Archive for März, 2019

100 Meisterwerke – Teil 31: Marlene Dumas und Adriaen van Nieulandt

Nieulandt

Adriaen van Nieulandt, Allegorie auf den christlichen Streiter – Der Kampf des Tugendhelden gegen die Laster, 1655 Öl auf Leinwand, 96,5 x 79,3 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Die Vorstellung des strahlend-mächtigen Helden, der mit flammendem Schwert unter Beihilfe tugendhafter, schöner Frauen die Lasterhaften, Verbrecher und Sünder niederschlägt, ist ein schöner, wenn auch utopischer Gedanke.

In Adriaen van Nieulandts Gemälde „Allegorie auf den christlichen Streiter – Der Kampf
des Tugendhelden gegen die Laster“ aus dem Jahr 1655 ist diese Szenerie geschildert.
Mittig, vor theatralisch ausgeleuchteter Himmelskulisse, aus der sich von oben goldenes
Licht ergießt, hat der gerüstete junge Mann auf einem steinernen, rechtwinkligen Podest
Stellung bezogen. Dramatisch bläht sich sein roter Umhang zwischen blauer Kleidung
und kostbarer Rüstung. In kämpferischer Haltung ist er zum Äußersten bereit. Der
kraftvoll ausholende Schwung seines rechten Armes, mit dem er das Schwert führt,
verdeutlicht dies zusätzlich. Ohne jeden Zweifel ob des Ausgangs fliegen bereits die
kleinen, mit Siegerkranz und Palmzweig ausgestatteten Putten über dem Haupt des
Helden herbei um ihn zu krönen.
In seiner Erhöhung nimmt der Verfechter für das Gute eine ideale Ausgangslage ein im
Kampf gegen die sich vor ihm krümmenden, nackten, elenden Gestalten, die erfolglos
nur versuchen einige Pfeile gegen ihn abzuschießen. Begleitet werden diese von „Frau
Welt“, einer weiblichen Gestalt, die erkennbar an ihrer überbordenden Aufmachung
gleich mehrere Laster in sich vereint: Hochmut, Habgier und Völlerei. Die Glaskugel auf
ihrem Haupt ist das zerbrechliche Symbol der Vergänglichkeit alles irdischen Guts. Das
Skelett, das über den Leibern tanzt, erscheint wie eine Zusammenfassung des endlichen,
weltlichen Treibens.
Der christliche Streiter muss seinen Kampf gegen das Böse jedoch nicht alleine
ausfechten. In Form der Tugenden, die allesamt als weibliche Allegorien dargestellt sind,
ist ihm tatkräftige Hilfe sicher. In vorderster Reihe haben sich die Wichtigsten
versammelt. Zu erkennen sind sie an ihren tradierten Attributen, dem aufgeschlagenen
Buch für den Glauben, dem gen Himmel strebenden Blick für die Hoffnung und den
fürsorglich umhegten Kindern, die für die Liebe stehen.
Diese drei werden noch zusätzlich unterstützt von den vier Kardinaltugenden, der
Klugheit, der Tapferkeit, der Stärke und der Gerechtigkeit. Da Allegorien, also die
bildhaften Darstellungen eines abstrakten Begriffs meist mittels weiblicher Personen, im
Barock immer beliebter wurden, gab es regelrechte Identifizierungsbücher, wie
beispielsweise die „Iconologia“ des Cesare Ripa. Unser Künstler hat diese Abhandlung
gut gekannt. Das beweist seine Gestaltung des Titels der niederländischen Ausgabe
Ripas von 1644.

