100 Meisterwerke – Teil 19: Jan Symonsz Pynas & Christopher Thomas

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Jan Symonsz Pynas , ,,Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena”, 1610, Öl auf Holz, 81,5 x 59 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nahezu haptisch greifbar erscheint der verstorbene Jesus am Kreuz in Jan Symonsz Pynas’ Bild „Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena“ aus dem Jahr 1610. In seiner Physis fein ausgebildet, durchmisst der Leib vor dem dunklen Hintergrund strahlend hell das hochformatige Gemälde. Das von Dornen bekrönte Haupt ist vom Todeskampf ermattet zur Seite gefallen. Blutstropfen rinnen über die fahle Gesichtshaut und die geschlossenen Augen. Der Heiligenschein, das Zeichen göttlicher Auserwähltheit, wird durch die hellere Maserung des Kreuzholzes unterstrichen. Die Arme sind weit an den Querbalken gespannt, die geschundenen Hände von Nägeln durchtriebenan denen noch das geronnene Blut haftet. Sanft leuchtet das Inkarnat des schönen Oberkörpers auf. Das zarte Körperrelief ist noch kraftvoll-lebend ausgebildet, wobei die linke Körperseite durch die Kopfneigung verschattet wird, während aus der sich rechts befindlichen Seitenwunde weiteres Blut läuft. Um die Lenden Jesu windet sich ein weißes Tuch. Ein Ende bauscht sich, wie durch einen irrealen Windhauch bewegt, voluminös auf. Ein anderer Strang des Stoffes ist zwischen die schmal übereinander gelegten Beine gezogen, deren Füße mit nur einem Nagel am Kreuz befestigt sind.

Als Symbol des überwundenen Todes liegt im Vordergrund ein in Untersicht dargestellter, menschlicher Schädel. Er findet seine kompositorische Entsprechung in dem kleinen, illusionistisch gemalten cartellino mit der Aufschrift INRI, das über dem Haupt Jesu am Kreuz befestigt ist.

Da laut der biblischen Überlieferung im Moment des Todes Jesu eine undurchdringliche Nacht über die Welt hereingebrochen war, verschwindet der fast nicht erkennbare landschaftliche Hintergrund im Dunkel. Diese malerische Methode zwingt das Auge, sich auf die sichtbaren Dinge zu konzentrieren, die dadurch in ihrer Präsenz noch gesteigert werden. Die herbe Stofflichkeit weist auf Zurbarán voraus. Nah an den Betrachter herangerückt und präzise beleuchtet, werden die wenigen Bildelemente zwar vereinzelt gezeigt, verbinden sich durch ihre ikonologische Zusammengehörigkeit aber doch zu einer Bilderzählung.

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Jan Symonsz Pynas , ,,Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena” (Detail), 1610, Öl auf Holz, 81,5 x 59 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Rechts unter dem Kreuz kniet Maria Magdalena. Mit gefalteten Händen blickt sie zum Haupt des Verstorbenen empor. Über das nur in Profilansicht gezeigte, andächtig blickende Antlitz rinnen große Tränen, die den Blutstropfen im Gesicht Jesu entsprechen. Um ihr dunkles, langes Haar hat sie ein weißes Tuch geschlungen. Zu ihrer hellen Bluse trägt sie ein braunes Mieder und einen weitfallenden Rock gleicher Farbe mit Granatapfelmuster. Ihr rechter nackter Fuß wird unter dem Gewand sichtbar und ist mit den Zehenspitzen aufgestützt. Vor ihr steht das zur Magdalenenikonografie gehörende Salbgefäß.

Die Darstellung Jesu am Kreuz ist eines der häufigsten Bildmotive seit dem Mittelalter. Es stellt eine aus dem Passionsgeschehen extrahierte Szene dar, die als Andachtsbild den Gläubigen zur compassio anregen sollte. Durch das Bild wird das Leben Christi nicht nur illustrierend vor Augen gestellt, sondern macht Jesus als Mensch in seinem Leiden nahbar.

Die pointierte Konzentration auf essentielle menschliche Gefühle ist das ureigene Merkmal von Andachtsbildern. Während Maria-mit-Jesuskind-Darstellungen auf das Moment der Mutterliebe abzielen, vermitteln Kreuzigungs- oder auchPietà-Darstellungen das Leid des Todes im Spiegel des Mitleids. Die sinnliche Schönheit des Körpers Jesu im vorliegenden Gemälde stellt dabei keinen Widerspruch dar. Sie zeigt zum einen die menschliche Natur des Gottessohnes, zum anderen, dass er mit seinem Opfer den Sieg über den Tod errungen hat.

