100 Meisterwerke – Teil 15: Leiko Ikemura & Simon Jacobsz de Vlieger

Sturm - 1

Schiffbruch an felsiger Küste, Simon Jacobsz de Vlieger, um 1630, 26,5 x 38,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Die Szenerie gleicht einem Albtraum. Starr und unbeweglich ragen im tobenden Chaos der Wellen mittig zwei Felsen turmartig empor. Für ein Schiff war das Aufeinandertreffen mit diesen Klippenausläufern Schicksal entscheidend. Der ehemals stolze Dreimaster versinkt in den vom Wind hochgepeitschten Wassermassen. Die Reste der zerfetzten Segel zeugen von den Gewalten, denen das Schiff und seine Besatzung ausgesetzt sind. Ein Teil der Mannschaft konnte sich in ein kleines Boot retten, das sich bereits auf dem Weg aus dem nassen Inferno befindet. Auch wenn es sich nicht mehr in unmittelbarer Nähe der Felsen befindet, so scheint es doch den Naturgewalten völlig ausgeliefert. Beklommen stellt man sich die Frage, wie das kleine, überfüllte Boot diesem Sturm trotzen sollte, wenn es der Dreimaster schon nicht vermocht hatte.

Nicht alle jedoch konnten das vorläufig rettende Boot erreichen. Im Wasser treiben Menschen, die sich an einen Balken klammern,  sowie weitere Bruchstücke des zerschellten Schiffes. Im rechten Bildhintergrund wird ein anderes Schiff erkennbar, von dem man nur hoffen kann, dass es den Weg ins offene Meer, weg von den tückischen Klippen, finden mag. Ein drittes erscheint nur mehr schemenhaft und undeutlich, am Horizont kaum wahrnehmbar.

Der im Meer versinkende Überseefrachter segelte unter niederländischer Flagge. Bis zu 1000 Tonnen konnten solche Schiffe über die Ozeane befördern. Der Handel mit kostbarer Ware aus fernen Ländern rund um den Globus war die Grundlage der wirtschaftlich herausragenden Lage Hollands im 17. Jahrhunderts. Der Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten wiederum war die Voraussetzung für die Entwicklung eines Kunstmarktes, der seinesgleichen in Europa suchte. Um die 5 Millionen Bilder sollen nach heutigen Schätzungen in den rund hundert Jahren innerhalb der acht niederländischen Provinzen entstanden sein. 

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Schiffbruch an felsiger Küste, Simon Jacobsz de Vlieger, um 1630, 26,5 x 38,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Meist behandelten die Künstler in ihren Gemälden Themen, die sich mit der unmittelbaren Lebenswelt der Betrachter, und damit der Käufer, beschäftigten. Neben der Genremalerei waren Stillleben und Landschaften, die die nahe Umgebung zeigten, besonders gefragt. Beliebt waren auch Seestücke, weil sie die Grundlage des Reichtums Hollands zum Bildinhalt erhoben. Anders als die prunkvollen Stillleben dieser Zeit, die in ihrer schwelgenden Fülle den nun möglichen Luxus zeigen, verdeutlichen Gemälde wie der „Schiffbruch vor felsiger Küste“ von Simon Jacobsz de Vlieger aus den 1630er Jahren, auf welch risikoreichem, zum Teil sogar lebensgefährlichem Unterfangen der niederländische Wohlstand basierte. Ein einziger Sturm konnte den Untergang einer ganzen Handelsfirma bedeuten.

Obwohl der Künstler dem Betrachter genau einen solch hochdramatischen Moment vor Augen stellt, wählt er dafür sparsamste koloristische Mittel. Das Unheil offenbart sich in einer nuancierten Vielfalt unzähliger Graustufen. 

