Archive for Februar, 2018

100 Meisterwerke – Teil 18: Birgit Dieker & Abraham Hendricksz. van Beyeren

 

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Abraham Hendricksz. van Beyeren, Fisch-Stilleben, ab 1655, 102,3 x 83,8 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Im effektvoll ausgeleuchteten Hochformat vor dunkel belassenem Hintergrund türmen sich in üppiger Großzügigkeit verschiedene Fischsorten auf einem kleinen Tisch, der nur lose mit einem dunklen Tuch bedeckt ist. In einem Weidenkorb liegen eine leuchtend rote Lachsschnitte und zwei Kabeljaus, von denen der vordere bereits ausgenommen ist. Dahinter befindet sich eine hölzerne Bütte, die ebenfalls mit Fischen gefüllt ist und zuoberst mit einem auf dem Rücken liegenden Rochen bedeckt wird.

Nur notdürftig erhalten die Tiere in dieser Unordnung Halt durch das stabile Material des Korbes und des Holzgefäßes. Glatt und glitschig drohen sie jeden Moment auseinander zu rutschen und auf den Boden zu gleiten. Gerade in dieser transitorischen Momenthaftigkeit lässt sich jedoch die ordnende menschliche Hand erkennen, die für diese ausbalancierte Ansicht gesorgt hat.

Das Arrangement ist nur scheinbar ein nachlässiges. Als Blickfang liegt nicht zufällig über den Rand des Korbes drapiertdas leuchtend rote Lachsfleisch. Es dient als koloristische Kontrastfolie für die zwischen schwarz, silbern und rosa changierende Schuppenhautder darüber liegenden Kabeljaus. Mit einem farblich-beruhigenden Gegenpol zum roten Lachsinneren wird das Stillleben rechts durch die matt-dunkle Nordseekrabbe abgeschlossen.

Abraham Hendricksz. van Beyeren gilt als einer der versiertesten Fischstilllebenmaler überhaupt. Vermag er doch nicht nur das Kolorit und die Oberflächenbeschaffenheit der schönen Tiere darzustellen, sondern auch ihre stromlinienförmige Beweglichkeit, die einen Verweis auf ihren ursprünglichen Lebensraum gibt.

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Abraham Hendricksz. van Beyeren, Fisch-Stilleben (Detail), ab 1655, 102,3 x 83,8 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Fische gelten seit jeher als Fastenspeise. Wurden früher Fastenregeln weitaus strenger befolgt, so ist auch heute noch in den Tagen vor Ostern ein stark ansteigender Absatz von Fisch im Lebensmittelhandel zu verzeichnen. Ohne Berücksichtigung ernährungswissenschaftlich erwiesener Vorteile des Fischkonsums steht dieses Tier symbolisch für den Verzicht. Als im 4. Jahrhundert die Fastenzeit vor Ostern auf 40 Tage ausgedehnt wurde und da der Verzicht auf Fleisch als Erinnerung an die Kreuzigung Christi bereits früh schon praktiziert wurde, etablierte sich der Fisch als Fastenspeise.

Und dennoch kann man sich beim Anblick dieses Stilllebens einer gewissen Lust des Genusses nicht erwehren, auch wenn diese nur von optischer Natur ist. In dem schönen Wort „Augenschmaus“ sind diese Gegensätze vereint: Es wird ein Genuss von Dingen mit dem primär nicht dafür vorgesehenen Sinnesorgan beschrieben. Schimmernde Oberflächen, verschwenderischer Silberglanz, opulent-wertvolles Rot leuchten dem Betrachter entgegen. Sowohl die Vielfalt der Ausformungen der Naturals auch die hier arrangierte Anzahl der Fische geben keinen Hinweis auf einen intendierten Verzicht. Konterkariert dieser Luxus nicht die angestrebte Kargheit? Unterschied eine Teresa von Avila im 16. Jahrhundert nicht sehr klar zwischen den Zeiten des Überflusses und denen des Verzichts mit ihrem berühmten Ausspruch: „Fasten ist Fasten und Truthahn ist Truthahn“?

Das Zusammenziehen gegensätzlicher Prinzipien, der Luxus in der Reduktion, der Überschwang in selbst gesteckten Grenzen macht den Reiz solcher Bilder aus. Sie zeigen auf einer sehr besonderen Ebene die Widersprüche einer Zeit, die wir unter den allzu großen Begriff des Barock verführt sind zu subsummieren.

