits im Kindesalter wird der männliche Nachwuchs für seine spätere Rolle innerhalb einer Gesellschaft vorbereitet, in der das Jagen als Freizeitbeschäftigung einer Elite galt, die ihre Zeit nicht, wie das Gros der damaligen Bevölkerung, mit lebensnotwendiger, harter Arbeit verbringen musste.

Der Künstler hat Mutter und Sohn in ein Querformat eingepasst. Die geringere Körpergröße des Kindes erlaubt es ihm zu stehen, während die Mutter vor einer antik anmutenden Brunnenhausarchitektur Platz genommen hat. Aufwendig ist ihr grau gelocktes Haar nach oben frisiert. Die Kostbarkeit der glänzenden Stoffe und Spitzen, in die sie gekleidet ist, gleicht das Fehlen jeglichen Schmuckes aus. Vermutlich wurde darauf verzichtet, da es sich um die Darstellung in einer weitläufigen, von Abendlicht beschienen Parklandschaft handelt, zu der ein ostentativ zur Schau gestellter Juwelenreichtum nicht recht passen würde.

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Christoffel Lubieniecky, Bildnis Dame mit ihrem Sohn (Detail), um 1680, Öl auf Leinwand, 62,5 x 73,6 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nah und in kindlicher Vertrautheit, die in einem gewissen Kontrast zu seiner erwachsenen Tätigkeit steht, ist der Junge an seine Mutter geschmiegt. Sein linker Unterarm, mit dem er dem Betrachter scheu und doch triumphierend lächelnd ein leichtes Jagdgewehr präsentiert, ruht auf dem Oberschenkel der Mutter. In seiner Rechten hält er mehrere erlegte graue Vögel kopfüber an den Füßen. Als wäre er gerade erst von seinem Abenteuer zurückgekehrt, ist der Junge in einer leichten Schrittstellung gezeigt. Passend zu seiner Tätigkeit trägt der kleine Jäger ein leuchtend blaues, locker fallendes, in der Körpermitte gegürtetes Oberhemd und braune eng anliegende Hosen. Eine leichte Jagdtasche hängt von einer Schnur gehalten an seiner rechten Hüfte.

Lubieniecky spielt in diesem Bild sowohl formal als auch inhaltlich versiert auf der Klaviatur barocker Adelsporträts.

Streng begrenzt die steinerne Brunnenarchitektur, nahsichtig wiedergegeben, den rechten Bildrand und schafft damit einen stabilen Abschluss des Bildraumes, während der Betrachter den Blick im linken Teil des Gemäldes weit in die Hintergrundlandschaft schweifen lassen kann. Eine subtile Kontrastierung der Lebensalter drückt sich in der Positionierung der ruhig, ja nahezu majestätisch, sitzenden Mutter und ihres agilen Kindes aus. Trotz seines jungen Alters nimmt der Knabe die seiner Mutter heraldisch überlegenere rechte Seite ein.

Jedoch erscheinen die beiden nicht nur dynastisch miteinander verbunden. Der Maler hat auch auf das emotionale Moment eine besondere Aufmerksamkeit gerichtet, indem er die zwei Personen ihrer jeweiligen Familienrolle entsprechend positioniert und dadurch ihre persönliche Verbindung sowohl durch das liebevolle Aneinanderrücken als auch durch eine korrespondierende Gestik veranschaulicht, wie das übereinstimmende Händespiel beider bezeugt. Sicher nicht zufällig ergänzt sich das Kolorit der Kleidung von Mutter und Sohn.

Die Ambivalenz des adeligen Kindseins hat der Künstler somit subtil gelöst: er zeigt die leichte Unsicherheit des Jungen in seiner Suche nach Nähe und Rückhalt bei der Mutter, genauso wie seinen Erfolg in einer Tätigkeit, die dem Erwachsenenleben zugerechnet wird und ihn damit als Träger und Verantwortlichen für den Fortbestand der Dynastie ausweist.

