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100 Meisterwerke – Teil 27: Friederike Walter/Dieter Mammel & Jacob Toorenvliet

 

Der vorletzte Monat des Jahres hat bekanntlich nicht den besten Ruf. Grau und vorwinterlich im Erscheinungsbild zeigt sich spätestens jetzt, dass der Sommer endgültig vergangen ist und auch das Jahr sich seinem Ende zuneigt. Die bevorstehende Weihnachtszeit ist jedoch noch zu weit entfernt, die Erinnerung an die letzten warmen Sonnenstrahlen nicht mehr hinlänglich präsent, als dass es dem November gelänge, ein positives Image zu entwickeln. Um nun jedoch nicht in eine kollektive Herbstmelancholie zu verfallen, könnte man eine Methode anwenden, wie es die Künstler Friederike Walter und Dieter Mammel in ihrer Arbeit „Atelierziege“ aus dem Jahr 2007 getan haben: Sie verwandeln schlichtweg den Alltag in Kunst. Ihre Vorgehensweise ist dabei so klug wie einfach.

Sehr gewöhnlichen Alltagsgegenständen wie einer alten Kommode samt Beistellhocker, einem Eimer mit Kerichtbesen und Schaufel sowie einer weißen Kanne mit Teetasse gesellen sie erst einmal einen sehr ungewöhnlichen Gast bei: das Porträt einer Ziege. Ziegen können durchaus ambivalente Assoziationen erwecken. Die einen nutzen diese Tierart, um ihre Mitmenschen durch den Vergleich mit ihr keineswegs schmeichelhaft zu beurteilen; für die anderen sind Ziegen kluge Wesen, die allein schon ob ihrer freundlichen Physiognomie Sympathiepunkte erhalten. Hier darf jeder selbst entscheiden, wie er sich in Anwesenheit dieses Tieres fühlt. Ganzfigurig, in leicht verschwommen-bläulicher Optik, präsentiert sich unsere Ziege formatausfüllend im Bild. Dieter Mammel hat sie gemalt.

Nun könnte diese Zusammenstellung sich in jedem beliebigen Raum befinden, Besen und Schaufel weiterhin zur Benutzung parat stehen, aus dem Geschirr Tee getrunken werden, dem ist aber augenscheinlich nicht so. Jemand hat Gedanken und Hand angelegt, sodass sich die Gegenstände samt Ziegenporträt in die Sphäre der Kunst begeben haben. Monsieur Duchamp lässt grüßen.

Friederike Walter und Dieter Mammel haben entschieden, den Beistellhocker und all die anderen Utensilien nicht länger in ihrer funktionsorientierten Gewöhnlichkeit zu belassen, sie stattdessen für ausstellungswürdig zu befinden. Klugerweise lassen sie es aber dabei nicht bewenden. Wäre die Gefahr zu groß, dass der Transformationsprozess nicht erkannt würde?

Dem versierten Kunstkenner und Ausstellungsbesucher hätte die Beigabe eines Ziegengemäldes vermutlich schon genügt, um festzustellen, dass es sich hier nicht mehr länger um die Ansammlung normaler Gebrauchsgegenstände handelt und dieser Hocker nicht mehr länger zum Sitzen taugt. Um jedoch alle Zweifel hinsichtlich der neuen Ausrichtung der Objekte auszuräumen, geht die Künstlerin noch einen Schritt weiter und hält auch diese neue Anordnung von Kommode, Eimer, Hocker und Ziegenbild wiederum in einem Gemälde fest, das nun ebenfalls innerhalb der Installation zu sehen ist. (Für Kuratoren hat dieses Bild noch den unschlagbaren Nebeneffekt über die exakte, vom Künstler gewollte, Ausrichtung bestens informiert zu sein.) Das ursprüngliche Ateliermobiliar ist damit endgültig in die Ebene der Kunst erhoben.

Auch in anderen Bereichen des menschlichen Daseins funktionieren die vielfältigen Arten der Um- und Neukonnotierung. Nicht erst zeitgenössische Persönlichkeitsberater wissen um die Macht der eigenen Beurteilungskraft und raten dementsprechend nicht zwingend die Situation, sondern die eigene Einstellung zu ändern.