Trotz der allegorischen Darstellungsweise, die innerhalb der Malereigattungen, die
höchstrangige im Barock war, ist alles klar und einfach in diesem Gemälde Nieulandts:
Das Böse, das auch rein äußerlich als solches erkennbar ist, wird vom Guten sowohl
physisch als auch moralisch besiegt.
Das Bild gibt einen Einblick in die Zeit einer Gedankenwelt als Gutmensch noch kein
Schimpfwort, Geiz noch nicht geil war und Anstand kein Wert, den es, hinsichtlich der
Vergrößerung des eigenen Vorteils, zu vermeiden galt. Es vermittelt den Eindruck von
einer Vorstellung in der das Gute stets auch das Wahre und Schöne war.
Uneindeutig und unsicher scheint uns Heutigen hingegen die Gegenwart. Die Sache mit
der Weltsicht und mit den Urteilen ist schwieriger geworden. Das „Nur Gute“ gibt es
nicht mehr, stets schwingt der Hauch eines „Abers“ mit.
Allein hinsichtlich dieses Bildes müssten wir in Zeiten der „MeToo“- und
Genderdebatten doch sofort fragen, warum der wirkliche, im Mittelpunkt stehende Held
denn stets der Mann ist und das nur schmückende, tugendhafte Beiwerk immer die
Frauen sind? Nein, einfacher ist es seither nicht geworden. Dementsprechend groß sind
die Sehnsucht und damit einhergehend auch die Gefahr, es sich wieder einfach zu
machen, sich der Vieldeutigkeit und Ambivalenz zu entziehen. Die Verlockung der
schlichten Parolen scheint im Moment so groß wie schon lange nicht mehr zu sein.
Autoren wie Thomas Bauer warnen deshalb vor einem zunehmenden Verlust der
Mehrdeutigkeit und der Vielfalt. Seiner Meinung nach stellt eine gewisse Fähigkeit zur
„Ambiguitätstoleranz“, ein Einlassen auf Widersprüche und die Auseinandersetzung mit
ihnen einen wesentlichen Aspekt des fortgeschrittenen Menschseins dar.
Und dennoch gibt es immer noch schlichte und klare Richtlinien zur Orientierung des
menschlichen Verhaltens, die nichts mit einer falsifizierenden Bequemlichkeit zu tun
haben. Rigoros und unnachgiebig konfrontiert Marlène Dumas den Betrachter mit einer
solchen Frage: „Would Jesus have done the same?“ Kurz und knapp hat sie diese auch in
der bildhaften Ausführung ihres Aquarells dargestellt.
Im kleinen Hochformat blickt der Betrachter extrem nahsichtig, ohne
Ausweichmöglichkeit auf ein mit wenigen schwarzen Strichen skizziertes Gesicht, das in
seiner Schlichtheit nur umso ergreifender wirkt. Die Augen sind niedergeschlagen, der
Mund traurig geschlossen, das dünne Haar hängt lose auf die nicht mehr sichtbaren
Schultern, auf dem Haupt sitzt eine Dornenkrone.

dumas

Marlene, Dumas, Would Jesus have done the same?, 1994, Bleistift, Aquarell und Tinte auf Papier, 44 x 38 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Ist dies das Antlitz Jesu? Es sieht zumindest anders aus, als das uns bekannte „vera icon“
vom Schweißtuch der Veronika. Androgyner, menschlicher, nahbarer, verletzter,
universaler.
Ist es nicht doch eher ein Symbol der Verbildlichung der Gewissensfrage, ob Jesus auch
so gehandelt hätte, wie man es selbst gerade tut?
Bildhaft stellt die Arbeit diese essentielle Frage aber auch andersherum. Hätte man
selbst gehandelt wie Jesus? Wie viel Opferbereitschaft ist man bereit zu leben? Wie viele
Dornen darf die Krone haben, die man sich für den anderen aufsetzt?
Das reicht von den kleinen Gefälligkeiten oder Kompromissen, die nicht weiter weh tun,
bis hin zu wirklichen Opfern, zur Bereitschaft etwas zu tun, was für einen selbst im
höchsten Maße unangenehm ist, um dem anderen Erleichterung zu verschaffen oder
eine Freude zu bereiten. Vermutlich sind erst das die wahren (Opfer)Geschenke, die
man auf jeglicher Ebene geben kann, nicht weil man etwas sowieso im Überfluss hat,
sondern im klaren Bewusstsein, dass das Verschenkte, einem danach selbst fehlen wird.
Die eigene Person ab und an aus dem Fokus zu rücken, wie es auch die Gestalt in dem
Bild von Dumas tut, hilft vielleicht dabei eine Balance zu finden zwischen den eigenen
Vorstellungen, Wünschen und Befindlichkeiten und denen der anderen.
Dabei festzustellen, dass manche Tugenden zeitlos sind und Eigenschaften wie Klugheit,
Humor, Geduld, Mitgefühl oder Nachsicht auch im großen und kleinen Miteinander der
Gegenwart Sinn machen, ist schlicht und einfach GUT.