Auch im 21. Jahrhundert ist die Phase des Kindseins oftmals weit davon entfernt, jene glückliche und von den Sorgen und Lasten des Erwachsenenalters noch unbeschwerte Lebenszeit zu sein, wie sie seit der Aufklärung gerne idealisiert wird. Wenige Künstler haben diesen Aspekt des „unkindlichen Kindseins“ mit solch schonungsloser Radikalität seziert wie die Künstlerin Justine Otto. In ihrem Gemälde „Adlermund II“ aus dem Jahr 2008 rückt an den Betrachter in greller Farbigkeit ein Mädchenkopf zu nah heran. Bis zur Schulter nur ist der Körper ausschnitthaft gezeigt. Irritierenderweise hat das Kind den Kopf in den Nacken gelegt und wild zur Seite gedreht wohin auch die weit aufgerissenen Augen der Bewegung folgen. Ob Entsetzen oder doch erst aufgeregtes Erschrecken in diesem Blick liegt, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Schön gelegte, kurze blonde Locken, die an Marilyn Monroe erinnern, umrahmen das Kindergesicht. Von den roten Wangen ist zu hoffen, dass ihre Farbigkeit auch der Aufregung und nicht einem geschickten Rougepinsel geschuldet ist. Ein Blick auf die zu dichten und langen Wimpern, lässt jedoch nichts Gutes ahnen. Auch die für ein Kind unpassende weiße Bluse trägt zu dem verstörenden Eindruck dieser, an sich hübschen, Erscheinung bei.

Ein Adler, von dem nur der Kopf zu sehen ist, nimmt das linke untere Bildeck ein. Nah und schutzsuchend hat er sich an seine Begleiterin geschmiegt. Seltsamerweise erscheint der Vogel, der eigentlich in diesem Zusammenhang surreal wirken sollte, fast als ein erleichternd normales und damit beruhigendes Element in dieser verstörenden Komposition, da das Mädchen selbst ihn nicht als Bedrohung empfindet.

 

Ein Kind, das augenscheinlich nicht Kind sein kann und aufgrund seines Aussehens in einer Art und Weise als attraktiv-begehrenswerte Erwachsene betrachtet werden muss, hinterlässt stets mehr als nur ein ungutes Gefühl. Selbst wenn Justine Otto auf alles wirklich Eindeutige verzichtet, so wendet sie mit kühler Klugheit den besten aller Kunstgriffe an: Sie erzählt die Geschichte nicht zu Ende. Sie überlässt es der Phantasie des Betrachters die Lücke zu schließen, die der spannungsgeladene Moment in seiner brutalen Ausschnitthaftigkeit offenbart und nur gefahrvoll erahnen lässt. Weder im positiven noch im negativen Sinn kennt die Gedankenwelt des Menschen Grenzen, so dass sie sich auch die schlimmste aller Varianten vorzustellen vermag.

Würde man sich auf die allzu offensichtlich übereinstimmende Kind-Tier-Konstellation beider Bilder einlassen, wäre ein Vergleich schnell auserzählt und ohne jeden Mehrwert. So erscheint eine Gegenüberstellung auch nicht auf der motivischen Ebene relevant. Vielmehr verbindet beide Kunstwerke wie differenziert sie ausloten, was Kindsein und sein Bezug zur Welt der Erwachsenen in den unterschiedlichen Zeiten bedeuten kann.

Beide Gemälde erzählen davon eine Geschichte: Lubienieckys ist auf den ersten Blick eine kleine, heitere Episode, die vom kindlichem Stolz nach erfolgreicher Jagd erzählt. Dahinter verbirgt sich jedoch eine lange Erzählung über eine vermutlich traditionsreiche Vergangenheit und eine erhoffte dynastische Zukunft, die in diesem kurzen Moment der Rückkehr von der Jagd sich offenbart. Der kleine Junge erscheint in einer festgefügten Welt, in der er bereits in jungen Jahren spielerisch auf seinen Platz in der Familie und Gesellschaft vorbereitet und dabei fürsorglich von seiner Mutter beschützt und begleitet wird.

Genau dieses sichere Momentum fehlt in der Geschichte des Mädchens von Justine Otto. Irgendetwas sagt uns, dass es sich bei der zu grellen Aufmachung nicht um ein harmloses Verkleidungsspiel handelt, sondern, dass das Kind schutzlos in den Fokus gerückt und einer undefinierten Gefahr, die der Betrachter wiederum nur in ihrem Blick erkennen kann, ausgeliefert wird. Nichts Spielerisches, Heiteres oder Leichtes wohnt dem Gemälde inne. Nicht einmal der Greifvogel kann einer vielleicht intendierten märchenhaft-surrealen Beschützerfunktion nachkommen, zu ängstlich und selbst schutzsuchend wirkt er in seiner Körperhaltung.