Einer der empfindsamsten und klügsten Geister der Zeit um 1800, Novalis, hat dafür den wunderbaren Satz formuliert, der gerade an nebligen Novembertagen gar nicht oft genug zitiert werden kann: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

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Jacob Toorenvliet, Paar beim Wein, zwischen 1676 und 1686, 37,5 x 31,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nun ist aber nicht jeder zum feinsinnigen Romantiker geboren und so kann bisweilen auch die Fähigkeit zur Freude am einfachen Vergnügen hilfreich im Ertragen des Alltags sein. Vermutlich ist das „Paar beim Wein“ von Jacob Toorenvliet eher letzterer Ansicht. Vor einer rundbogig geschlossenen Hauswand hat sich ein Paar auf einfachem, hölzernen Gestühl niedergelassen. Die beiden sind bester Feierstimmung.

Früchte, Wein und eine offenkundige Sympathie der beiden Protagonisten zueinander lassen an das berühmte Terenz Zitat denken: Sine Cerere et baccho friget Venus. Frei übersetzt bedeutet dies: Ohne Essen und Trinken wird es auch mit der Liebe nichts. Dass der Rebensaft der Liebe nicht abträglich ist, wusste man auch in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts sehr genau, weshalb dieser Zusammenhang häufig in Gemälden thematisiert wird, auch wenn der Wein lediglich indirekt Gegenstand unseres Bildes ist. Nur einige wenige Weinranken ragen von oben über das Mauerwerk. Das Glas, das der Mann fröhlich in der Luft schwenkt, ist leer. Vermutlich wurde es von dem Paar gemeinschaftlich schon häufiger ausgetrunken.

Einfach und reduziert zeigt sich das Kolorit des Gemäldes. Fast ein wenig bemüht erscheinen in der Gesamtkomposition die auf dem Tisch verteilten, leuchtend orangefarbenen Melonen und Feigen, die, exakt vor dem Landschaftsausblick arrangiert, weniger zum Verzehr als zur koloristisch-optischen Aufwertung der Szene dienen.

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Jacob Toorenvliet, Paar beim Wein (Detail), zwischen 1676 und 1686, 37,5 x 31,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als nicht ganz subtile Hinweise auf den vermutlichen weiteren Verlauf eines fröhlichen Miteinanders des Paares. Farbe und Form sind zweideutig angelegt, genau wie die Gestik der Frau. Ihr loses aufgeschnürtes Mieder, sowie sein bereits in Unordnung geratenes Unterhemd lassen hingegen wenig gedanklichen Spielraum.

Zahlreich sind die Darstellungen innerhalb der Genremalerei des 17. Jahrhunderts in Holland, die mehr oder minder offensichtlich die derben Vergnügungen einfacher Leute zum Bildgegenstand haben. Vor dieser Zeit waren solche Bilder alles andere als geläufig. Wann wurden jemals vorher die kleinen Freuden der niedrigen Bevölkerungsschichten als bildwürdig angesehen?

Die einmaligen politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und damit einhergehenden kulturellen Verhältnisse in den nördlichen Niederlanden trugen dazu bei, dass in jener Zeit – in anderer Form – etwas Ähnliches geschehen war wie in dem zuvor besprochenen Werk des 21. Jahrhunderts: Der Alltag wurde künstlerisch relevant und bildwürdig. Die Intention des Künstlers sowie die Bereitschaft des Betrachters, sich auf eine außergewöhnliche Form der Rezeption einzulassen, gerieren ein nahbares, weil im eigenen Alltag bekanntes Erleben, jedoch auf künstlerischer Ebene.

