Archive for März, 2018

100 Meisterwerke – Teil 19: Jan Symonsz Pynas & Christopher Thomas

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Jan Symonsz Pynas , ,,Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena”, 1610, Öl auf Holz, 81,5 x 59 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nahezu haptisch greifbar erscheint der verstorbene Jesus am Kreuz in Jan Symonsz Pynas’ Bild „Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena“ aus dem Jahr 1610. In seiner Physis fein ausgebildet, durchmisst der Leib vor dem dunklen Hintergrund strahlend hell das hochformatige Gemälde. Das von Dornen bekrönte Haupt ist vom Todeskampf ermattet zur Seite gefallen. Blutstropfen rinnen über die fahle Gesichtshaut und die geschlossenen Augen. Der Heiligenschein, das Zeichen göttlicher Auserwähltheit, wird durch die hellere Maserung des Kreuzholzes unterstrichen. Die Arme sind weit an den Querbalken gespannt, die geschundenen Hände von Nägeln durchtriebenan denen noch das geronnene Blut haftet. Sanft leuchtet das Inkarnat des schönen Oberkörpers auf. Das zarte Körperrelief ist noch kraftvoll-lebend ausgebildet, wobei die linke Körperseite durch die Kopfneigung verschattet wird, während aus der sich rechts befindlichen Seitenwunde weiteres Blut läuft. Um die Lenden Jesu windet sich ein weißes Tuch. Ein Ende bauscht sich, wie durch einen irrealen Windhauch bewegt, voluminös auf. Ein anderer Strang des Stoffes ist zwischen die schmal übereinander gelegten Beine gezogen, deren Füße mit nur einem Nagel am Kreuz befestigt sind.

Als Symbol des überwundenen Todes liegt im Vordergrund ein in Untersicht dargestellter, menschlicher Schädel. Er findet seine kompositorische Entsprechung in dem kleinen, illusionistisch gemalten cartellino mit der Aufschrift INRI, das über dem Haupt Jesu am Kreuz befestigt ist.

Da laut der biblischen Überlieferung im Moment des Todes Jesu eine undurchdringliche Nacht über die Welt hereingebrochen war, verschwindet der fast nicht erkennbare landschaftliche Hintergrund im Dunkel. Diese malerische Methode zwingt das Auge, sich auf die sichtbaren Dinge zu konzentrieren, die dadurch in ihrer Präsenz noch gesteigert werden. Die herbe Stofflichkeit weist auf Zurbarán voraus. Nah an den Betrachter herangerückt und präzise beleuchtet, werden die wenigen Bildelemente zwar vereinzelt gezeigt, verbinden sich durch ihre ikonologische Zusammengehörigkeit aber doch zu einer Bilderzählung.

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Jan Symonsz Pynas , ,,Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena” (Detail), 1610, Öl auf Holz, 81,5 x 59 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Rechts unter dem Kreuz kniet Maria Magdalena. Mit gefalteten Händen blickt sie zum Haupt des Verstorbenen empor. Über das nur in Profilansicht gezeigte, andächtig blickende Antlitz rinnen große Tränen, die den Blutstropfen im Gesicht Jesu entsprechen. Um ihr dunkles, langes Haar hat sie ein weißes Tuch geschlungen. Zu ihrer hellen Bluse trägt sie ein braunes Mieder und einen weitfallenden Rock gleicher Farbe mit Granatapfelmuster. Ihr rechter nackter Fuß wird unter dem Gewand sichtbar und ist mit den Zehenspitzen aufgestützt. Vor ihr steht das zur Magdalenenikonografie gehörende Salbgefäß.

Die Darstellung Jesu am Kreuz ist eines der häufigsten Bildmotive seit dem Mittelalter. Es stellt eine aus dem Passionsgeschehen extrahierte Szene dar, die als Andachtsbild den Gläubigen zur compassio anregen sollte. Durch das Bild wird das Leben Christi nicht nur illustrierend vor Augen gestellt, sondern macht Jesus als Mensch in seinem Leiden nahbar.