Auch Justine Otto spielt damit bravourös auf einer erzählerischen Klaviatur; jedoch nicht auf der gleichsam geschichtsträchtigen und in die Zukunft weisenden der barocken Adelsporträts, sondern auf der eines düsteren Drehbuches, das intelligent sowohl die Sehgewohnheiten als auch die kreative Vorstellungskraft seines Publikums kennt und momenthaft zu nutzen weiß.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Portraits. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1995. S. 90-93.

https://www.youtube.com/watch?v=r3vkfdeDLx0

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Stil-Tipps von Thomas Rusche – Wie Mann sich im Sommer kleidet

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Immer stilsicher – Thomas Rusche der SØR Inhaber und Stil-Experte weiß bis ins kleinste Detail um die Bedeutung der Kleidungskultur. Foto Lars Beusker

Die Sommermonate locken uns mit luftigen und aufregend bunten Outfits auf die Straßen. Im Business sollte man allerdings berücksichtigen, dass der klassische Dresscode keine Ferien kennt. Besonders wenn man auf dem Finanzmarkt arbeitet oder in Kunden-gesprächen sein Unternehmen repräsentiert. Wie man sich bei hohen Temperaturen auch im Job adäquat kleidet und wie man die angesagten Sommer-Trends am besten in der Freizeit kombiniert, verrät uns SØR Inhaber und Stil-Experte Thomas Rusche!

SØR: Welche Stoffe/Materialien eignen sich besonders für die Sommermonate?

Thomas Rusche: Leinen, Baumwolle und leichte cool-wool Qualitäten sind während der Sommer-Monate die perfekte Wahl. Auf synthetische Materialien sollte man am besten verzichten.

SØR: Welche der genannten Materialien sind auch für Business-Looks im Büro geeignet und welche ein absolutes No-go?

Thomas Rusche: Leinen hat leider die Angewohnheit leicht zu knittern und das wirkt im Job schnell etwas nachlässig. Leichte Wollmaterialien und Baumwolle sind somit die sichere Wahl. Bequemere Alternativen können beispielsweise Hemden aus feinem Jersey sein. Anzüge sollten aus leichten aber hochwertigen Wollqualitäten bestehen. Wer als Akteur auf dem Finanzmarkt agiert oder sein Unternehmen in Kundengesprächen repräsentiert, sollte auch im Sommer gedeckte Farben wählen und sich dem klassischen Dresscode unterordnen. Vertrauen entsteht durch Kleidung, die den Rollenerwartungen gerecht wird. Kleidung entscheidet mit darüber, wessen Rat ich traue und wem ich mein Geld anvertraue. Eine Maxime, die in der Kleidungskultur für alle Jahreszeiten gilt.

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Richtig angezogen im Büro oder bei Kunden-Meetings: SØR Anzug in Blau, ein weißes SØR-Hemd mit farbigen Ausputz, feine Seidenkrawatte mit Schmetterlingsmotiv und rahmengenähte Schuhe von Floris van Bommel. Foto Lars Beusker

SØR: In der vergangenen Sommer-Saison lag der Knöchel des Herren bei den Hosenlängen frei. Setzt sich dieser Trend fort oder verändert sich diesbezüglich etwas?

Thomas Rusche: Dieser Trend setzt sich auch in dieser Saison fort. Es werden weiterhin Hosen getragen die den Knöchel zeigen und die Fußweite bleibt eher schmal.

SØR: Darf der Knöchel auch im Büro gezeigt werden? Womit der Träger dann ja auch auf einen Strumpf verzichtet. Ist das im Job erlaubt?

Thomas Rusche: Es kommt immer auf das Umfeld an. Ist der Arbeitgeber eine Bank oder eine Anwaltskanzlei, sollte man einen klassischen Hosenschnitt wählen und Strümpfe in den Schuhen tragen. Jedoch in Unternhemen mit einem gelockerten Dresscode, darf Mann auch etwas Haut am Fuß zeigen.

Die schmale SØR Hose mit Bundfalten, ist aus einem kühlen glatten Baumwollstoff und dezent kariert. Besonders schön wirkt  wenn man sie bis zum Knöche umschlägt und mit feinen Loafern oder weißen Sneaker kombiniert. Foto Lars Beusker

Die schmale SØR Hose mit Bundfalten, ist aus einem kühlen glatten Baumwollstoff und dezent kariert. Besonders schön wirkt es, wenn man sie bis zum Knöchel umschlägt und mit feinen Loafern oder weißen Sneaker kombiniert. Foto Lars Beusker

SØR: Welche Schuhe eigenen sich besonders für diesen Look?

