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100 Meisterwerke – Teil 26: Miriam Vlaming & Horatius Paulijn

Miriam Vlaming, Der Dompteur (The Animal Trainer)

Miriam Vlaming, Der Dompteur, 2006, 140 x 160 cm, Egg tempera on canvas, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Still und beherrscht steht der kleine Junge in der Komposition von Miriam Vlaming.

Nahezu mittig ins Zentrum gerückt dominiert das Kind, mit erwachsener Strenge den Betrachter frontal fixierend, das Gemälde. Sein rechtes Bein hat der Knabe über das linke geschlagen, jedoch erzielt diese Körperhaltung ebenso wenig jene Lässigkeit, die normalerweise mit dieser Geste einhergeht, wie der linke kleine Daumen, den er in seinen Gürtel eingehakt hat, dies für gewöhnlich täte.

Diese sich so unkindlich gebärdende Kindergestalt irritiert. Nicht nur aufgrund der Körperhaltung, sondern auch ob des Utensils, das er bei sich trägt und dem das Gemälde vermutlich auch seinen Namen „Dompteur“ zu verdanken hat. Fest von der kleinen Faust umschlossen hält der Junge an seinen Körper angedrückt einen langen schmalen Stab, dessen Spitze vor ihm auf dem Boden aufliegt.

So unverrückbar diese kleine Gestalt, trotz ihrer leichten Neigung nach links, sich gibt, so unsicher ist ihre Standfläche. Die unumstößliche Festigkeit, mit der dieses Kind erscheint, vom fixierenden Blick bis zur uniformhaft anmutenden Kleidung, wird durch seine Umgebung konterkariert.

Nicht auf sicherem Boden steht der Junge, sondern auf einer wasserähnlichen Oberfläche, aus der auch die baumstammähnliche Vegetation des Hintergrundes erwächst. Aufgrund dieser instabilen Fläche haben die kleinen Stiefel keinerlei Bodenhaftung. Wie eine mittelalterliche Gewändefigur, deren Füße ins Nichts treten, entbehrt auch die physische Gestalt des Kindes einer soliden Basis.

Dieser Verrätselung fühlt sich der Betrachter ebenso ausgesetzt, denn das Bild lässt sich auf keiner Rezeptionsebene leicht greifen. So klar und eindeutig jedes Element sich zu Beginn darbietet, so leise entzieht es sich wieder. Nichts ist, wie es scheint. Ein Wald, der dem Wasser entspringt, ein Kind, das sich verhält wie ein Erwachsener, eine Stabilität, die instabil ist, ein Zeitpunkt, der keine Zeitlichkeit in sich trägt.

Miriam Vlaming, Der Dompteur (The Animal Trainer)

Miriam Vlaming, Der Dompteur (Detail), 2006, 140 x 160 cm, Egg tempera on canvas, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Man ist versucht, diese Unsicherheit in Begriffe zu kleiden, die jedoch genauso schnell wieder entschwinden, sowie man sie beim Schreiben in Erwägung gezogen hat. So ist dieses Werk eine erzählende Malerei, die aber dennoch momenthaft ist.

Trotz seiner gegenständlichen Erkennbarkeit lässt das Bild den Betrachter in völliger Freiheit hinsichtlich einer inhaltlichen Interpretation, genauso wie es eine exakte Bestimmbarkeit der Vegetation verweigert. Das aus einer alten Fotografie adaptierte Kinderporträt zeigt die individuellen Züge eines Jungen, dennoch erscheint er durch die zeitliche und räumliche Versetzung aus seiner ursprünglichen Umgebung fast unwirklich.

Aber nicht nur formal und inhaltlich zeichnen sich Miriam Vlamings Bilder durch eine ungewöhnlich kluge und subtile Art der Andersartigkeit aus, auch ihre Technik ist in hohem Maße ungewöhnlich. Die meisten Bilder fertigt die Künstlerin in der traditionsreichen Technik der Eitempera. Dem tatsächlichen Malen geht dabei ein langer, handwerklicher, aber auch meditativer Prozess, wie Miriam Vlaming es selbst bezeichnet, voran. Die Farbe muss erst mühsam und zeitaufwändig hergestellt werden.

Es geht alles durch meine Hand“ sagt Miriam Vlaming über ihre Bilder. Nun könnte man diesen Satz einzig auf den technischen Entstehungsprozess beziehen. Wer aber einmal zusehen durfte, wie die Künstlerin über ihre fertigen Bilder streicht, sie als Realwesen und nicht als „Bilder“ be-greift, der bekommt eine Ahnung davon, was die Malerin mit diesem Satz meint. Sie gesteht ihren Werken Eigenständigkeit zu. Sie setzt sich in einer Art und Weise mit ihnen auseinander, wie sie respektvoller nicht sein könnte. Miriam Vlaming lässt es zu, dass die Gemälde selbst über ihr finales Aussehen zu bestimmen scheinen, was ihnen eine Aufrichtigkeit verleiht, wie man sie nur selten in der zeitgenössischen Kunst findet.

Eine Aufrichtigkeit der anderen Art, die jedoch ähnlich dazu verlockt, das Bild nicht nur mit den Augen wahrzunehmen, ist in der holländischen Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts anzutreffen. Die stoffliche Oberflächenbeschaffenheit der unterschiedlichen Gegenstände ist bisweilen in einer solch perfekten Art und Weise malerisch dargestellt, dass man am liebsten die Hand zu Hilfe nehmen möchte, um sicher zugehen, dass es sich tatsächlich „nur“ um ein Abbild der dinglichen Realwelt handelt.

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Horatius Paulijn, Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus-Büste, um 1676, 50,7 x 38,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

 

Edel, anmutig und stolz hat sich die weiße Marmorbüste der Venus Medici in Horatius Paulijns „Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus –Büste“ ins elegante Profil nach rechts gewandt. In raffinierter Weise gesellt sich zu ihr in opulenter Farbenpracht ganz nah ein Federbusch, sodass er sie fast an der nackten Schulter zu streicheln scheint. Umgeben sind diese beiden Hauptprotagonisten des Stilllebens von allerlei Büchern, Noten, Urkunden, Schriftstücken sowie Musikinstrumenten, die sich auf einem Tisch befinden, der von einem dicken, in großen Falten sich aufwerfenden, ornamentiertem Teppich bedeckt ist. Ausschnitthaft wird dahinter eine würdevolle, von Wandvorlagen und Nischen gegliederteArchitektur sichtbar.

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Horatius Paulijn, Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus-Büste (Detail), um 1676, 50,7 x 38,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Seltsam fremd und unwirklich wirkt die schöne Venus zwischen all den Gegenständen und Utensilien, die die Gegenwart des 17. Jahrhunderts verkörpern und damit auf den zu dieser Zeit so präsenten Vanitas-Gedanken anspielen.

Die Göttin der Liebe und der Schönheit mischt sich zwar ins Leben – kompositorisch scheint es in diesem Gemälde, als hätte sie ihren eigentlichen Platz in der leeren Nische hinter dem Tisch und sei nur kurzzeitig auf diesen gestellt worden-, in ihrer zeitlosen Funktion steht sie jedoch über all den vergänglichen Vergnügungen und Objekten.

Wie so häufig innerhalb der holländischen Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts lässt sich dieses Gemälde auf unterschiedliche Weisen lesen, ohne dass eine davon ein Anrecht auf ihre Richtigkeit erheben könnte. In brillanter Technik ausgeführt ist dieses Gemälde ein wahrer Augenschmaus, wie er delikater nicht sein könnte. Meisterhaft arrangiert und ausbalanciert erscheint die Komposition im Raum. Sanft ausgeleuchtet ergeben allein die fein ausgesuchten und zueinander in virtuosem Kontrast gestellten Farben ein beglückendes optisches Schauspiel. Über die so ins Bild gezogenen Blicke werden auch die anderen Sinne angesprochen: Der so schnell verflogene Klang der Musikinstrumente, das Klimpern der Siegel, der Geruch des Papiers, die zarte Flauschigkeit der bunten Straußenfedern neben dem kühlen, glatten Marmor; all diese Eindrücke kann der Betrachter auf einer rein sinnlichen Ebene wahrnehmen.

