100 Meisterwerke Teil 23 – Norbert Tadeusz & Frans Franckens II

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Frans Francken II, Die Hochzeit zu Kana, um 1630, 55 x 72 cm, Öl auf Kupfer, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Ob sie sich glücklich und wohl fühlt an diesem besonderen, feierlichen Tag lässt sich nur schwer sagen. Mittig als zentrale Hauptperson ist die Braut in Frans Franckens II Gemälde „Die Hochzeit zu Kana“ aus den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts zumindest formal hervorgehoben. Vor einer dunklen Hintergrundfolie, die sich erst nach längerer Betrachtung als ein großer, zu beiden Seiten geöffneter Baldachin entpuppt, sitzt die angehende Ehefrau kostbar geschmückt im Brokatkleid inmitten der Hochzeitsgäste. Ihr feiner porzellanfarbener Teint zieht als hellster Punkt des Gemäldes die Blicke auf sich. Das kleine Haupt, auf dem ein goldenes Krönchen sitzt, hat sie ihrem Mann zugeneigt, der neben ihr sitzt. Durch seine ihr ebenfalls zugewandte Körperhaltung entsteht eine harmonische Paarbildung.

Auf der anderen Seite der quergestellten, reich mit Delikatessen bestückten Festtafel sitzen einander zugewandt Jesus und Maria, erkennbar an ihrer schlichten, der biblischen Ikonografie entsprechenden Kleidung in Violett, Rot und Blau, sowie einem dezent angedeuteten Heiligenschein. Sie heben sich von den anderen, zeitgenössisch fantasievoll gekleideten Hochzeitsgästen jedoch nicht nur durch ihre besondere Art der Gewänder ab, sondern sind im Verhältnis auch etwas größer dargestellt.

Die Komposition des Gemäldes folgt einem strengen Schema. Während der Vordergrund sich wie eine großräumige Bühne für die vielen kostbar verzierten Wasserkannen öffnet, wird dahinter, ebenfalls das Querformat ausfüllend, in lebendiger Vielfalt, die figurenreiche Hochzeitsgesellschaft um die Festtafel gruppiert. Varietas in eleganter, noch leicht manieristisch angehauchter Formensprache findet sich aber nicht nur in der Kleidung und Körperhaltung der Anwesenden, sondern auch in den kreativ angerichteten Speisen in Form von Schwanenpasteten und üppigen Stillleben. Als beruhigende Folie hinterfängt der bereits erwähnte dunkle Baldachin mittig das farbenreiche Geschehen, während links und rechts die sich weit in die Ferne erstreckende, verblauende Hintergrundlandschaft zu sehen ist, die rechts durch eine elegante Bogenarchitektur eingerahmt wird.

Die einzig dominant handelnde Person in diesem Bild ist Jesus. Die Umwandlung des in den zahlreichen Kannen sich befindenden Wassers in Wein wird durch die befehlende Geste des ausgestreckten rechten Armes deutlich.

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Frans Francken II, Die Hochzeit zu Kana (Detail), um 1630, 55 x 72 cm, Öl auf Kupfer, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Es ist das erste Wunder, mit dem Jesus öffentlich auf sich aufmerksam macht und als Sohn Gottes vorgestellt wird: Einer bereits vermutlich seit Stunden feiernden Hochzeitsgesellschaft geht der Wein ob des übermütigen Konsums aus, woraufhin Jesus auf seine Weise für qualitativ noch besseren Nachschub sorgt.

Zahlreich sind die theologischen Interpretationsansätze dieser biblischen Erzählung: Wer auf Jesus vertraut, wird nicht enttäuscht. Vielleicht werden seine Erwartungen sogar noch übertroffen, ist eine davon. Interessant ist aber doch die Wahl des Sujets für die Darlegung der Exeptionalität Jesu. Es ist weder lebensnotwendig noch besonders vernünftig, den bereits angeheiterten Gästen krügeweise weiteren Wein zu organisieren. Dennoch tut Jesus es und gibt damit indirekt auch sein Placet zu einem Genuss und einer Lebensfreude, die momenthaft ist und keinen weiteren Nutzen verfolgt.

Es gehört mit zu den essentiellen Herausforderungen des Menschen, die Balance zu finden, ein Leben zu gestalten, das das individuelle Maß von Leichtigkeit und Pragmatismus kennt, um nicht nur nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip zu funktionieren. Vielleicht ist dieser Bewusstseinsprozess vergleichbar mit dem Hochseilakt, den der nackte Tänzer von Norbert Tadeuzs in den Aquatinta Radierungen aus dem Jahr 2003 vollführt. Hochkonzentriert vollzieht dieser Mann seine kunstvollen akrobatischen Posen in luftiger Höhe. Beweglich und plastisch modelliert sich der terrakottafarbene männliche Akt aus dem tief schwarzen Hintergrund heraus. Nahezu illusionistisch gezeichnet, suggeriert die Reduktion der Form eine reale Bewegung, die sich jedoch nur in der Fantasiewelt des Betrachterauges wirklich vollzieht.

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Norbert Tadeusz, o.T. (Akt an Seil), 2003, 100 x 70cm, Aquatinta/Kaltnadel, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Welchen Nutzen hat dieses freischwebende Tun? Welchen Sinn und Zweck erfüllt es?

Rational betrachtet natürlich keinen. Es dient dem Vergnügen dieses einzelnen Menschen in exakt diesem gegenwärtigen Moment. Nur er allein kann den Wert seines Tuns und das darin für ihn enthaltene Glück ermessen.

Auf einer anderen Ebene könnte man dem Hochzeitspaar von Frans Francken II genau dieselben Fragen stellen. Wozu dieses Fest? Wozu der Aufwand, die Mühe, das Übermaß an teuren Speisen, das Geldausgeben für einen lediglich kurzen Genuss? Und dann kommt auch noch Jesus und setzt dem ganzen die Krone auf, indem er das Wasser in Wein verwandelt.

In Zeiten eines beginnenden Jahrtausends, das von umwälzenden Veränderungen geprägt ist, deren Konsequenzen nicht im Entferntesten eingeschätzt werden können und die stets das verstörende Gefühl einer hilflosen Unsicherheit mit sich bringen, sind solche Bilder, solche Motive und Themen, die die Fähigkeit zu einer Leichtigkeit des menschlichen Daseins aufzeigen, eben doch bisweilen lebensnotwendig.

Ein Blick auf diese beiden Werke verdeutlicht, dass diese menschliche Fähigkeit durch alle Zeiten und Epochen hindurch anscheinend möglich war. Nicht nur in der Gegenwart, auch mitten im 30-jährigen Krieg als das Hochzeitsbild vermutlich anlässlich einer realen Heirat entstanden ist, hat der Mensch sich das Talent bewahrt, seine ganz eigene Form des Glücks zu finden: sei es nun inmitten einer feiernden Festgesellschaft oder allein in luftiger Höhe schwebend.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

Lit.: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 144-148.

http://soer.de

http://instagram.com/soer_rusche

 

 

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