100 Meisterwerke – Teil 13: Miriam Jonas & Cornelis van Poelenburgh

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft, 1620 – 1625, 15,2 x 11,6 cm, Öl auf Kupfer

Auf Kupfer in feinster Manier gemalt, widmet sich Cornelis van Poelenburgh (1594/95 – 1667) einer der wichtigsten Persönlichkeiten des Neuen Testaments. Zwischen 1620 und 1625 schuf der Maler das hochformatige, kleine Gemälde „Der hl. Petrus in südlicher Landschaft“.  In strengem Profil mit leicht angehobenem Antlitz steht der Apostel fest und unerschütterlich auf einem Hochplateau, vor dem sich eine weite südliche Landschaft großzügig ausbreitet. Nur durch einige verstreut liegende kleinere Felsbrocken vom Betrachter getrennt, erhebt sich die majestätische Figur. Knapp über dem Knöchel des sichtbaren, nackten, rechten Fußes endet das leuchtend blaue Gewand, das durch einen beige-grauen, weiten Umhang komplettiert wird. Den üppigen Faltenwurf bändigt Petrus mit beiden Händen. Mittels seiner Rechten schiebt er die Stoffmenge seitlich hinter seine Gestalt zurück, mit der Linken befestigt er die Fülle der Drapierung um seinen Oberkörper. Dieser Griff könnte über den praktischen Nutzen hinaus auch als eine Geste der Ergriffenheit verstanden werden, denn visionär blickt Petrus in die Höhe zu einem Ziel weit außerhalb der realen Bildgrenzen. Sein Haupt wird von weißem, leicht gelocktem Haar bedeckt. Der Vollbart ist von gleicher Beschaffenheit. 

Rückwärtig wird diese beeindruckende Gestalt von dichtem, dunklem Laubwerk hinterfangen, das eine kontrastreiche Folie ausbildet. Um den Kopf des Apostels lichtet sich die Baumkrone und zeichnet in dezenter Weise die Umrisse des charaktervollen Hauptes nach. In weiter, hoher Draufsicht erstreckt sich die Landschaft vor der Gestalt des Petrus mit fast mittig ausgerichteter Horizontlinie. Durch die dunstige, starke Verblauung erscheint die ferne Landschaft in vagen Umrissen, worüber sich ein nur zart blauer Himmel mit starker Bewölkung erhebt.

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft

Cornelis van Poelenburgh, Der heilige Petrus in südlicher Landschaft (Detail), 1620 – 1625, 15,2 x 11,6 cm, Öl auf Kupfer

Unaufgeregt wirkt dieses kleine Gemälde mit einer einzigen Figur vor landschaftlichem Hintergrund auf den ersten Blick. Elegant differenzieren sich jedoch bei näherer Betrachtung die Stofflichkeiten der unterschiedlichen Oberflächen. Intelligent austariert erweist sich das Spiel zwischen Nähe und Ferne. Poelenburgh, der in Italien ausgebildete Niederländer, vereint hier die beiden hochkarätigen Qualitäten der Malerei nördlich und südlich der Alpen. Formal befindet sich die Horizontlinie exakt auf der Höhe der Leibesmitte des Apostels und integriert damit die nahsichtig dargestellte Figur harmonisch in die ferne Landschaft. Zu dieser Verbindung trägt auch der erstklassige Umgang des Künstlers mit dem Kolorit bei. Die einfache Gewandung des Petrus fasst in ihren zwei Farben alle Schattierungen der landschaftlichen Umgebung zusammen. 

Geradezu metaphorisch porträtiert der niederländische Künstler mit diesen künstlerischen Formalia die Wirkmächtigkeit des Petrus, der gemeinhin als eine der nächsten und zugleich wichtigsten Persönlichkeiten aus dem Umkreis Jesu gilt. Nach Mk 1,16 war Simon Petrus einer der ersten, die Jesus berufen hat: „Da er aber am Galiläischen Meer ging, sah er Simon und Andreas, seinen Bruder, daß sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Folget mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! Alsobald verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.“ Auf Petrus’ Christusbekenntnis hin erfolgte laut dem Matthäusevangelium Mt 16,18 die berühmte Aussage Jesu: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ Sowohl die Unerschütterlichkeit, mit der Petrus Christus nachfolgte, als auch dessen nachhaltiges Wirken hat van Poelenburgh in diesem kleinformatigen Werk anschaulich nachvollziehbar gemacht. Präsent erscheint die Felsenmetapher im Gemälde. Die prägende Zukunftsträchtigkeit wird durch die weite Übersicht und den in die Ferne gerichteten Blick verdeutlicht. Jedes malerische und kompositorische Detail steht mit dem großen Ganzen in Verbindung und nimmt Bezug auf die nachhaltige Wirkmacht der Petrusfigur. 

Etliche Künstler vor Poelenburgh haben sich bereits mit der Vielschichtigkeit Petri auseinandergesetzt. So wird man aufgrund der hochaufragenden Gestalt, der Profilansicht und des visionären Blicks unweigerlich an den berühmten Dürerschen Apostel erinnert. Ist dieser fast lebensgroß dargestellt, so zeigt Poelenburgh auf unnachahmliche Weise, dass geistige Monumentalität auch unabhängig vom Bildformat beschrieben werden kann. 

