Archive for August, 2018

100 Meisterwerke – Teil 24: Michaelina Wautier

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Michaelina Wautier, ,,Blumengirlande mit Prachtlibelle”, 1652, Öl auf Holz, 41,1 x 57,4 cm, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

 

Einer antiken Legende nach traten die Kranzwinderin Glykera und ihr Geliebter, der Maler Pausias, in einen edlen Paragonestreit, wer die schönste Blumengirlande erschaffen könne.

Den Wettkampf zwischen einer Komposition aus realer, vergänglicher Schönheit, die aber von der Natur selbst geschaffen worden war, und der nur nachahmenden, dafür aber bleibenden, bildenden Kunst kann Michaelina Wautier (1604-1689) für sich entscheiden. In ihrem 1652 entstandenen Blumenstilleben verbindet sie sowohl die gestalterischen Vorzüge der Floristikals auch die der nachbildenden Malerei bravourös.

„Die Blumengirlande mit Prachtlibelle“ ist kein Gemälde, das sich in der dämmrigen Lichtgestaltung der Ausstellung, die derzeit im Antwerpener Museum aan de Stroom zu sehen ist, nach vorne drängt. Vielmehr hat es seinen Platz in einem ruhigen Kabinett gefunden, das dem Betrachter die nötige Muße gewährt, sich dem exquisiten Bildsujet mit Konzentration widmen zu können.

Üppig, jedoch in kristalliner Eleganz, windet sich eine prächtige Blumengirlande vor einem dunkelbraunen, monochromen Wandstück, das die nötige Einfachheit besitzt, um die erlesene Vielfalt der Blüten und Blumen sich voll entfalten zu lassen. Mittig anschwellend explodiert die Farbenpracht in warmen Rot-, Rosa- und Orangetönen, während sich sowohl das Kolorit als auch das Volumen der Blumenfülle gegen die Ränder hin leicht abkühlenund beruhigen.

Gehalten werden die Malven, Magheriten, Nelken, Glocken-, Studenten- und Kornblumen inwändig von einem Efeugerüst, das an den Rändern sichtbar hervortritt und farblich zu den schimmernden, blauen Schleifen überleitet, die das Gebinde an den beiden Tierschädeln befestigen. Das Bukranionfries, also die Girlande zwischen zwei Tierschädeln, ist ein Bauornament aus der Antike und wird von der Künstlerin, vermutlich zum ersten Mal innerhalb der Kunstgeschichte, malerisch in die Realität zurückverwandelt.

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Michaelina Wautier, ,,Blumengirlande mit Prachtlibelle” (Detail), 1652, Öl auf Holz, 41,1 x 57,4 cm, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Das Zentrum der Girlande ist durch eine weitere Zugabe betont:Mittig schwebt in all ihrer schillernden Zartheit und Schönheit, exakt beobachtet und täuschend echt wiedergegeben, eine Prachtlibelle, die ihr kleines, vielleicht etwas profaneres Gegenstück in der Biene findet, die auf dem höchsten Punkt des Gebindes, einer Ringelblume, aufsitzt. Subtil wird dieses Duo ergänzt von einem weißen Schmetterling, der sich nur zart auf einen feinen, nach unten hängenden grünen Halm gesetzt hat. Führen die Blumen einen fulminant-dynamischen Schwung durch das Querformat auf, so durchkreuzen die kleinen Insekten auf anderer Ebene diese Bildstruktur subtil.

Alles scheint so natürlich und zufällig in diesem Gemälde, und doch war es eines der obersten Prinzipien der Barockzeit, die Natur zwar als Vorlage für die Kunst zu nutzen, sie aber stets der ordnenden Menschenhand zu unterwerfen.

Michaelina Wautiers „Blumengirlande mit Prachtlibelle“ ist das einzige Stilllebenin dieser ersten Ausstellung, die sich ausschließlich der begabten Barockmalerin widmet und den alliterativ publikumswirksamen Titel „Michaelina. De leading lady van de barok“ trägt.

Wenig ist über diese „führende Dame der Barockmalerei“ bekannt. Ihren männlichen Kollegen durchaus ebenbürtig, hatte sie die Herausforderung, eigenständig das Malerhandwerk zu erlernen, angenommen, um ab 1640 zusammen mit ihrem ebenfalls unverheiratet gebliebenen Bruder in Brüssel in einem stattlichen Haus zu leben und zu arbeiten.