„Sogar der Raum einer Nussschale kann uns wichtig werden, wenn wir selbst Fülle des Daseins mitbringen,“ sagt Novalis. Wie man diese Fülle nun definiert, ob subtil-ironisch, romantisch oder derb, das sei jedem selbst überlassen.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.: Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Genre. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1996. S. 242-243.

 http://soer.de

http://instagram.com/soer_rusche

 

 

 

 

 

100 Meisterwerke – Teil 13: Miriam Jonas & Cornelis van Poelenburgh

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft, 1620 – 1625, 15,2 x 11,6 cm, Öl auf Kupfer

Auf Kupfer in feinster Manier gemalt, widmet sich Cornelis van Poelenburgh (1594/95 – 1667) einer der wichtigsten Persönlichkeiten des Neuen Testaments. Zwischen 1620 und 1625 schuf der Maler das hochformatige, kleine Gemälde „Der hl. Petrus in südlicher Landschaft“.  In strengem Profil mit leicht angehobenem Antlitz steht der Apostel fest und unerschütterlich auf einem Hochplateau, vor dem sich eine weite südliche Landschaft großzügig ausbreitet. Nur durch einige verstreut liegende kleinere Felsbrocken vom Betrachter getrennt, erhebt sich die majestätische Figur. Knapp über dem Knöchel des sichtbaren, nackten, rechten Fußes endet das leuchtend blaue Gewand, das durch einen beige-grauen, weiten Umhang komplettiert wird. Den üppigen Faltenwurf bändigt Petrus mit beiden Händen. Mittels seiner Rechten schiebt er die Stoffmenge seitlich hinter seine Gestalt zurück, mit der Linken befestigt er die Fülle der Drapierung um seinen Oberkörper. Dieser Griff könnte über den praktischen Nutzen hinaus auch als eine Geste der Ergriffenheit verstanden werden, denn visionär blickt Petrus in die Höhe zu einem Ziel weit außerhalb der realen Bildgrenzen. Sein Haupt wird von weißem, leicht gelocktem Haar bedeckt. Der Vollbart ist von gleicher Beschaffenheit. 

Rückwärtig wird diese beeindruckende Gestalt von dichtem, dunklem Laubwerk hinterfangen, das eine kontrastreiche Folie ausbildet. Um den Kopf des Apostels lichtet sich die Baumkrone und zeichnet in dezenter Weise die Umrisse des charaktervollen Hauptes nach. In weiter, hoher Draufsicht erstreckt sich die Landschaft vor der Gestalt des Petrus mit fast mittig ausgerichteter Horizontlinie. Durch die dunstige, starke Verblauung erscheint die ferne Landschaft in vagen Umrissen, worüber sich ein nur zart blauer Himmel mit starker Bewölkung erhebt.

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft (Detail), 1620 – 1625, 15,2 x 11,6 cm, Öl auf Kupfer

Unaufgeregt wirkt dieses kleine Gemälde mit einer einzigen Figur vor landschaftlichem Hintergrund auf den ersten Blick. Elegant differenzieren sich jedoch bei näherer Betrachtung die Stofflichkeiten der unterschiedlichen Oberflächen. Intelligent austariert erweist sich das Spiel zwischen Nähe und Ferne. Poelenburgh, der in Italien ausgebildete Niederländer, vereint hier die beiden hochkarätigen Qualitäten der Malerei nördlich und südlich der Alpen. Formal befindet sich die Horizontlinie exakt auf der Höhe der Leibesmitte des Apostels und integriert damit die nahsichtig dargestellte Figur harmonisch in die ferne Landschaft. Zu dieser Verbindung trägt auch der erstklassige Umgang des Künstlers mit dem Kolorit bei. Die einfache Gewandung des Petrus fasst in ihren zwei Farben alle Schattierungen der landschaftlichen Umgebung zusammen. 

Geradezu metaphorisch porträtiert der niederländische Künstler mit diesen künstlerischen Formalia die Wirkmächtigkeit des Petrus, der gemeinhin als eine der nächsten und zugleich wichtigsten Persönlichkeiten aus dem Umkreis Jesu gilt. Nach Mk 1,16 war Simon Petrus einer der ersten, die Jesus berufen hat: „Da er aber am Galiläischen Meer ging, sah er Simon und Andreas, seinen Bruder, daß sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Folget mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! Alsobald verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.“ Auf Petrus’ Christusbekenntnis hin erfolgte laut dem Matthäusevangelium Mt 16,18 die berühmte Aussage Jesu: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ Sowohl die Unerschütterlichkeit, mit der Petrus Christus nachfolgte, als auch dessen nachhaltiges Wirken hat van Poelenburgh in diesem kleinformatigen Werk anschaulich nachvollziehbar gemacht. Präsent erscheint die Felsenmetapher im Gemälde. Die prägende Zukunftsträchtigkeit wird durch die weite Übersicht und den in die Ferne gerichteten Blick verdeutlicht. Jedes malerische und kompositorische Detail steht mit dem großen Ganzen in Verbindung und nimmt Bezug auf die nachhaltige Wirkmacht der Petrusfigur. 