Thomas Rusche: Ein feiner Loafer oder Rahmengenähte Schuhe passen gut ins Büro. Bei nicht ganz so warmen Temperaturen kann man schöne sommerliche Akzente setzen, in dem man farbige Stümpfe wählt.

SØR: Und in der Freizeit?

Thomas Rusche: Sneaker passen eigentlich immer, aber auch Bootsschuhe oder Mokassins sind prädestiniert für knöchellange Hosen. Wer nicht auf etwas Stoff im Schuh verzichten möchte und Füßlinge oder kurze Sneakersocken wählt, sollte darauf achten das sie auf keinen Fall hervorluken und das schöne Bild des sommerlichen Looks verunstalten.

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Der SØR Slipper aus weichem Wildleder in Braun passt perfekt zu den knöchellangen Hosen oder zu Bermudas. Foto Lars Beusker

SØR: Bermudas sind diesen Sommer ein Trend. Allerdings etwas enger als gewöhnlich. Wie kombiniert man diese Hosen? Und sind sie ausschließlich in der Freizeit tragbar?

Thomas Rusche: Bermudas oder Shorts sind ganz klar nur in der Freizeit angesiedelt. Gerade der neue schmale Schnitt und die fröhliche Farbpalette lässt sie noch sportlicher erscheinen.

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Der Sommer-Trend: Schmaler Bermuda-Short von MMX in einem knackigen Gelb. Foto Lars Beusker

SØR:Wer sollte sie tragen und wer sollte lieber auf den klassischen großzügig geschnittenen Bermuda ausweichen?

Thomas Rusche: An sich kann sie jeder tragen – von jung bis alt… Jedoch sollte man sich bewusst sein, dass der Schnitt etwas figurbetonter ist. Man sollte sich in seiner Haut also wohlfühlen.

SØR: Immer wieder trifft man auf Herren, die sich in schmal geschnittene Chinos oder Slim-Jeans pressen, obwohl sie aufgrund ihrer Figur eher zu großzügigen Schnitten tendieren sollten. Wie berät man solche Kunden, bzw. wie rät man ihnen ab?

Thomas Rusche: Grundsätzlich gilt: jeder so, wie er mag! Doch sollten wir nicht vergessen das Kleidung unsere zweite Haut ist, und sie bildet sich durch eine innere Einstellung und einem äußeren Schein. Dabei entwickeln wir ein feines Gespür für Authenzität, für eine Kleidung die von Innen heraus strahlt. Nur wer sich in seiner zweiten Haut wohlfühlt hat eine glaubwürdige Ausstrahlung. Und wenn sie zwickt oder uns in der Bewegungsfreiheit einschränkt, werden wir den ganzen Tag von einem Unwohlsein begleitet und somit auch von einer negativen Ausstrahlung. Ein guter Verkäufer sollte dem Kunden auch immer einen geeigneten Schnitt präsentieren und anbieten. Wenn der Kunde diese dann erstmal anprobiert, versteht er oft selbst, dass der großzügigere Schnitt besser passt und zu einer positiven Ausstrahlung verhilft.

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Das ultimative Urlaubs-Outfit: kurzärmeliges SØR Hemd aus einem strukturierten Baumwoll-Jersey, SØR Bermuda in der Trendfarbe Rot. Dazu passen wunderbar die SØR Bootsschuhe oder die weißen Retro-Sneaker von Colmar. Foto Lars Beusker

SØR: Empfehlen Sie doch bitte noch zwei Freizeit-Looks die diese Saison unbedingt in den Urlaubs-Koffer gepackt werden sollten:

Thomas Rusche: Eine Bermuda-Short, gerne in einer knackigen Farbe, dazu Bootsschuhe oder elegante Sandalen aus Leder. Kombiniert mit einem Poloshirt oder einem kurzärmeligen Jersey-Hemd sieht das einfach klasse aus.

Für den Abend im Restaurant oder an der Strandpromenade empfehle ich ein weißes Oxford-Hemd, eine leichte Jeans oder eine knöchellange Chino. Dazu trägt man einen Loafer oder Slipper aus Wildleder.

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100 Meisterwerke – Teil 21: Birgit Brenner & Pieter Jacobsz Codde

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Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”, um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

 

Omnia vincit amor, lautet ein berühmtes Sprichwort: die Liebe besiegt alles!

Dass der kleine Gott Amor, der für das Verlieben zuständig ist, aber bisweilen selbst in durchaus irdische Nöte geraten kann, zeigt das Gemälde des Pieter Jacobsz Codde „Amor als Honigdieb“, das um das Jahr 1636 datiert wird.

