100 Meisterwerke – Teil 29: Michael Triegel & Pieter Claesz

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Michael Triegel, Salome, 2011, Mischtechnik auf Maltafel, 14 x 10,5 cm, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Es ist eine dieser biblischen Geschichten, die an menschlicher Niedertracht, Rachsucht und gekränktem Stolz nicht reicher sein könnte:

Herodias heiratet – auch für das damalige Verständnis – etwas zu engmaschig innerhalb ihrer eigenen Familie. Dies und die Tatsache, dass sie für diese zweite Ehe ihren ersten Gatten willentlich verlässt, kritisiert Johannes der Täufer.

Herodias vergisst ihm diese Zurechtweisung nicht. Da ihr nun angetrauter Ehegatte, Herodes (Aufmerksamkeit muss man walten lassen, um die Namen der beiden Neuvermählten nicht zu verwechseln!), sich jedoch weigert, Johannes für dieses Verhalten hinrichten zu lassen, nutzt die gekränkte Herodias eine spätere, günstige Gelegenheit um Rache zu üben.

Als Salome, ihre überaus schöne und junge Tochter aus erster Ehe, eine Kostprobe ihrer bezaubernden Tanzkünste anlässlich einer Geburtstagsfeier ihres Stiefvaters Herodes darbietet, ist dieser so beeindruckt, dass er ihr folgendes Versprechen gibt: „Um was du mich auch bitten wirst, ich werde es dir geben bis zur Hälfte meines Reiches.“

Salome, unschlüssig, was sie sich wünschen solle, bittet ihre Mutter um Rat. Herodias sieht ihren Zeitpunkt gekommen und fordert den Kopf Johannes des Täufers. Herodes, zwar unangenehm von dieser Forderung berührt, kann und will sein gegebenes Versprechen nicht zurücknehmen, auch wegen der vielen Geburtstagsgäste, die seinen Ausspruch gehört haben. Er befiehlt also die Enthauptung Johannes des Täufers. Den abgeschlagenen Kopf lässt er auf einer silbernen Platte Salome präsentieren.

Die im Markusevangelium überlieferte Erzählung fasziniert über Jahrhunderte hinweg die Künstler. Sie hat ja auch alles, was eine spannende Geschichte ausmacht: Ehebruch, Liebe, Eifersucht, Verrat, Verführungskunst, Schönheit und Mord.

Richteten die Maler des 19. und 20. Jahrhunderts ihr Hauptaugenmerk vornehmlich auf die verführerisch tanzende Salome, so hatte sich zuvor eine traditionsreiche und eingängige Ikonografie herausgebildet: Salome in Halbfigur wiedergegeben und mit einer silbernen Schüssel oder Platte in der Hand, auf der das abgeschlagene Haupt des Täufers liegt.

Auf diese frühere Tradition greift Michael Triegel in seinem kleinformatigen Gemälde „Salome“ aus dem Jahr 2011 zurück. Im Hochformat, vor dunklem undefiniertem Hintergrund, erblickt der Betrachter lediglich zwei Köpfe. Mit Interesse, nahezu Neugier, neigt sich der Oberkörper der Salome vom rechten Bildrand aus nach unten. Die blonde Lockenpracht wird von einem dünnen grünen Band und einer geflochtenen Strähne zusammengehalten, sodass ihr zart geschnittenes Gesicht in all seiner Jugendlichkeit und Schönheit zur Geltung kommt. Sie trägt ein bauschiges hellrotes Kleid, das am Ausschnitt durch einen grünen und weißen Stoffstreifen akzentuiert wird. Über der vom Betrachter abgewandten rechten Schulter liegt ein gelber Umhang.

Der abgetrennte Kopf des Johannes, dem sich die junge Frau zuwendet, liegt horizontal mit dem Gesicht nach oben auf dem unteren Bildrand auf. Die wirkliche Auflage bleibt jedoch verborgen. Das nach oben gedrehte Antlitz wird von kastanienbraunem Haar, das in leichten Wellen geformt ist, gerahmt und von einem Vollbart akzentuiert. Der Mund ist sanft geschlossen, die Augenlider scheinen ein wenig geöffnet zu sein. Friedlich, fast schlafend, wirkt dieses elegante Männergesicht. Durch den Verzicht auf die Darstellung der klaffenden Halswunde wird dieser Eindruck auch nicht gestört.

Wie nah verwandt scheint diese zeitgenössische Salome hier ihren Cranachschen Schwestern des 16. Jahrhunderts zu sein, die ebenfalls, elegant gekleidet und schön frisiert, meist weniger entsetzt als erstaunt und neugierig das Ergebnis ihres makabren Wunsches betrachten.

In altmeisterlicher Lasurentechnik beschäftigt sich der zeitgenössische Künstler Triegel adäquat mit diesem kunsthistorisch traditionsreichen Thema. Durch das radikale Weglassen jeglicher Umgebung betreibt er jedoch eine noch strengere Fokussierung auf die beiden Protagonisten, als es frühere Maler getan hatten, und lenkt die Aufmerksamkeit auf das allgemein Menschliche.