Ginge man einen Schritt weiter, rückten inhaltliche Fragen in den Vordergrund. Wendet sich die schöne, aus unvergänglichem Stein gehauene Venus tatsächlich von all dem flüchtigen Tand ab oder kommentiert sie das alltägliche Treiben, die Musik, die Literatur, die schönen Dinge um sich herum nicht doch mit einem wohlwollenden Lächeln, das anzeigt, dass die Liebe eben doch stets dazu gehört und der eigentliche Mittelpunkt von allem ist?

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Horatius Paulijn, Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus-Büste (Detail), um 1676, 50,7 x 38,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

 

 Die einer antiken Statue nachgebildete Venus hat ihren Platz eingenommen in dieser arrangierten Unordnung des holländischen Goldenden Zeitalters, in die sie auf den ersten Blick nicht gehört; ähnlich dem kleinen, einer alten Fotografie entsprungenen Jungen, der sich nun in einem zeitgenössischen Gemälde wiederfindet. Beide schaffen sie sich durch ihre selbstbewusste Präsenz Raum in einer Umgebung, die nicht für sie gemacht scheint.

Sie erzeugen einen Widerspruch, der jedoch keiner sein muss, je nachdem wie man die Bilder lesen möchte. Die Bereitschaft, sich auf Kunst einzulassen, die Fragen stellt, die nicht sofort, vielleicht sogar nie beantwortet werden, ist eine Herausforderung, der sich der Betrachter stellen kann. Dann wird er erkennen, dass die Freiheit der Rezeptionsmöglichkeiten eines der wichtigsten verbindenden Merkmale großer Kunst ist.

PS: Im Zuge meiner Kuratorentätigkeit für die Ausstellung „Gute Kunst? Wollen!“ im Jahr 2015 auf dem AEG Areal in Nürnberg begegnete ich dem „Dompteur“ von Miriam Vlaming zum ersten Mal. Ähnlich wie die Künstlerin von einigen ihrer Bilder sagt, sie würden ihr Aussehen selbst bestimmen, konnte ich mich damals des Eindruckes nicht erwehren, dass der kleine Junge sich seinen Platz in der Ausstellungshalle selbst ausgesucht hatte: im Zentrum einer Schar von Tierbildern, die allesamt sich der unaufgeregten Strenge des kindlichen Dompteurs beugte.

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Miriam Vlamings Einzelausstellung „Anderszeit“ ist vom 14.09. – 10.11. in der Galerie Von&Von in Nürnberg zu sehen.

 

www.galerie-vonundvon.de

www.miriamvlaming.de

Vor Tür und Wand“ ein Film über Miriam Vlaming von Manuel Dorn:

https://www.youtube.com/watch?v=j2CFJ28FV8w

https://www.youtube.com/watch?v=y7baJ2M3Ens

 

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Stilleben und Tierstücke. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 2004. S. 190-193.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

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100 Meisterwerke – Teil 24: Michaelina Wautier

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Michaelina Wautier, ,,Blumengirlande mit Prachtlibelle”, 1652, Öl auf Holz, 41,1 x 57,4 cm, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

 

Einer antiken Legende nach traten die Kranzwinderin Glykera und ihr Geliebter, der Maler Pausias, in einen edlen Paragonestreit, wer die schönste Blumengirlande erschaffen könne.

Den Wettkampf zwischen einer Komposition aus realer, vergänglicher Schönheit, die aber von der Natur selbst geschaffen worden war, und der nur nachahmenden, dafür aber bleibenden, bildenden Kunst kann Michaelina Wautier (1604-1689) für sich entscheiden. In ihrem 1652 entstandenen Blumenstilleben verbindet sie sowohl die gestalterischen Vorzüge der Floristikals auch die der nachbildenden Malerei bravourös.

„Die Blumengirlande mit Prachtlibelle“ ist kein Gemälde, das sich in der dämmrigen Lichtgestaltung der Ausstellung, die derzeit im Antwerpener Museum aan de Stroom zu sehen ist, nach vorne drängt. Vielmehr hat es seinen Platz in einem ruhigen Kabinett gefunden, das dem Betrachter die nötige Muße gewährt, sich dem exquisiten Bildsujet mit Konzentration widmen zu können.

Üppig, jedoch in kristalliner Eleganz, windet sich eine prächtige Blumengirlande vor einem dunkelbraunen, monochromen Wandstück, das die nötige Einfachheit besitzt, um die erlesene Vielfalt der Blüten und Blumen sich voll entfalten zu lassen. Mittig anschwellend explodiert die Farbenpracht in warmen Rot-, Rosa- und Orangetönen, während sich sowohl das Kolorit als auch das Volumen der Blumenfülle gegen die Ränder hin leicht abkühlenund beruhigen.

Gehalten werden die Malven, Magheriten, Nelken, Glocken-, Studenten- und Kornblumen inwändig von einem Efeugerüst, das an den Rändern sichtbar hervortritt und farblich zu den schimmernden, blauen Schleifen überleitet, die das Gebinde an den beiden Tierschädeln befestigen. Das Bukranionfries, also die Girlande zwischen zwei Tierschädeln, ist ein Bauornament aus der Antike und wird von der Künstlerin, vermutlich zum ersten Mal innerhalb der Kunstgeschichte, malerisch in die Realität zurückverwandelt.

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Michaelina Wautier, ,,Blumengirlande mit Prachtlibelle” (Detail), 1652, Öl auf Holz, 41,1 x 57,4 cm, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Das Zentrum der Girlande ist durch eine weitere Zugabe betont:Mittig schwebt in all ihrer schillernden Zartheit und Schönheit, exakt beobachtet und täuschend echt wiedergegeben, eine Prachtlibelle, die ihr kleines, vielleicht etwas profaneres Gegenstück in der Biene findet, die auf dem höchsten Punkt des Gebindes, einer Ringelblume, aufsitzt. Subtil wird dieses Duo ergänzt von einem weißen Schmetterling, der sich nur zart auf einen feinen, nach unten hängenden grünen Halm gesetzt hat. Führen die Blumen einen fulminant-dynamischen Schwung durch das Querformat auf, so durchkreuzen die kleinen Insekten auf anderer Ebene diese Bildstruktur subtil.

Alles scheint so natürlich und zufällig in diesem Gemälde, und doch war es eines der obersten Prinzipien der Barockzeit, die Natur zwar als Vorlage für die Kunst zu nutzen, sie aber stets der ordnenden Menschenhand zu unterwerfen.

Michaelina Wautiers „Blumengirlande mit Prachtlibelle“ ist das einzige Stilllebenin dieser ersten Ausstellung, die sich ausschließlich der begabten Barockmalerin widmet und den alliterativ publikumswirksamen Titel „Michaelina. De leading lady van de barok“ trägt.

Wenig ist über diese „führende Dame der Barockmalerei“ bekannt. Ihren männlichen Kollegen durchaus ebenbürtig, hatte sie die Herausforderung, eigenständig das Malerhandwerk zu erlernen, angenommen, um ab 1640 zusammen mit ihrem ebenfalls unverheiratet gebliebenen Bruder in Brüssel in einem stattlichen Haus zu leben und zu arbeiten.

Wie auch den anderen ihrer rarenweiblichen Kolleginnen zu dieser Zeit blieb ihr eine akademische Ausbildung vorenthalten. Nahezu zwingend nötig war es, dass Frauen, die künstlerisch tätig sein wollten, sich die hierfür erlernbaren Fähigkeiten im privaten Umfeld erwarben, sei es beim Vater, Bruder oder, eher selten, bei einem Ehemann. Die Familie musste das nötige Wissen und die Handfertigkeit im Selbststudium ersetzen, die sich die männlichen Künstler an Akademien oder Abendschulen in professioneller Umgebung aneignen konnten. „Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts trafen sich männliche Künstler regelmäßig, um über Theorien zu diskutieren, Abgüsse oder Aktmodelle zu zeichnen und mehr über Anatomie und Perspektive zu lernen. Nicht nur dies blieb den Frauen verwehrt, ihnen fehlte auch die konstruktive Kritik von Kollegen.“ (Borzello S. 56-57.)