Etliche Künstler vor Poelenburgh haben sich bereits mit der Vielschichtigkeit Petri auseinandergesetzt. So wird man aufgrund der hochaufragenden Gestalt, der Profilansicht und des visionären Blicks unweigerlich an den berühmten Dürerschen Apostel erinnert. Ist dieser fast lebensgroß dargestellt, so zeigt Poelenburgh auf unnachahmliche Weise, dass geistige Monumentalität auch unabhängig vom Bildformat beschrieben werden kann. 

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Miriam Jonas, Polka Popes (Detail), 2011, Installation (Knetmasse in Konservendosen)

Ebenfalls in nicht monumentaler Weise setzt sich die Künstlerin Miriam Jonas mit den Nachfolgern Petri auseinander. Mit feiner Ironie spielt sie auf hohem ästhetischen Niveau mit den jahrhundertealten ikonografischen Mustern der Papstdarstellung nun im Miniaturformat. Auf den ersten Blick tanzen viele bunte Punkte trotz ihrer akkuraten Reihung auf weißer Wand fröhlich über die Fläche. Erst bei näherem Herantreten erkennt man, dass jede der kleinen ovalen, eckigen oder runden Fischkonservendosen hinter ihrer Plexiglasscheibe das höchst individuell aus buntem Plastilin geformte plastische Porträt eines fiktiven Papstes zeigt. Während des Jahres 2011 ist dieses Werk von der Künstlerin, die auch als Kostümplastikerin tätig ist, in Deutschland und Barcelona geschaffen worden. 

Der Reiz dieser Arbeit liegt in ihrer Vielschichtigkeit. Tief greift die Künstlerin mit ihrer Thematik in die christliche Ikonografie, um sie wiederum sofort zu brechen. Würdevoll aber nicht unbedingt individuell mussten die früheren Papstbildnisserien in ihrer Kontinuität auch stets als Legitimation der gesamten Institution der katholischen Kirche gelten. Weniger die einzelne Persönlichkeit, als vielmehr der jeweilige Inhaber des Amtes wurde präsentiert. Auch Miriam Jonas wählt eine Reihung, ersetzt die reine Horizontale aber durch eine weitaus komplexere Anordnung, die sowohl vertikal als auch horizontal gelesen werden kann. So streng die gewählte Struktur erscheint, so originell gestaltet sie jede der kleinen Büsten, die die fiktiven Päpste paradoxerweise mit einem Höchstmaß an Individualität zeigen. 

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Miriam Jonas, Polka Popes, 2011, Installation (Knetmasse in Konservendosen)

Miriam Jonas’ moderner Blick auf das tradierte kunsthistorische Thema zeigt sich auch in der Wahl des Materials. Fröhlich bunte Knetmasse, die gewöhnlich nicht im sakralen Kontext zu finden ist, gepaart mit einem banalen Abfallprodukt des Alltäglichen formiert sie zu einem Kunstwerk von zeitgenössischer Relevanz. Mit beißender Ironie wählt die Künstlerin sicher nicht von ungefähr Fischkonservendosen, um auf das biblische Fischergleichnis anzuspielen. Dass Materialikonographie auch in der Gegenwartskunst von Belang sein kann, wird in den Polka Popes auf humorvolle Art und Weise dargelegt. Zeigte man im Barock durch kostbaren Marmor und die aufwändige Form der lebensgroßen plastischen Büste die Wichtigkeit des Papstamtes an, so fragt Miriam Jonas am Beginn des 21. Jahrhunderts augenzwinkernd nach eben dieser Wichtigkeit. Alle erdenklichen charakterlichen Facetten zeigt sie in den kleinen Figuren: Vom frommen Betenden bis hin zum Wütenden oder einem, der sich aufgrund seines Amtes zu langweilen scheint, ist diesen bunten Päpsten nichts Menschliches fremd. Mit Bart, mit Glatze, mit Eitelkeit, mit einer Neigung zur Korpulenz; jeder versucht auf seine Weise seinen Rahmen zu füllen. Dass diese Arbeit nie den Verdacht der Blasphemie hervorruft, liegt am Respekt, mit dem Miriam Jonas sich in akribischer Detailversessenheit und einem höchst anachronistisch anmutenden Zeitaufwand der Thematik widmet.