Die pointierte Konzentration auf essentielle menschliche Gefühle ist das ureigene Merkmal von Andachtsbildern. Während Maria-mit-Jesuskind-Darstellungen auf das Moment der Mutterliebe abzielen, vermitteln Kreuzigungs- oder auchPietà-Darstellungen das Leid des Todes im Spiegel des Mitleids. Die sinnliche Schönheit des Körpers Jesu im vorliegenden Gemälde stellt dabei keinen Widerspruch dar. Sie zeigt zum einen die menschliche Natur des Gottessohnes, zum anderen, dass er mit seinem Opfer den Sieg über den Tod errungen hat.

Kreuzigungsdarstellungen waren zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein wichtiger Bestandteil im ökonomischen Werkschaffen vieler Künstler. Jan Symonsz Pynas gehört zur Generation der sogenannten Prä-Rembrandtisten, einer Gruppe von Malern, die im Umkreis Pieter Lastmanns arbeiteten. Wie dieser große Vorgänger und Lehrer Rembrandts, hielt sich Pynas von 1605 bis 1607 in Rom auf und konnte dort als einer der ersten Künstler Europas überhaupt einen Blick auf einen der revolutionärsten Maler der Kunstgeschichte werfen: Caravaggio. Unverkennbar ist im vorliegenden Bild die Verwandtschaft der Magdalena mit der italienischen Vorgängerin. Caravaggio hatte sie nur wenige Jahre zuvor in so realistischer Weise dargestellt, dass Giovanni Pietro Bellori später meinte, wenn man ihr das Salbgefäß wegnehmen würde, sähe sie aus wie ein einfaches, römisches Mädchen, das sich das Haar trocknet. In der ergreifenden Schlichtheit ihrer Anteilnahme steht die niederländische Magdalena ihrer italienischen Schwester nicht nach. Sie wird jedoch in eine komplexere Bilderzählung eingefügt, die zugleich ungewöhnlich reduziert ist.

Für diese Zeit einmalig, verzichtet Pynas auf die Darstellung des Johannes und beschränkt die Assistenzfiguren unter dem Kreuz auf die trauernde Magdalena. Ohne Ablenkung kann sich der Betrachter ausschließlich auf die mitfühlende Beziehung von Magdalena und Jesus und ihre sichtbare Zwiesprache konzentrieren. Magdalena ist nicht eine unter Vielen, sondern die nahbare Vermittlerin zwischen der menschlichen und göttlichen Sphäre. Der Betrachter wird eingeladen, sich mit ihr in das Heilsgeschehen Christi einzufühlen.

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Christopher Thomas, Passion #55, 2010, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der Münchner Fotograf  ist ebenfalls ein Meister der reduzierten Komposition. In seinem Vorgehen ist er noch radikaler als Pynas: Seine Fotografie zeigt vor dunklem Hintergrund nahsichtig eine zu Boden gesunkene Gestalt, deren Gewand sie vollkommen umhüllt. Dabei handelt es sich um die 55. Fotografie einer aus knapp 60 Aufnahmen bestehenden Bildserie der Passion Christi. Christopher Thomas begleitete mehrere Wochen die Proben zu den alle 10 Jahre in Oberammergau stattfindenden Passionsspielen. Laienschauspieler führen dort dem Publikum eindrucksvoll die letzten 5 Tage im Leben Jesu vor Augen. Den Fotografen interessierten bei seinem künstlerischen Vorgehen weniger die großen Massenszenen, sondern der einzelne Mensch und sein Verhalten angesichts der Kreuzestragödie.