Auffällig viele Künstlerinnen blieben, wie auch Michaelina Wautier, unverheiratet. Aufgrund der mangelnden Quellenlage ließe sich nur spekulieren, ob die Frauen bewusst die Ehelosigkeit und damit auch ein gewisses Maß an Selbstbestimmtheit wählten, das ihnen durch ihre Berufstätigkeit möglich war, oder ob eine eigenständig künstlerisch arbeitende Frau per se durch ihre Unabhängigkeit als Heiratskandidatin für viele Männer unattraktiv war. In den meisten Fällen bedeutete die Heirat, oder spätestens die Mutterschaft, das Ende der künstlerischen Tätigkeit. Von Judith Leyster, einer berühmten und vor ihrer Ehe sehr produktiven Zeitgenossin Michaelina Wautiers, ist nach der Geburt ihrer ersten Tochter nur mehr eine einzige Aquarellstudie überliefert. Vermutlich schränkte sie massiv ihre Tätigkeit ein oder arbeitete in der Werkstatt ihres Ehemannes nun unter seinem Namen.

Michaelina Wautier jedoch hatte mit ihrem ungewöhnlichen Lebensentwurf großen beruflichen Erfolg. Vermutlich reiste sie mit ihrem Bruder sogar nach Italien. Eine Reise, die durch Quellen nicht belegt werden kann, die aber aufgrund der häufigen Antikenrezeption als auch der italienischen Einflüsse innerhalb ihres Oeuvres wahrscheinlich ist, wie ein weiteres Schlüsselwerk, der „Triumph des Bacchus“, zeigt, das extra aus Wien zu dieser Ausstellung nach Antwerpen gereist ist.

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Michaelina Wautier, „Triumph des Bacchus“, 1643 – 1659, Öl auf Leinwand, 270,5 x 354 cm, Courtesy of Kunsthistorisches Museum Wien

Fröhlich, aber vermutlich nicht mehr ganz nüchtern, zieht ein Zug aus nur spärlich bekleideten Satyrn, Kindern, Ziegen und einem Esel der Abenddämmerung entgegen. Seinem Götterstatus inadäquat, wurde Bacchus auf einen hölzernen Schubkarren verladen, um, nun in liegender Pose und verrutschtem Leopardenfell, inmitten der Gesellschaft fortbewegt zu werden. Noch während dieser Wanderung wird ihm von einem Bacchanten Traubensaft aus einer vollen Rebe in den Mund geträufelt.

Fast wirkt dieses Historiengemälde wie der Triumphzug nicht des Bacchus, sondern seiner Schöpferin. Fast erscheint es wie ein brillant-konterndes Meisterstück, um all die Kritiker der weiblichen Künstlerschaft Lügen zu strafen:

Michaelina Wautier beherrscht virtuos das große Historienformat, keine Schwächen, keine Leerstellen, vielmehr zeichnet wohldosierter Überschwang die ästhetische Farbgebung und die kluge Komposition aus. Durchdacht ergreifen die Figuren den Raum der ihnen vorgegebenen Bildbühne und agieren lebhaft darin. Augenzwinkernd gesteht die Künstlerin dem Esel das Zentrum des Geschehens zu, während die Ränder des Bildes durch sich diametral entsprechende Paare harmonisch abgeschlossen werden: links das in Rückansicht gezeigte, nach vorne schreitende Paar eines alten Mannes und eines Kindessowie rechts drei fröhliche Kinder, die sich um eine efeubekränzte Ziege balgen.

Exakt sind die am antiken Schönheitsideal orientiertennackten Körper nicht nur in ihrer Oberflächenbeschaffenheit, sondern auch in ihrer Haptik und unterschiedlichen inneren Muskelspannung gezeigt. Forscher vermuten, dass die Kooperation mit ihrem Bruder der Künstlerin das Arbeiten nach lebenden Modellen ermöglicht hat. Ein Umstand, der so vielen anderen weiblichen Malerinnen zeitlebens verwehrt war.

Die bemerkenswerteste Figur innerhalb der Komposition ist die nur halb von einem leichten rosa Gewand verhüllte Gestalt einer schönen, blonden Bacchantin. Als einzige blickt sie aus dem Bild heraus. Fast scheint es, als sei sie in das Spektakel nicht wirklich involviert, ja als würde sie nicht einmal den Übergriff des neben ihr stehenden, lüsternen Mannes bemerken. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Betrachter. Sie ist die Mittlerin zwischen Bild- und Realraum. Wie in einer stummen Zwiesprache scheint ihr Blick noch einmal all die malerischen Argumente des Bildes neben ihr reflektierend zu erläutern. Falls es sich bei dieser Figur tatsächlich um ein verstecktes Selbstporträt der Künstlerin handelt, wäre dieser Mut eine kleine Sensation. Im Kleid der Mythologie versteckt (nur so kann und darf sie auch ihre nackte, schöne Gestalt zeigen), weist sie den Betrachter selbstbewusst auf ihre eigenen Fähigkeiten hin.

Ein Vergleich mit dem in der Ausstellung eingangs gezeigten Selbstporträt der Künstlerin lässt die Annahme sehr wahrscheinlich erscheinen. Nicht nur in der Physiognomie entsprechen sich die beiden Frauenporträts, sondern auch in ihrer selbstbewussten Nonchalance, die dem Betrachter mit präziser malerischer Qualität vor Augen geführt wird. Diese Qualität wurde von Michaelina Wautiers Zeitgenossen hoch geschätzt, nicht zuletzt vom Statthalter der spanischen Niederländer, Erzherzog Wilhelm Leopold, der unter anderem auch den Bacchuszug angekauft hatte.

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Michaelina Wautier, ,,Blumengirlande mit Prachtlibelle” (Detail), 1652, Öl auf Holz, 41,1 x 57,4 cm, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

So virtuos die Künstlerin in diesem großformatigen Historiengemälde ihr Talent zur Schau stellt, so fein und leise zeugt auch die „Blumengirlande“ von ihrem Geschick.

Geht man nach der Betrachtung des „Triumph des Bacchus“ noch einmal zurück, so entdeckt man dasselbe Prinzip innerhalb der Bildgestaltung: die Vielfalt in der Einheit. Es ist der Blick für die große Form, die aus dem ästhetischen Zusammenspiel jedes noch so kleinen Details mit dem anderen entsteht, den Michaelina Wautier meisterhaft beherrscht. Fast modern mutet es an, dass eine Künstlerin des 17. Jahrhunderts, einer Epoche, als das Stillleben weit unten in der Gattungshierarchie der Malerei rangierte, dieses Bildsujet anscheinend nicht minder wertgeschätzt und behandelt hat als ein großformatiges, mythologisches Historiengemälde. Ein Bild nach anderen Kriterien als nach seinem Motiv zu bewerten, war in dieser Zeit sehr innovativ.

Aufgrund dieser Tatsache ist es auch nicht verwunderlich, in der Ausstellung von der Hand der Malerin alle Gattungen anzutreffen. Das erstaunlich breite Spektrum der Motive innerhalb ihres Oeuvres erstreckt sich vom psychologisch tief ergründenden Porträt bis zum leichten Genremotiv seifenblasender Kinder, von der Verkündigungsdarstellung bis hin zu einer zarten Blumengirlande mit Libelle. Und dieses kleine Insekt wiederum zeugt von einer weiteren Begabung der Künstlerin: nämlich der der Anverwandlung altbekannter Topoi. Der Legende nach stellten gute Maler in der Antike ihr Talent dadurch unter Beweis, dass sie Pflanzen so naturgetreu darzustellen vermochten, dass sich Tiere davon täuschen ließen.

Die Besten der Maler jedoch waren in der Lage, das menschliche Auge zu täuschen.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Literatur:

Frances Borzello: Ihre eigene Welt. Frauen in der Kunstgeschichte. Hildesheim 2000.

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Stilleben und Tierstücke. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 2004. S. 278-281.