Wie auch den anderen ihrer rarenweiblichen Kolleginnen zu dieser Zeit blieb ihr eine akademische Ausbildung vorenthalten. Nahezu zwingend nötig war es, dass Frauen, die künstlerisch tätig sein wollten, sich die hierfür erlernbaren Fähigkeiten im privaten Umfeld erwarben, sei es beim Vater, Bruder oder, eher selten, bei einem Ehemann. Die Familie musste das nötige Wissen und die Handfertigkeit im Selbststudium ersetzen, die sich die männlichen Künstler an Akademien oder Abendschulen in professioneller Umgebung aneignen konnten. „Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts trafen sich männliche Künstler regelmäßig, um über Theorien zu diskutieren, Abgüsse oder Aktmodelle zu zeichnen und mehr über Anatomie und Perspektive zu lernen. Nicht nur dies blieb den Frauen verwehrt, ihnen fehlte auch die konstruktive Kritik von Kollegen.“ (Borzello S. 56-57.)

Auffällig viele Künstlerinnen blieben, wie auch Michaelina Wautier, unverheiratet. Aufgrund der mangelnden Quellenlage ließe sich nur spekulieren, ob die Frauen bewusst die Ehelosigkeit und damit auch ein gewisses Maß an Selbstbestimmtheit wählten, das ihnen durch ihre Berufstätigkeit möglich war, oder ob eine eigenständig künstlerisch arbeitende Frau per se durch ihre Unabhängigkeit als Heiratskandidatin für viele Männer unattraktiv war. In den meisten Fällen bedeutete die Heirat, oder spätestens die Mutterschaft, das Ende der künstlerischen Tätigkeit. Von Judith Leyster, einer berühmten und vor ihrer Ehe sehr produktiven Zeitgenossin Michaelina Wautiers, ist nach der Geburt ihrer ersten Tochter nur mehr eine einzige Aquarellstudie überliefert. Vermutlich schränkte sie massiv ihre Tätigkeit ein oder arbeitete in der Werkstatt ihres Ehemannes nun unter seinem Namen.

Michaelina Wautier jedoch hatte mit ihrem ungewöhnlichen Lebensentwurf großen beruflichen Erfolg. Vermutlich reiste sie mit ihrem Bruder sogar nach Italien. Eine Reise, die durch Quellen nicht belegt werden kann, die aber aufgrund der häufigen Antikenrezeption als auch der italienischen Einflüsse innerhalb ihres Oeuvres wahrscheinlich ist, wie ein weiteres Schlüsselwerk, der „Triumph des Bacchus“, zeigt, das extra aus Wien zu dieser Ausstellung nach Antwerpen gereist ist.

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Michaelina Wautier, „Triumph des Bacchus“, 1643 – 1659, Öl auf Leinwand, 270,5 x 354 cm, Courtesy of Kunsthistorisches Museum Wien

Fröhlich, aber vermutlich nicht mehr ganz nüchtern, zieht ein Zug aus nur spärlich bekleideten Satyrn, Kindern, Ziegen und einem Esel der Abenddämmerung entgegen. Seinem Götterstatus inadäquat, wurde Bacchus auf einen hölzernen Schubkarren verladen, um, nun in liegender Pose und verrutschtem Leopardenfell, inmitten der Gesellschaft fortbewegt zu werden. Noch während dieser Wanderung wird ihm von einem Bacchanten Traubensaft aus einer vollen Rebe in den Mund geträufelt.

Fast wirkt dieses Historiengemälde wie der Triumphzug nicht des Bacchus, sondern seiner Schöpferin. Fast erscheint es wie ein brillant-konterndes Meisterstück, um all die Kritiker der weiblichen Künstlerschaft Lügen zu strafen:

Michaelina Wautier beherrscht virtuos das große Historienformat, keine Schwächen, keine Leerstellen, vielmehr zeichnet wohldosierter Überschwang die ästhetische Farbgebung und die kluge Komposition aus. Durchdacht ergreifen die Figuren den Raum der ihnen vorgegebenen Bildbühne und agieren lebhaft darin. Augenzwinkernd gesteht die Künstlerin dem Esel das Zentrum des Geschehens zu, während die Ränder des Bildes durch sich diametral entsprechende Paare harmonisch abgeschlossen werden: links das in Rückansicht gezeigte, nach vorne schreitende Paar eines alten Mannes und eines Kindessowie rechts drei fröhliche Kinder, die sich um eine efeubekränzte Ziege balgen.

Exakt sind die am antiken Schönheitsideal orientiertennackten Körper nicht nur in ihrer Oberflächenbeschaffenheit, sondern auch in ihrer Haptik und unterschiedlichen inneren Muskelspannung gezeigt. Forscher vermuten, dass die Kooperation mit ihrem Bruder der Künstlerin das Arbeiten nach lebenden Modellen ermöglicht hat. Ein Umstand, der so vielen anderen weiblichen Malerinnen zeitlebens verwehrt war.

