100 MEISTERWERKE – TEIL 3: Cornelia Schleime & Jacob van Mosscher

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Cornelia Schleime, Mädchenportrait, 1998, 145 x 120 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie nimmt ein Blatt in den Mund. Sehr nonchalant, wie es nur ein Mädchen von der Hand Cornelia Schleimes tun kann.

Nahsichtig, das quadratische Bildformat nahezu ausfüllend, konfrontiert uns dieses sympathische Mädchenwesen mit seiner Freundlichkeit. In klassischer nach links gewandter Porträtansicht wird sie in höchst unklassischer Technik präsentiert: keine glatte Lasur sondern eine durch Asphalt und Schellack aufgeworfene, teilweise fleckenhaft verdunkelte Farboberfläche bricht das liebliche Motiv. Man kann gar nicht anders als ihr lächelnd zu begegnen. Der Schalk steckt nicht nur unsichtbar unter den kurzgeschnittenen, braunen Haselnusslocken im Nacken, sondern sitzt ihr auch sichtbar in den hübschen Augenwinkeln. Es ist erstaunlich auf welch elegante Weise, der sie sich selbst noch nicht bewusst ist, ihr anmutiges Lächeln durch das horizontal geschwungene Blatt über die gesamte Komposition hinweg verteilt. Adrett ist sie zurechtgemacht: mit ihrer exakten Haartolle, dem weißen Kragen und dem himmelblauen Kleid scheint sie von ebensolch adretter Gemütsverfassung zu sein. Keine Scheu, kein Arg ist erkennbar, kein Unwillen von uns betrachtet zu werden. Wenn das in der letzten Zeit allzu sehr strapazierte Wort der Authentizität auf jemanden angewandt werden dürfte, dann auf dieses Mädchen. Laut der Künstlerin hat sich ihr Bildmotiv die Freiheit dieses Blatt in den Mund zu stecken, einfach selbst herausgenommen und davon auch kein großes Aufheben gemacht. Ein Grund vermutlich, warum dieser Gegenstand so völlig selbstverständlich zwischen ihren Lippen wirkt. „Kunst“, sagt Cornelia Schleime, „ist auch immer etwas um den Abstand zum Realen zu definieren. Etwas zu machen, was eigentlich nicht gebraucht wird.“ Besser und bildlicher könnte man es unserem Mädchen nicht in den Mund legen.

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Diego Velazquez, “Infanta Margarita Teresa in a Blue Dress,” 1659

In welcher Ahnenreihe steht nun ein Mädchenporträt der Künstlerin, die in diesem Jahr den ehrenvollen Hannah Höch Preis erhält? Von sich selbst sagt Cornelia Schleime die Heroen der Kunstgeschichte zu lieben und stellt sich damit „bewusst in den Kontext der durch Männer geprägten Traditionslinie der Malerei“. Wagen wir also einen kleinen Rückblick auf die sonst stets von Männerhand geschaffenen Mädchenschönheiten, auch wenn zu befürchten steht, dass das Unsrige fröhlich aber bestimmt aus dieser Reihe treten würde, mit seinem Blatt fest zwischen den Zähnen. Nur nebenbei gesagt, so lang wäre diese Reihe aus der sie heraustreten könnte, nicht. Wann wurde je ein Mädchen um seiner selbst Willen dargestellt, von einem Mädchen mit einem Blatt im Mund noch gar nicht zu reden? Kinder oder Heranwachsende, noch dazu Mädchen, finden bis ins 17. Jahrhundert in der Kunstgeschichte nur ihren Platz, wenn sie von genealogischer Wichtigkeit waren.

In ihrer direkten Selbstbewusstheit erinnert das Blattmädchen denn auch an die stolze kleine Infantin Margarita Teresa, die von niemandem je so verletzlich und stark ins Gedächtnis der Betrachter gebannt wurde wie von Diego Velazquez. Wusste eine spanische Habsburgerin im 17. Jahrhundert welche politische Last auf ihren Schultern ruhte, so weiß unser Mädchen, dass es sich nur mit Blatt im Munde dem Betrachterauge stellen will. 