Katlijine Van der Stighelen: Michaelina Wautier (1604-1689). Triomf van een vergeten talent. Gent 2018.

https://www.mas.be/de/aktivitaet/michaelina (Zugriff am 27.8.2018)

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Golden Age reloaded – Der ALC zu Gast in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Umrahmt von Niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts und zeitgenössischen Werken der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, genossen die Mitglieder des ALC das feudale Buffet am Endes des Kunstgangs mit dem Sammler und SØR Inhaber Thomas Rusche. Foto, SØR

Umrahmt von Niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts und zeitgenössischen Werken der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, genossen die Mitglieder des ALC das feudale Buffet am Endes des Kunstgangs mit dem Sammler und SØR Inhaber Thomas Rusche. Foto, SØR

Der Art Lovers Club (ALC) ist ein internationales Netzwerk und ein privater Mitgliedsclub für Frauen, die sich in der Kunstwelt bewegen: ob als ausgeprägte Kunstliebhaberinnen oder professionell tätig. Der Fokus des Clubs liegt auf dem intradisziplinären Austausch von Informationen und Ideen über alle Aspekte der Kunst mit führenden Akteuren aus der Kunstwelt. Für den Besuch in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin hat sich der Club-Vorstand etwas ganz besonderes einfallen lassen – ein Buffet ganz im Sinne der Niederländischen Meister des 17. Jahrhunderts.

Arrangiert wurde die Tischdekoration und die Speisen von der Berliner Künstlerin Berit Uhlhorn und ihrem Team. Foto, SØR

Arrangiert wurden die Tischdekoration und die Speisen von der Berliner Künstlerin Berit Uhlhorn (Mitte) und ihrem Team. Foto, SØR

 

Mit großer Liebe zum Detail , verwandelte sich die Tafel in der Sammlungs-Repräsentanz zu einem Stillleben wie man es von meisterlichen Malern wie z. B. Otto Marseus van Schrieck kennt. Foto SØR

Mit großer Liebe zum Detail , verwandelte sich die Tafel in der Sammlungs-Repräsentanz zu einem Stillleben wie man es von altmeisterlichen Malern wie z. B. Otto Marseus van Schrieck kennt. Foto SØR

ALC Founder Anja Groeschel und Sammler Thomas Rusche begrüssten die knapp Damen mit einem Glas Sekt in der Küche der Berliner Sammlung-Repräsentanz. Foto SØR

ALC Founder Anja Groeschel (rechts) und Sammler Thomas Rusche begrüssten die knapp 30 Damen mit einem Glas Sekt in der Küche der Berliner Sammlung-Repräsentanz. Foto SØR

Während sich die Club-Mitglieder auf die Führung von Thomas Rusche konzentrierten.....

Während sich die Club-Mitglieder auf die Führung mit Thomas Rusche konzentrierten…..

...verwandelte sich das Esszimmer in eine kulinarische Wunderkammer. Foto SØR

…verwandelte sich das Esszimmer in eine kulinarische Wunderkammer. Foto SØR

Selbst die Speisen waren  eine Homage an die Zeit der Niederländischen Meister; Terrinen aus Wurzelgemüse mit roten und gelben Beeten, Waldpilze, Kalbsrouladen, Hirse und eingelegt Birnen. Foto, SØR

Selbst die Speisen waren eine Homage an die Zeit der Niederländischen Meister; Terrinen aus Wurzelgemüse mit roten und gelben Beeten, Waldpilze, Kalbsrouladen, Hirse und eingelegt Birnen. Foto, SØR

Der ALC erfreute sich nach der Führung an der Schönheit und den Köstlichkeiten der herrschaftlichen Tafel. Foto, SØR

Der ALC erfreute sich nach der Führung an der Schönheit und den Köstlichkeiten der herrschaftlichen Tafel. Foto, SØR

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Bon Appetit!

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100 Meisterwerke – Teil 11: Titus Schade & Edwaert Collier

 

„Kleine Petersburger Hängung“ betitelte Titus Schade im Jahr 2009 sein hochformatiges Gemälde. Er spielt damit auf eine seit der Renaissance, spätestens jedoch ab der Barockzeit sehr beliebte Art und Weise der Präsentation von Gemälden an. Salonhängung nannte man es auch, wenn von der Wand, an der die Bilder angebracht wurden, möglichst wenig zu sehen blieb und die Rahmen bisweilen sogar aneinanderstießen. Den Luxus zumindest etwas von der exquisit dunkelrot gehaltenen Hängefläche zu sehen, gönnt uns der Maler des 21. Jahrhunderts. Ansonsten geht er ähnlich eigenwillig wie Gemäldesammler in früheren Zeiten vor, die häufig ohne ersichtliches Konzept Bilder unterschiedlicher Gattungen, Schulen, Künstler und Formate miteinander kombinierten.

Titus Schade wählt eine moderne, aufgelockerte Variante dieser traditionsreichen Art der Gemäldeschau. Genauer gesagt: er schafft ein Bild davon. Er ist in unserem Fall nicht mehr der Besitzer sondern der Erschaffer der kleinen Bilder, die er in illusionistischer Manier mit Nagel und Aufhängung vor einem dunkelroten Untergrund präsentiert.

Betrachtet, ja nahezu argwöhnisch beobachtet, wird die gesamte Hängungsszenerie von einem männlichen, knapp gerahmten Antlitz, das über den anderen Bildern hängt. Zu der abweisenden Mimik trägt der mächtige Schnurrbart in nicht geringem Maße bei. Zu klein erscheint das Rundformat aufgrund der Bewegtheit des Kopfes, die diesen fast aus seinem Rahmen drängt. Stürmende Naturgewalten sprengen denn auch das Bildformat des darunter hängenden Landschaftsgemäldes. Ein fulminanter Windstoß scheint durch die untere Zone des hochaufgetürmten Wolkengebirges gefahren zu sein und über die kleingeduckte Ansiedlung hinwegzufegen. Ein gefährliches Lila wischt die Rahmenbegrenzung ohne Hindernisse beiseite.

Fast wie die Ruhe vor diesem Sturm wirkt der, trotz seiner Höhe fest auf dem Boden stehende Hochsitz des dritten hochrechteckigen Bildes. In spektakulärer Untersicht ist die Horizontlinie weit nach unten gezogen, sodass der Betrachter nicht erkennen kann, was es von dem erhöhten Standpunkt aus Interessantes zu sehen gäbe. Nur auf den ersten Blick scheint der umgebende Pflanzenbewuchs idyllisch. Der Lichteinfall hingegen verheißt nichts Gutes. Leicht surreal und in seiner strengen, funktionsfreien Geometrie auch nicht mehr als wirkliche Architektur wahrnehmbar ist das Gebäude im vierten runden Rahmen, das an einen sich spiegelnden, massiven Aussichtsturm erinnert.

Etwas ratlos steht man vor der Auswahl, die der Maler hier getroffen hat. Fast reflexartig sucht man nach einem roten Faden, der die Bilder in einen verständlichen Sinnzusammenhang brächte und ihre Verbindung zueinander entschlüsseln würde. Aber nichts dergleichen gesteht Schade seinem Betrachter zu. Phantasievolle Erklärungen gehören auch weniger zum Aufgabenbereich eines Malers, der sich selbst nicht als Künstler bezeichnet wissen will: „Ich mag den Ausdruck Künstler nicht, damit habe ich Probleme. Dann denke ich an so etwas wie einen Zauberkünstler oder Hochseilartisten.“ Er selbst nennt sich einen Bildermacher. Sein Tun versteht er als Handwerk, ein additives, sorgfältiges Verfahren, das ganz pragmatisch nach Zeit verlangt. Vermutlich ist es diese praktische, un-künstliche Herangehensweisen, die den Bildern, trotz ihrer teilweise spektakulären dynamischen Motive ihre Unaufgeregtheit verleiht. Im übertragenen Sinne fungiert Titus Schade als sein eigener Künstlerkurator. Letztendlich gestaltet er eine sehr individuelle Anordnung seiner Bilder, nur eben wiederum im Medium des Bildes.