Die bemerkenswerteste Figur innerhalb der Komposition ist die nur halb von einem leichten rosa Gewand verhüllte Gestalt einer schönen, blonden Bacchantin. Als einzige blickt sie aus dem Bild heraus. Fast scheint es, als sei sie in das Spektakel nicht wirklich involviert, ja als würde sie nicht einmal den Übergriff des neben ihr stehenden, lüsternen Mannes bemerken. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Betrachter. Sie ist die Mittlerin zwischen Bild- und Realraum. Wie in einer stummen Zwiesprache scheint ihr Blick noch einmal all die malerischen Argumente des Bildes neben ihr reflektierend zu erläutern. Falls es sich bei dieser Figur tatsächlich um ein verstecktes Selbstporträt der Künstlerin handelt, wäre dieser Mut eine kleine Sensation. Im Kleid der Mythologie versteckt (nur so kann und darf sie auch ihre nackte, schöne Gestalt zeigen), weist sie den Betrachter selbstbewusst auf ihre eigenen Fähigkeiten hin.

Ein Vergleich mit dem in der Ausstellung eingangs gezeigten Selbstporträt der Künstlerin lässt die Annahme sehr wahrscheinlich erscheinen. Nicht nur in der Physiognomie entsprechen sich die beiden Frauenporträts, sondern auch in ihrer selbstbewussten Nonchalance, die dem Betrachter mit präziser malerischer Qualität vor Augen geführt wird. Diese Qualität wurde von Michaelina Wautiers Zeitgenossen hoch geschätzt, nicht zuletzt vom Statthalter der spanischen Niederländer, Erzherzog Wilhelm Leopold, der unter anderem auch den Bacchuszug angekauft hatte.

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Michaelina Wautier, ,,Blumengirlande mit Prachtlibelle” (Detail), 1652, Öl auf Holz, 41,1 x 57,4 cm, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

So virtuos die Künstlerin in diesem großformatigen Historiengemälde ihr Talent zur Schau stellt, so fein und leise zeugt auch die „Blumengirlande“ von ihrem Geschick.

Geht man nach der Betrachtung des „Triumph des Bacchus“ noch einmal zurück, so entdeckt man dasselbe Prinzip innerhalb der Bildgestaltung: die Vielfalt in der Einheit. Es ist der Blick für die große Form, die aus dem ästhetischen Zusammenspiel jedes noch so kleinen Details mit dem anderen entsteht, den Michaelina Wautier meisterhaft beherrscht. Fast modern mutet es an, dass eine Künstlerin des 17. Jahrhunderts, einer Epoche, als das Stillleben weit unten in der Gattungshierarchie der Malerei rangierte, dieses Bildsujet anscheinend nicht minder wertgeschätzt und behandelt hat als ein großformatiges, mythologisches Historiengemälde. Ein Bild nach anderen Kriterien als nach seinem Motiv zu bewerten, war in dieser Zeit sehr innovativ.

Aufgrund dieser Tatsache ist es auch nicht verwunderlich, in der Ausstellung von der Hand der Malerin alle Gattungen anzutreffen. Das erstaunlich breite Spektrum der Motive innerhalb ihres Oeuvres erstreckt sich vom psychologisch tief ergründenden Porträt bis zum leichten Genremotiv seifenblasender Kinder, von der Verkündigungsdarstellung bis hin zu einer zarten Blumengirlande mit Libelle. Und dieses kleine Insekt wiederum zeugt von einer weiteren Begabung der Künstlerin: nämlich der der Anverwandlung altbekannter Topoi. Der Legende nach stellten gute Maler in der Antike ihr Talent dadurch unter Beweis, dass sie Pflanzen so naturgetreu darzustellen vermochten, dass sich Tiere davon täuschen ließen.

Die Besten der Maler jedoch waren in der Lage, das menschliche Auge zu täuschen.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Literatur:

Frances Borzello: Ihre eigene Welt. Frauen in der Kunstgeschichte. Hildesheim 2000.

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Stilleben und Tierstücke. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 2004. S. 278-281.

