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100 Meisterwerke – Teil 31: Marlene Dumas und Adriaen van Nieulandt

Nieulandt

Adriaen van Nieulandt, Allegorie auf den christlichen Streiter – Der Kampf des Tugendhelden gegen die Laster, 1655 Öl auf Leinwand, 96,5 x 79,3 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Die Vorstellung des strahlend-mächtigen Helden, der mit flammendem Schwert unter Beihilfe tugendhafter, schöner Frauen die Lasterhaften, Verbrecher und Sünder niederschlägt, ist ein schöner, wenn auch utopischer Gedanke.

In Adriaen van Nieulandts Gemälde „Allegorie auf den christlichen Streiter – Der Kampf
des Tugendhelden gegen die Laster“ aus dem Jahr 1655 ist diese Szenerie geschildert.
Mittig, vor theatralisch ausgeleuchteter Himmelskulisse, aus der sich von oben goldenes
Licht ergießt, hat der gerüstete junge Mann auf einem steinernen, rechtwinkligen Podest
Stellung bezogen. Dramatisch bläht sich sein roter Umhang zwischen blauer Kleidung
und kostbarer Rüstung. In kämpferischer Haltung ist er zum Äußersten bereit. Der
kraftvoll ausholende Schwung seines rechten Armes, mit dem er das Schwert führt,
verdeutlicht dies zusätzlich. Ohne jeden Zweifel ob des Ausgangs fliegen bereits die
kleinen, mit Siegerkranz und Palmzweig ausgestatteten Putten über dem Haupt des
Helden herbei um ihn zu krönen.
In seiner Erhöhung nimmt der Verfechter für das Gute eine ideale Ausgangslage ein im
Kampf gegen die sich vor ihm krümmenden, nackten, elenden Gestalten, die erfolglos
nur versuchen einige Pfeile gegen ihn abzuschießen. Begleitet werden diese von „Frau
Welt“, einer weiblichen Gestalt, die erkennbar an ihrer überbordenden Aufmachung
gleich mehrere Laster in sich vereint: Hochmut, Habgier und Völlerei. Die Glaskugel auf
ihrem Haupt ist das zerbrechliche Symbol der Vergänglichkeit alles irdischen Guts. Das
Skelett, das über den Leibern tanzt, erscheint wie eine Zusammenfassung des endlichen,
weltlichen Treibens.
Der christliche Streiter muss seinen Kampf gegen das Böse jedoch nicht alleine
ausfechten. In Form der Tugenden, die allesamt als weibliche Allegorien dargestellt sind,
ist ihm tatkräftige Hilfe sicher. In vorderster Reihe haben sich die Wichtigsten
versammelt. Zu erkennen sind sie an ihren tradierten Attributen, dem aufgeschlagenen
Buch für den Glauben, dem gen Himmel strebenden Blick für die Hoffnung und den
fürsorglich umhegten Kindern, die für die Liebe stehen.
Diese drei werden noch zusätzlich unterstützt von den vier Kardinaltugenden, der
Klugheit, der Tapferkeit, der Stärke und der Gerechtigkeit. Da Allegorien, also die
bildhaften Darstellungen eines abstrakten Begriffs meist mittels weiblicher Personen, im
Barock immer beliebter wurden, gab es regelrechte Identifizierungsbücher, wie
beispielsweise die „Iconologia“ des Cesare Ripa. Unser Künstler hat diese Abhandlung
gut gekannt. Das beweist seine Gestaltung des Titels der niederländischen Ausgabe
Ripas von 1644.