MJ.4 - 1

Miriam Jonas, Polka Popes (Detail), 2011, Installation (Knetmasse in Konservendosen)

Ebenfalls in nicht monumentaler Weise setzt sich die Künstlerin Miriam Jonas mit den Nachfolgern Petri auseinander. Mit feiner Ironie spielt sie auf hohem ästhetischen Niveau mit den jahrhundertealten ikonografischen Mustern der Papstdarstellung nun im Miniaturformat. Auf den ersten Blick tanzen viele bunte Punkte trotz ihrer akkuraten Reihung auf weißer Wand fröhlich über die Fläche. Erst bei näherem Herantreten erkennt man, dass jede der kleinen ovalen, eckigen oder runden Fischkonservendosen hinter ihrer Plexiglasscheibe das höchst individuell aus buntem Plastilin geformte plastische Porträt eines fiktiven Papstes zeigt. Während des Jahres 2011 ist dieses Werk von der Künstlerin, die auch als Kostümplastikerin tätig ist, in Deutschland und Barcelona geschaffen worden. 

Der Reiz dieser Arbeit liegt in ihrer Vielschichtigkeit. Tief greift die Künstlerin mit ihrer Thematik in die christliche Ikonografie, um sie wiederum sofort zu brechen. Würdevoll aber nicht unbedingt individuell mussten die früheren Papstbildnisserien in ihrer Kontinuität auch stets als Legitimation der gesamten Institution der katholischen Kirche gelten. Weniger die einzelne Persönlichkeit, als vielmehr der jeweilige Inhaber des Amtes wurde präsentiert. Auch Miriam Jonas wählt eine Reihung, ersetzt die reine Horizontale aber durch eine weitaus komplexere Anordnung, die sowohl vertikal als auch horizontal gelesen werden kann. So streng die gewählte Struktur erscheint, so originell gestaltet sie jede der kleinen Büsten, die die fiktiven Päpste paradoxerweise mit einem Höchstmaß an Individualität zeigen. 

MJ.2 - 1

Miriam Jonas, Polka Popes, 2011, Installation (Knetmasse in Konservendosen)

Miriam Jonas’ moderner Blick auf das tradierte kunsthistorische Thema zeigt sich auch in der Wahl des Materials. Fröhlich bunte Knetmasse, die gewöhnlich nicht im sakralen Kontext zu finden ist, gepaart mit einem banalen Abfallprodukt des Alltäglichen formiert sie zu einem Kunstwerk von zeitgenössischer Relevanz. Mit beißender Ironie wählt die Künstlerin sicher nicht von ungefähr Fischkonservendosen, um auf das biblische Fischergleichnis anzuspielen. Dass Materialikonographie auch in der Gegenwartskunst von Belang sein kann, wird in den Polka Popes auf humorvolle Art und Weise dargelegt. Zeigte man im Barock durch kostbaren Marmor und die aufwändige Form der lebensgroßen plastischen Büste die Wichtigkeit des Papstamtes an, so fragt Miriam Jonas am Beginn des 21. Jahrhunderts augenzwinkernd nach eben dieser Wichtigkeit. Alle erdenklichen charakterlichen Facetten zeigt sie in den kleinen Figuren: Vom frommen Betenden bis hin zum Wütenden oder einem, der sich aufgrund seines Amtes zu langweilen scheint, ist diesen bunten Päpsten nichts Menschliches fremd. Mit Bart, mit Glatze, mit Eitelkeit, mit einer Neigung zur Korpulenz; jeder versucht auf seine Weise seinen Rahmen zu füllen. Dass diese Arbeit nie den Verdacht der Blasphemie hervorruft, liegt am Respekt, mit dem Miriam Jonas sich in akribischer Detailversessenheit und einem höchst anachronistisch anmutenden Zeitaufwand der Thematik widmet.

MJ.3 - 1

Miriam Jonas, Polka Popes, 2011, Installation (Knetmasse in Konservendosen)

Sowohl die Geduld als auch die Feinheit in der Ausführung haben die Werke des 17. und des 21. Jahrhunderts gemeinsam. Konzentriert sich Poelenburgh zwar auf die Darstellung des Petrus, dem die Komplexität des späteren Papsttums bereits inhärent ist, so zeigt er diese, wie auch Miriam Jonas, mit all den ihm zur Verfügung stehenden, zeitgenössischen Mitteln. Frei von künstlerischer Eitelkeit ist einer der frühesten niederländischen Italianisten nämlich nicht, wenn er die Thematik nutzt, um mit Bravour alle Finessen seiner umfangreichen Künstlerausbildung dem Betrachter virtuos vor Augen zu führen. Auch Miriam Jonas erweitert das Thema in ihrem Sinne. Indem sie fiktive Bildnisse wählt, sind ihrer bildhauerischen Kreativität weit weniger Grenzen gesetzt als dies bei realen Porträts der Fall wäre. Beide Arbeiten sind damit das Ergebnis einer selbst gewählten künstlerischen Freiheit, souverän gespielt auf der Klaviatur der Kunstkritik. 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Literatur: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 328-333.

www.miriamjonas.de 

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

 

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