Katlijine Van der Stighelen: Michaelina Wautier (1604-1689). Triomf van een vergeten talent. Gent 2018.

https://www.mas.be/de/aktivitaet/michaelina (Zugriff am 27.8.2018)

http://soer.de

http://instagram.com/soer_rusche

 

 

 

 

 

Aus der aktuellen Ausgabe des Tweed Magazins: »WIE ICH MICH KLEIDE, IST EINE BOTSCHAFT« Thomas Rusche im Gespräch mit Bernhard Roetzel

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Dr. Thomas Rusche leitet die sehr klassische Herrenausstatter-Kette Sør. Er ist überzeugt, dass wir heute die freieste Bekleidungskultur haben und Zwänge nur selbst auferlegt sind.

von Bernhard Roetzel mit Fotos von Martin Smolka

BR: In Ihrer Firmenzentrale hier in Oelde sieht man altes englisches Mobiliar und moderne Kunst nebeneinan­ der. Hat das eine Bedeutung?

TR: Unter der Ägide meines Vaters habe ich mich sehr in- tensiv mit dem Einmaleins der Kleidungskultur befasst und auch mit dem Einmaleins der britischen Möbel- kultur. Doch seit zehn, 15 Jahren, gibt es spannende Brüche – so wie wir es in der Mode durch den Einfluss des Italienischen erleben oder bei der Street- und Urbankultur. Mit dieser Dialektik umzugehen ist eine Herausforderung. In diesem Fall mit der Kunst, die in zeitgenössischen Ateliers entsteht und auf den ersten Blick überhaupt nichts zu tun hat mit klassischer, konservativer Auffassung. Was heißt das? Die reine Lehre zum einen, die Herausforderung durch eine Stilistik, die auf der Straße getragen wird, zum anderen. Damit umzugehen, ist die tägliche Aufgabe in der Kultur und der Kunstwelt. Und das wird vielleicht ein wenig zum Ausdruck gebracht durch die Kombination von alter Kunst und alten Möbeln mit zeitgenössischer Kunst.

BR: In diesem Besprechungsraum hängen Schlachtenbil­ der an den Wänden. Warum?

TR: Management – da geht es ja um Schlachten, um Pro und Kontra. Und um das Risiko, dass man sich nicht entscheidet. Das Risiko, dass man nicht vorankommt. Die Ambivalenz aller Dinge.

BR: Hier hängt ein zeitgenössisches Bild, eine Komposi­tion mit Hellblau und Orange. Das Hemd mit den Streifen in Orange und Blau liegt nicht zufällig unter diesem Bild?

TR: Wir saßen hier Anfang des neuen Jahrtausends in einer Managementbesprechung. Das war keine einfache Zeit, weil damals der Business-Markt kollabierte. Hier hingen alte Meister, passend zu der Kollektion, die sich daran hielt, was ich in meinem „Sør-Brevier der Kleidungskultur“ aufgeschrieben hatte. Die Klientel, die sich für diese Dinge noch interessierte, wurde damals immer kleiner. Da hatte ich die Idee, dieses Hemd an die Malereiklasse von Professorin Ingrid Dörries-Höher an der Kunsthochschule in Bielefeld zu geben und zu sagen: Macht mal was mit diesem Hemd. Es kamen später diese Bilder an, die hier hängen. Wir haben eines davon prämiert und es auch auf den Umschlag unseres Katalogs gebracht. Eines der Bilder fiel farblich ein wenig heraus, es hatte ein bisschen mehr Grün und Türkis. Daraus haben wir einen Stoff weben lassen und ein Hemd daraus gemacht. Vom Hemd zum Bild, von der Kunst zum Hemd. Vor allem hatte uns aber die Farbe Orange bewegt. Damit haben wir in der nächsten Saison alles gemacht, was man sich für Männer damals in Deutschland nicht vorstellen konnte.

BR: Und wie kam das an?

TR: Orange wurde die am besten verkaufte Pulloverfarbe. Es gab auch die orangefarbene Baumwollhose. Man könnte sagen, dass wir die konservative Klientel in Deutschland aus diesem Erlebnis heraus zur Farbe befreit haben. Ich kann für Sør behaupten, dass wir in dieser schwierigen Zeit, in der sich immer mehr Männer gegen den Kleidungsstil gewendet haben, den Sie und ich vertreten, den Mann über die Farbe und über die extreme Sportswear-Orientierung gepackt haben. Den Mann, der sich, wenn er abends nach Hause kommt, als erstes die Krawatte abbindet. Wenn er sie denn überhaupt noch im Beruf anzieht. Dieser Mann möchte einen coolen Kaschmirpulli tragen, ein tolles Sportshemd dazu und gut geschnittene Hosen. Das war damals eine Lücke in Deutschland – die Kunst, sich in der Freizeit gut anzuziehen. Das musste der deutsche Mann lernen, weil er mit der Freiheit nicht umgehen konnte. Und durch diesen Gedanken, gerade auch in Auseinandersetzung mit der Berliner Künstlerszene, die sich um alles scherte, aber nicht um die Regeln der Kleidungskultur, ist mir deutlich geworden, dass der Anlass nur ein Aspekt der Kleidungskultur ist.

