100 Meisterwerke – Teil 8: Zoltán Béla & Pieter Fris

Zoltán Béla, Curiosity, 50 x 40 cm, oil on canvas, 2012, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Joh 20, 15-18

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Pieter Fris, Noli me tangere, 1653, 39,9 x 44,1 cm Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Komplex und von größter Wichtigkeit für die christliche Heilsgeschichte sind die Ereignisse, die der Evangelist Johannes hier in wenigen Sätzen schildert. Um den Leichnam des am Kreuz hingerichteten Jesus zu salben, hat sich Maria Magdalena noch zur Dämmerstunde zwischen Nacht und frühem Morgen auf den Weg gemacht. Erkennbar wird dies in unserem Gemälde „Noli me tangere“ von Pieter Fris (1627/1628-vor 1708) aus dem Jahr 1653, an dem sich nur sacht Bahn brechenden Sonnenlicht am linken Bildrand, das die Mondsichel im oberen rechten Teil der Komposition noch nicht ganz zu überstrahlen vermag.

Als Maria Magdalena an der Grabesstätte anlangt, geschieht etwas Unerwartetes. Nicht in der dunklen Grabeshöhle, von Leichentüchern bedeckt, begegnet ihr der Gottessohn, sondern aufrecht stehend, in glänzendes Weiß gekleidet und mit von Strahlen zart umhülltem Haupt. „Wie der Blitz und sein Kleid weiß als der Schnee“ heißt es zu seiner Erscheinung im Matthäusevangelium Mt 28,3. Mit offener Geste und seine Wundmale weisenden Händen steht Jesus vor Maria Magdalena und blickt sie an. Die bei Johannes geschriebenen Worte finden in einer vielsagenden Gestik ihr entsprechendes Äquivalent. Nicht abweisend, sondern verständnisvoll reagiert Jesus auf ihre Überraschung, die sie vor ihm zu Boden sinken lässt. Fast scheint es, als würde er gerne ihre Hand ergreifen, so nah hat der Künstler sie nebeneinander positioniert. Zu einer Berührung kommt es jedoch nicht. Noch nicht.

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Pieter Fris, Noli me tangere (Detail), 1653, 39,9 x 44,1 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

In ein einfaches Kleid in kräftigem Hellrot ist Maria Magdalena gewandet. In Anlehnung an die übliche Büßerinnenikonografie fällt ihr rötlich-blond schimmerndes Haar in leichten Wellen offen über den Rücken. Ein glänzender schwarzer Umhang ist hinter ihr zu Boden geglitten. Sinnlich und physisch präsent wirkt ihre Erscheinung. Die nach vorn gestreckten Arme bilden koloristisch durch die weißen Ärmel eine Verbindung zu der lichten, fast durscheinenden Gestalt Jesu. Alles an dieser knienden, dramatisch-bewegten Frau drängt auf eine Berührung mit ihrem Gegenüber, die jedoch von der würdevoll-ruhigen Dominanz Jesu verhindert wird. Nicht durch ein aktives Handeln oder Eingreifen, sondern schlicht durch die Kraft seiner Worte: „Noli me tangere.“

Diese hochemotionale Szenerie hebt sich durch Kolorit, Gestik und die differenziert gestaltete unterschiedliche Körperlichkeit effektvoll vor dem schlichten Hintergrund ab. Während die Figuren in feinpastosem Farbauftrag gemalt wurden, erinnert die landschaftliche Umgebung in ihrem Sfumato an Rembrandt, dessen Werke Fris nachweislich gekannt hat. In warmen Brauntönen, die lediglich durch die Erhellung des Sonnenaufganges ein paar Details einer verschwommenen Stadtsilhouette mit dem Tempel von Jerusalem und den drei Kreuzen erkennbar werden lassen, ist die Landschaft gezeichnet. Bewusst hat Fris den Fokus ausschließlich auf die Figurenszene gelenkt. Deutlich wird dies vor dem Hintergrund, dass der bereits mit 17 Jahren in Rom ansässige Niederländer auch bekannt war für seine phantastisch-elaborierten Landschaftsdarstellungen südlicher Gefilde. Die einzige Ablenkung innerhalb unserer Komposition ist der kleine blühende Strauch am vorderen rechten Bildgrund, der zusammen mit der Gärtnerschaufel stilllebenhaft arrangiert wirkt. Er spielt auf die vormalige Verwechslung Magdalenas an, die Jesus für einen Gärtner gehalten hatte.