Der Künstler zeigt eine sich vor Trauer niedergebeugte Person. Durch das verborgene Gesicht ist nicht klar erkennbar, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Die Abfolge der Fotoserie legt jedoch nahe, dass es sich um Maria Magdalena handelt. Sie weint in das blutverschmierte Leintuch, das noch die Spuren des Märtyriums zeigt. Jesus ist bereits vom Kreuz genommen und wird zu Grabe getragen. Das Berühren dieses Tuches wirkt wie die Ersatzhandlung einer nun nach dem Tode Jesu nicht mehr möglichen, tröstlichen Berührung. Dabei verbindet sich das Leinentuch Jesu mit dem Gewand der Magdalena. Dies erscheint wie eine Metapher für ihre sich völlig mit dem Leiden Christi identifizierende, physische Trauer.

Monumental, konzentriert und in seiner klaren Gestik sofort verständlich, kulminiert das gesamte Passionsgeschehen in einer menschlichen Gestalt. Dieser überindividuellen Darstellung menschlicher Trauer kann sich der Betrachter nicht entziehen. Unwillkürlich empfindet man Mitleid. Wurde diese compassio von solchen Bildern in früheren Jahrhunderten explizit gefordert, so erscheint sie uns heute fast unangenehm oder zumindest verstörend. Christopher Thomas bricht mit einer rein ästhetischen Rezeption seiner Fotografien, deren Wirkmacht größer ist, als es die unmittelbare Darstellung erwarten lässt. Dass es sich bei den abgebildeten Dargestellten um Schauspieler handelt, erzeugt eine inhärente Rezeptionsschwelle, die den Wahrnehmungsprozess zusätzlich verkompliziert. Trotzdem kann sich der zeitgenössische Betrachter der aufwühlenden transzendentalen Dimension der Fotografie nicht entziehen, was vermutlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass Christopher Thomas seine drastische Formensprache aus dem Repertoire früherer Andachtsbilder schöpft: die brutale Nahsicht der kauernden Person, die im dunklen Schwarzweiß der Komposition erschreckend roten Blutflecken als einzige Farben oder die totale Verschattung des Hintergrundes, vor der die ausgeleuchtete Haptik des groben Leinenstoffes spürbar wird.

Wird der Betrachter mit dieser zeitgenössischen Fotografie unvermutet neben der ästhetischen auch mit einer religiösen Rezeptionsebene konfrontiert, so liegt der Fall bei Pynas‘ Darstellung genau umgekehrt. Der niederländische Maler zeigt nicht nur ein zur compassio aufforderndes, biblisches Geschehen, sondern schafft in der Darstellung des wohlgeformten, nackten Jesuskörpers, der raffinierten Ausleuchtung des Geschehens und der klugen Anordnung der asymmetrischen Komposition ein ästhetisch wirkendes Kunstwerk, das eine große Freude am Schauen hervorruft.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 350-354.

www.christopher-thomas.de (Zugriff am 12.3.2018)

 

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

 

Interview mit Thomas Rusche: ,,WIR MENSCHEN SPRECHEN MIT UNSERER KLEIDUNG, NOCH BEVOR WIR DEN MUND AUFMACHEN“

Thomas Rusche ist der Sir von SØR und führt damit eine textile Familientradition bereits in der fünften Generation fort. Dabei sind sein Denken über Kleidungskultur und sein Handeln als Unternehmer in ein größeres Koordinatensystem – er nennt Doktortitel in Philosophie sowie Ökonomie und eine renommierte Kunstsammlung sein Eigen – eingeschrieben. Im Interview erläutert Rusche unter anderem: „Kleidungskultur konkretisiert sich im Dreieck meiner individuellen Persönlichkeit im Verhältnis zum objektiven Anlass und den subjektiven Erwartungshaltungen, denen ich dabei begegnen werde.“

Thomas Rusche wünscht Ihnen einen stilvollen Winter und eine behagliche Vorweihnachtszeit! Foto, Lars Beusker

THOMAS RUSCHE vor Abraham Bloemaerts „Portrait eines alten Mannes in bäuerlicher Kleidung“, um 1634, SØR Rusche Sammlung Oelde / Berlin, Foto Lars Beusker

Susanne Kolter: Lieber Herr Rusche: Wie sind Sie eigentlich zu diesem Beruf gekommen? Gibt es da eine Familientradition, oder war es vornehmlich die eigene Begeisterung für diese Branche?