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Sør wurde 1956 von Dr. Thomas Rusches Eltern, Egon und Doris, in Bielefeld gegründet und etablierte sich schnell als sichere Adresse des guten Stils. Inzwischen gibt es 60 Filialen und den Online-Handel. Fotos Martin Smolka

 

BR: Was sind denn die anderen Aspekte der Kleidungs­kultur?

TR: Aus meiner heutigen Sicht hat Kleidungskultur mehrere Komponenten. Das ist einmal der objektive Anlass – Business, Theater, Freizeit –, für den sich aus der Grammatik heraus unterschiedliche Kleidungscodes er- geben. Ich bin ja durch die 68er-Revolution zur totalen Freiheit befreit, und wir müssen nichts mehr tragen, weil „man es so tut“ oder weil es von uns erwartet wird. Die subjektiven Erwartungshaltungen der anderen sind eine andere Dimension. Das heißt, dass ich mir angesichts des objektiven Anlasses die subjektiven Er- wartungen meines Gesprächspartners vorstellen kann, um dann zu entscheiden, ob ich diesen Erwartungen entsprechen möchte.

BR: Aber das muss man nicht?

TR: Ich kann auch in grün karierten Maiglöckchen kommen, dann hat der Fotograf seine Freude, und Sie wundern sich. Ich spiele mit den Erwartungshaltungen der ande- ren. Aber es gibt auch noch den Gedanken der zweiten Haut. Wir sprechen durch die Kleidung zunächst zu uns selber. Es sieht uns noch keiner, wenn wir in der Ankleide oder vor dem Badezimmerspiegel stehen und auf die mehr oder weniger geübte Outfit-Kombination zurückgreifen, die bei dem einen durchnummeriert sein kann oder die ich einfach memorieren kann.

BR: Durchnummeriert?

TR: Die Frau eines deutschen Politikers hat in einem Interview erzählt, dass sie ihrem Mann für seine Wahlkampfauftritte die Sachen mit Nummern versehen hat. Zu Anzug Nummer eins das Hemd Nummer eins und die Krawatte Nummer eins. Und es gibt nicht wenige Männer, die ein Leben lang aus der Situation nicht herauskommen, dass ihnen die Mutter die Kleider her- auslegt und später die Göttergattin. Eine aussterbende Art von Mann, Gott sei Dank. Ich kann also durchnummerieren, ich kann auf das Gewohnte zurückgreifen, ich kann aber auch kombinieren und sollte mich zunächst einmal in der Kleidung wohlfühlen. Wenn ich mich wohlfühle in meiner Kleidung und wenn sie sich gut an- fühlt, Farbe und Schnitt richtig sind, dann ist ein erster Schritt gemacht. So, wie ich mit Yoga-Techniken mein Inneres aufstellen kann, kann ich mir mit der Kleidung Halt geben und im nonverbalen Gespräch, bevor ich den Mund aufmache, dem anderen Dinge mitgeben.

BR: Das ist ein spannender Gedanke. Gerade in der heutigen Zeit, die gerade versessen ist auf Bilder.

TR: Wie ich mich kleide, ist eine Botschaft. Die Art und Weise, wie Sie sich kleiden, spricht, noch bevor Sie den Mund aufmachen. Und diese Bedeutung der zweiten Haut, dass sie zu mir und den anderen spricht, dass ich vermutlich in meinem Leben mit meiner Kleidung zu viel mehr Menschen spreche, als mit meinen Worten, da mich viel mehr Menschen sehen als hören, scheint mir ein erster Beweis der Bedeutung von Kleidung für den Menschen und seine Kultur. Für sein Wohlbefinden. Aber auch, wenn wir das Business nehmen, für sein strategisches Auftreten.

BR: Viele Menschen empfinden klassische Kleidung als einengend, Dresscodes als Bevormundung.

TR: Unsere Art sich zu kleiden ist gerade angesichts des Kastensystems und religiöser Hierarchien anderer Gesellschaften die erste Kleidung, die jedem zusteht. Der Kaiser zieht den Cutaway genauso an wie der Bürger, wenn er den Anlass mit diesem Kleidungsstück ehren möchte. Es ist die erste Art der Kleidungskultur, die ubiquitär ist, überall anzutreffen. Keiner muss sich in irgendeiner Weise Regeln unterwerfen, dass er dieses oder jenes gerade nicht tragen darf. Jeder darf den blauen Blazer tragen, jeder kann den Cutaway tragen, jeder kann die Jeans tragen.

