100 Meisterwerke – Teil 16: Alicja Kwade & Jacob Duck

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König Balthasar, Jacob Duck, entstanden zwischen 1628 und 1655,  87 x 68 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

In seinem zielgerichteten Vorwärtsstreben hält der edel gekleidete Mann nur für einen kurzen Moment inne und blickt den Betrachter über seine linke Schulter mit konzentriertem, jedoch nicht ungehaltenem, Gesichtsausdruck an. In Anbetracht der wichtigen Mission, in der sich König Balthasar befindet, ist sein Verhalten jedoch nachvollziehbar. Kostbarste Geschenke wollen er und seine weisen Mitstreiter aus dem Morgenland dem neu geborenen Gottessohn darbringen. So steht es im Matthäusevangelium geschrieben:

Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. Mt 2, 9-11

Caspar, Melchior und Balthasar, wie die weitgereisten Könige der Überlieferung nach heißen, sind nach den Hirten die Nächsten, die das göttliche Kind mit eigenen Augen betrachten dürfen. Sie werden Zeugen eines wahrhaftigen Wunders. 

Noch ist König Balthasar jedoch nicht am Ziel seiner Reise angelangt, umso verständlicher wirkt das ungeduldige Vorwärtsdrängen dieser von Jacob Duck nahezu in Lebensgröße ausgeführten Halbfigur. Eine intensive Spannung liegt in diesem kurzen Moment des Innehaltens, der in barocker Manier an den Betrachter nah herangerückt wird. So nah, dass man die Kostbarkeit aller Materialien erkennen kann. Fest umklammert hält Balthasar den aus schimmerndem Gold gearbeiteten Buckelpokal. Nicht verleugnen kann der Künstler Jacob Duck in der minutiösen Detailverliebtheit der Darstellung dieser Gabe seine vormalige Ausbildung zum Goldschmied. Von einem goldenen Licht durchwirkt scheint aber auch die Kleidung zu sein, mit der der König diesem anderen, neuen König seinen Respekt zollt. Fast haptisch erfahrbar fällt der üppige Stoff des Umhangs über den Arm und füllt damit jene Lücke zwischen Betrachter- und Bildraum nahezu illusionistisch aus. In großzügigem Volumen wechseln sich verschattete Faltenpartien und glänzend gehöhte Erhebungen ab. 

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König Balthasar (Detail), Jacob Duck, entstanden zwischen 1628 und 1655, 87 x 68 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Kontrastreich in ihrer realitätsnahen Altersdarstellung streckt sich unter dem ausladenden Stoff die linke Hand nach vorn. Nicht nur für die formale Struktur des Bildaufbaus ist sie in ihrer Rahmen nachzeichnenden, rechtwinkligen Haltung relevant: sie ist richtungsanzeigend und beschützt mit der latent abwehrenden Geste die teure Gabe in der anderen Hand. Vorsichtig tariert sie zudem die Balance der in ihrem Bewegungsablauf Halt machenden Figur aus. 

Am Handgelenk wird ein Teil des zarten weißen Stoffes sichtbar, der im Brust- und Schulterbereich als fein plissiertes Hemd erkennbar wird, über dem der König eine graue Jacke trägt. Angestrengt und leicht erschöpft wirkt das von einigen Falten und Furchen durchzogene, von einem Vollbart umrahmte, sprechende Männergesicht mit den fragenden Augen. Der ausladende, leicht schräg gedrehte, silbrig weiße Turban auf seinem Haupt wird von einer Zackenkrone bedeckt.

Meisterhaft versteht  es  der in Utrecht geborene Maler, an einer einzigen Figur die gesamte Komplexität einer der schönsten und bekanntesten biblischen Geschichten zu erzählen, wobei das wundersame, lenkende Leuchten des Sterns lediglich durch einen grafischen Lichteinfall angedeutet ist. Nur auf einen König konzentriert und dadurch herausgelöst aus der üblichen Ikonografie der Anbetung des Kindes durch die Hl. Drei Könige, wählt Jacob Duck die größtmögliche Intensität, indem er den Geschichtsablauf sowohl formal als auch inhaltlich bricht. Nicht mehr überhöht und distanziert ist das Geschehen der Anbetung gezeigt, sondern menschlich und nahbar der Moment davor: Aus dem bisweilen fast überirdisch anmutenden Weisen aus dem Morgenland wird ein älterer, leicht angestrengter Mann, der trotz der weiten Reise seine beste Kleidung trägt und mit ängstlicher Entschlossenheit auf das teure Geschenk achtet, das er als Willkommensgruß für das Jesuskind bereithält. Diese einfache Sicht auf das göttliche Wundergeschehen ist das Anrührende an diesem Gemälde. Der luxuriös-elegante Umgang mit den Stofflichkeiten ist hierbei kein Widerspruch, sondern eine anmutige, niederländische Beigabe zu dem von Caravaggio stark inspirierten italienischen Verismus. 