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Pieter Fris, Noli me tangere (Detail), 1653, 39,9 x 44,1 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Fein verwebt der Maler die ikonologisch aufgeladene Landschaft mit der Figurenszene und beschreibt subtil den bei Johannes beschriebenen Zustand. Es ist ein transitorischer. Es ist zugleich ein Nichtmehr und ein Nochnicht. Maria Magdalena und Jesus sind zwischen der aufgehenden Sonne und dem untergehenden Mond angesiedelt. Der Tag bricht an, wobei die Dunkelheit noch nicht gänzlich besiegt ist. Jesus hat den Opfertod bereits auf sich genommen, ist aber noch nicht wahrhaft auferstanden. Auch das Wunder des bereits Geschehenen und des noch Kommenden wird in der Gestalt von Maria Magdalena deutlich. Es ist der Moment des Gewahrwerdens, den sie durch den stürmischen Drang des Begreifens vollenden möchte. Nur allzu nachvollziehbar ist ihr Verlangen, das erblickte Wunderbare nun mit den Händen zu erfassen. Dieser Zeitpunkt ist jedoch noch nicht gekommen. Sie darf zwar als Erste das Wunder der Auferstehung sehen, gehorsam hält sie sich jedoch an Jesu Vorgabe des „noli me tangere“. Maria Magdalena begnügt sich mit der erschauten und geglaubten Auferstehung, deren Erfahrung sie auf Jesu Geheiß hin weiter verbreitet, bis am Abend dieser auch seinen anderen Jüngern erscheint.

Thomas (…) einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Joh 20, 24-29

Zoltán Béla, Curiosity, 50 x 40 cm, oil on canvas, 2012, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Handfest wird nun diese Begegnung geschildert. Nach der Erzählung vom Besuch Jesu im Kreise seiner Jünger bleibt Thomas skeptisch. Er muss Jesus sehen und vor allem fühlen. Hat der Künstler Zoltán Béla (*1977) in seinem Werk „Curiosity“ aus dem Jahr 2012 diesen Moment eingefangen? Den Moment der nicht mehr zügelbaren „Neugierde,“ die zum An-fassen führt?

In kleinem Format ist dieses Bild mit Ölfarbe auf Leinwand gemalt. Die Farbpalette ist jedoch so minimalistisch gehalten, dass das Werk fast den Charakter einer Studie erhält. In radikaler Ausschnitthaftigkeit wird ein Unterarm mit Hand gezeigt, deren Zeigefinger forsch und direkt in eine schwarz konturierte Schnittwunde gelegt wird. Erst bei genauem Hinsehen erschließt sich der Zusammenhang. Die Wunde befindet sich im Brustbereich eines nur torsohaft geschilderten Körpers, dessen nach oben gerichtete Arme sich außerhalb des Bildformates befinden. Das ebenfalls nicht gezeigte Haupt scheint nach links gewandt, weil am oberen Bildrand ein Teil der nach unten fallenden langen, strähnigen Haare sichtbar wird.

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Zoltán Béla, Curiosity (Detail), 50 x 40 cm, oil on canvas, 2012, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Ergänzt man mit ein wenig ikonografischer Phantasie diese Komposition,so entsteht vor dem geistigen Auge des Betrachters der Gekreuzigte, noch an seinem Marterwerkzeug hängend. Nicht der Moment, als Longinus Jesus die Seitenwunde zufügt, wird hier dargestellt, sondern vielmehr das Zusammenziehen von zwei chronologisch aufeinanderfolgenden Geschehnissen. Bei Zoltán Béla ist Thomas seiner Zeit voraus. Sprichwörtlich scheint hier der Titel des Bildes in die inhaltliche Komposition übersetzt. Bereits hier, noch an der Hinrichtungsstätte, wird das sinnliche Erfahren des Beweises der physischen Qualen sowie des erfolgten Todes spürbar. Ungeduld scheint diese Hand zu führen, bevor überhaupt das Wunder der Auferstehung auch nur erahnbar ist.

Erst das Berühren der Seitenwunde des Auferstandenen macht doch die Erfahrung des Wunders aus. Die Hand, die sich hier in die Seitenwunde bohrt, kann zwar von sich behaupten, ein Zeuge des Todes zu sein, nicht aber einer der Auferstehung.

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Zoltán Béla, Curiosity (Detail), 50 x 40 cm, oil on canvas, 2012, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der zeitgenössische Künstler gibt seinen Figuren keine Zeit. Sowohl kompositionell-formal als auch inhaltlich-zeitlich verkürzt, zeigt er das Geschehen. Thomas braucht anscheinend zeitnah einen physischen Beweis. In Zoltán Bélas Interpretation wird dieser Beweis so voreilig ausgeführt, dass der Agierende der Erkenntnis der Auferstehung verlustig geht.

Aufgrund der motivischen Nähe wird die tiefer liegende inhaltliche Differenz unserer beiden Bilder erst im Vergleich deutlich: Vermutlich ist es kein Zufall, dass der Künstler des 17. Jahrhunderts, anders als der der Gegenwart, dem Verlangen seiner Maria Magdalena trotz ihres drängenden Bedürfnisses, Jesus zu berühren, nicht nachgibt. Sie akzeptiert, dass für dieses Tun die Zeit noch nicht gekommen ist. Sie ordnet sich im wahrsten Sinne des Wortes unter. Nicht jedoch aus falsch verstandener demütiger Unterwerfung, sondern aus Glauben und Vertrauen.

Literatur:

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 156-160.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

https://ancapoterasu.com/artists/zoltan-bela/

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

 

 

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