BR: Und jeder trägt heute Sportswear. Selbst die Prinzen und Könige.

TR: Das haben wir zum Glück früh erkannt. Im Jahr 2000 haben wir den ersten Sportswearladen auf Sylt eröffnet. Das war intern ganz umstritten. Können wir mit unserem Sortiment – graue Flanellhose und blauer Blazer – da überhaupt punkten? Diese Diskussion mündete dann in dem Thema Orange, von dem ich eben gesprochen habe. Wenn wir nicht die Bedeutung der Sportswear begreifen, dann werden wir nicht nur auf den Inseln nie Fuß fassen können, wir werden auch in den Städten irgendwann das Publikum nicht mehr erreichen.

BR: Woher kommt die Schreibweise des Firmennamens mit dem durchgestrichenen O? Die mutet eher skandinavisch an, obwohl „Sør“ sehr englisch klingt.

TR: 1956 hatte mein Vater den ersten Herrenausstatter in Bielefeld eröffnet, damals unter dem Namen „SIR“ in der normalen Schreibweise. Ein paar Jahre später, 1964, erkundigte er sich bei einem befreundeten Patentanwalt nach dem Warenzeichenschutz des Namens. Der riet ihm, die Schreibweise weiter zu benutzen. 1965 machte 4711 aber originäre Waren- zeichenrechte geltend wegen ihrer Herrenduftserie SIR Irish Moos. 1967 kam es zum Prozess. Beim Frühstück hatte mein Vater dann den entscheidenden Gedanken- blitz. Sein schwedisches Knäckebrot inspirierte ihn zu der Schreibweise, die wir heute kennen. Es gab dann 1968 einen Vergleich. Heute ist diese Schreibweise der prägnanteste Bestandteil unseres Logos. Wir bewahren noch das Frühstücksbrett auf, das an diesem Morgen benutzt wurde.

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In der SØR Zentrale in Oelde, treffen sich ganz deutlich Tradition und Innovation, die zwei Attribute die den Erfolg des Unternehmens ausmachen. Fotos Martin Smolka

BR: Ich kenne viele Ihrer Filialen. Die Schaufenster sind immer sehr reichhaltig und bieten viel für das Auge.

TR: Die dominante Haltung der Schauwerbegestaltung ist ein Vier-Meter-Fenster, und man stellt zwei Büsten hinein und noch irgendeinen Blickfang. Das mag Sinn machen. Aus unserer Sicht soll die Dekoration Outfitvorschläge liefern. Die Uni Osnabrück hat in einer Untersuchung festgestellt, dass die Menschen vor keinem anderen Schaufenster so intensiv stehen wie vor unserem. Es ist so unglaublich viel im Fluss zurzeit, das muss man auch in der Schaufenstergestaltung zum Ausdruck bringen. Wie erreicht man den 30-Jährigen, der diese Art gar nicht mehr kennt und auf keinen Fall wie „Opa“ aussehen will? Und den 70-Jährigen, der dann auch sagt, das ist ein Outfit, das mich überzeugt?

BR: Trägt der Gesamtauftritt von Sør Ihre Handschrift?

TR: Es gibt keine Werbedrucksache, die nicht im Detail mit mir abgestimmt ist. Gerade da, wo wir den Kunden mit einer solchen Deutlichkeit eine Empfehlung aussprechen, ist das sehr wichtig. Und wann immer ich einen Laden besuche, gehe ich immer die Fenster ab. Da gibt es eine ganze Reihe von Punkten, die mir wichtig sind. Die bespreche ich dann.

BR: Wollten Sie jemals etwas anderes machen, als das, was Sie heute tun?

TR: Ein Schauspieler hat einmal zu mir gesagt: Stell dir doch irgendeine andere Branche vor. Nägel, Maschinenbau. Es ist doch nichts so reizvoll wie Textil. Und innerhalb von Textil machen wir ja nun wirklich das Spannendste, was es gibt.

BR: Haben Sie eine sehr umfangreiche Garderobe? Oder sortieren Sie regelmäßig aus?