In ungewöhnlicher Nahsicht stapft der kleine, dralle Liebesgott auf den Betrachter zu. Einen Fuß hat er trotzig nach vorn gesetzt. Mit der linken Hand wischt er sich die Tränen aus dem nach unten geneigten Gesicht, das von blonden Locken umrahmt wird. Die schwarz-weißen Flügel ragen hinter seinen Schulterblättern hervor. Mit ebenso schmaler Farbpallette wie der Amorknabe ist auch die ihn umgebende Landschaft gemalt. Eine dunkle Baumgruppe, die nach vorn von einem bizarr geborstenen, toten Baumstamm akzentuiert wird, füllt die rechte Bildhälfte. Die nach links abfallende Erdenzone gibt den Blick auf eine sich weit in die Ferne erstreckende Ebene frei, die von drei übergroßen Bienenkörben teilweise verdeckt wird.

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Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”(Detail), um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Durch das Hinzufügen dieser Elemente hat Codde in seinem Bild ein Thema des Idyllendichters Theokrit aufgegriffen: Als der naschhafte Amor aus einem Bienenkorb die süßen Honigwaben stehlen wollte, wurde er von den Tieren heftig gestochen. Von Venus, seiner Mutter, bekam er jedoch kein tröstliches Mitleid, vielmehr verwies sie auf sein eigenes Tun: „Bist du nicht auch klein und kannst dennoch mit deinen Pfeilen schmerzhaft stechen?“ Amor, der Legende nachder Sohn der schönen Liebesgöttin Venus und des Kriegsgottes Mars, verkörpert nicht nur die angenehmen Seiten der Liebe. Schalkhaft und mutwillig verschießt er seine Pfeile nicht immer zum Wohl der Getroffenen. In seine kindlich-ungestümen Hände sind nämlich zwei verschiedene Arten gelegt: die goldenen entfachen die Liebe, während die bleiernen sie abtöten.

Dass eine den Menschen so sehr beeinflussende Macht wie die Liebe von einem unberechenbaren, frechen Kind verkörpert wird, hat für die Menschheit bereits seit der Antike einen besonderen Reiz besessen. In der Renaissance wird das Bildmotiv des kindhaften Liebesgottes verstärkt wieder aufgegriffen. Nördlich der Alpen setzen Dürer und vor allem Cranach das mutwillige Tun Amors variantenreich in Szene.

Interessanterweise verzichtet Codde gerade bei der Bienenwabenepisode nun jedoch auf ein sehr entscheidendes Bildelement: die ihren Sohn ermahnende, schöne Göttin Venus. Waren diese mythologischen Erzählungen im 16. Jahrhundert auch deshalb so beliebt, weil sie Anlass für die Darstellung eines ästhetischen Frauenaktes boten, so mutet es umso außergewöhnlicher an, dass der niederländische Künstler darauf bewusst verzichtet. Durch den ausschnitthaften Charakter des Bildes und die Konzentration auf das weinende Kind bekommt der Erzählinhalt eine gänzlich andere Aussage. Nicht die Diskrepanz zwischen erotisch-verführerischer Venus und versteckt-moralischer Textgrundlage kann den Betrachter erfreuen. Vielmehr nimmt das Gemälde durch diese Fokussierung genrehafte Züge an, die die durch und durch kindliche Natur Amors betonen, welche sich sowohl in den Körperproportionen als auch in seinem Verhalten ausdrückt.

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Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”(Detail), um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nach heutigem Forschungsstand ist Codde der einzige niederländische Maler, der diese Thematik bildlich umgesetzt hat. Ob sein eigenes kompliziertes Eheleben, das just zur Entstehungszeit des Bildes in einer Scheidung mündete, der Anlass für das Gemälde gewesen war, muss Spekulation bleiben.

Sei es in der Antike, in der Renaissance, im Barockzeitalter oder im beginnenden 21. Jahrhundert – die zwischenmenschliche Liebesbeziehung hat nie etwas von ihrer komplexen Kompliziertheit eingebüßt. Macht es einen Unterschied, ob nun Amor oder die eigene individuelle Verhaltensfreiheit verantwortlich für das Ge- oder Misslingen der Liebe ist? So wie das Gefühl des Verliebtseins den Betroffenen in einen permanenten Glückstaumel versetzt, kann sein Gegenpol, der Liebeskummer, den Zustand einer ernsthaften Erkrankung mit psychischen und physischen Symptomen annehmen.