Lit.:
Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische  
Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S.  
304-308.
Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an  
Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Stuttgart 2018.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Gastprofessorin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. . Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 http://soer.de

100 Meisterwerke – Teil 30: Kai Klahre & Jan Gemeinhardt

o.T._2016_Oel auf Papier_59 x 42 cm

Jan Gemeinhardt, O. T., 2016, Öl auf Papier, 59 x 42 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

„Nürnberg! du vormals weltberühmte Stadt! Wie innig lieb ich die Bildungen jener Zeit! Wie ziehen sie mich zurück in jenes Jahrhundert, da du, Nürnberg, die lebendigwimmelnde Schule der Kunst warst, und ein recht fruchtbarer, überfließender Kunstgeist in deinen Mauern lebte und webte: Wie oft hab ich mich in jene Zeit zurückgewünscht!“

Kurz vor der Wende zum 19. Jahrhundert schickten zwei junge Studenten namens Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck diese Stoßseufzer gen Himmel. „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ nannten die beiden Frühromantiker ihr Büchlein, das 1796 anonym erschien und neben viel innovativem Gedankengut eben auch zu einer literarischen Wiederentdeckung der Kunststadt Nürnberg führte, deren Blüte die beiden Literaten – ganz Kinder ihrer Zeit – natürlich in der Dürerzeit verorteten.

Vermutlich wäre die Freude der romantischen Dichter groß gewesen, hätten sie voraussehen können, welch künstlerische Qualität auch im 21. Jahrhundert in Nürnberg lebt.

In einem von außen unscheinbar wirkenden Hinterhaus in der Nürnberger Südstadt haben die Künstler Jan Gemeinhardt und Kai Klahre ihre Ateliers eingerichtet.

Beide absolvierten ihre Studien als Meisterschüler an der ältesten Kunsthochschule im deutschsprachigen Raum, der bereits 1662 gegründeten Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, und bezogen danach Arbeitsräume in der fränkischen Metropole.

deprimierter Tod_2011_Oel auf MDF_30 x 24 cm

Atelieransicht ©Kai Klahre

Bereits das Betreten der Räumlichkeiten, in denen ihre Kunst entsteht, macht deutlich, dass hier zwei höchst individuelle und damit auch unterschiedliche künstlerische Wege beschritten werden, die sich beide auch auf kluge und zeitgenössische Art mit kunsthistorischen Traditionen auseinandersetzen.

Kai Klahres Atelier offenbart sich dem Besucher wie eine Art moderne Wunderkammer. Kleinblättrige Zimmerpflanzen, ein winziger Spiegel, eine ganze Pallettenhalde eingetrockneter Farbe, eine Gipsmaske Adolph von Menzels, hängende Pinsel, die sich selbst wie eigenständige kleine Skulpturen gebärden, Fotografien und Zeitungsausschnitte an der Wand lesen sich wie das visuelle Präludium auf die Kunstwerke, die hier natürlich ebenfalls zu sehen sind. In allen Stadien der Fertigung, von der zarten, tastenden, vielleicht erst vorbereitenden Linienzeichnung, bis hin zur vollendet filigran gegossenen und dann virtuos gefassten, feingliedrigen Bronzearbeit, finden sich alle bildnerischen Gattungen, sowohl im Atelier als auch im Oeuvre des Künstlers Kai Klahre.