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Edwaert Collier, „Quodlibet“ / Steckbrett, um 1706, 66 x 53,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Die Methode des illusionistischen Zusammenstellens mehrerer Gegenstände deren Zusammengehörigkeit oder tieferer Sinn sich dem Betrachter erschließen kann, oder auch nicht, betrieb ebenfalls ein anderer Künstler vor 300 Jahren. Er arrangiert jedoch nicht seine eigenen Bilder, sondern alltägliche beliebige Gegenstände, die anscheinend nicht einmal wegen ihrer besonderen Optik ausgesucht worden sind. „Quodlibet“ wird das Gemälde eines fiktiven Steckbrettes vom Beginn des 18. Jahrhunderts von Edwaert Collier betitelt. Wie es gefällt.

Augenscheinlich hat es dem Künstler gefallen, mehrere unterschiedliche Papiere sowie kleinere Objekte des täglichen Gebrauchs zusammen zu bringen. Hinter den rötlichen Lederstreifen, die über ein längsgemasertes Holzbrett gespannt sind, fällt mittig ein Zettel ins Auge, der die Adresse des Künstlers, die gleichzeitig als Signatur für dieses Gemälde fungiert, trägt. Links und rechts davon stecken zwei weitere Briefe, von denen der rechte noch ungeöffnet ist, was an dem ungebrochenen roten Siegel erkennbar wird. Darüber befindet sich eine gefaltete Ausgabe des Amsterdamer Courant mit Nachrichten über „Engeland“ und „Duytsland“ aus dem Jahr 1706, sowie der Abdruck der Parlamentsrede der englischen Königin Anne. Das Schriftstück hinter dem untersten Lederriemen ist mit „Custing“ beschriftet und dürfte eine Aufstellung von Kosten oder Spesen verzeichnen. Der Federkiel, das Federmesser sowie die Siegellackstange erklären sich aus dem Zusammenhang. Sie stellen unverzichtbare Utensilien für ein ordentliches Schriftbild dar. Der Hornkamm jedoch wirkt wie aus Versehen in diese Anordnung hineingeraten.

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Edwaert Collier, „Quodlibet“ / Steckbrett (Detail), um 1706, 66 x 53,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Koloristisch reduziert erscheint das Trompe-l’Oeil auf den ersten Blick. Die Fokussierung auf den Farbvierklang Braun, Rot, Schwarz und Weiß erzeugt jedoch keine Reduzierung der optischen Wirkung. Vielmehr wird das Auge geschärft sowohl für die detaillierte Feinheit mit der die unterschiedlichen Materialqualitäten und ihre Oberflächen wiedergegeben sind als auch den subtilen Einsatz der Farben. Das Rot findet sich neben der spiegelglatten Siegellackstange auch auf den gesiegelten Briefen wieder. Der braune Kamm wurde vielleicht deshalb vergessen in diesem Arrangement, weil er auf den ersten Blick nicht wahrgenommen wird aufgrund seines geringen Kontrastes zum hölzernen Untergrund. Gestochen scharf wird sowohl die elegante Handschrift als auch die sachlich gedruckte Schrift auf den weißen Papieren lesbar. Schon länger scheinen die Zeitungsblätter dort zu hängen, da sie bereits an den oberen Ecken Eselsohren ausgebildet haben. Feinste Schattenwürfe zeigen das Volumen des gefalteten Materials auf.

Überhaupt kann man sich des Eindruckes nicht erwehren als sei diese gesamte Komposition dazu da den Betrachter in keiner Weise glauben zu machen hier wäre etwas für ihn arrangiert worden. Fast schon einem Moodboard kommt die lose Ansammlung gleich: kleine Dinge, die von keinem allgemeinen Wert sind, für den Künstler aber von Bedeutung sind. Einer Bedeutung, die sich jedoch nur ihm allein erschließt. Vielleicht ist diese Tatsache durch die so dominant angebrachte Signatur des Malers, um die herum sich alles präsentiert, zum Ausdruck gebracht. Letztendlich ist er der Einzige, der den Inhalt der Schriftstücke kennt, und somit auch ihre vielleicht versteckten Sinnzusammenhänge.

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Edwaert Collier, „Quodlibet“ / Steckbrett (Detail), um 1706, 66 x 53,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Sowohl der Künstler des 21. Jahrhunderts als auch der des beginnenden 18. Jahrhunderts konfrontieren uns demnach mit einer sehr persönlichen Auswahl von Dingen. Collier hinterlässt den Hinweis auf seine Autorschaft zwar subtil, aber dennoch unmissverständlich in der Mitte seines Gemäldes. Titus Schade wählt dazu naheliegend Bilder, die Motive aus seinem malerischen Fundus zeigen.

Beiden Kunstwerken ist gemein, dass sie auf den ersten Blick nichts Rätselhaftes oder Unverständliches aufzeigen: kleine gerahmte Bilder unterschiedlicher Malereigattungen sowie Schriftstücke unterschiedlicher Art und deren Handwerkszeug.

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Edwaert Collier, „Quodlibet“ / Steckbrett, um 1706, 66 x 53,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche

Verwirrend an den zwei Gemälden ist die Tatsache, dass jedes Detail für sich verstanden werden kann, erst die Kombination durch die Künstlerhand lässt den Betrachter rätseln. Ein wichtiger Kunstgriff ist dabei natürlich auch die jeweilige Ordnung noch zusätzlich durch eine kleinen Störfaktor aus der Balance zu bringen. Bei Schade übernimmt diesen Part das kleine Landschaftsgemälde, das sich keiner begrenzenden Rahmung unterwirft, bei Collier ist es der Kamm, der nicht zu der Funktionalität der übrigen Gegenstände passt. Das Betrachten von Zusammenhängen gilt für gewöhnlich als verständnisstiftend. Hier ist das Gegenteil der Fall. Erst das Zusammenspiel der jeweiligen Einzelteile erzeugt eine neue, inhaltliche Aussage, die sich nicht immer zwingend dem Betrachter erschließen muss, sondern ihn vielleicht sogar ratlos zurücklässt. Durch diese Vorgehensweise sind die beiden Künstler nah am Prinzip der Petersburger Hängung, das ja namensgebend für Schades Gemälde war. Hier ging es häufig ebenfalls nicht um das einzelne Werk, sondern vielmehr darum den Besucher solcher Kunsträume durch die schiere Anzahl des Gesammelten zu beeindrucken. In der Gesamtschau der Gemälde konnten sich der persönliche Geschmack und die subjektiven Vorlieben des Sammlers widerspiegeln, die jedoch ebenfalls nicht immer vollständig zu enträtseln waren.

Wie verwirrend angenehm, dass manchmal zwar das große Ganze mehr zählt als das Detail, die Sache dadurch aber auch nicht verständlicher wird. Welch ein Affront in unserer erklärungswütigen Zeit.

Lit.:

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Stilleben und Tierstücke. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 2004. S. 94-97.

http://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/titus-schade/ (Zugriff am 10. Juli 2017)

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Titus Schade: http://www.eigen-art.com/index.php?article_id=989&clang=0

100 Meisterwerke – Teil 10: Carina Linge & Marseus van Schrieck

 

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Otto Marseus van Schrieck, Blumenbouquet, um 1660, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Gönnte man dem hochformatigen, 1660 entstandenen Gemälde eines Blumenbouquets mit Insekten des Otto Marseus van Schrieck nur einen flüchtigen Blick, so könnte man zu der Annahme gelangen, es handele sich hier um ein paar zufällig über einen dunklen Untergrund verstreute Juwelen. Wie kostbare Edelsteine funkeln aus der Dunkelheit die in feinsten Farbabstufungen elegant sich windenden Blütenkelche in einer Vase. Die dezente Pracht besteht aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Blumen, die sich erst bei genauerem Studieren definieren lassen.

Unübersehbarer Blickfang ist eine, sich dem Betrachterauge regelrecht darbietende, Rose, deren Farbspektrum in feinsten Blätterdrapierungen von einem reinen Weiß über dezente Roséschattierungen bis hin zu einem tiefen Rot reicht. Wie um das malerische Prinzip der erzwungenen Einansichtigkeit Lügen zu strafen, erhält dieses Exemplar ein spiegelbildliches Pendant, das sich exakt von der anderen Seite zeigt. Zart wird es von seinem grünen Stiel getragen, der ob der Üppigkeit des kugelig-voluminösen Blütenkopfes sich leicht nach unten neigt.

