Innen, außen, hülle, kern – ein interview mit der künstlerin birgit dieker

Birgit Dieker, Anita, 187 cm, 2011, Photo by Jürgen Baumann

Woher kommt die große Faszination am menschlichen Körper?

Eigentlich ist es das klassische Thema der Bildhauerei. Es macht mir Spaß, mich mit so sinnlichen Formen zu beschäftigen. Der Körper hat skulptural gesehen, einfach so wahnsinnig viel zu bieten. Auf der anderen Seite, kommt dem Körper heutzutage so viel Bedeutung zu. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft: Jung sein, fit sein, das Beste aus sich rausholen – darauf kommt es an. Da bleibt der Körper nicht unverschont – ganz im Gegenteil! Alt werden wollen alle, aber nicht alt aussehen. Der Körper wird längst nicht mehr als unveränderbar hingenommen. Er muss sich an Bildern messen, wird von äußeren Einschreibungen bestimmt. Mich interessiert das Verhältnis von Körper und “Seele”, von äußerer Form und innerem Zustand.

Die Materialien die Du benutzt sind meistens Stoffe, Haare und Leder, also alles Materialien die den Körper schützen.

Das stimmt. Alles was der Haut ähnelt, mit ihr zu tun hat oder ihr nah ist. Wobei es auch eine Reihe anderer Materialien gibt, wie z.B. Rettungsringe, Tauwerk, Bojen, Gehörne oder Klempnerrohr.

In den letzten Jahren habe ich besonders viele Skulpturen aus Klamotten gemacht. Kleidung als Inbegriff für die zweite Haut, als Grenzmetapher zwischen Innen und Außen, zwischen Selbst und Welt ist für mich ein passender Werkstoff. Körper und Kleid stehen in einem sehr engen Verhältnis, so dass man sie auch als wechselseitige Stellvertreter sehen kann. Körper und Kleid berühren sich, der Körper gibt seine Form an das Kleid ab, und das Kleid umspannt, umspielt die Körperformen. Die Kleidung dient aber auch als Schutz und zur Inszenierung des Selbst. In der frühen Volksmedizin, im Aberglauben oder Voodoo sind Ersetzungshandlungen mit Klamotten gang und gäbe. Je näher ein Kleidungsstück am Körper war, desto mehr Kräfte hat es. Kleider von Heiligen oder Helden haben besonders viel Heilkraft, weshalb sie auch in Reliquien aufbewahrt werden.

Birgit Dieker, Seelenfänger, 2005, ca. 350 cm, Photo by Jürgen Baumann

 

Anita heißt eine Arbeit von Dir. Was hat es mir dieser Anita auf sich?

Anita ist eine Poserin. Will die Blicke auf sich ziehen, was ihr auch gelingt. Sie ist glamourös, sexy. Doch gibt es auch die aufgebrochenen Stellen, die Löcher, die wie Verletzungen anmuten. Die Blicke gehen tief, tiefer, als ihr lieb ist. Sie wird bloß gestellt. Der kokonhafte große Kopf – ist das ein Helm, eine Frisur oder das Ende einer Raupe? Anita hat was Insektenhaftes. Das Prinzip der Verpuppung, der Metamorphose, dass im Inneren etwas anderes sich entwickeln kann, als außen gezeigt wird, finde ich spannend. Die schillernden Pailletten, die auch wie Schuppen anmuten oder eine Rüstung stehen im Gegensatz zu dem immer dunkler und stumpfer werdenden Stoffklumpen innen. Die Hände stecken fest in diesem Raupenkopf, Beine struppig und haarig wie bei Spinnen, sitzt Anita wie ein aufgespießtes Insekt auf ihrem Barhocker.

Birgit Dieker, Anita, Detail-Aufnahme, 2011, Photo by Jürgen Baumann

Wer stand Muse für die Anita?

Anita Berber. Die berühmte Nacktänzerin aus den 1920er Jahren. Ein Leben voller Drogen und Skandale. Die Leute waren heiß auf sie, wollten Entertainment, und ihre nackte Haut. Dabei hatte sie hohe künstlerische Ansprüche, an diesem Paradox ist sie letztendlich auch zerbrochen.

Birgit Dieker, Bob, 2004, Menschenhaar, Schafwolle, Füllmaterial Styropor, Photo by Thomas Jautschus

Beschäftigt Dich auch das Innere des Körpers, wie z. B. das Gehirn?