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Miriam Jonas, Polka Popes, 2011, Installation (Knetmasse in Konservendosen)

Sowohl die Geduld als auch die Feinheit in der Ausführung haben die Werke des 17. und des 21. Jahrhunderts gemeinsam. Konzentriert sich Poelenburgh zwar auf die Darstellung des Petrus, dem die Komplexität des späteren Papsttums bereits inhärent ist, so zeigt er diese, wie auch Miriam Jonas, mit all den ihm zur Verfügung stehenden, zeitgenössischen Mitteln. Frei von künstlerischer Eitelkeit ist einer der frühesten niederländischen Italianisten nämlich nicht, wenn er die Thematik nutzt, um mit Bravour alle Finessen seiner umfangreichen Künstlerausbildung dem Betrachter virtuos vor Augen zu führen. Auch Miriam Jonas erweitert das Thema in ihrem Sinne. Indem sie fiktive Bildnisse wählt, sind ihrer bildhauerischen Kreativität weit weniger Grenzen gesetzt als dies bei realen Porträts der Fall wäre. Beide Arbeiten sind damit das Ergebnis einer selbst gewählten künstlerischen Freiheit, souverän gespielt auf der Klaviatur der Kunstkritik. 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Literatur: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 328-333.

www.miriamjonas.de 

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

 

Werke der SØR Rusche Sammlung in Ausstellungen

Alles Wasser

Ausstellung vom 25. Mai – 13. Juli 2012

Verlängert bis zum 25. August 2012

Die Ausstellung “Alles Wasser” in der Mikael Andersen Galerie widmet sich ganz diesem klassischen Sujet. Kuratiert wird die Ausstellung von dem Künstler Philipp Grözinger, der in Zusammenarbeit mit Dr. Dr. Thomas Rusche, ausgewählte Positionen von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern und Werke der Niederländischen Meister des 17. Jahrhunderts aus der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, in einen Dialog stellt.

Galerie Mikael Andersen Pfefferberg, Haus 4 Christinenstrasse 18/19 10119 Berlin

http://www.mikaelandersen.com/

 

Atelier + Küche =

Labore der Sinne

12. Mai bis 16. September 2012

Sie sind Orte der Produktion sinnlicher Erlebnisse und Stätten von Experiment und Krea- tivität: Künstleratelier und Küche verbindet als „ Labore der Sinne“ eine bemerkenswerte Nähe. Erstmals führt Marta Herford diese beiden Arbeitssphären in einer rund 400 Jahre Kunstgeschichte umspannenden Ausstellung zusammen. Zeitgleich zur dOCUMENTA (13) in Kassel untersucht das Team um Roland Nachtigäller die Bedeutungen und Darstellun- gen von Atelier und Küche quer durch die Kunstgeschichte bis in die Gegenwart.

Otto Marseus van Schrieck Küchenstilleben mit Fischen und Blumenkohl, 1654 Öl auf Zinnplatte 14,6 x 19,5 cm SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Frederike Walter & Dieter Mammel, Atelierziege, 2007, mixed Media, 120 x 400 x 50 cm, SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Gehry Galerien Marta Herford Gobenstraße 2–10, D-32052 Herford

Di – So und an Feiertagen 11-18 Uhr, jeden 1. Mi im Monat 11-21 Uhr

Eros & Thanatos

28. April verlängert bis zum 02. Juni 2012

WERKSCHAU Spinnereistraße 7 / Halle 12, 04179 Leipzig Di bis Sa 11 bis 18 Uhr

www.spinnerei.de

Erotik und Tod, Liebe und Gewalt sind nicht nur zwei Pole menschlicher Existenz und Welterfahrung. Vielmehr verschränkt sich beides auch vielfältig und ist dann in subtilen Mischformen gleichzeitig präsent. Immer wieder gibt es Kippmomente zwischen Eros und Thanatos. Und viele Künstler haben sich gerade dafür interessiert.