Thomas Rusche: Kleidungskultur ist meine Berufung. Seit fünf Generationen wird in unserer Familie das Kleider-Gen vererbt, das es uns ermöglicht, Menschen besser anzuziehen. Auch hätte ich mir vorstellen können, Kunsthistoriker oder katholischer Priester zu werden. Das erste hat mein Vater mir mit der Drohung verboten, mir dann seine Kunst nicht zu vererben, das zweite hätte er mit einem Stoßgebet hingenommen.

Susanne Kolter: Münster ist – so scheint es – gut aufgestellt im Hinblick auf Herrenmode. In anderen Städten nehme ich das nicht so deutlich wahr. Ist hier ein besonders gutes Pflaster dafür?

Thomas Rusche: Münster ist gutbürgerlich gepfl astert. Selbstverständliche Eleganz ohne Düsseldorfer Übertreibungen kennzeichnet den Charme der westfälischen Metropole. Dies gilt auch für die Herrenmode. Der Münsteraner liebt Klassik mit Pfiff und baut seine Garderobe wie einen gut bestückten Weinkeller mit zeitlos gültigen Klassikern auf, die er von Saison zu Saison neu interpretiert und mit aktuellen Accessoires variiert.

Susanne Kolter: Mich interessiert auch Ihre Firmenphilosophie, die ja zum Beispiel in Ihrem hauseigenen Journal vertreten wird. Was macht die „Marke“ aus?

Thomas Rusche: Der Markenkern von SØR ist die Kleidungskultur. SØR Produkte werden aus erstklassigen Materialien handwerklich gefertigt und ermöglichen eine körperbetonte Passformgenauigkeit. SØR Produkte gibt es für jeden Kleidungsanlass, ob sportlicher, berufl icher oder offizieller Natur. Unsere SØR Häuser pfl egen einen SØRrvice, der von Herzen kommt und den Kunden in den Mittelpunkt stellt.

Susanne Kolter: Was ist wichtig, will man als Geschäftsmann auf dem heiß umkämpften Modemarkt nicht nur bestehen, sondern wie Sie erfolgreich sein?

Thomas Rusche: Auf dem Modemarkt bedarf es einer Balance von zeitloser Kontinuität und saisonaler Aktualität. Um erfolgreich zu sein, bedarf es Markenbegehrlichkeit und hingebungsvoller Servicebereitschaft.

Susanne Kolter: Das gängige Vorurteil, vor allem Frauen seien modeaffin oder -begeistert, greift doch schon lange nicht mehr, oder?

Thomas Rusche: Für viele Frauen ist Mode Elixier. Männer erlernen dieses Lebensgefühl im 21. Jahrhundert zunehmend. Doch steht bei ihnen noch immer die Funktionalität im Vordergrund. Frauen schmücken sich mit ihrer Kleidung, Männer schützen sich. Beide Geschlechter erkennen zunehmend die Symbolkraft der Kleidung. Ob Mann oder Frau, wir Menschen sprechen mit unserer Kleidung, noch bevor wir den Mund aufmachen. Der erste Eindruck, den wir hinterlassen, wird wesentlich von der Kleidung geprägt. Diese sollte unserer jeweiligen Natur entsprechen und zur zweiten Haut werden.

Susanne Kolter: Gibt es einen Trend zu den Klassikern oder sind es eher die Neuheiten, die gesucht und erworben werden?

Thomas Rusche: Klassiker und Modeneuheiten sind wie das Stand- und Spielbein beim Tanzen. Der Klassiker einer grauen Wollhose aus Flanelltuch ermöglicht als Beinkleid, jeden noch so modisch verrückten Blazer zu kombinieren. Die hellblaue Hemdbluse wiederum lässt sich als klassischer Kontrapunkt zu den ausgefl ipptesten modisch floralen Hosen kombinieren: Die Mischung macht’s.