Die zeitgenössische Künstlerin Birgit Dieker befasst sich ebenfalls mit den Themen des Konsums, des sinnlosen Luxus, des schnellen, vielleicht zu schnellen Genusses überflüssiger Angebote und damit, welcher Bezug zum Individuum sich daraus ableiten lässt. In ihren Werken arbeitet sie sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene diese Bezugnahmen heraus.

„Dem Körper kommt heutzutage so viel Bedeutung zu,“ sagt die Künstlerin. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft: Jung sein, fit sein, das Beste aus sich rausholen – darauf kommt es an. Da bleibt der Körper nicht unverschont – ganz im Gegenteil! Alt werden wollen alle, aber nicht alt aussehen. Der Körper wird längst nicht mehr als unveränderbar hingenommen. Er muss sich an Bildern messen, wird von äußeren Einschreibungen bestimmt. Mich interessiert das Verhältnis von Körper und “Seele”, von äußerer Form und innerem Zustand.“

Aus getragenen, aussortierten Kleidungsstücken, den symbolischen Gegenständen unserer Überflussgesellschaft und des unbewussten, schnellen Genusses, fertigt Dieker ihre häufig nach der menschlichen Gestalt gebildeten Skulpturen. Sie schichtet, formt – und versehrt. In die sorgfältig übereinandergelegten feinen textilen Lasuren greift die Künstlerinnenhand auch wieder zerstörend ein und macht dadurch die menschliche Verletzbarkeit deutlich.

„Anita“, die sich in verführerischer Pose auf ihrem Barhocker räkelt, wurde deshalb auch folgerichtig nach einer berühmten Künstlerin der „goldenen 20er Jahre“ benannt: Anita Berber lebte in einer Zeit, die sich im Typ der sogenannten „neuen Frau“ manifestierte: Frauen, die in der Forderung nach Freiheit, Selbstbestimmtheit und individueller Entscheidungsgewalt über ihr eigens Leben bisweilen die Balance nicht fanden. So war der Lebensweg der früh verstorbenen Tänzerin und Schauspielerin begleitet von Skandalen und Alkohol- und Drogenmissbrauch. „Die Leute waren heiß auf sie, wollten Entertainment und ihre nackte Haut. Dabei hatte sie hohe künstlerische Ansprüche, an diesem Paradox ist sie letztendlich auch zerbrochen,“ beschreibt Dieker die Namenspatronin ihrer Figur.

Als künstlerisch begabt, hemmungslos, verschwenderisch und exzessiv wurde Anita Berber von Zeitgenossen beschrieben. Die Ambivalenz dieser Lebensart, den Glamour, aber auch die zerstörerische Energiez eigt Dieker durch das golden funkelnde Paillettenkleid: Es verhüllt zwar anschmiegsam die Gestalt, zieht aber auch massiv die Blicke auf den darunter befindlichen, verletzlichen Leib. Die schöne Hülle bekommt Risse und Löcher zugefügt, wie durch allzu stechende Blicke verursacht. Ob die helmartige Kopfbedeckung tatsächlich den Schutz der Anonymität gibt, muss unbeantwortet bleiben. Der Barhocker mag ebenfalls für die unsichere Ambivalenz dieses Lebensentwurfes stehen: Er bietet zwar die Bühne für ein aus der Masse herausgehobenes Posieren, zeigt aber in seiner Fragilität auch die Instabilität der auf ihm sitzenden Gestalt.

In sehr unterschiedlicher Weise thematisieren beide Kunstwerke eine der großen Herausforderungen des menschlichen Lebens: das Finden der individuellen Balance zwischen Verzicht und Genuss, Disziplin und Überschwang, Entsagung und Exzess, auch im Hinblick auf gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Normen und Vorgaben. In Zeiten, Breitengraden und Gesellschaftsschichten des Überflusses wird diese Frage stets gestellt: weil der Mensch dann über mehr verfügt als über das für das Überleben notwendige Angebot und damit vor die Aufgabe der auswählenden Entscheidung gestellt ist.

Eduard Mörike hat den Wunsch, dieses nicht enden wollende menschliche Dilemma zu beschließen, in einem Stoßgebet gen Himmel gesandt:

(…) „Wollest mit Freuden

Und wollest mit Leiden

Mich nicht überschütten!

Doch in der Mitten

Liegt holdes Bescheiden.“

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

http://www.kleidungskultur-soer.de/?p=847

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Stilleben und Tierstücke. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 2004. S. 58-61

 

http://www.birgit-dieker.de/

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de