Die SØR Rusche Sammlung bietet mit ihren zwei Schwerpunkten, der Niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts und der Gegenwartskunst, eine besondere Möglichkeit, die Inszenierung solcher Kippmomente über die Zeiten hinweg zu zeigen. Dabei lassen sich sowohl überzeitlich gültige Motive entdecken als auch epochenspezifische Konstellationen als solche erkennen. Die Ausstellung wird sich einerseits klassischen Themen wie der Angst vor vanitas – der Vergänglichkeit des Schönen und Erotischen – oder dem Rausch und seinen Folgen widmen. Andererseits aber stellt sie ein Motiv wie den Wald vor, das auf den ersten Blick wenig mit Liebe oder Tod zu tun hat, bei genauerer Betrachtung aber umso vielschich­ tiger Aspekte von beidem zum Ausdruck bringt.

Kuratiert wird die Ausstellung von Studierenden der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe unter Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Ullrich. Die Ausstellung findet auf Ein­ ladung der SpinnereiGalerien statt.

SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Gelton Toussaint Die Göttin Diana, um 1660, öl auf Holz, 13,6 × 16,6 cm © SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

 

Positionen der Ausstellung von folgenden Künstlern:

Nobuyoshi Araki / Elvira Bach / Tilo Baumgärtel / Jacobus Biltius / Christoph Blawert / Abraham Bloemaert/ Katia Bourdarel / Richard Brakenburgh / Cecily Brown / Rafał Bujnowski /Jochem Govertsz Camphuysen / Jacques Adolphsz Claeuw / Pieter Codde / Joos van Craesbeek / Philip van Dijk /  Martin Eder / Marcel van Eeden / Marcel Eichner / Wolfgang Ellenrieder / Tom Ellis / Joachim Elzmann / Tracey Emin / Pavel Feinstein / Pius Fox / Pieter Fris / Martin Galle / Alexander Gering / Johannes Glauber / Petrus van Hattich / Reinier de la Haye /  Samuel van Hoogstraten / Julius Hofmann / Helge Hommes / Johannes Hüppi / Michał Jankowski / Oda Jaune / Sabrina Jung / Ruprecht von Kaufmann / Thomas de Keyser / Michael Kirkham / Kai Klahre / Anna Kott / Marianna Krueger / Paweł Książek / Zofia Kulik / Alicja Kwade / Corinne von Lebusa / Dominik Lejman / Via Lewandowsky / Carina Linge / Johannes Lingelbach / Dirck van der Lisse / Rosa Loy / Christoffel Lubieniecky / Martin Lütke / Gerrit Lundens / David Lynch / Cornelis van Meulen / Franz van Mieris II / Willem van Mieris / Markus Muntean & Adi Rosenblum / Michiel van Musscher / David Nicholson / Adriaen van Nieulandt / Hanna Nitsch / Jürgen Noltensmeier / David O’Kane / David Ostrowski / Justine Otto / Jochen Plogsties / Agnieszka Polska / Hendrik Gerritsz. Pot / Jan Anthonisz van Ravensteyn / Louis Renzoni / Arno Rink / Matthieu Ronsse/ Nadin Rüfenacht / Rigo Schmidt / Norbert Schwontkowski / Tanja Selzer / Hendrik Martensz. Sorgh / Johannes Spilberg d. J. / Adriaen van Stalbemt / Norbert Tadeusz / Tal R / Jan Tengnagel / David Teniers d. J. / Alexander Tinei / Jacob Toorenvliet / Gelton Toussaint / Rombout Jansz. van Troyen / Werner Tübke / Markus Uhr / Pieter Verelst / Daniel Vertangen / Steve Viezens / Miriam Vlaming / Herbert Volkmann / Cornelis van der Voort / Gerrit van Vucht / Moyses Wtenbrouk / Jürgen Wolf /