Vermutlich nicht an den mythologischen Liebesgott, sondern an eine reale (männliche) Person ist der vorwurfsvolle Ausspruch „Wie kannst du mir das antun?“ gerichtet, mit dem Birgit Brenner im Jahr 2009 ihre Arbeit auch betitelt hat. Mit Filzstift und Acrylfarbe hat die Künstlerin in erkennbarer Schnelligkeit den nahsichtigen Ausschnitt eines nackten Frauenkörpers skizziert. Die Brust, der Bauch sowie die Arme werden zusätzlich durch eine rechteckige violette Umrahmung hervorgehoben. Darunter steht in Druckbuchstaben der Titel des Werks. Die Intimität des Motivs unterstreichend, lässt er, durch die Anrede in der zweiten Person Singular, als Adressaten eine nahe stehende Person vermuten. Verletzt, fassungslos und zutiefst authentisch wirkt dieser eine Satz in Kombination mit dem nur ausschnitthaft gezeigten nackten Körper einer Frau, die sich nicht einmal die Mühe macht, ihre Blöße zu bedecken, sondern die Arme schlaff und kraftlos nach unten sinken lässt. Gegenwehr oder Wut erscheinen sinnlos aufgrund der Tat, mit der sie nun umzugehen hat.

Irritierenderweise nutzt die Künstlerin für ihre Arbeit keinen neutralen Bildträger, sondern eine aus einer Zeitschrift herausgerissene Anzeige, die für das neueste Modell einer Uhrenmarke wirbt. Das Aufmalen des weiblichen Körpers auf die Werbeannonce eines Konsumgutes mag der situativen Dringlichkeit geschuldet sein, mit der der titelgebende Ausspruch getroffen werden musste; vermutlich ist die Frau aber auch als verfügbare „Ware“ behandelt worden. Die Reduzierung auf ihre (weibliche) Körperlichkeit legt sicher eine Interpretation dieser Art nahe. Zudem steht das Motiv der Uhr ikonografisch für die Vergänglichkeit. Somit kann die Wahl des Bildgrundes auch ganz traditionell gedeutet werden, nämlich im Sinne einer begrenzten Zeitlichkeit menschlicher Beziehungen. So klar und einfach die Aussage dieses Kunstwerkes wirkt, so vielfältig und individuell ist die Bandbreite der Assoziationen.

Sowohl das barocke Gemälde des niederländischen Malers als auch das Werk der Künstlerin aus dem 21. Jahrhunderts thematisieren durch ihre Motivwahl die unberechenbare Zufälligkeit, mit der die Liebe und ihr Ende in das Leben der Menschen treten. Nahsichtig und dadurch eindringlich setzen Codde und Brenner die Facetten der Liebe und ihre Wirkmacht auf den Menschen in Szene: ein Thema, das augenscheinlich nie etwas von seiner Faszination verloren hat. Jede Zeit findet dafür eigene Formen und setzt ihre Schwerpunkte.

Die dauerhafte Präsenz und Vielgestaltigkeit der Liebe innerhalb der bildenden Kunst liegt vermutlich auch in der Tatsache begründet, dass eben kein Mensch vor ihr gefeit ist; weder vor den goldenen noch vor den bleiernen Pfeilen des allmächtigen, unkalkulierbaren Liebesgottes.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

Lit.:

Ausst. Kat. Bittersüße Zeiten. Barock und Gegenwart in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Köln 2014.

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 88-91.

 

 

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Das Knistern in der Luft – Thomas Rusche zeigt uns seine Highlights auf der Art Cologne 2018

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Der SØR-Inhaber und Kunstsammler Thomas Rusche vor der Wachsskulptur ,,Marsupiale” des Künstler Urs Fischer. Präsentiert von der New Yorker Galerie Gagosian. Foto, SØR

In der vergangenen Wochen drehte sich in Köln wieder alles um die Kunst. Die größte und wichtigste Kunstmesse in Deutschland präsentierte sich zum 52. Mal und lockte die internationale Kunstszene in die Rhein-Metropole. Thomas Rusche ist als Kunstsammler natürlich ein gerne gesehener Gast auf der Messe, und er begleitet einige Künstler und Galerien seit vielen Jahren. Welches seine Highlights der diesjährigen Art Cologne waren, erzählt er uns in seinem persönlichen Foto-Report.