Trotz der allegorischen Darstellungsweise, die innerhalb der Malereigattungen, die
höchstrangige im Barock war, ist alles klar und einfach in diesem Gemälde Nieulandts:
Das Böse, das auch rein äußerlich als solches erkennbar ist, wird vom Guten sowohl
physisch als auch moralisch besiegt.
Das Bild gibt einen Einblick in die Zeit einer Gedankenwelt als Gutmensch noch kein
Schimpfwort, Geiz noch nicht geil war und Anstand kein Wert, den es, hinsichtlich der
Vergrößerung des eigenen Vorteils, zu vermeiden galt. Es vermittelt den Eindruck von
einer Vorstellung in der das Gute stets auch das Wahre und Schöne war.
Uneindeutig und unsicher scheint uns Heutigen hingegen die Gegenwart. Die Sache mit
der Weltsicht und mit den Urteilen ist schwieriger geworden. Das „Nur Gute“ gibt es
nicht mehr, stets schwingt der Hauch eines „Abers“ mit.
Allein hinsichtlich dieses Bildes müssten wir in Zeiten der „MeToo“- und
Genderdebatten doch sofort fragen, warum der wirkliche, im Mittelpunkt stehende Held
denn stets der Mann ist und das nur schmückende, tugendhafte Beiwerk immer die
Frauen sind? Nein, einfacher ist es seither nicht geworden. Dementsprechend groß sind
die Sehnsucht und damit einhergehend auch die Gefahr, es sich wieder einfach zu
machen, sich der Vieldeutigkeit und Ambivalenz zu entziehen. Die Verlockung der
schlichten Parolen scheint im Moment so groß wie schon lange nicht mehr zu sein.
Autoren wie Thomas Bauer warnen deshalb vor einem zunehmenden Verlust der
Mehrdeutigkeit und der Vielfalt. Seiner Meinung nach stellt eine gewisse Fähigkeit zur
„Ambiguitätstoleranz“, ein Einlassen auf Widersprüche und die Auseinandersetzung mit
ihnen einen wesentlichen Aspekt des fortgeschrittenen Menschseins dar.
Und dennoch gibt es immer noch schlichte und klare Richtlinien zur Orientierung des
menschlichen Verhaltens, die nichts mit einer falsifizierenden Bequemlichkeit zu tun
haben. Rigoros und unnachgiebig konfrontiert Marlène Dumas den Betrachter mit einer
solchen Frage: „Would Jesus have done the same?“ Kurz und knapp hat sie diese auch in
der bildhaften Ausführung ihres Aquarells dargestellt.
Im kleinen Hochformat blickt der Betrachter extrem nahsichtig, ohne
Ausweichmöglichkeit auf ein mit wenigen schwarzen Strichen skizziertes Gesicht, das in
seiner Schlichtheit nur umso ergreifender wirkt. Die Augen sind niedergeschlagen, der
Mund traurig geschlossen, das dünne Haar hängt lose auf die nicht mehr sichtbaren
Schultern, auf dem Haupt sitzt eine Dornenkrone.

dumas

Marlene, Dumas, Would Jesus have done the same?, 1994, Bleistift, Aquarell und Tinte auf Papier, 44 x 38 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Ist dies das Antlitz Jesu? Es sieht zumindest anders aus, als das uns bekannte „vera icon“
vom Schweißtuch der Veronika. Androgyner, menschlicher, nahbarer, verletzter,
universaler.
Ist es nicht doch eher ein Symbol der Verbildlichung der Gewissensfrage, ob Jesus auch
so gehandelt hätte, wie man es selbst gerade tut?
Bildhaft stellt die Arbeit diese essentielle Frage aber auch andersherum. Hätte man
selbst gehandelt wie Jesus? Wie viel Opferbereitschaft ist man bereit zu leben? Wie viele
Dornen darf die Krone haben, die man sich für den anderen aufsetzt?
Das reicht von den kleinen Gefälligkeiten oder Kompromissen, die nicht weiter weh tun,
bis hin zu wirklichen Opfern, zur Bereitschaft etwas zu tun, was für einen selbst im
höchsten Maße unangenehm ist, um dem anderen Erleichterung zu verschaffen oder
eine Freude zu bereiten. Vermutlich sind erst das die wahren (Opfer)Geschenke, die
man auf jeglicher Ebene geben kann, nicht weil man etwas sowieso im Überfluss hat,
sondern im klaren Bewusstsein, dass das Verschenkte, einem danach selbst fehlen wird.
Die eigene Person ab und an aus dem Fokus zu rücken, wie es auch die Gestalt in dem
Bild von Dumas tut, hilft vielleicht dabei eine Balance zu finden zwischen den eigenen
Vorstellungen, Wünschen und Befindlichkeiten und denen der anderen.
Dabei festzustellen, dass manche Tugenden zeitlos sind und Eigenschaften wie Klugheit,
Humor, Geduld, Mitgefühl oder Nachsicht auch im großen und kleinen Miteinander der
Gegenwart Sinn machen, ist schlicht und einfach GUT.

Lit.:
Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische  
Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S.  
304-308.
Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an  
Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Stuttgart 2018.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Gastprofessorin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. . Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

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