100 Meisterwerke – Teil 7: Herman Saftleven & Johannes Rochhausen

Herman Saftleven, Scheunen-Interieur, um 1634, 37,6 x 45,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Herman Saftleven, Scheunen-Interieur, um 1635, 37,6 x 45,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Karg geht es zu in Herman Saftlevens Scheunen-Interieur, das um das Jahr 1635 entstanden ist. Schon der Titel verspricht kein aufreizendes optisches Bildvergnügen. Was sollte es in einer Scheune schon Aufregendes zu bestaunen geben? Das gesamte Gemälde ist in einem zurückhaltenden Kolorit gestaltet, das sich aus der Skala sanfter, weicher Grünbrauntöne nicht hervorwagt. Doch sollte man sich von dieser Schlichtheit nicht täuschen lassen. Minutiös nutzt der Künstler trotz dieser eigenwilligen Einfachheit die Möglichkeit einer differenziert ausgearbeiteten Komposition. Nicht die gesamte Scheune, sondern nur einen kleinen Ausschnitt von ihr bekommt der Betrachter zu sehen. Die vordere linke Bildhälfte ist mit einer arrangiert wirkenden Anhäufung von Küchengegenständen unterschiedlichster Art gefüllt. Im hinteren rechten Bereich des Raumes hockt eine Frau und nimmt Fische aus. Erwartungsvoll blickt ein Kind zu ihr auf und wartet das Ergebnis ihrer Tätigkeit ab. Eine nicht sonderlich gut genährte kleine weiße Katze kann ebenfalls das Ende der Prozedur kaum erwarten und hat sich bereits erhoben, um vielleicht ein paar Happen zu erwischen. Ein Mann lehnt sich mit seinem Oberkörper aus einer halb geöffneten Tür und beobachtet das Treiben um die Frau.

Herman Saftleven, Scheunen-Interieur (Detail), um 1634, 37,6 x 45,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Herman Saftleven, Scheunen-Interieur (Detail), um 1635, 37,6 x 45,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

 

Es ist jedoch nicht diese Menschengruppe, die das Betrachterauge vornehmlich gefangen nimmt, sondern das zur Schlichtheit der Gegenstände in einem seltsamen Kontrast stehende, aufwändig präsentierte Ensemble von Küchengegenständen, deren Materialbeschaffenheit Saftleven detailliert charakterisiert: Das Holz der Fässer ist stumpf, der Kessel glänzt verhalten metallisch, die irdene Töpferware schluckt mit ihrer porösen Haptik jedes auftreffende Licht. Aber nicht nur Küchengegenstände gibt es zu entdecken. Bei näherem Herantreten sieht man Hüte, ein Tuch sowie an der Wand, neben der schmal und steil in das obere Stockwerk reichenden Holztreppe, eine Art Flugblatt mit grotesken Köpfen, die einander paarweise zugeordnet sind.

Herman Saftleven, Scheunen-Interieur (Detail), um 1634, 37,6 x 45,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Herman Saftleven, Scheunen-Interieur (Detail), um 1635, 37,6 x 45,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der reale, derb gezeichnete Bauer scheint dieser bebilderten Druckgraphik entsprungen. Am rechten Bildrand brütet zudem eine weiße Henne in einem kleinen Körbchen. Von ihrer regen Tätigkeit zeugt ein weiterer geflochtener Bastkorb vor den Küchenutensilien, der mit einigen Eiern gefüllt ist. Das Gemälde könnte man mehreren Gattungen zuordnen; es vereint in sich Elemente der Genre-, Stillleben- sowie der Interieurmalerei. Die Gattungsfrage ist jedoch nachrangig. Bedeutungsvoll ist vielmehr die Übereinstimmung von Form und Inhalt, wie sie in dieser Stringenz selten zu finden ist. Schlichtheit und Entbehrungsreichtum zeichnen diese Lebenswelt aus und manifestieren sich nicht nur in den Gegenständen des kargen Innenraums, sondern auch im einfachen Mahl, das die Frau gerade vorbereitet. Die ausgemergelte Katze hofft auf Küchenabfälle; dem Kind wird keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, es fügt sich unscheinbar in diesen einfachen Haushalt ein, den Saftleven aber dennoch mit so viel Sorgfalt zeigt, wie man sie für gewöhnlich in üppiger ausgestatteten Interieurs findet. Fein balanciert er die leeren und gefüllten Bereiche des Innenraums aus. Klare Linien und kugelige Volumina sind klug gegeneinander gestellt, unterschiedliche Materialien miteinander kombiniert. Im 17. Jahrhundert galt die Verbindung von einfachem Interieur und stiller Genreszene, wie sie Herman Saftleven und sein Bruder Cornelis erfunden haben, selbst im calvinistisch geprägten Rotterdam als sehr außergewöhnlich. Nichts ist weiter entfernt von einer überschwänglichen, von üppigem Dekorum geprägten, die Sinne in luxuriöser Weise verführenden Barockmalerei, wie sie in anderen, in der Regel katholischen, Regionen Europas zu dieser Zeit en vogue war als Saftlevens Scheune. Der Maler gesteht dem Betrachter ja nicht einmal ein raufendes Bauernpaar oder eine trinkende Gesellschaft zu, wie sie sich für gewöhnlich in solchen Innenräumen der holländischen Genremalerei dieser Zeit aufzuhalten pflegen. Nichts Lautes, Überflüssiges oder gar Aufdringliches findet sich. Der Maler zelebriert in diesem Bild, das auf den ersten Blick so unscheinbar wirkt, da es von einem grünbraunen Sfumato verschleiert wird, in der Beschränkung ein Virtuosentum, das Künstlern der Moderne und Gegenwart ebenfalls nicht fremd ist. Beispiele eines selbstauferlegten Verzichtes künstlerischer Mittel oder inhaltlicher Motive, um in der Begrenzung zur höchsten Entfaltung zu gelangen, gibt es auch in der zeitgenössischen Kunst.