Die erste Station bei meinen Köln Besuchen ist natürlich der SØR Store in der Mittelstraße 12-14. Bei sonnigen Wetter treibt es mich dann weiter zum Kölner Dom. Unter seiner Obhut genieße ich in Ruhe einen Cappuccino bevor ich mich in das Getümmel auf der Art Cologne stürze. Foto SØR

Die erste Station bei meinen Köln Besuchen ist natürlich der SØR Store in der Mittelstraße 12-14. Bei sonnigen Wetter treibt es mich dann weiter zum Kölner Dom. Unter seiner Obhut genieße ich in Ruhe einen Cappuccino, bevor ich mich in das Getümmel auf der Art Cologne stürze.

Schon beim Betreten der Messehallen spürt man förmlich ein Knistern in der Luft , welches die Menschen hinterlassen die sich auf Jagd nach Kunstwerken befinden. Dien Einen sind auf der Suche nach den großen Namen, die anderen nach kleinen Preisen und dann gibt es noch diejenigen die etwas Neues entdecken wollen - die Superstars von Morgen. Foto, SØR

Schon beim Betreten der Messehallen spürt man förmlich ein Knistern in der Luft , welches die Menschen hinterlassen die sich auf der Jagd nach Kunstwerken befinden. Die Einen sind auf der Suche nach den großen Namen, die anderen nach kleinen Preisen und dann gibt es noch diejenigen, die etwas Neues entdecken wollen – die Superstars von Morgen.

Jeff Koons ist einer der großen Superstars der Kunstwelt. Diese Arbeit aus seiner Serie

Jeff Koons ist einer der großen Superstars der Kunstwelt. Dieses Werk aus der Serie ,,Gazing Ball” wird von der Galerie David Zwirner präsentiert. Rudolf Zwirner, der Vater des Galeristen war übrigens einer der Mitbegründer der Art Cologne, die 1967 zum ersten stattfand.

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Seit den 1980er Jahren fördert die Art Cologne gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Galerien und dem Staatsministerium für Kultur- und Medien auch Nachwuchstalente. In den sogenannten ,,Förderkojen”, heute heißt es ,,New Positions”, darf jedes Jahr eine Auswahl junger Künstler ihre Arbeiten auf der Messe präsentieren. Wie hier der Künstler Julius Hofmann…

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Hofmann stellt seine malerischen Arbeiten seinen 3D-Animations-Filmen gegenüber und ist auch mit Werken in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin vertreten. Entdeckt hatte ich den jungen Künstler bereits während seines Studiums unter Neo Rauch und Heribert C. Ottersbach an der HGB Leipzig.

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Diese Arbeit des Künstlers Lars Breuer entdecke ich am Stand der Galerie Rupert Pfab aus Düsseldorf. Der Herzblut-Galerist, der eigentlich aus dem Museums-Bereich kommt, überrascht mich immer wieder mit seinem außergewöhnlichen Programm…

Wie zum Beispiel mit den Werken des Konzept Künstlers Matthias Wollgast, der mit seinem fiktiven Künstler

Wie zum Beispiel mit den Werken des Konzept Künstlers Matthias Wollgast. Wollgast hat den Künstler Jan Usinger erfunden und präsentiert dazu ein fiktives Œuvre samt abenteuerlicher Biografie. Museen, wie aktuell das Kunstmuseum Bonn, präsentieren diese spannende konzeptuelle Arbeit.

Ganz und gar nicht fiktiv ist der Künstler Joachim Elzmann, auch wenn er in einer Person mit dem Galeristen Michael Haas steckt. Seit vielen Jahren sind wir mehr als nur Nachbarn in Berlin. In der Galerie Haas tätigte ich meine ersten Käufe und erwarb beispielsweise Werke von Leiko Ikemura und David Nicholson. Arbeiten von Joachim Elzmann findet man natürlich auch in meiner Sammlung, auch wenn ich diese in einer Düsseldorfer Galerie erwerbe.

Erwin Wurm ist einer der bedeutendsten europäischen Gegenwartskünstler. Mit seinen Werken provoziert  er unsere Aufmerksamkeit mit einem Witz, der erst auf den zweiten Blick die tiefe emotionale und kulturelle Bedeutung seiner Objekte

Erwin Wurm ist einer der bedeutendsten europäischen Gegenwartskünstler. Mit seinen vordergründig humorvollen Werken provoziert er unsere Aufmerksamkeit. Erst auf den zweiten Blick nimmt man die tiefe emotionale und kulturelle Bedeutung der dargestellten Objekte wahr…

Wie Erwin Wurm wird auch Daniel Richter von der Galerie Ropac vertreten. Die attraktive Galerie-Managerin, die übrigens unweit meiner Heimat in Bielefeld groß geworden ist, macht mich auf ein ganz neues Werk von Daniel Richter aufmerksam.