Mit intelligentem Humor und ernsthafter Geschichts- und Kunstgeschichtskenntnis wagt der Künstler sich auf das Terrain der zeitgenössischen figürlichen Malerei, ohne jedoch zwanghaft in ihr verhaftet zu sein oder sie nur auf dem meist metallischen Bildträger zu begrenzen. In letzter Zeit machen sich die Figuren der Gemälde immer häufiger selbstständig und bewegen sich als feinst gegossene Metallarbeiten aus den Gemälden heraus.

Atelier Kai

Kai Klahre, Farbkrieger, 2015, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

 

Zu einer bildnerischen Geschichtenerzählung, sei sie nun plastischer oder zweidimensionaler Natur, gehört für Kai Klahre ein Titel, und so umfasst seine künstlerische Sorgfaltspflicht stets auch die umsichtige Benennung seiner Werke. „Farbkrieger“ heißt ein Bild aus dem Jahr 2015, das einen schönen Elefanten zeigt, der zwar energisch, aber dennoch behutsam, voraneilt. Formatausfüllend durchmisst das große Tier den fulminanten Farbraum. Trotz seines Elans scheint es sich seines Reiters bewusst, der entspannt und mit angezogenen Beinen auf seinem Rücken sitzt. Einen roten Teppich hat man den beiden zu Recht ausgelegt. Sie sind in wichtiger Mission unterwegs: Für mehr Buntheit und Farbe muss schließlich gekämpft werden!

Die Komplexität der Bezugssysteme, in denen die Arbeiten des Künstlers verortet sind, zeigt sich auf sehr vielfältige Weise. Titel und Bild, Inhalt und Technik, Format und Motiv verwebt der Künstler mit spielerisch-leichter aber intelligenter Weise auch stets mit der kunsthistorischen Tradition. Kai Klahre ist einer der wenigen zeitgenössischen Künstler, der keine Scheu davor hat, sich mit ihr bewusst auseinanderzusetzen. Sei es in seinem Arbeitsprozess selbst, der ganz klassisch auf der Zeichnung basiert und sowohl das bildhauerische als auch das malerische Tun umfasst, oder auch in seinen Motiven. Die ästhetische, tiefsinnige Ernsthaftigkeit seines Schaffens erstickt von Beginn an jeglichen konsumigen Kitschverdacht im Keim, sodass man mit freudiger Erleichterung feststellt, dass in Kai Klahres Werken die gegenwärtig so häufig grassierende Angst vor der Schönheit nicht existiert.

Atelier Jan

Atelieransicht ©Jan Gemienhardt

Ein Stockwerk höher liegt Jan Gemeinhardts Atelier: Eine Rüstung, eine Dornenkrone, Unmengen von Farbtuben, Regale voller Leinwände, leere Rahmen, unzählige Bücher und Postkarten alter Meister gruppieren sich, von einem bequemen Sofa begleitet, um einen glühenden, kleinen Ofen und vermitteln einen dinglich-atmosphärischen Eindruck des künstlerischen Entstehungsprozesses der Bilder und ihrer Inspirationsquellen.

Jan Gemeinhardts häufigstes Metier ist eine sehr moderne Art der Landschaftsmalerei, in der der Mensch und seine Lebensdinge meist nur eine untergeordnete Rolle spielen. Melancholisch und ein wenig einsam wirken die häufig kleinformatigen Gemälde aufgrund ihrer verhaltenen Stimmung, die durch das reduzierte, kühle Kolorit noch unterstrichen wird. In versierter Handwerklichkeit zeigen die Gemälde nuancenreiche Variationen der gesamten dunklen Farbskala.