Johannes Rochhausen,

Johannes Rochhausen, Atelieransicht X, 2008, 190 x280, Öl und Eitempera auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der Künstler Johannes Rochhausen beschränkt sich in vielen seiner Werke auf menschenleere Interieurs. Wie in einen Guckkasten erhalten wir in Atelieransicht X aus dem Jahr 2008 einen unverstellten Blick in die Räumlichkeit des Malers und damit in seinen Schaffensprozess, dessen Endprodukt ebenfalls an der Wand zu sehen ist. Die helle Farbigkeit bewegt sich nur zwischen kühlem Kreideweiß und grünlichen Grautönen. Aber nicht eine Sekunde würde man auf die Idee kommen, dass hier explizit etwas für den Betrachterblick arrangiert oder aufgeräumt worden wäre. Auch durch das große Format entsteht der Eindruck, als sei man nur durch eine offene Tür getreten und stünde nun mitten im Raum. Ein Wägelchen mit den wichtigsten Malerutensilien steht rechts im Eck. Ein Schreibtisch dient als Ablagefläche. Ein Kühlschrank ermöglicht den von Hunger und Durst nicht unterbrochenen Aufenthalt im Atelier während des Malens.

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Johannes Rochhausen, Atelieransicht X (Detail), 2008, 190 x280, Öl und Eitempera auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Ein Karton steht geöffnet an der Wand. Nicht mehr benötigte Materialien liegen nun als Abfallprodukte des Werkprozesses mitten im Raum. Das großzügige Fenster an der linken Wand, durch das helles Tageslicht ungehindert hereinflutet, wurde vermutlich so weit geöffnet, um den allzu intensiven Farbgeruch zu verflüchtigen. Nicht der Künstler selbst, nur seine Spuren sind im Atelier ersichtlich. Das geistige Tun des Malers wird auf der Metaebene des Handwerkszeugs präzise, reduziert und leise, aber mit dezidierter Dominanz dargestellt. Dieser Raum ist nur der Kunst und der Konzentration auf sie gewidmet. Hier materialisiert sich die geistige Idee, die von keinem überflüssigen, störenden Element beeinträchtigt wird.

Sowohl Saftleven als auch Rochhausen stellen beide nahezu monochrom gestaltete, karge Innenräume dar. Das niederländische Gemälde zeigt in sehr handfester, greifbarer Weise eine bildimmanente Schlichtheit, die sich auch in der Fülle einfacher Alltagsgegenstände offenbart. Die Zeitgenossen Saftlevens lebten allein schon aufgrund der Jahreszeiten und des 30-jährigen Krieges in einer entbehrungsreichen Zeit mit kargem Speiseplan. In unserer Zeit hingegen, in der für viele Menschen anstelle religiös geprägter Fastenzeiten kommerzielle Fastenkuren treten, bedarf es einer künstlichen Verknappung, um sich wieder an der Fülle des Lebens erfreuen zu können. Auf einer ganz anderen Ebene übt Johannes Rochhausen in seinem Gemälde Verzicht.Die Leere des Atelierraumes verweist auf den geistigen Schaffensprozess des Künstlers. Im Gegensatz zu Saftlevens materieller Schlichtheit hat die Kargheit von Rochhausens Interieur einen semiotischen Charakter. Beiden Gemälden ist nicht nur das Bildmotiv eines einfachen Innenraumes in reduziertem Kolorit gemein, sondern auch das übergeordnete Thema des Verzichtes. Es verbindet uns als Betrachter mit diesen zwei Bildern und macht jedes in seiner Weise hochaktuell. Beide Werke sind in ihrer Schlichtheit eine Herausforderung. Verwöhnt von einer hochauflösenden, digitalen Bildkultur, die uns die Sorgfalt des Sehens mehr oder minder abgenommen hat, sind solche Gemälde wie eine Fastenkur für die Augen. Sie lehren uns Geduld und bewusste Aufmerksamkeit, um hinter der augenscheinlichen Schlichtheit sehr viel mehr zu entdecken.

Lit.: Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Genre. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1996. S. 210-213.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

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http://www.galerieleuenroth.de/index.cfm?CFID=141382545&CFTOKEN=87631489&at=K%C3%BCnstler&pt=K_Johannes_Rochhausen_Malerei&menu_ac1t=Johannes%20Rochhausen

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