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Ferdinand Georg Waldmüller, Kleines Mädchen, in einem von Weinlaub umrankten Fenster (um 1830)

In ihrer Fröhlichkeit hingegen scheint das Schleime Mädchen verschwistert mit den vielen freundlichen naturverbunden Mädchen, die vor allem die deutsche Genremalerei des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Das kleine artige Mädchen in der Weinlaube eines Ferdinand Georg Waldmüller würde jedoch nie auf  den Gedanken kommen eines dieser sie umrankenden Blättchen kurzerhand in den Mund zu stecken. 

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François Boucher, Junge Frau mit einem Rosenstrauss, (um 1750)

Sowohl an den strengen Damen im Halbprofil mit exakter Flechtfrisur der Frührenaissance, deren eleganten Nachfolgerinnen des ausgehenden 16. Jahrhunderts sowie den üppigen Frauen des Barock scheint unser Mädchen ebenso lächelnd vorbei geschritten zu sein wie an den stets leicht frivolen Schäferinnen des Rokoko, mit denen sie ja zumindest ihre augenscheinliche Liebe zur Natur gemein hätte. Aus phänotypischer Perspektive dürften wir hier eine Parallele sehen, genotypisch jedoch haben diese beiden künstlerischen Verbindungen von junger Weiblichkeit und Natur nicht viel gemein.

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Cornelia Schleime, Mädchenportrait (Detail), 1998, 145 x 120 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Dient der Rokokodame die Natur stets ihrem Schmuck und Vergnügen, so scheint es Cornelia Schleimes Mädchen eine persönliche Notwendigkeit von großer Wichtigkeit gewesen zu sein, sich mit dem grünen Attribut auszustatten. Ein normales, schlichtes Blatt wählte sie dazu, keine dekorative Rose oder eine andere exotische Blume, sondern ein Blatt, das in seiner alltäglichen Schlichtheit nicht über sich hinausweist und auch keine weiterführenden Schlussfolgerungen erlaubt. 

Genauso war es vor einigen Jahren der Künstlerin eine höchst eigensinnige und nicht erläuterungsbedürftige Notwendigkeit, dieses Bild, das sie im Messestand ihrer Galerie auf der Art Cologne der Öffentlichkeit zum Erwerb preisgegeben sah, kurzerhand selbst in ihren Privatbesitz zurückzukaufen.

 Cornelia Schleime ist eine Malerin, die keine Phobie vor dem Wort „Schönheit“ hat, sonst gäbe es vermutlich auch nicht eine derart große Anzahl anmutiger Mädchen in ihrem Oeuvre, bekanntlich ja durch viele Epochen hindurch DAS Synonym für Schönheit schlechthin. Hingegen hegt sie gewisse Vorbehalte gegen eine Kunst die dem Zeitgeschehen zu sklavisch verhaftet ist. Neben den kleineren Aquarellformaten, in denen der Malerin die verschlungenen Zöpfe der Mädchen in Gesellschaft ihrer Hasen und Füchse einfach so zufliegen, braucht sie die Großformate um sich „selber lebendig zu erhalten.“ Die Künstlerin sagt von sich selbst ein einziger Widerspruch zu sein. Eine Aussage, die sich auch in der Erschaffung dieses Mädchenbildes widerspiegelt: ein Motiv, wie es lieblicher nicht sein könnte mit einer kleinen frechen Zutat versehen, wird von ihr nach dem malerischen Farbprozess mit Schellack und Asphalt übergossen und damit einem chemischen Prozess ausgesetzt von dem die Künstlerin nie wissen kann welches Ergebnis er letztendlich hinterlassen wird, ob er das gerade Entstandene nicht vielleicht sogar zerstören wird. Cornelia Schleime zeigt hier radikal die Ambivalenz ihres Kunstschaffens auf, das vom fürsorglichen, die Privatsphäre des Bildes schützenden Rückerwerb bis hin zur in Kauf genommenen Zerstörung reicht.