Sowohl die vorne am Bildrand stürmenden Wellen als auch die dagegenhaltenden Felsen sind von tiefdunklem Grau. Von hell leuchtender Gischt umspült, deren Schaumkronen durch den pastosen Farbauftrag nahezu haptisch spürbar werden, erheben sich dadurch besonders prononciert die beiden zentralen Felsen weit über die Horizontlinie hinaus. In den weißen Schaumkronen gefangen, nimmt das zweite der Schiffe bereits eine bedrohliche Schieflage ein. Die auffliegende Gischt lässt den Betrachter diesen Dreimaster jedoch nur wie durch einen dichten hellen Nebelschleier wahrnehmen, der in das milchige Hellgrau des Himmels überzugehen scheint. Der Himmel ist bedeckt gehalten, lediglich auf der linken Seite zieht dräuend eine weitere dunkle Sturmwolke herbei.

Strand - 1

Floating Face in Blue Sky, 2011, Öl aufJute/Oil on jute, 80 x 110 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Von dräuendem Unheil erzählt das Gemälde „Floating Face in Blue Sky“ aus dem Jahre 2011 der japanisch-schweizerischen Künstlerin Leiko Ikemura nicht. Es scheint vielmehr auf den ersten Blick einem Traum entsprungen. Über dem tiefgezogenen Horizont, der darunter nur sehr ansatzweise eine leicht geschwungene Küstenlandschaft in Ocker und Grün erkennen lässt, ergießen sich die Blautöne der Himmelssphäre fließend und sanft. In dieses unendliche Blau hineingeschmiegt, schläft ruhig ein menschliches Gesicht. Die Augen hat es geschlossen und ist in völliger Vertrautheit in diese himmlische Sphäre gebettet. Sacht liegt die Wange leicht oberhalb der Horizontlinie auf. Augen, Mund und Nase sind dunkel akzentuiert, die Rundung des Hauptes ist mit einer starken Aufhellung des gleichen erdigen Ockertons wie unterhalb des Horizonts gezeichnet.  

Der Zeitlichkeit entzogen, ähnelt diese Kombination aus Landschaft und menschlichem Gesicht einem Traumbild. Das schlummernde Antlitz als pars pro toto für das Menschliche an sich, das sich in grenzenloser Vertrautheit völlig in die Natur einwebt, erscheint wie ein radikaler Gegenentwurf zu dem holländischen Seestück. 

Der Maler des 17. Jahrhunderts erzählt die Geschichte eines Abkommens zwischen Mensch und Natur. Die Meere sind als schnelle Transportwege die Basis des Fernhandels. Der Mensch nutzt sie und ist auf sie angewiesen. Im Falle eines glücklichen Ausgangs durch hohe Gewinne belohnt, wird er dieses Vabanquespiel immer wieder eingehen, wohl wissend, dass er im stürmischen, nicht kalkulierbaren Ernstfall stets der Unterlegene ist. 

Sturm - 1

Schiffbruch an felsiger Küste, Simon Jacobsz de Vlieger, um 1630, 26,5 x 38,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Unmissverständlich thematisiert Vlieger innerhalb seiner Komposition bereits in den Größenverhältnissen von Meer und Mensch die Machtverteilung dieses ungleichen Kampfes. 

Kein Gegeneinander, sondern ein auch größenmäßig ausgewogenes Ineinander zeigt hingegen die Künstlerin Ikemura, die davon überzeugt ist, dass es „ein klares Bedürfnis der Welt ist, die Seele und den Kosmos zu verbinden.“ Schwer zu sagen, ob hier der Mensch zu einem Teil der Natur wird oder die Natur anthropomorphe Formen annimmt. Die Frage stellt sich nicht. Sie sind eins. Ebenso wenig kämen einem Begriffe wie Risiko, Handel, Gewinnstreben oder Kampf im Zusammenhang mit dem Gemälde der Künstlerin in den Sinn. Wie utopisch schön erschiene uns heute hinsichtlich Klimagipfeln, Erderwärmung, Ausbeutung der Bodenschätze und massiver Naturverletzung ein menschliches Verständnis von Natur, das statt vom Gefühl des Gegeneinanders vom Miteinander geprägt wäre und dem Menschen statt der Angst vor dem nächsten albtraumhaften Jahrhunderthurrikan wieder ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln würde. 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Landschaften und Seestücke. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2001. S. 286-289.

http://www.leiko.info/

http://instagram.com/soer_rusche

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