TR: Ich tue mich sehr schwer damit, etwas wegzuwer- fen. Ich habe nur einmal zwei Anzüge aus meiner Jugend aussortiert, unter anderem einen schilfgrünen Baumwollanzug, und ich habe mich bis heute nicht davon erholt. Die Garderobenklassiker, Cutaway und Stresemann, habe ich mir alle mit 20 schneidern lassen. Die wurden über die Jahre so weit rausgelassen, wie es ging, um sie an meine Figur anzupassen, zunehmen darf ich jetzt nicht mehr. Ich habe auch mit Bodybuilding aufgehört, weil ich oben zu breit wurde und die Anzüge dann nicht mehr gepasst hätten. Ich vergleiche den klassischen Kleidungsschrank immer mit einem guten Weinkeller, wo man das eine zum anderen fügt und immer wieder gerne danach greift. Vielleicht ist es dieser Kleiderschrank, der mich dazu verpflichtet, da nicht hinauszuwachsen.

BR: Wie halten Sie sich denn in Form? Machen Sie Sport?

TR: Ich bin kein Golfspieler, obwohl wir hier einen der schönsten Golfplätze vor der Tür haben. Einer der Gründe ist, dass mich das einen halben Tag kosten würde. Daran würde ich nicht denken wollen. Ich bin auch kein Reiter. Selbst Tennis dauert mir zu lange. Heute morgen habe ich eine Dreiviertelstunde gejoggt. Das mache ich ein-, zweimal in der Woche.

BR: Vielen Dank für das Gespräch!

Bernhard Roetzel, 1966 in Hannover geboren, ist ein deutscher Modepublizist und Autor von mehr als einem Dutzend Büchern über Herrenbekleidung. Sein bekanntester Titel ist „Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode“. Er schreibt regelmäßig für Zeitschriften und internationale Blogs, z. B. Gentleman’s Gazette und Parisian Gentleman. Bernhard Roetzel ist verheiratet, Vater von fünf Kindern und lebt in der Prignitz zwischen Hamburg und Berlin. Foto: Marco Carloni

Bernhard Roetzel, 1966 in Hannover geboren, ist ein deutscher Modepublizist und Autor von mehr als einem Dutzend Büchern über Herrenbekleidung. Sein bekanntester Titel ist „Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode“. Er schreibt regelmäßig für Zeitschriften und internationale Blogs, z. B. Gentleman’s Gazette und Parisian Gentleman. Bernhard Roetzel ist verheiratet, Vater von fünf Kindern und lebt in der Prignitz zwischen Hamburg und Berlin. Foto: Marco Carloni

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Das Cover der aktuellen Tweed Ausgabe 04/2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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100 Meisterwerke Teil 23 – Norbert Tadeusz & Frans Franckens II

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Frans Francken II, Die Hochzeit zu Kana, um 1630, 55 x 72 cm, Öl auf Kupfer, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Ob sie sich glücklich und wohl fühlt an diesem besonderen, feierlichen Tag lässt sich nur schwer sagen. Mittig als zentrale Hauptperson ist die Braut in Frans Franckens II Gemälde „Die Hochzeit zu Kana“ aus den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts zumindest formal hervorgehoben. Vor einer dunklen Hintergrundfolie, die sich erst nach längerer Betrachtung als ein großer, zu beiden Seiten geöffneter Baldachin entpuppt, sitzt die angehende Ehefrau kostbar geschmückt im Brokatkleid inmitten der Hochzeitsgäste. Ihr feiner porzellanfarbener Teint zieht als hellster Punkt des Gemäldes die Blicke auf sich. Das kleine Haupt, auf dem ein goldenes Krönchen sitzt, hat sie ihrem Mann zugeneigt, der neben ihr sitzt. Durch seine ihr ebenfalls zugewandte Körperhaltung entsteht eine harmonische Paarbildung.

Auf der anderen Seite der quergestellten, reich mit Delikatessen bestückten Festtafel sitzen einander zugewandt Jesus und Maria, erkennbar an ihrer schlichten, der biblischen Ikonografie entsprechenden Kleidung in Violett, Rot und Blau, sowie einem dezent angedeuteten Heiligenschein. Sie heben sich von den anderen, zeitgenössisch fantasievoll gekleideten Hochzeitsgästen jedoch nicht nur durch ihre besondere Art der Gewänder ab, sondern sind im Verhältnis auch etwas größer dargestellt.

Die Komposition des Gemäldes folgt einem strengen Schema. Während der Vordergrund sich wie eine großräumige Bühne für die vielen kostbar verzierten Wasserkannen öffnet, wird dahinter, ebenfalls das Querformat ausfüllend, in lebendiger Vielfalt, die figurenreiche Hochzeitsgesellschaft um die Festtafel gruppiert. Varietas in eleganter, noch leicht manieristisch angehauchter Formensprache findet sich aber nicht nur in der Kleidung und Körperhaltung der Anwesenden, sondern auch in den kreativ angerichteten Speisen in Form von Schwanenpasteten und üppigen Stillleben. Als beruhigende Folie hinterfängt der bereits erwähnte dunkle Baldachin mittig das farbenreiche Geschehen, während links und rechts die sich weit in die Ferne erstreckende, verblauende Hintergrundlandschaft zu sehen ist, die rechts durch eine elegante Bogenarchitektur eingerahmt wird.

