Archive for August, 2017

100 Meisterwerke – Teil 12: Jonathan Meese & Willem van Mieris

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Willem van Mieris, Odysseus bedroht Circe, um 1700, 60 x 50 cm, Öl auf Holz, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

In Willem van Mieris’ um 1700 entstandenem Gemälde „Odysseus bedroht Circe“ widersteht Odysseus mit grimmiger Entschlusskraft den Verführungskünsten der Circe. Unvorbereitet tritt er nicht in diesen mit unterschiedlichen Waffen geführten Wettkampf. Dem Aufeinandertreffen geht eine lange Geschichte voraus, die von Homer in der Odyssee und von Ovid in seinen Metamorphosen überliefert ist.

Während seiner Irrfahrt landet Odysseus auf der von Circe und ihren Dienerinnen bewohnten Insel. Zu den Vorlieben Circes gehört es, sich entweder die Zeit am Spinnrad zu vertreiben oder die wenigen Besucher, die es auf ihr Eiland verschlägt, anzulocken und mit ihren Verführungskünsten zu betören, um sie danach in unterschiedlichste Tiere wie Löwen oder Wölfe zu verwandeln. Ein Vorgehen, das ihr bereits eine ansehnliche Menagerie eingebracht hat. 

Auch Odysseus’ an Land gegangenen Gefährten ergeht es nicht anders. Als eine Gruppe von ihnen losgeschickt wird um die Insel zu erkunden, empfängt Circe diese freundlich, lädt sie zum Essen ein und verwandelt sie danach in Schweine, die sie in einen Koben sperrt. Lediglich einer von ihnen entgeht dieser erzwungenen Metamorphose, kehrt zum auf dem Schiff wartenden Odysseus zurück und berichtet diesem von den schrecklichen Geschehnissen. Selbstverständlich lässt Odysseus sich von den Schilderungen nicht abhalten nun seinerseits, schwer bewaffnet, Circe aufzusuchen. Mit dem Wunderkraut Moly, das ihn gegen die Zauberkünste immun macht, ausgerüstet und dem hilfreichen Rat des Hermes, Circe so lange mit einem Schwert zu bedrohen, bis sie verspräche ihm nichts mehr anzutun, tritt Odysseus in die Schlacht. Der Götterbote war jedoch auch im gegnerischen Lager nicht untätig. Circe berichtet er von der bevorstehenden Ankunft des Odysseus. 

Mit subtilen Mitteln wird nun der Augenblick sowohl des Erkennens als auch der damit verbundenen Wendung des ungleichen Kampfes zugunsten Odysseus’ geschildert. Es scheint als hätte van Mieris sich der niederländischen Theaterpraxis bedient, die Dramatik noch dadurch zu steigern, dass auf dem Höhepunkt des Geschehens kurz inne gehalten wird.

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Willem van Mieris, Odysseus bedroht Circe (Detail), um 1700, 60 x 50 cm, Öl auf Holz, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Circe ist mit einer Demutsgeste ergeben zu Boden gesunken, was ihr jedoch die Möglichkeit eröffnet, mit wie zufällig entblößten Körperstellen ihre, dem Griechen gegenüber wirkungslose, Verführungskunst auszuspielen. In elegantem Schwung drapieren sich die erlesenen Gewänder um sie. Mit der Rechten verweist sie auf ihre am Boden liegenden Waffen, Zaubertrank und Gerte, die sie sinnbildlich gestreckt hat. Sogar ihr kleines Hündchen zeigt sich unterworfen und wiederholt die Demutsgeste seiner Herrin. Odysseus hingegen, mit Tigerfell gewandet, zieht energisch sein Schwert und lässt Circe, im schwungvollen Kontrapost stehend, nicht aus den Augen. Neben ihm auf dem Tisch steht in einer kleinen goldenen Schale das Wunderkraut Moly, mit dessen Hilfe er diesen Kampf gewinnen kann. 

Auf allen Ebenen, in jedem noch so kleinen Detail stellt van Mieris diesen ungleichen Wettstreit mit seinen ungleichen Mitteln dar. Im Detail wird das große Ganze rezipiert.

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Willem van Mieris, Odysseus bedroht Circe (Detail), um 1700, 60 x 50 cm, Öl auf Holz, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Allein die parallel angeordneten Schienbeine von Circe und Odysseus, deren Fußspitzen sich einander zuwenden, könnten delikater nicht dargestellt werden: zarteste Rosétöne fein nuanciert und mit hellblauen Schleifenbändern geschmückt als Kontrast zum braunen Männerbein, dessen strotzende Muskelkraft durch den Schienbeinschutz gebändigt werden muss. 

Auch die Umgebung dieses Aufeinandertreffens trägt zur Bildaussage bei. Schwungvoll nimmt der kostbare Teppich Bezug auf die dynamische Haltung des Helden. Panisch entfliehen die Dienerinnen der Circe in entgegengesetzte Richtung aus dem Raum hinaus. Wird die obere linke Ecke wie bei einer Theaterbühne von einem dunklen Vorhang verdeckt, so erhält der Betrachter als Entschädigung einen weiten, von einer Serliana gerahmten Ausblick in mediterrane Landschaften am rechten Bildrand, der die Schönheit der Insel zeigt. 

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Willem van Mieris, Odysseus bedroht Circe (Detail), um 1700, 60 x 50 cm, Öl auf Holz, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Odysseus siegt in diesem Kampf. Seine Entschlusskraft, seine Geduld und Ausdauer in Momenten der größten Anspannung bringen die erhoffte Übermacht. Er bezwingt Circe und erreicht sogar, dass sie den in Schweine verwandelten Kameraden wieder menschliche Gestalt verleiht. Über ein Jahr werden die Griechen auf der Insel verweilen um sich zu erholen und Kraft zu schöpfen für ihre Rückkehr nach Ithaka. Auch nachdem sie sich getrennt haben, erweist sich Circe noch als wohlwollende und hilfreiche Freundin: Nicht nur sendet sie dem Schiff des Odysseus freundliche Winde, sie verrät darüberhinaus, wie er dem Unheil bringenden Gesang der Sirenen entgehen kann.