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Alicja Kwade, Kohle, 2006, 77 Kohlebriketts mit 24 Karat vergoldet, Courtesy SØR Rusche Sammlung, Oelde/Berlin

 

Die zeitgenössische Künstlerin Alicja Kwade wählt einen ähnlichen Weg, scheinbar Gegensätzliches miteinander in Verbindung zu bringen. 77 Kohlebriketts mit den handelsüblichen Maßen 5 x 6,8 x 17,3 cm hat sie mit Gold überzogen und auf einem Sockel gestapelt. Erinnert dieses Vorgehen an alchemistische Versuche, aus unedlen Stoffen edle zu machen, war diese Sensation der Luxurierung eines billigen Alltagsgegenstandes durch Gold im Jahr 2006 sogar der  Zeitung Bild einige Zeilen wert. Als „die Frau, die aus Briketts Gold macht“ wurde die Künstlerin damals betitelt. In dieser leicht verfälschenden Aussage steckt der alte Wunsch etwas zu können, was der Mensch bekanntermaßen bis heute nicht vermag: Gold herzustellen. 

In einer Zeit, in der fast alles möglich scheint und sogar der Mensch Konkurrenz bekommt durch künstlich erzeugte Intelligenz in menschlicher Robotergestalt, bleibt die Goldherstellung immer noch Utopie. Und so steht dieses Material wie kein anderes für Seltenheit, Schönheit, Luxus, Wert und Beständigkeit. Gold ist der Inbegriff der Kostbarkeit; eine Tatsache, derer sich bereits Goethe in seinem Faust bewusst war, wenn er schrieb: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles!“ 

Auch Alicja Kwade kann kein Gold erzeugen. Sie nutzt es. Sie legt ironisch den Finger in die alte Wunde der, den Menschen so leicht täuschenden, Oberfläche, die sich in unserem Sprichwort: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ am deutlichsten ausdrückt. Unter der sehr dünnen Goldschicht versteckt sich weiterhin die schmutzige, schwarze, zwar nützliche, aber profane Kohle. Oder spielt der Titel „Kohle“ doch eher auf das umgangssprachliche Synonym für Geld an? Gold, Geld, Kohle ist die sprachliche Klimax, die dem Werk der Künstlerin zugrunde gelegt wird, das kritisch die zeitgenössische, (inhalts)leere Verehrung eines Materials hinterfragt. 

Aber schon unsere Vorfahren setzten sich mit den vielschichtigen Assoziationen auseinander, die diesem Material innewohnen, und erzählten sich Geschichten, in denen Gold das bestimmende Thema war: das goldene Vlies, das die Argonauten versuchten zu finden, das goldene Kalb, das die Israeliten umtanzten, der goldene Apfel, der von Paris an die schönste Göttin überreicht wurde, das erstrebte Gold des Midas, der fast daran zugrunde ging, das Gold, das die Hl. Drei Könige dem Jesuskind überreichten. Bis heute verleihen wir Goldmedaillen an die Besten und sprechen von goldenen Zeitaltern, wenn es uns gut geht. Die Reihe ließe sich beliebig fortführen. 

Die menschliche Faszination hinsichtlich dieser besonderen Materie ist eine hochkomplexe Angelegenheit, da das Gold schon immer beides war: „Die Farbe der Verehrung und das Verehrte selbst.“ 

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König Balthasar, Jacob Duck, entstanden zwischen 1628 und 1655, 87 x 68 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der niederländische Maler Jacob Duck lässt seinen König Balthasar nicht nur einen im Zeitgeschmack des 17. Jahrhunderts gestalteten Pokal aus Gold überreichen, vielmehr taucht er zum Zeichen der Würdigung der biblischen Historie sein ganzes Gemälde in einen feinen, goldenen Schimmer. Welchen ehrfurchtsvolleren, künstlerischen Weg als diesen gäbe es, um das Wunder der Menschwerdung Gottes auszudrücken?

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Literatur:

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 118-122.

Ausst. Kat. Goldrausch. Gegenwartskunst aus, mit oder über Gold. Nürnberg 2012. S. 26.

Kassia St Clair: Die Welt der Farben. Hamburg 2017. S. 98.

http://www.koeniggalerie.com/artists/7548/alicja-kwade/works/

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

 

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