Kreuzigungsdarstellungen waren zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein wichtiger Bestandteil im ökonomischen Werkschaffen vieler Künstler. Jan Symonsz Pynas gehört zur Generation der sogenannten Prä-Rembrandtisten, einer Gruppe von Malern, die im Umkreis Pieter Lastmanns arbeiteten. Wie dieser große Vorgänger und Lehrer Rembrandts, hielt sich Pynas von 1605 bis 1607 in Rom auf und konnte dort als einer der ersten Künstler Europas überhaupt einen Blick auf einen der revolutionärsten Maler der Kunstgeschichte werfen: Caravaggio. Unverkennbar ist im vorliegenden Bild die Verwandtschaft der Magdalena mit der italienischen Vorgängerin. Caravaggio hatte sie nur wenige Jahre zuvor in so realistischer Weise dargestellt, dass Giovanni Pietro Bellori später meinte, wenn man ihr das Salbgefäß wegnehmen würde, sähe sie aus wie ein einfaches, römisches Mädchen, das sich das Haar trocknet. In der ergreifenden Schlichtheit ihrer Anteilnahme steht die niederländische Magdalena ihrer italienischen Schwester nicht nach. Sie wird jedoch in eine komplexere Bilderzählung eingefügt, die zugleich ungewöhnlich reduziert ist.

Für diese Zeit einmalig, verzichtet Pynas auf die Darstellung des Johannes und beschränkt die Assistenzfiguren unter dem Kreuz auf die trauernde Magdalena. Ohne Ablenkung kann sich der Betrachter ausschließlich auf die mitfühlende Beziehung von Magdalena und Jesus und ihre sichtbare Zwiesprache konzentrieren. Magdalena ist nicht eine unter Vielen, sondern die nahbare Vermittlerin zwischen der menschlichen und göttlichen Sphäre. Der Betrachter wird eingeladen, sich mit ihr in das Heilsgeschehen Christi einzufühlen.

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Christopher Thomas, Passion #55, 2010, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der Münchner Fotograf  ist ebenfalls ein Meister der reduzierten Komposition. In seinem Vorgehen ist er noch radikaler als Pynas: Seine Fotografie zeigt vor dunklem Hintergrund nahsichtig eine zu Boden gesunkene Gestalt, deren Gewand sie vollkommen umhüllt. Dabei handelt es sich um die 55. Fotografie einer aus knapp 60 Aufnahmen bestehenden Bildserie der Passion Christi. Christopher Thomas begleitete mehrere Wochen die Proben zu den alle 10 Jahre in Oberammergau stattfindenden Passionsspielen. Laienschauspieler führen dort dem Publikum eindrucksvoll die letzten 5 Tage im Leben Jesu vor Augen. Den Fotografen interessierten bei seinem künstlerischen Vorgehen weniger die großen Massenszenen, sondern der einzelne Mensch und sein Verhalten angesichts der Kreuzestragödie.

Der Künstler zeigt eine sich vor Trauer niedergebeugte Person. Durch das verborgene Gesicht ist nicht klar erkennbar, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Die Abfolge der Fotoserie legt jedoch nahe, dass es sich um Maria Magdalena handelt. Sie weint in das blutverschmierte Leintuch, das noch die Spuren des Märtyriums zeigt. Jesus ist bereits vom Kreuz genommen und wird zu Grabe getragen. Das Berühren dieses Tuches wirkt wie die Ersatzhandlung einer nun nach dem Tode Jesu nicht mehr möglichen, tröstlichen Berührung. Dabei verbindet sich das Leinentuch Jesu mit dem Gewand der Magdalena. Dies erscheint wie eine Metapher für ihre sich völlig mit dem Leiden Christi identifizierende, physische Trauer.

Monumental, konzentriert und in seiner klaren Gestik sofort verständlich, kulminiert das gesamte Passionsgeschehen in einer menschlichen Gestalt. Dieser überindividuellen Darstellung menschlicher Trauer kann sich der Betrachter nicht entziehen. Unwillkürlich empfindet man Mitleid. Wurde diese compassio von solchen Bildern in früheren Jahrhunderten explizit gefordert, so erscheint sie uns heute fast unangenehm oder zumindest verstörend. Christopher Thomas bricht mit einer rein ästhetischen Rezeption seiner Fotografien, deren Wirkmacht größer ist, als es die unmittelbare Darstellung erwarten lässt. Dass es sich bei den abgebildeten Dargestellten um Schauspieler handelt, erzeugt eine inhärente Rezeptionsschwelle, die den Wahrnehmungsprozess zusätzlich verkompliziert. Trotzdem kann sich der zeitgenössische Betrachter der aufwühlenden transzendentalen Dimension der Fotografie nicht entziehen, was vermutlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass Christopher Thomas seine drastische Formensprache aus dem Repertoire früherer Andachtsbilder schöpft: die brutale Nahsicht der kauernden Person, die im dunklen Schwarzweiß der Komposition erschreckend roten Blutflecken als einzige Farben oder die totale Verschattung des Hintergrundes, vor der die ausgeleuchtete Haptik des groben Leinenstoffes spürbar wird.

Wird der Betrachter mit dieser zeitgenössischen Fotografie unvermutet neben der ästhetischen auch mit einer religiösen Rezeptionsebene konfrontiert, so liegt der Fall bei Pynas‘ Darstellung genau umgekehrt. Der niederländische Maler zeigt nicht nur ein zur compassio aufforderndes, biblisches Geschehen, sondern schafft in der Darstellung des wohlgeformten, nackten Jesuskörpers, der raffinierten Ausleuchtung des Geschehens und der klugen Anordnung der asymmetrischen Komposition ein ästhetisch wirkendes Kunstwerk, das eine große Freude am Schauen hervorruft.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 350-354.

www.christopher-thomas.de (Zugriff am 12.3.2018)

 

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

 

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