Klar. Innen, Außen, Hülle, Kern – das ist mein Thema. Die Organe sind für mich Metaphern für unser Innenleben. Kulturhistorisch gesehen, zumindest in Europa, galt lange Zeit das Herz als Sitz der Seele. Heutzutage wird der Kern unseres Selbst eher im Gehirn gesucht. Wobei er sich doch im tiefsten Inneren des Brustkorbs oder auch mal in der Magengrube anfühlt, verborgen, unter Schichten, Schalen, oder Mauern. Neurophysiologisch gesehen ist auch das Gehirn nichts anderes als eine Rinde. Unser Kern befindet sich also an der Peripherie. Beim Embryo bilden sich Haut und Hirn aus der gleichen Membran, dem so genannten Ektoderm. Streng genommen sind beide Oberflächen. Das finde ich enorm spannend. Wie wichtig die Haut ist! Für den Embryo und den Säugling ist sie das wichtigste Kommunikations- und Kontaktorgan. Hier macht er die Erfahrung seiner eigenen Begrenzung, aber auch erste Lust- und Unlustgefühle. Auf diese Erfahrungen basiert die enge Verbindung von Hautempfindungen und seelischen Zuständen.

Ist es denn so, dass Du für Deine Skulpturen nur von Dir getragene Kleidung nutzt?

Nein, überhaupt nicht. Bisher gibt es nur zwei Skulpturen mit meinen Klamotten. Eins davon ist das Selbstporträt “Ei Ei Ei”. Ich mache Porträtarbeiten aus den Kleidungsstücken der Porträtierten – persönlicher kann es gar nicht sein! Ich habe mal ein Familienporträt gemacht. Säckeweise sind mir die Altkleider der Eltern und ihrer zwei Kinder ins Atelier gebracht worden. Schwierig war nicht nur die Porträtähnlichkeit, sondern vor allem die Schnitte, die wie Verletzungen anmuten können. Bei meinem Selbstporträt war ich natürlich viel freier.

Birgit Dieker, Ei Ei Ei, 2010, Kleidung, Draht, Photo by Jürgen Baumann

Denkst Du das Künstlerinnen mehr Emotionen in ihre Arbeiten einfließen lassen als Künstler?

Mhm – kann ich nicht sagen… Aber Arbeiten von Künstlerinnen als überwiegend emotional und von Künstlern als rational einzustufen, ist meiner Meinung nach zu pauschal.

Wenn man den weiblichen Körper geschichtlich unter der Lupe nimmt, dann hat sich doch das Schönheitsideal in den letzten 300 Jahren sehr stark verändert, bei den alten Meistern war alles rund und weich und heute sind die Frauen zwanghaft schlank

Die hatten damals auch Zwänge, andere. Aber Spass hatten die Frauen auch nicht, wenn sie sich in die Klamotten zwängen mussten, sind sie reihenweise ohnmächtig geworden. Die eng geschnürten Korsetts, oder zu unbequeme Schuhe und die mächtigen Perücken haben die Frauen damals komplett bewegungsunfähig gemacht. Das war genauso bescheuert.

Birgit Dieker, Big Mummy, 2005, Leder, Nieten, Füllmaterial, Barhocker, Photo by Jürgen Baumann

Klar, aber heute malträtieren sich die Frauen doch mit ihren Diäten, Sportwahn und am Ende legen sie sich unters Messer

Männer mittlerweile auch.
Da muss man sich eigentlich mal überlegen, wie viel Zeit dabei drauf geht.

Wie steht Du zu Deinem Körper?

Mal so, mal so. Zwischen “alles halb so wild” und “Notstand”.

Demnächst kann man einen großen Auszug Deiner Arbeiten in Friedrichshafen sehen

Ja. Im Kunstverein Freihafen, in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Münsterland und der Stadtgalerie Saarbrücken. In dem Zusammenhang wird es auch einen Katalog geben, der im Distanz Verlag erscheint. Der Titel der Ausstellung ist “The Big Striptease”, eine Leihgabe von Sylvia Plath geliehen.

Literatur inspiriert Dich, gibt es bestimmte Autoren die Dich bewegen?

Das ist ganz unterschiedlich. Wie auch die Genre sehr unterschiedlich sind. Ob Lyrik, Romane, Märchen, Psychologisches, Anthropologisches oder das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens.

Du beschäftigst Dich ja unumgänglich mit Stoffen und Klamotten, ist Dir das denn privat noch wichtig?

Auf Second-Hand-Läden habe ich einfach keine Lust mehr. Das hat mit dem Geruch zu tunMein Atelier ist voll von alten Klamotten. Und zum Shoppen habe ich einfach zu wenig Zeit, leider. Mit anderen Worten, mein Kleiderschrank ist beschämend leer!

Birgit Dieker, 2012, Phot by Uwe-Karsten Günther

http://www.birgit-dieker.de/

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