100 Meisterwerke – Teil 25: David Schnell & Jan Josephsz. van Goyens

 

Van Goyen, Jan Josephsz, „Dorflandschaft mit gotischer Kirche“, 1654, Öl auf Holz, 42,5 x 56, 7 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung  Oelde/Berlin

Van Goyen, Jan Josephsz, „Dorflandschaft mit gotischer Kirche“, 1654, Öl auf Holz, 42,5 x 56, 7 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Friedlich geht es zu in Jan Josephsz. van Goyens Gemälde „Dorflandschaft mit gotischer Kirche“. Unter einem lichten, von weißen Wolken überzogenenhellblauen Sommerhimmel verrichten die Menschen im Schatten einer gotischen Kirche, die auf einer nur sanft ansteigenden Anhöhe errichtet ist, ihre Tätigkeiten.

Nah an den Betrachter herangerückt ist die in warmen Erdtönen gehaltene Bodenzone feingliedrig ausgestaltet. Eine Rinderherde stillt ihren Durst im seichten Wasser. Kleine Gruppen von Männern, Frauen und Kindern sowie ein Reiter in der rechten Bildhälfte leiten über zum Mittelgrund der Komposition. Hier befinden sich die einfachen Behausungen der Dorfbewohner, schiefgiebelig und eng aneinander gebaut. Dahinter erhebt sich auf dem kleinen Hügel, leicht nach rechts versetzt, die von zarten, hellgrünen Bäumen umstandene Kirche.

Die tiefangesetzte Horizontlinie ist nur am linken Bildrand in einer leichten sfumatohaften Verblauung erkennbar. Der weite Himmel wird nicht als leere Fläche, sondern als Raumkontinuum geschildert, erkennbar an den in der Luft fliegenden Vögeln. Vielgestaltig ragen die Silhouetten der Bäume und des Kirchdaches mit zarter Kontur in die lichte Höhe hinein und schaffen damit auch farblich einen Übergang zwischen der dunklen Erden- und der hellen Himmelzone.

Mit großer koloristischer Eleganz ohne dramatische Effekte zeigt Jan van Goyen die Schönheit seiner Heimat. Selbstverständlich war dieses Vorgehen in keiner Hinsicht. Erst im Laufe des 16. Jahrhunderts hat sich die Landschaftsmalerei langsam von einer Hintergrundfolie zur autonomen Bildgattung emanzipiert. Um als bildwürdig zu gelten, handelte es sich dabei jedoch meist um ideale oder heroische und mit historischen oder mythologischen Staffagefiguren bereicherte Kompositionen.

Auch die Landschaftsmalerei gehört somit zu den Gattungen, die im 17. Jahrhundert in den nördlichen Niederlanden nicht nur einen rasanten Aufschwung verzeichnen konnte, sondern sich hier, im Unterschied zu den anderen europäischen Kunstregionen, eigenständig und innovativ definiert hat. Landschaften, die der Betrachter aus seiner nächsten Umgebung kannte, gemalt in einer Art und Weise, wie man sie vom nachmittäglichen Spaziergang her kannte, waren neu und ungewöhnlich. „Die Aufwertung der niederländischen Küsten-, Wald-, Dorf-und Weidelandschaft zum eigenständigen Thema der Malerei gerade bei den holländischen Malern des frühen 17. Jahrhunderts wird zurecht als Ausdruck des Stolzes auf die von spanischer Fremdherrschaft befreite Heimat angesehen.“ Wobei dieses Unterfangen keineswegs leicht zu meistern gewesen war. Fehlte der holländischen Landschaft doch genau das, was eine Naturdarstellung für gewöhnlich auch nach künstlerischen Maßstäben bildwürdig machte: SpektakuläreWetterphänomene oder topografische Besonderheiten sucht man bis heute in der holländischen wolkenverhangenen Flachlandschaft meist vergeblich.

Van Goyen, Jan Josephsz, „Dorflandschaft mit gotischer Kirche“, 1654, Öl auf Holz, 42,5 x 56, 7 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Van Goyen, Jan Josephsz, „Dorflandschaft mit gotischer Kirche“ (Detail), 1654, Öl auf Holz, 42,5 x 56, 7 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der Nachfrage tat diese Einfachheit der Bilder keinen Abbruch. Sie stieg vielmehr im Lauf des 17. Jahrhunderts so sehr, dass viele Maler unterschiedliche Methoden der Rationalisierung perfektionierten, um den Markt bedienen zu können. Samuel van Hoogstraten berichtet aus der zeitgenössischen Kunstszene von 1678 in der Manier antiker Künstlerwettstreite, nach welchen die Größe eines Künstlers sich im Konkurrenzkampf mit anderen Großen zeigt, auchund gerade auf dem Felde der malerischen Ökonomie:

„Ich muss Euch von einem Wettstreit dreier besonders begabter Maler erzählen. Zu Beginn dieses Jahrhunderts waren die Wände in Holland noch nicht so dicht mit Gemälden behangen wie heute. Dieser Brauch setzte sich aber täglich mehr und mehr durch, was etliche Maler tüchtig dazu anspornte, sich das Schnellmalen anzugewöhnen, um möglichst jeden Tag ein Bild kleinen oder großen Formats herzustellen. Auf der Suche nach Gewinn und Ruhm schlossen die drei die Wette, an einem Tag, solange die Sonne schien, ein Stück zu malen, das an Güte und Wert die anderen übertreffen sollte.“