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Otto Marseus van Schrieck, Blumenbouquet (Detail), um 1660, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Optisch gehalten wird dieses Rosenpaar von einem Blütenstamm scharlachroter Stockrosen, sowie von tiefdunkelrotem Schlafmohn, der sich selbst zwar eher im Hintergrund des Arrangements befindet, jedoch in sämtlichen Stadien seiner Blüten, von der Knospe bis hin zur mattblauen Samenkapsel, gezeigt wird. Als wäre der dunkle, nicht näher definierte Hintergrund weit mehr als nur eine indifferente Fläche, präsentiert sich eine voll erblühte Mohnblüte genau in diese Richtung. Fast ist man versucht sie umzudrehen, um in den vollen Genuss ihrer Schönheit zu kommen, die sich anhand der rückseitig gezeigten, zarten, bis ins Schwarz schimmernden, Blütenblätter erahnen lässt.

Den vorderen Abschluss des Blumenstraußes bildet eine Gruppe aus mehreren Blüten, die sich bis zu der marmorierten Platte neigt, auf der das Bouquet in einer kleinen, kostbar schillernden, gläsernen Vase präsentiert wird. Eine rotweiß geflammte Nelke sowie eine blaue und eine gelbe Winde finden sich hier zu einem freundlichen Spiel der drei Grundfarben zusammen.

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Otto Marseus van Schrieck, Blumenbouquet (Detail), um 1660, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Fest auf der Marmorpatte steht, ebenfalls aus hartem Material, die Vase. In ihr winden sich dynamisch, aber dennoch in ihrem Gefäß verankert, die Blütenstängel. In vollkommener Freiheit umschwirren die Libelle, die Schmetterlinge und Falter den Strauß und vermitteln somit in ihrer Bewegung zwischen Raum und Blumenarrangement. Ebenso fein und detailliert ergänzen sie das vielfältige Arrangement von Farbe, Form und Materialität um ein weiteres Element: das der Beweglichkeit. Ebenso variantenreich wie die Präsentation der Blumen wird diese vom Künstler vorgenommen: vom zarten Ruhen der Libelle auf der Bodenplatte bis hin zum sanften, flatternden Heranfliegen des prächtigen gelben Schmetterlings reicht die Bandbreite.

Otto Marseus van Schrieck, der sich auf dem Querschnitt der Marmorplatte mit seiner Signatur verewigt hat, zieht bei diesem Blumenbouquet alle Register seiner Kunst. Die Opulenz der Schönheit wird nicht durch ein überbordendes Anhäufen sondern ein kluges Reduzieren und Anordnen erreicht. Durch diesen Kunstgriff gelingt es dem Maler, trotz der Aufwändigkeit des Arrangements, jedem noch so kleinen Detail der Blumen und Insekten mit wissenschaftlicher Genauigkeit gerecht zu werden.

Bekannt war Marseus van Schrieck bei seinen Zeitgenossen für seine naturwissenschaftliche Neugier, die sich beispielsweise in eigenen Terrarien niederschlug, in welchen er die Tiere, die er auch als Bildvorlagen nutzte, akribisch studieren konnte. Da er stets auf der Suche nach neuen Tieren und damit Motiven für seine Gemälde war, gaben ihm seine Kollegen den Spitznamen „Schnuffelaer.“ In einigen seiner Bilder ging er sogar so weit, dass er die Schmetterlinge in die noch feuchte Farbe drückte, um die Naturform im späteren Malprozess möglichst exakt wiedergeben zu können.

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Otto Marseus van Schrieck, Blumenbouquet (Detail), um 1660, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Marseus van Schrieck reiste durch Italien, Frankreich und England und kam dort mit bedeutenden Gelehrten in Kontakt. In Florenz erlebte er die Gründung der Accademia del Cimento, die sich anhand der neu entwickelten Techniken des Mikroskops und des Teleskops der Erforschung des Kosmos verschrieben hatte. Der Künstler, der auch als der Erfinder des Waldbodenstilllebens in die Kunstgeschichte eingegangen ist, stellt ein herausragendes Beispiel eines Malers des 17. Jahrhunderts dar, in dessen Oeuvre die Wissbegier und das Interesse an der Naturwissenschaft einen gleichberechtigen Part bildet zu seinen ästhetischen Ansprüchen als Künstler. Das nahezu allansichtige Zeigen der voll erblühten Rose zeugt in unserem Bild von diesem Anspruch der naturwissenschaftlichen Genauigkeit verbunden mit einer feinsinnigen, künstlerischen Präsentation der Pflanzenschönheit. Jede Blume, jedes Tier, ja sogar die Vase erhält den Raum, den sie braucht um sich zu voller Schönheit zu entfalten. Gerne gehen wir auf das vorgetäuschte Spiel ein, der Künstler hätte hier nur die Natur abgebildet, wie sie sich ihm präsentiert hat. Seine ordnende Hand war so im Einklang mit dieser tätig, dass wir ihr Tun geflissentlich übersehen.

Eine harmonische Gesamtwirkung, die trotz der Vielfalt der dargestellten Objekte entsteht, zeugt vom bildkompositorischen Geschick des Künstlers. Selbst die blaue Winde am unteren Bildrand, die in ihrer Einfachheit fast zu schlicht scheint, ist ein wichtiges Element um der Gesamtkomposition einen kleinen Störfaktor zu verleihen, der bekanntermaßen stets zum Erscheinungsbild der Schönheit gehört. Symmetrische Perfektion allein ist nicht ihr Rezept.

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Otto Marseus van Schrieck, Blumenbouquet (Detail), um 1660, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Aber nicht nur ein subtiles Beigeben von scheinbar nebensächlichen Details, auch das Weglassen fällt bei diesem Stillleben ins Auge. Eine Tatsache, die August Wilhelm Schlegel in seinen Ausführungen zum Stillleben betonte: „Blumen (…) sind Teile von Pflanzen; frisch abgepflückt haben sie eine Art von Leben, welches ausgedrückt werden soll, so daß hier die Bedeutung, die Offenbarung des Inneren durch das Äußere schon zunimmt. (…) Alles dies mit Sinn aufgefaßt, der lebendige Hauch der Pflanzenwelt darüber verbreitet, dann Eleganz der Formen und harmonische Anordnung, können zusammen reizende Bilder geben, die sich sogar schon als Ganzes schließen, sodaß man nicht gern etwas hinweg- oder hinzudenken möchte (…).“

Wie angenehm, dass der Künstler auf jeden didaktischen Zeigefinger verzichtet und keines der im 17. Jahrhundert so häufig beigegebenen Vanitasattribute hinzufügt! Die den zarten Gewächsen innewohnende Vergänglichkeit, die sie dadurch ja um so kostbarer macht, lässt er ganz für sich sprechen.

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Carina Linge, Der Perlenohrring, 2014, C-print on Dibond, 100 x 80 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Um Kostbarkeit geht es auch im Stillleben „Der Perlenohrring“ von Carina Linge. 350 Jahre nach Schrieck entstanden, entdeckt die Künstlerin diese Gattung im Medium der Fotografie neu. Meisterhaft wiedergegeben, suggeriert Linge dem Betrachter eine ähnlich zufällige Arrangiertheit wie ihr niederländischer Vorläufer, überdies in einer verwandten Bildsprache. Ein Früchtestillleben von barocker Pracht ist im wahrsten Sinne des Wortes ins beste Licht gerückt worden. Kunstvoll wird es in Szene gesetzt auf dunklem Stoff und erhöht stehendem Kristall. Sowohl die zarte Transparenz der Trauben als auch die Festigkeit des Apfels wird in all ihrer haptischen und optischen Beschaffenheit eingefangen. Ein etwas dürrer, fast schon zu verwelken drohender Zweig schlängelt sich durch das Arrangement. Die Natur hat diese Formen, diese Farben geschaffen.