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Jacob van Mosscher, Rastendes Bauernpaar unter hohen Bäumen, nach 1640, 47,5 x 65 cm, Öl auf Holz, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Vermutlich wäre Jacob van Mosscher beim Malen seines „Rastenden Bauernpaares unter hohen Bäumen“ nicht auf diese Idee gekommen. Von Ambivalenzen, Widersprüchlichkeiten oder gar Zerstörung scheint dieses Gemälde des 17. Jahrhunderts weit entfernt. Entspricht es doch vielmehr dem typischen Geschmack dieser Zeit. Erst knappe 200 Jahre zuvor hatte die Landschaft als Motiv sich dergestalt emanzipiert, dass sie nun ohne oder nur mit kleiner Figurenstaffage alleinig bildwürdig geworden war. 

Die holländische Ausprägung dieser Gattung im 17. Jahrhundert ist keine laute, spektakuläre, die Idealansichten mit effektvollen Naturspektakeln komponiert. Stattdessen haben die Maler ein feines Auge und Gespür für das eigentümliche und einmalige der ihnen durch ihren eigenen Alltag bekannten Umgebung ausgebildet.

Um die subtilen Farbnuancen der heimischen, niederländischen Gegend mit dem Pinsel einzufangen, bedarf es zudem einer sorgfältigen malerischen Vorgehensweise.

Mögen diese Gemälde für das Auge des heutigen Betrachters auf den ersten Blick vielleicht eintönig aufgrund der reduzierten Farbpalette und wenig aufregend durch das kleine Figurenpersonal wirken, so sind es Werke, die eben nicht für das schnelle Hinsehen gemalt wurden. Auch wenn die Bilderproduktion im sogenannten Holländischen Goldenen Zeitalter zahlenmäßig einen Höhepunkt erreichte und sich englische Touristen erstaunt darüber zeigten, wo sie überall Gemälde zu Gesicht bekamen, beispielsweise in den Werkstätten der wohlhabenden Handwerker, so war der damalige Mensch sicherlich bereit mehr Zeit und Muse auf die Betrachtung eines solch reduziert-eleganten Werkes aufzuwenden als wir es heute gewohnt sind. Bilder wie uns Mosscher hier eines vor Augen führt, waren damals hoch in Mode und zeichnen sich durch ein gedämpftes Kolorit aus, das keinen zu großen Kontrast entstehen lässt zwischen luftiger Höhe und erdiger Bodenzone.

Jacob van Mosscher, Rastendes Bauernpaar unter hohen Bäumen (Detail), nach 1640, 47,5 x 65 cm, Öl auf Holz, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Jacob van Mosscher, Rastendes Bauernpaar unter hohen Bäumen (Detail), nach 1640, 47,5 x 65 cm, Öl auf Holz, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Tief ist die Horizontlinie durch die Komposition gezogen, wobei der vom rechten Bildrand weit und hoch ins Bild hineinragende Baum eine gelungene Verbindung schafft zwischen Himmel und Erde. Verschattet und höhlenartig beginnt er in seinem Wachstum um in luftiger Höhe mit seiner filigranen Krone die Wolkenformationen hinter ihm aufs Schönste nachzuahmen. In seinem Schatten, auf leicht erhöhtem Terrain, nahe einem halbverfallenen Mauerrestes, hat sich ein Bauernpaar rastend niedergelassen. Es ist eben im Begriff den mitgebrachten Korb zu leeren, während der schwarzweiße Hund seinen Durst an einem im Vordergrund vorbeifließenden Bachlauf stillt. So zwanglos ihr Gebaren erscheint, so fügen sie sich auch in diese Landschaft ein. Sie sind ein Teil von ihr. Den nicht sonderlich gut ausgebauten Weg der sich in der Weite der linken Bildkomposition verliert, haben sie bis zu ihrem Rastplatz zurückgelegt um sich nun unter dem Ruhe und Schatten spendenden Baum niederzulassen. Hoch ragt darüber der sommerliche zart blaue Himmel auf von semitransparenten Wolken durchzogen, mit deren Leichtigkeit, die unten am Boden fein gewachsenen Sträucher mit durchsichtigem Astwerk korrespondieren. Die Stadtsilhouette Haarlems mit der angedeuteten St. Bavokirche ist nur äußerst schemenhaft in der Ferne auszumachen. Das sich am Frieden und der Ruhe der Natur erfreuende Paar hat den Stadttrubel im wahrsten Sinne des Wortes hinter sich gelassen. 