Auf den ersten Blick beeindruckt vornehmlich die tiefsinnige Stimmung der Gemälde. Nur schwer kann man sich der Verführungskunst der Bilder entziehen, die in ihrer geheimnisvollen, leisen Art zu einer immer eingehenderen Betrachtungsweise ihrer Hintergründigkeit einladen.

o.T._2016_Oel auf Papier_59 x 42 cm

Jan Gemeinhardt, O. T., 2016, Öl auf Papier, 59 x 42 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Wolken heben sich vom Himmel ab, die Luft erscheint als wirklich existierende Materie, Wind breitet sich aus und trifft auf sich aufbäumendes Wasser. Jede Oberflächenstruktur wird in ihrer Haptik minutiös und meisterlich gestaltet, meist auch mithilfe sehr spezieller Lichtreflexe. Nicht selten handelt es sich um Mond- statt Sonnenlicht, von dem bereits der Romantiker Johann Christian Clausen Dahl bemerkte, dass es auf den Menschen einfach einen nicht abzuweisenden Zauber ausübe.

Jan Gemeinhardts Arbeiten sind erzählerisch so ambig wie zurückhaltend. Trotz der oft fehlenden menschlichen Figuren, haben diese manchmal Spuren hinterlassen: sei es als kleines, fürsorglich gebautes Vogelhäuschen für kalte Tage an einem Birkenstamm, einem bunten Wimpelreigen, der verlassen in einer Winterlandschaft übrig geblieben ist, oder eben einem deprimiertem Tod, der trotzig nach Hause geht.

Um die sehr besonderen Stimmungen seiner Werke zu erzeugen, überlässt der Künstler nichts dem technischen Zufall. Jedes Detail ist virtuos auf seinen visuellen Effekt hin ausgeführt. Hierbei ist die große Kunst Jan Gemeinhardts, sich nicht von einem plakativen Realismus leiten zu lassen. Die künstlerische Aufgabe umfasst kein reines Abmalen von Naturschauspielen, vielmehr geht es um die Wirkung, die das Gemalte beim Rezipienten hervorzurufen im Stande ist. Auf diesen Effekt versteht sich der Künstler brillant. Man meint, dass er das Betrachterauge stets mit in seinem Pinsel führe.

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Jan Gemeinhardt, Deprimierter Tod, 2011, Oel auf MDF, 30 x 24 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

„Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehst ein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf andere von außen nach innen.“ So umschrieb der berühmteste Maler der deutschen Romantik Caspar David Friedrich seine Auffassung einer Landschaftsmalerei, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts revolutionär war. Jan Gemeinhardts Arbeiten stehen in dieser Tradition und gehen noch darüber hinaus: Mit höchster Sensibilität entfalten alle Gemälde seiner Hand einen feinsinnigen und individuellen Überraschungsmoment. In jedem seiner Bilder findet sich ein Detail, das irritiert, das einen lächeln macht, verstört oder zum Nachdenken anregt und so jedes Werk – auch über seine reine Form hinaus – zu einer einzigartigen Entdeckung werden lässt.

„Jedes Kunstwerk muß eine doppelte Sprache reden, eine des Leibes und eine der Seele,“ so formulierten die beiden Freunde Wackenroder und Tieck ihre Auffassung eines idealen Kunstwerkes im ausgehenden 18. Jahrhundert. Die Formen der Kunst haben sich seither gewandelt, die inhaltliche Wahrhaftigkeit dieser Aussage jedoch nicht, wie die Werke der beiden Künstler Kai Klahre und Jan Gemeinhardt meisterhaft zeigen.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Gastprofessorin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

 

www.jan-gemeinhardt.de

www.kaiklahre.de

 

Aktuelle Ausstellungen:

Jan Gemeinhardt: Galerie Tristan Lorenz in Frankfurt bis 12. März

Kai Klahre: Galerie Schwarz in Greifswald vom 8. März bis 11. Mai

Galerie Anette Müller in Düsseldorf vom 15. März bis 27. April