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Blauer SØR Blazer aus der aktuellen Kollektion. Doppelreihig und leicht tailliert. Fotos Lars Beusker

Susanne Kolter: Was sollte Man(n) unbedingt und was auf keinen Fall im Schrank haben?

Thomas Rusche: Der Mann sollte unbedingt einen blauen Blazer im Schrank haben. Zur Flanellhose, beigen Chino oder Bluejeans, je nach Anlass variiert, ist er damit immer passend angezogen. Sowohl zur Vernissage, einem Geschäftsessen oder im Nightclub.

Susanne Kolter: Viel steht und fällt ja mit den richtigen Accessoires. Dabei denke ich zuerst an Krawatten. Eher schmal, eher breit, und welche Art und welcher Knoten ist der richtige zu welcher Gelegenheit?

Thomas Rusche: Viele Männer bevorzugen heute einen locker geschlungenen Schal. Wer eine Krawatte tragen möchte, sollte darauf achten, dass sie weder so schmal wie ein Schnürsenkel noch so breit wie ein Kinderlätzchen ist. Mit Aristoteles gilt: Die Tugend der Kleidungskultur liegt mitten zwischen den modischen Extremen. Die Wahl des Knotens ist weniger eine Frage des Anlasses als der Kragen- und Halsform sowie der Länge der Krawatte, die in der Höhe des Gürtels enden sollte. Niemals sollte die Krawatte das Zentrum der Männlichkeit bedecken, sondern mit der Spitze hervorheben.

Susanne Kolter: Ich persönlich bin ja immer ganz hingerissen, wenn ich auf ein gut drapiertes Einstecktuch treffe. Würden Sie das als „must have“ einordnen oder ist das doch ein bisschen „drüber“?

Thomas Rusche: Das Einstecktuch hebt jedes Outt auf ein höheres Niveau der Eleganz. Der ohne Krawatte getragene Blazer wird mit einem sportlich gemusterten Einstecktuch ebenso aufgewertet wie der Smoking durch ein weißes seidenes Pochette.

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Kariertes SØR Einstecktuch. Fotos Lars Beusker

Susanne Kolter: Lieber Herr Rusche, danke, dass Sie sich Zeit für das Interview genommen haben. Möchten Sie uns vielleicht noch etwas mit auf den Weg geben?

Thomas Rusche: Die Grammatik der Kleidungskultur ist kein strenges Regel-ABC, sondern ermöglicht es einem jeden Menschen, seine individuelle Ausdrucksform zu nden. Kleidungskultur konkretisiert sich im Dreieck meiner individuellen Persönlichkeit im Verhältnis zum objektiven Anlass und den subjektiven Erwartungshaltungen, denen ich dabei begegnen werde.

Das Interview führte Dr. Susanne Kolter für das Themenheft der St. Joseph Münster-Süd Pfarrei

Einmal im Jahr gibt die Pfarrei St. Joseph Münster-Süd ein Themenheft heraus, das ein
biblisches Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nimmt.
In 2018 trägt es den Titel „Gut angezogen“ und bezieht sich damit auf eine Passage aus
dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinden von Galatien. Mit der Wendung
„Christus angezogen“ wird dort ein Statuswechsel der besonderen Art beschrieben. Von
hier aus werden sozusagen gleich mehrere Kommodenschubladen, Kleiderschrank- und
Shoptüren geöffnet: Von Altkleidern bis zum Designstudium, von Coco Chanel bis zum
Messgewand, vom Verbergen der Nacktheit bis zur Präsentation der Lieblingsklamotte,
von fair gehandelter Mode bis zum perfekt drapierten Einstecktuch – und noch einiges
mehr.

http://www.st-joseph-muenster-sued.de/aktuell/jahresthema-und-themenheft/

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de