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Carina Linge, Der Perlenohrring (Detail), 2014, C-print on Dibond, 100 x 80 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nicht ganz so vergänglich, dafür von zeitloser Eleganz, schimmert das Perlenensemble, das etwas achtlos am Rand des Tisches liegt. Man kann gar nicht anders als sich vorzustellen, dass hier gerade noch ein feines Vermeer-Mädchen aus dem 21. Jahrhundert gestanden hat, um sich seines Perlenschmuckes zu entledigen. Ähnlich wie der große Holländer in seinen rätselhaften Bildkompositionen spielt auch Carina Linge mit der Neugier des Betrachters. Wie sieht die Besitzerin all dieser Kostbarkeiten aus, wie passt das üppige Früchtearrangement und das Geschmeide in diese ansonsten eher karge Umgebung, welcher Art ist wohl das Bild, das an der Wand hängt, das wir aber aufgrund der Perspektive nicht zu Gesicht bekommen? Um noch einmal bei Vermeer zu verweilen: auch dieser konfrontierte den Betrachter häufig mit Bildern im Gemälde, die nicht zu sehen sind, oder Frauen, deren geheimnisvolles Tun der Phantasie Tür und Tor öffnet.

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Jan Vermeer, Junge Dame mit Perlenhalsband, 1662–1665, Öl auf Leinwand, Courtesy of Stiftung Preußischer Kulturbesitz – Gemälde Galerie Berlin

Mit ihrem zeitgemäßen Umgang mit traditionellen Elementen, wie der Verdichtung des Motives, dem radikalen Entleeren ganzer Bildflächen, der höchst subtilen, in der Perle kulminierenden Lichtführung, der eleganten Vergegenwärtigung der Absenz von Menschen durch ihre Attribute, verleiht die Künstlerin der Gattung des Stilllebens auf leise Art eine Modernität von großer Eindringlichkeit.

Fast kommt dies einer kleinen Renaissance gleich. Stillleben standen im Laufe der Jahrhunderte bis heute häufig nicht hoch im Kurs. „Still und in sich gekehrt und in einem mäßigen Genuß genügsam“ so beschrieb Goethe den Stilllebenmaler. Es könnte ja nicht anders sein, als dass das einfache Motive sich in der Einfachheit dessen, der es lediglich nur abmale, widerspiegele.

Es scheint, als hätte mancher Künstler sich der Herausforderung solchen Vorurteilen zu begegnen nun mit besonderer Sorgfalt gestellt, um sie subtil zu widerlegen. Auch wenn unsere beiden Werke nur stille Gegenstände und Insekten zum Bildmotiv haben, so sind sie dennoch in der Lage eine Geschichte zu erzählen. Es verwundert nicht, dass wir in beiden Werken Prinzipien entdecken, die von Alberti und vielen anderen Kunsttheoretikern für die Historienmalerei postuliert worden sind. „Vielheit in der Einheit“, die in harmonischer Ausgewogenheit dem Betrachterauge Freude und Unterhaltung bereitet, finden wir bei dem niederländischen Maler wie auch bei der zeitgenössischen Künstlerin; ebenso den Grundsatz der Pendantbildung, der Gegenüberstellung von sich ähnlichen aber doch unterschiedlichen Objekten. Bei Marseus van Schrieck darf die Rose sich wie in einem Spiegel um sich selbst drehen, bei Carina Linge finden wir die unterschiedlichen Arten natürlicher Schönheit in Frucht und Perle.

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Carina Linge, Der Perlenohrring (Detail), 2014, C-print on Dibond, 100 x 80 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

In beiden Kunstwerken gilt das Gesetz der Schönheit, das jedoch durch ein kleines Element das Betrachterauge zum Stolpern bringt. Einmal erfüllt diesen Zweck die farblich aus dem koloristischen Rahmen fallende Winde, das andere Mal ist es das welke Ästlein im Kontrast zu den glatten, schimmernden Oberflächen von Tuch, Apfel, Perle und Puderquaste.

Sowohl das niederländische Stillleben als auch die zeitgenössische Fotografie erzählen ihre Geschichte aber nicht zu Ende. Der Betrachter bekommt einen Phantasiespielraum im kleinen Maßstab: eine zum Bildhintergrund gedrehte Blume, ein Bild an der Wand und eine zurückgebliebene Konstellation von Dingen, die uns zum Geschichtenerzähler in Gedanken werden lassen.

Lit.: Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Genre. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1996. S. 170-173/166.

König, Eberhard; Schön, Christiane (Hrsgg.): Stilleben. Berlin 1996. S. 185/195.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

https://www.museum-schwerin.de/ausstellungen/marseus/

 http://www.carinalinge.de/

Kunst, Mensch und Natur – Der Kunsthistoriker Mark Gisbourne im Interview mit Thomas Rusche

Thomas Rusche im Gespräch mit dem Kunsthistoriker Mark Gisbourne, in der Berliner Repräsentanz der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Foto, Lars Beusker

Thomas Rusche im Gespräch mit dem Kunsthistoriker Mark Gisbourne, in der Berliner Repräsentanz der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Foto, Lars Beusker

Mark Gisbourne lebt und arbeitet in Berlin. In Stratford-upon-Avon geboren, von William Shakespeare nicht nur sprachlich geprägt. In Kunstgeschichte promoviert. Forschungsprojekte zu Alten Meistern. Universitätsdozent am ersten Lehrstuhl für zeitgenössische Kunst, Courtauld Institute, University of London, Slade School of Arts. Zuvor britischer Bobby, Teppichhändler, Franziskanermönch und Streetworker in London. Philosoph und Theologe. Ehem. President of the British Art Critics Association (AICA), Organisator des World Congress of Art Critics. Renommierter Buchautor und Kurator. Seine Biografie umfasst über 500 Publikationen und Ausstellungen. Im Sommer 2016 realisiert er eine Retrospektive zur deutschen Kunst in Riga.

TR: Mark, kannst du dich noch daran erinnern, wann Du das erste Mal mit Kunst in Kontakt gekommen bist?

MG: Ja, daran kann ich mich gut erinnern. Als sechs- oder siebenjähriges Kind bekam ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten Puzzles geschenkt, und ich mochte vor allem jene, die Reproduktionen von Kunstwerken zeigten. (lacht)

TR: Dein herausragender Wissensschatz deckt viele Jahrhunderte der Kunstgeschichte ab. Welche Epoche würdest du persönlich als die herausfordernste beschreiben und warum?

MG: Dass ich einen vom Pantheon zur Pop-Art reichenden Überblick habe, verdankt sich dem System des Courtauld Institute of Art, London. Das ist ein außergewöhnlicher Ort: Jeder, der dort studiert, liebt ihn für seinen hohen Ausbildungsstandard mit kleinen Klassen von zuweilen nur drei oder fünf Studenten. Ich schätze einige Phasen der Kunstgeschichte sehr, aber ziehe keine einer anderen vor.

Mark Gisbourne. Foto, Lars Beusker

Mark Gisbourne. Foto, Lars Beusker

TR: Die bildende Kunst hat die Mode über die Jahrhunderte hinweg beeinflusst. Es gibt Modestile, die in großem Maße von künstlerischen Bewegungen beeinflusst oder Modeerscheinungen, die tatsächlich von Künstlern geprägt wurden.

MG: Es ist richtig, dass Warhol, Hamilton und zahllose Künstler des Pop in den 1960er Jahren einen gro- ßen Einfluss auf die Mode hatten. Das war aber nichts Neues, hatten doch schon die Romantiker, ob nun Dichter oder Maler, die Mode ihrer Zeit beeinflusst. Es gibt da eine lange Tradition: die Gecken im 18., die Dandies im 19. Jahrhundert, und so setzt sich das fort bis zu den Teddy Boys in den 50ern, den Mods und Rockern in den 60ern, dem Glam Rock und Punk der 70er, dem New Romanticism-Look der 80er – und immer so weiter. Heute fließen, ganz unabhängig davon, ob man nun über Musik, Kunst, Mode oder Film spricht, alle Stile ineinander, denn die traditionellen Begrenzungen sind porös geworden.