Mit künstlerischer Klugheit hat Mosscher in diesem Gemälde sowohl die Formen und Farben seiner Heimat eingefangen und was vielleicht noch wichtiger ist, auch ihre Atmosphäre: das Spiel von Licht und Schatten, die nur mäßig sich aufwerfende Landschaft, deren Farben kein Feuerwerk entzünden sondern in ihrer Gemäßigtheit nicht nur dem Auge Ruhe schenken. In völliger Selbstverständlichkeit darf der Mensch sich an diesem Ort bewegen, wobei er jedoch nicht in eine spielerisch-künstliche Naturkoketterie eines Fete galante verfällt wie später im Rokoko üblich.  

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Cornelia Schleime, Mädchenportrait, 1998, 145 x 120 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Die Künstlerin erwarb ihr eigenes Bild auf der Art Cologne zurück und es blieb einige Jahre in ihrem Privatbesitz. Erst der Sammler Thomas Rusche erschien ihr Jahre später als geeigneter Besitzer dieses besonderen Bildes.

Mit völliger Selbstverständlichkeit trägt auch das Mädchen von Cornelia Schleime ein Stück Natur im Mund. Auf den ersten Blick scheinen ja ein zeitgenössisches Figurenbild von spektakulärer Technik, ausschnitthaft und nahsichtig auf den Betrachter hin ausgerichtet und ein fernsichtig komponiertes, feinmalerisch ausgeführtes Landschaftsgemälde typischer holländischer Prägung wenig Gemeinsamkeiten zu haben. In der exakten Umkehr des Verhältnisses von Natur und Figur ist eine Bezugnahme deshalb nicht auf formaler Ebene spannend sondern auf inhaltlicher. Mensch und Natur sind über die Jahrhunderte hinweg die relevanten Bildthemen, mit denen sich die Künstler auseinandersetzen. Dass der Mensch sich heute nicht mehr in sie einfügt sondern die Natur eher als Zugabe zum menschlichen Dasein wahrnimmt, könnte ein Gedanke hinsichtlich der veränderten Gewichtung in diesen zwei Bildern sein. Beiden Gemälden ist jedoch die ruhige Übereinkunft von Mensch und Natur gemein. Eine sinnlich dargestellte Harmonie finden wir sowohl bei Mosscher als auch bei Schleime: nutzt das rastende Paar die es umgebende schöne Natur als schützenden Rahmen für sein fröhliches Picknick zu dem es sich auf dem Boden niedergelassen hat, so geht das Mädchen noch einen Schritt weiter indem es die Natur nicht nur spürt, sondern sich auf einen noch intimeren Kontakt, nämlich das Schmecken einlässt. Ein geradezu provozierender Akt in Zeiten einer Umweltverschmutzung, die durch unseren unbedachten und ausbeuterischen Umgang mit der Natur verursacht ist. Ermutigt uns die Schönheit der Natur gerade angesichts ihrer Bedrohung sie in den Blick zu nehmen, so wie das Mädchen das Blatt in den Mund nimmt? Wie ein symbolhaftes Zeichen erscheint das Blatt im Munde des Mädchens. Ohne das Blatt wäre dieses Bild nicht vollständig genau wie der Mensch ohne die Natur nicht lebensfähig wäre. Vielleicht hat sich das Mädchen sein Blatt von einem kleinen Ausflug durch ein holländisches Landschaftsgemälde als kleines Andenken mitgebracht, einer Zeit vor allen Umweltskandalen.

Ich danke Cornelia Schleime herzlich für die Charakterisierung ihres Blattmädchens.

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Dr. Teresa Bischoff (*1979) studierte Kunstgeschichte, Literaturgeschichte und Geschichte in Erlangen und Rom. Kürzlich erschien ihre Dissertation “Kunst und Caritas” über Leben und Werk der Malerin, Kunstsammlerin und Mäzenin Emilie Linder. Nach Dozententätigkeiten in Erlangen, Ansbach und Nürnberg ist sie nun wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

www.cornelia-schleime.de

http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/vorschau/cornelia-schleime/

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Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Landschaften und Seestücke. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2001. S. 180-183.

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