Zwar dem biblischen Kontext entnommen, scheint der Künstler hier sehr zeitaktuelle Fragen innerhalb der Salomethematik zu behandeln: Gilt ein Versprechen unter allen Umständen? Ist der Mensch wirklich frei in seinen Entscheidungen? Darf man das eigene Liebesglück über alles stellen? Dürfen Familienmitglieder für die eigenen Ziele eingesetzt werden? Wie sehr darf das Privatleben der Mitmenschen auf Grundlage eigener Moralvorstellungen kritisiert werden? Und darf eine Bluttat überhaupt in ästhetisch ansprechender Weise dargestellt werden?

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Pieter Claesz, ,,Ontbijtje mit Römer und Fisch“, 1640, Öl auf Holz, 47,5 x 64 cm, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Auch in früherer Zeit wurden Bildthemen, die vordergründig klar und eindeutig erschienen, mit hintergründigen Inhalten gefüllt, die sich erst nach näherer Beschäftigung erschlossen. So ist die niederländische Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts sicherlich ein grandioses Beispiel für die meisterhafte Darstellung von Oberflächen, Stofflichkeiten oder kostbaren Gegenständen, die in ihrer Wirklichkeitsnähe das Betrachterauge erfreuen und erstaunen sollten. Wem liefe nicht das Wasser im Munde zusammen bei so manch dekorativ angerichtetem Imbiss? Wer wollte nicht über die kühle Oberfläche des weißen Damasttischtuches streichen um die kleinen Liegefalten glatt zu streichen?

Mit scheinbarer Nonchalance evozieren diese Stillleben den Eindruck der momenthaften Zufälligkeit. In Wahrheit ist jede dieser Tafeln ein Meisterwerk an kluger Durchdachtheit und genau arrangierter künstlerischer Ordnung, die jedoch stets über die rein dingliche Darstellung der Objekte eine tiefere Sinnebene erfüllt.

Auf brillante technische Weise stellt auch das „Ontbijtje mit Römer und Fisch“ von Pieter Claesz aus dem Jahr 1640 dem Betrachter ein kleine, nicht zu üppige, Zwischenmahlzeit mit wohldosiert ausbalancierten Geschmacksnuancen zusammen: Zartes Fischfilet wird ergänzt durch eine säuerliche Zitrone, herbe Oliven, neutrales Brot und süßen Wein. Auf optischer Ebene wird ein geschmackliches Feuerwerk entfaltet. In schönem, aber nicht übertrieben feinem Porzellan und Silbergeschirr werden die Speisen serviert. Der Wein funkelt in einem rustikalen Römer. Auf elegante Weise feiert dieses Stillleben den Genuss, der über das visuelle Erleben die anderen Sinne anspricht: kostbare Tischwäsche, die die Tafel nur halb verdeckt, um den schönen Kontrast zum Holz erkennbar zu lassen, glänzender Lachs, sich im Silber matt spiegelndes knuspriges Brot, dekorativ geschälte Zitrusfrüchte, volle Gläser und kunstvoll drapierte Weinranken ergeben zusammen mit dem illusionistisch über die Tischkante hinausragenden Messer, das man am liebsten ergreifen möchte, damit der Oliventeller nicht noch weiter ins Kippen gerät, einen wahren Augenschmaus.

Und doch ist diese Art des Stilllebens auch ein Motiv, das dem Menschen die fragile Zerbrechlichkeit des kostbaren eigenen Daseins vor Augen stellt.

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Pieter Claesz, ,,Ontbijtje mit Römer und Fisch“ (Detail), 1640, Öl auf Holz, 47,5 x 64 cm, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Wer hat diese liebevoll arrangierte, aber auch leicht verderbliche Mahlzeit anscheinend vorzeitig und so abrupt verlassen, dass er weder Zeit hatte, den Fisch zu probieren noch den Wein zu kosten? Sogar der Oliventeller ist gefährlich ins Wanken geraten, ob der Schnelligkeit des Aufbruchs.

Dieses Ontbijtje ist damit nicht nur ein hochdekoratives und schön anzuschauendes Tafelgemälde, sondern auch ein Spiegel für die Endlichkeit, die zu einem Zeitpunkt einsetzt, den kein menschliches Leben kennt. Vanitas ist der Begriff, der die Vergänglichkeit und zeitliche Begrenztheit alles irdischen Daseins beschreibt und damit im größtmöglichem Kontrast steht zum eigentlichen Wunschempfinden des Menschen: „Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit,“ schrieb Friedrich Nietzsche in genauer Kenntnis der menschlichen Natur.

In subtiler Weise stellt dieses Stillleben vermutlich die Frage nach der größten Herausforderung des Menschseins: Kann man Glück empfinden, sich Genuss gestatten, lieben und sich freuen im stetigen Bewusstsein der absoluten Unwissenheit darüber, wann all dies ein Ende findet?

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

Lit.: Teresa Bischoff: Gute Kunst? Wollen! Eine kritische Untersuchung der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Leipzig 2015.

 

Ausstellungstipp:

www.angermuseum.de

Angermuseum Erfurt: Michael Triegel. Discordia Concors. Bis 17.02.2019.

 http://soer.de

http://instagram.com/soer_rusche

 

 

 

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