TR: „Kunst und Natur“ lautet das Motto des neuen SØR Journals. In welchem Verhältnis stehen beide zueinander?

MG: Kunst und Natur lassen sich thematisch nur sehr schwierig einkreisen. Meiner Ansicht nach lag Hegel nicht richtig, als er die Kunst über die Natur stellte, während er doch zugleich die offensichtliche Kraft der natürlichen Schönheit von Landschaft und Natur wahrnahm. Übereinstimmend mit Kierkegaard würde ich sagen, dass die relevante Sprache der Kunst eine ästhetische ist, die notwendige Sprache der Natur hingegen eine ethische. Das bedeutet, dass die natürliche Welt und die in ihr anzutreffenden Lebensformen von uns in moralischer Hinsicht gehegt und gepflegt werden müssen. Wir begegnen im Klimawandel der dringlichsten Aufgabe unserer Zeit. Kunst jedoch ist nicht Natur, entsteht sie doch aus mentaler und visueller Transformation, wohingegen alle Systeme der Natur bereits immanent sind; Tiere beispielsweise haben ihre Instinkte. Die Kleider, die wir tragen, sollten aus natürlichen Materialien erzeugt oder von ökologischer Herkunft sein. Ich mag da eine altmodische Haltung haben, die sich vielleicht auch aus einer religiösen Empfindsamkeit ableitet, aber ich glaube fest daran, dass die Menschheit in ihrem Potenzial Größeres ist als nur ein Widersacher der Naturgewalten. Um auf Nietzsches ästhetische Einteilung zu verweisen, würde ich sagen, dass das Verhältnis der Kunst zur Natur apollinisch sein muss (harmonisch und voneinander abhängig), zugleich lässt sich allerdings festhalten, dass viele Kunstwerke der letzten hundert Jahre aus einem dionysischen Impuls heraus entstanden sind (Verwirrung der Sinne).

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BEZA, Water II, 2011, Öl auf Holz, 21,2 x 30 cm

TR: Du hast zahlreiche Monografien über KünstlerInnen verfasst. Nach welchen Kriterien entscheidest du, ob du über einen Künstler schreibst?

MG: Es ist ein simples Kriterium. Die Frage ist stets: Interessiert mich die Kunst? Daran schließt sich jedoch die Frage an, was dieses „es interessiert mich“ bedeutet. Das meint keinesfalls: „Mag ich die Kunst?“ Es ist schon eher die Frage, ob ich durch das Schreiben über die jeweilige Kunst etwas hinzulernen kann. Ob das jedoch geschieht, weiß ich nicht immer, wenn ich mit dem Schreiben beginne. Ich habe oft Texte über Arbeiten von Künstlern geschrieben und anfänglich angenommen, die Arbeiten hätten große Tiefe und wären aufregende Entdeckungen, um dann eines Besseren belehrt zu werden. Andererseits habe ich mit dem Schreiben über das Werk mancher Künstler nur widerwillig begonnen, schließlich aber eine innere Qualität in den Arbeiten entdeckt, die mich beglückte.

TR: In einem deiner neueren Texte, einem monografischen Essay über die Künstlerin Beza beschäftigst du dich intensiv mit „Mensch und Natur“. Worin lag dabei die Herausforderung?

MG: Ich glaube, in diesem Fall habe ich nicht so sehr an die natürliche Welt gedacht, sondern eher an die innere Natur von Beza als Künstlerin. Ihre Arbeiten sind sehr körperlich. Als ich von ihren Landschaftsarbeiten schrieb, erzeugte ich eine Verbindung zu den belebten Aspekten der Natur. Ich verwendete sinnliche und flüssig anmutende Formulierungen, wie „schlangengleiche Oberfläche des Wassers“ und entwarf Gleichnisse zu ihrem Bildgegenstand der körperbasierten Posen. Das Schreiben über das Fließen der Dinge, das Im-Fluss-Sein und den körperlichen Wandel rief bei mir auch die Feststellung hervor, dass Beza ein starkes Gespür für ihr Frausein hat und lenkte die Aufmerksamkeit auf die Gaia-Prinzipien, die alle Facetten der Künstlerin leiten.

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BEZA, In between Bread, 2012, Diasec, 66 x 100 cm

TR: Beza beschäftigt sich auch mit religiösen Bildgegenständen, heute oftmals ein Tabuthema. Was glaubst du, in welcher Hinsicht kann spirituelle Kunst relevant und aussagekräftig bleiben?

MG: Nun, auch die größten Skeptiker, denen man heute begegnen kann, kommen ins Wanken, wenn sie der Beschränkung gegenüberstehen, die das Mysterium des Lebens mit sich bringt, und ziehen sich zu Voltaires „Wenn es Gott nicht gäbe, so müsste man ihn erfinden.“ zurück. Obwohl religiöse Kunst und ihre traditionellen Bildgegenstände mit verklärten Schichten der historischen Wiederholung angereichert sind, bewahrt sie sich doch die grundsätzlichen Themen unseres heutigen Alltagslebens anzusprechen. Wahre religiöse Kunst resultiert aus Reflexion und innerer Tiefe, und das muss heute nicht mehr notwendigerweise im Rahmen einer festgelegten institutionellen Struktur geschehen. Auf jeden Fall ist die Kirche, so, wie wir sie verstehen sollten, die Welt und nicht ein Gebäude. Die Relevanz der religiösen Kunst also, um auf deine Frage zu antworten, liegt darin, dass das Spirituelle immer bedeutsam ist. Bezas Bildgegenstand mag traditionell sein, aber sie fügt ihm eine hochgradig persönliche katholische Einsicht hinzu.

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BEZA, Jesus, 2010, Öl auf Holz, 20 x 16 cm

TR: Du kennst Bezas Arbeiten seit Jahren. Wie würdest du sie beschreiben?

MG: Ich glaube, in gewisser Hinsicht ist Beza eine experimentelle Künstlerin. Und wie bei allen experimentellen Zugriffen ist ihr Schaffen von unterschiedlichem Erfolg gekrönt. Bezüglich ihres Zugriffs auf den Bildgegenstand verfügt sie über ein breites Spektrum: Porträts, durch Reflexion erhöhte Landschaften, Stillleben, religiöse Themen, figurative Beschäftigungen mit dem Körper – und das alles verbunden mit einer Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart. Einige ihrer aktuellen Experimente an der Schnittstelle von Fotografie und Malerei sind sehr originell und innovativ. Sie hat deutlich das, was manche einen zeitgenössischbarocken Zugriff nennen.

TR: Was glaubst du, macht die SØR Rusche Sammlung im allgemeinen Sinne aus? Wie fruchtbar ist der Dialog zwischen Alten Meistern und zeitgenössischer Kunst?

MG: Ich halte die SØR Rusche Sammlung insofern für einmalig, als die zwei repräsentierten Zeiträume sich in vielerlei Hinsicht unterscheiden. Die Motive der Künstler sind heutzutage ebenso unterschiedlich wie die Kunstkontexte. Die frühere Zeit war auf Werkstätten ausgerichtet, wohingegen die Arbeiten der Künstler heute auf persönlicher Subjektivität basieren. In der SØR Rusche Sammlung stehen die Künstler, zumeist MalerInnen, in keinem hierarchischen Verhältnis zueinander. Zudem sammelst du die Arbeiten vvon einzelnen Künstlern mit Ausführlichkeit und großer Tiefe, was einen guten Überblick erlaubt. Der Dialog zwischen dem Alten und dem Neuen ist wie alle Dialoge abhängig vom Ort, an dem er geführt wird. Alles nimmt den Klang seiner jeweiligen Zeit an, das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart befindet sich immerzu im Fluss.

Lesen Sie das komplette Interview in Englisch:

Mark-Gisbourne-Interview-english-version-long

Noch bis zum 8. April 2016 ist die Solo Ausstellung ”BEZA – Bilder” in der Galerie Hübner + Hübner zu sehen.

 http://www.galerie-huebner.de/ausstellungen/aktuell

https://vfmk.org/de/shop/beza