Wie Erwin Wurm wird auch Daniel Richter von der Galerie Ropac vertreten. Die attraktive Galerie-Managerin, die übrigens unweit meiner Heimat in Bielefeld groß geworden ist, macht mich auf ein ganz neues Werk von Daniel Richter aufmerksam.

Als Sammler darf man auch manchmal in kleine geheime Ecken schauen, die den Besuchern of vorenthalten werden. Hier habe ich schon einige Schätze für meine Sammlung entdeckt.

Als Sammler darf man auch manchmal in kleine geheime Ecken schauen, die den Besuchern vorenthalten werden. Hier habe ich schon einige Schätze für meine Sammlung entdeckt.

Bei der Galerie Kleindienst  erfreue ich mich an der frischen Farbigkeit der Christoph Ruckhäberle Insatllation. Der Professor für Malerei an der HGB Leipzig  spielt großzügig mit einem kontrastreichen Farbauftrag und entwickelte er eine ganz eigene Handschrift als einer der Kernkünstler der Leipziger Schule.

Bei der Galerie Kleindienst erfreue ich mich an der frischen Farbigkeit der Christoph Ruckhäberle Insatllation. Der Professor für Malerei an der HGB Leipzig spielt großzügig mit einem kontrastreichen Farbauftrag und entwickelte eine ganz eigene Handschrift als einer der Kernkünstler der Leipziger Schule.

Im Kreise der Lieben. David Schnell, Nicola Samori und Stella Hamberg, drei Künstler die ich äußerst schätze. Es bereitet mir stets Freude zu sehen wie sich Künstler, die ich seit Jahren begleite, weiterentwickeln und zu großen Namen werden.

Im Kreise der Lieben. David Schnell, Nicola Samori und Stella Hamberg, drei Künstler die ich äußerst schätze. Es bereitet mir stets Freude zu sehen wie sich Künstler, die ich seit Jahren begleite, weiterentwickeln und zu großen Namen werden.

Ausschlaggebend für solche Entwicklungen ist ein guter Galerist, der es versteht das Werk seiner Künstler zu artikulieren und  in die Welt hinauszutragen. Fast unnachahmlich mit dieser Fähigkeit ausgestattet ist Judy Lybke. Er hat die ganze Welt für die Leipziger Schule begeistern können und ist bereits heute eine Legende unter den großen Galeristen.

Ausschlaggebend für solche Entwicklungen ist ein Galerist der es versteht das Werk seiner Künstler zu artikulieren und in die Welt hinauszutragen. Fast unnachahmlich mit dieser Fähigkeit ausgestattet ist Judy Lybke. Er hat die ganze Welt für die Leipziger Schule begeistern können und ist bereits heute eine Legende unter den großen Galeristen. Neben seinem ausgerägten Sinn für gute Kunst, überrascht mich der Neo Rauch-Entdecker auch immer wieder mit seinen eigenwilligen Outfits.

Nach einem Tag auf einer Kunstmesse fühle ich wie mein kreativer Akku wieder voll aufgeladen ist. Gute Kunst ist im höchsten Maße bereichernd, daher möchte ich als Sammler täglich von ihr umgeben sein.  Bereits unter 1000 Euro kann man Kunstwerke von jungen Künstlern erwerben, nach oben sind dann bekannter Weise keine Grenzen gesetzt. Kommen Sie raus aus dem Hamsterrad, lernen Sie die Sprache der Bilder zu buchstabieren, lernen Sie zu sehen - Bereichern Sie Ihr Leben mit Kunst!

Nach einem Tag auf einer Kunstmesse fühle ich wie mein kreativer Akku wieder voll aufgeladen ist. Gute Kunst ist im höchsten Maße inspirierend, daher möchte ich als Sammler täglich von ihr umgeben sein. Das Werk von Jeff Koons kostet zwar mehrere Millionen, aber bereits für unter 1000 Euro kann man Arbeiten von jungen Künstlern auf einer Messe oder in Galerien erwerben. Kommen Sie raus aus dem Hamsterrad, lernen Sie die Sprache der Bilder zu buchstabieren, lernen Sie zu sehen – Bereichern Sie Ihr Leben mit Kunst!

 

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