Einer der drei Kandidaten war Jan van Goyen, „der auf ganz andere Weise zu Werk ging, indem er nämlich seine ganze Tafel zunächst einmal grob vollschmierte, hier hell, dort dunkel, mehr oder weniger wie ein gestreifter und gefleckter Achat oder wie marmoriertes Papier. Und dann begann er darin allerlei kleine Motive zu suchen, die er mit wenig Mühe und vielen kleinen Tupfen sichtbar machte (…).“

Das Ergebnis dessen, was Hoogstraten hier beschreibt, gilt vielen heute als der Inbegriff einer gelungenen holländischen Landschaftsmalerei. Jan van Goyen ist der Hauptvertreter dieser tonalen Malerei, deren Farbpalette bewusst begrenzt gehalten wird und die ihre Eleganz und Schönheit aus ihrer Homogenität schöpft. Weder spektakuläre Frosch- oder Vogelperspektiven noch harte Farb- oder Formkontraste werden gewählt, vielmehr lädt der leicht bewölkte Himmel, der ein besonders subtiles Spiel von Licht und Schatten entstehen lässt, den Betrachter zu einem visuellen Spaziergang ein. Felsen, Häuser oder Bäume dienen als Haltepunkte in den atmosphärisch weitgespannten, von sanftem Licht durchfluteten Gemälden. Die tief gezogene Horizontlinie lässt dafür viel Raum und begrenzt die Erdenzone auf einen schmalen Streifen, was wiederum dem rationalisierten Malprozess zuträglich ist.

Die Vielzahl der Landschaftsgemälde, allein von van Goyen sind um die 1200 überliefert, liegt sicherlich auch in der Tatsache begründet, dass diese Bilder, neben dem Stolz auf die heimische Landschaft, tatsächlich die Funktion hatten,als Ersatz für reale Reisen in die nähere Umgebung zu gelten. „Der Künstler unternimmt solche Ausflüge stellvertretend für sein Publikum, trifft eine Auswahl und definiert, was sehenswert ist. Es gilt daher als besonderes Lob, wenn einem Künstler nachgesagt wird, die Betrachtung seiner Bilder erspare die Mühe der Reise.“

Dass Reisen das Auge schult,steht außer Frage. Das galt vor über 300 Jahren genauso wie heute. Auch David Schnell nutzt den vor dem Naturobjekt gewonnen Eindruck als Inspiration für seine stets zwischen einer konkreten Dinglichkeit und einem verführerisch freien Ansatz zur Abstraktion fluktuierenden Bilder.

David Schnell, Markt, 2012, 120 x 180 cm, Öl, auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

David Schnell, Markt, 2012, 120 x 180 cm, Öl, auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Das großformatige Gemälde „Markt“ aus dem Jahr 2012 zieht den Betrachter förmlich in die Komposition hinein. Steht bei van Goyen der Spaziergänger am Bildrand, so hat er Mühe, sich vor Schnells Arbeiten in seiner Standhaftigkeit zu behaupten.

Der Künstler bespielt dabei die gesamte Klaviatur der Kunstgeschichte. Klassisch kann man dieses Bild von der Mitte aus lesen. Hier befindet sich traditionell der Fluchtpunkt. Die vom Betrachter entfernteste Stelle ist gekennzeichnet durch ihre blaue Aufhellung. Verblauung der Ferne nennt man das Phänomen, welches bezeichnet, dass die Dinge mit wachsender Distanz zum menschlichen Auge diesem blauer erscheinen. Wagt man sich jedoch aus dem Zentrum des Gemäldes hinaus, wird man von der Schnelligkeitder sich bewegenden Formen ergriffen. Während flache, rechteckige Gebilde über dem bunten Nichts noch eine gewisse Stabilität suggerieren, haben sich einige von ihnen bereits in luftige Höhen begebenund dort mit grellgrünen Laubformationen einen Pakt geschlossen, um scheinbar über den Horizont und damit aus der Komposition hinaus zu schweben.

Traditionelle Elemente, die Schnell durch das Studium anderer Naturdarstellungen rezipiert, kombiniert er mit einem ganz subjektiven Ausdruck eines realen Seherlebnisses. Dieses durch und durch ästhetische Oszillieren zwischen allen Möglichkeitenführt zu einer klugen und tiefgründigen Schönheit, die zeitgemäßer nicht sein könnte.

Licht und Schatten, Farbnuancen, Nähe und Ferne, konkrete oder durch die Distanz sich bereits bis ins Undeutlich-abstrakte hinein auflösende Formen, Geschwindigkeit und Stillstand, Perspektive, die unserer Sehgewohnheit entgegenkommt, obwohl sie nichts mit einer berechneten Zentralperspektive zu tun hat, all das sind Elemente, die Schnells Arbeit auszeichnen.

„Kurzum: sein Auge, wie abgerichtet auf das Erfassen von Formen, die in einem Chaos aus Farben verborgen liegen, steuerte seine Hand und seinen Verstand auf eine geschickte Weise, so daß man ein vollendetes Gemälde vor Augen hatte, bevor man begriff, was er eigentlich wollte.“

Dieses so ungemein auf Schnells Arbeiten passende Zitatstammt nicht etwa aus einer zeitgenössischen Kunstkritik, sondern aus dem Jahr 1678. Hoogstraten beschrieb damit in dem eingangs erwähnten Bericht van Goyens Arbeitsweise. Gäbe es einen treffenderen Beweis, dass große Kunst nichts mit der Jahreszahl ihrer Entstehung zu tun hat, sondern stets die einzigartige Ausdrucksform eines Individuums und damit des Menschseins an sichist?

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Landschaften und Seestücke. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2001. S. 2-29/80-83

http://www.eigen-art.com/index.php?article_id=211&clang=0 (Zugriff am 19.09.2018)

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