Präzise und detailliert schildert der Maler eine der Schlüsselszenen der Odyssee, wobei der handwerkliche Schaffensprozess gänzlich verborgen wird. Dünne Lasuren, glatte Oberflächen, die nicht im Geringsten den Verweis auf einen Pinsel geben, der einmal über den Malgrund geführt worden ist, sind ein Merkmal dieser Leidener Feinmalerei. Sie zeichnet sich gerade dadurch aus, dass der handwerkliche Prozess für den Betrachter selbst mit der Lupe nur schwer sichtbar wird. Eleganz im akademischen Stil des 17. Jahrhunderts, die sich von der Wahl des fruchtbaren Augenblickes bis hin zur exquisiten Wiedergabe der oben beschriebenen Stofflichkeit erstreckt, zeigt Willem van Mieris auf allerhöchstem Niveau. 

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Jonathan Meese, Dani + ich, 2001, 90 x 60 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin, VG Bildkunst Bonn 2017

Der Gegenentwurf in Form einer bewussten Negierung aller zuvor beschriebenen malerischen Qualitäten springt dem Betrachter aus den Werken Jonathan Meeses regelrecht entgegen. Auf dem hochformatigen Gemälde DANI + ICH aus dem Jahr 2001 lösen sich erst bei eingehender Betrachtung aus dem pastosen, groben Farbauftrag zwei menschenähnliche Gestalten. Vor dem nur sehr flüchtig gestalteten Hintergrund aus schwarzen, braunen und ockerfarbenen  Pinselstrichen kristallisieren sich in der oberen Hälfte zwei Köpfe heraus. Die linke, auch leicht zu dieser Bildseite geneigte Figur, hat einen rotbraunen Oberkörper, ein gelbes Inkarnat sowie eine langhaarige grüne Frisur. Missmutig wirft sich der plastische Mund unter der langen geraden Nase auf. Über dem Kopf wird ein Kreuz sichtbar, das lediglich in die üppige Farbmasse eingedrückt ist. Neben dieser Gestalt erscheint ein weißer, runder, mit Rosa verwischter Farbfleck, der vielleicht nur als Gesicht lesbar wird, da er an Stelle der Augen zwei weiteaufgerissene rotumrandete Kreise aufweist. Ob Gespenst, menschliches Antlitz oder doch nur zufällig im Eifer des künstlerischen Prozesses so platzierte Farbansammlungen, lässt sich nur schwer sagen. Von feiner, präziser detailverliebter Technik kann hier keine Rede sein. 

Bad Painting war ein Begriff, der in den 70er Jahren in den USA aufkam für eine Malerei, die nicht im traditionell konnotierten Sinne „schlecht“ war, sondern sich über Beurteilungskriterien wie „gut“ oder „schlecht“ innerhalb der Kunst bewusst und nicht selten ironisch hinwegsetzte. Mit seiner hyperindividuellen und radikalen Art Kunst zu produzieren setzt auch Meese sich über sämtliche Kriterien hinweg, die vorgaben, was guter (Kunst)Geschmack einmal bedeutet hat. Mit seinen Aufsehen erregenden Projekten ist er sehr nah dran an diesen namengebenden Pionieren einer skandalträchtigen Form der Gegenwartskunst. 

Ein Kennzeichen seiner Malerei ist, anders als vor 300 Jahren, die fast physische Präsenz des vor Körperlichkeit strotzenden Arbeitsprozesses. Seine Kunst erzählt von keiner detailverliebten Langsamkeit im Entstehen, sondern von energischer Schnelligkeit. Kraftvoll sichtbar werden in Meeses Bildern die strukturiert-verwirrten Gedanken zum Menschsein allgemein oder auch seine ganz persönliche Auseinandersetzung mit der engsten Umwelt. Das hier besprochene Selbstporträt mit Künstlerfreund Daniel Richter überwindet traditionelle handwerkliche Traditionen in besonderem Maße. Die Nicht- Erkennbarkeit der Dargestellten im Porträt ist ebenso gewollt wie die offene Frage, ob Freund Dani sich vielleicht erst später selbst dazu gemalt hat.

Schwierig zu sagen, wo nun ein Vergleich dieser beiden so unterschiedlichen Werke ansetzen sollte, wenn er sich nicht nur in einer mehr oder minder oberflächlichen Gegenüberstellung des Handwerklichen ergehen wollte. Beide Gemälde sind der individuelle Ausdruck künstlerischer Positionen ihrer jeweiligen Zeit. Beiden Gemälden gebührt deshalb, trotz aller technischer Unterschiede, ein Platz innerhalb der Kunstgeschichte. Wer wollte sich anmaßen hier mit Begrifflichkeiten wie „gut“ oder „schlecht“ zu argumentieren. Vielleicht lässt sich die Antwort auf die Frage nach „guter Kunst“ auch ganz einfach lösen, nämlich mit einem Zitat von Jonathan Meese:

„Chef ist Kunst“. Zumindest daran besteht kein Zweifel. Heute so wenig wie vor 300 Jahren. 

Literatur: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 250-255.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Jonathan Meeses “Mondparsifal” zu sehen und hören im Oktober in Berlin: https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/immersion/programm_immersion/immersion17_programm_gesamt/immersion17_veranstaltungsdetail_211157.php