Die einzig dominant handelnde Person in diesem Bild ist Jesus. Die Umwandlung des in den zahlreichen Kannen sich befindenden Wassers in Wein wird durch die befehlende Geste des ausgestreckten rechten Armes deutlich.

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Frans Francken II, Die Hochzeit zu Kana (Detail), um 1630, 55 x 72 cm, Öl auf Kupfer, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Es ist das erste Wunder, mit dem Jesus öffentlich auf sich aufmerksam macht und als Sohn Gottes vorgestellt wird: Einer bereits vermutlich seit Stunden feiernden Hochzeitsgesellschaft geht der Wein ob des übermütigen Konsums aus, woraufhin Jesus auf seine Weise für qualitativ noch besseren Nachschub sorgt.

Zahlreich sind die theologischen Interpretationsansätze dieser biblischen Erzählung: Wer auf Jesus vertraut, wird nicht enttäuscht. Vielleicht werden seine Erwartungen sogar noch übertroffen, ist eine davon. Interessant ist aber doch die Wahl des Sujets für die Darlegung der Exeptionalität Jesu. Es ist weder lebensnotwendig noch besonders vernünftig, den bereits angeheiterten Gästen krügeweise weiteren Wein zu organisieren. Dennoch tut Jesus es und gibt damit indirekt auch sein Placet zu einem Genuss und einer Lebensfreude, die momenthaft ist und keinen weiteren Nutzen verfolgt.

Es gehört mit zu den essentiellen Herausforderungen des Menschen, die Balance zu finden, ein Leben zu gestalten, das das individuelle Maß von Leichtigkeit und Pragmatismus kennt, um nicht nur nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip zu funktionieren. Vielleicht ist dieser Bewusstseinsprozess vergleichbar mit dem Hochseilakt, den der nackte Tänzer von Norbert Tadeuzs in den Aquatinta Radierungen aus dem Jahr 2003 vollführt. Hochkonzentriert vollzieht dieser Mann seine kunstvollen akrobatischen Posen in luftiger Höhe. Beweglich und plastisch modelliert sich der terrakottafarbene männliche Akt aus dem tief schwarzen Hintergrund heraus. Nahezu illusionistisch gezeichnet, suggeriert die Reduktion der Form eine reale Bewegung, die sich jedoch nur in der Fantasiewelt des Betrachterauges wirklich vollzieht.

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Norbert Tadeusz, o.T. (Akt an Seil), 2003, 100 x 70cm, Aquatinta/Kaltnadel, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Welchen Nutzen hat dieses freischwebende Tun? Welchen Sinn und Zweck erfüllt es?

Rational betrachtet natürlich keinen. Es dient dem Vergnügen dieses einzelnen Menschen in exakt diesem gegenwärtigen Moment. Nur er allein kann den Wert seines Tuns und das darin für ihn enthaltene Glück ermessen.

Auf einer anderen Ebene könnte man dem Hochzeitspaar von Frans Francken II genau dieselben Fragen stellen. Wozu dieses Fest? Wozu der Aufwand, die Mühe, das Übermaß an teuren Speisen, das Geldausgeben für einen lediglich kurzen Genuss? Und dann kommt auch noch Jesus und setzt dem ganzen die Krone auf, indem er das Wasser in Wein verwandelt.

In Zeiten eines beginnenden Jahrtausends, das von umwälzenden Veränderungen geprägt ist, deren Konsequenzen nicht im Entferntesten eingeschätzt werden können und die stets das verstörende Gefühl einer hilflosen Unsicherheit mit sich bringen, sind solche Bilder, solche Motive und Themen, die die Fähigkeit zu einer Leichtigkeit des menschlichen Daseins aufzeigen, eben doch bisweilen lebensnotwendig.

Ein Blick auf diese beiden Werke verdeutlicht, dass diese menschliche Fähigkeit durch alle Zeiten und Epochen hindurch anscheinend möglich war. Nicht nur in der Gegenwart, auch mitten im 30-jährigen Krieg als das Hochzeitsbild vermutlich anlässlich einer realen Heirat entstanden ist, hat der Mensch sich das Talent bewahrt, seine ganz eigene Form des Glücks zu finden: sei es nun inmitten einer feiernden Festgesellschaft oder allein in luftiger Höhe schwebend.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

Lit.: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 144-148.

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