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100 Meisterwerke – Teil 11: Titus Schade & Edwaert Collier

 

„Kleine Petersburger Hängung“ betitelte Titus Schade im Jahr 2009 sein hochformatiges Gemälde. Er spielt damit auf eine seit der Renaissance, spätestens jedoch ab der Barockzeit sehr beliebte Art und Weise der Präsentation von Gemälden an. Salonhängung nannte man es auch, wenn von der Wand, an der die Bilder angebracht wurden, möglichst wenig zu sehen blieb und die Rahmen bisweilen sogar aneinanderstießen. Den Luxus zumindest etwas von der exquisit dunkelrot gehaltenen Hängefläche zu sehen, gönnt uns der Maler des 21. Jahrhunderts. Ansonsten geht er ähnlich eigenwillig wie Gemäldesammler in früheren Zeiten vor, die häufig ohne ersichtliches Konzept Bilder unterschiedlicher Gattungen, Schulen, Künstler und Formate miteinander kombinierten.

Titus Schade wählt eine moderne, aufgelockerte Variante dieser traditionsreichen Art der Gemäldeschau. Genauer gesagt: er schafft ein Bild davon. Er ist in unserem Fall nicht mehr der Besitzer sondern der Erschaffer der kleinen Bilder, die er in illusionistischer Manier mit Nagel und Aufhängung vor einem dunkelroten Untergrund präsentiert.

Betrachtet, ja nahezu argwöhnisch beobachtet, wird die gesamte Hängungsszenerie von einem männlichen, knapp gerahmten Antlitz, das über den anderen Bildern hängt. Zu der abweisenden Mimik trägt der mächtige Schnurrbart in nicht geringem Maße bei. Zu klein erscheint das Rundformat aufgrund der Bewegtheit des Kopfes, die diesen fast aus seinem Rahmen drängt. Stürmende Naturgewalten sprengen denn auch das Bildformat des darunter hängenden Landschaftsgemäldes. Ein fulminanter Windstoß scheint durch die untere Zone des hochaufgetürmten Wolkengebirges gefahren zu sein und über die kleingeduckte Ansiedlung hinwegzufegen. Ein gefährliches Lila wischt die Rahmenbegrenzung ohne Hindernisse beiseite.

Fast wie die Ruhe vor diesem Sturm wirkt der, trotz seiner Höhe fest auf dem Boden stehende Hochsitz des dritten hochrechteckigen Bildes. In spektakulärer Untersicht ist die Horizontlinie weit nach unten gezogen, sodass der Betrachter nicht erkennen kann, was es von dem erhöhten Standpunkt aus Interessantes zu sehen gäbe. Nur auf den ersten Blick scheint der umgebende Pflanzenbewuchs idyllisch. Der Lichteinfall hingegen verheißt nichts Gutes. Leicht surreal und in seiner strengen, funktionsfreien Geometrie auch nicht mehr als wirkliche Architektur wahrnehmbar ist das Gebäude im vierten runden Rahmen, das an einen sich spiegelnden, massiven Aussichtsturm erinnert.

Etwas ratlos steht man vor der Auswahl, die der Maler hier getroffen hat. Fast reflexartig sucht man nach einem roten Faden, der die Bilder in einen verständlichen Sinnzusammenhang brächte und ihre Verbindung zueinander entschlüsseln würde. Aber nichts dergleichen gesteht Schade seinem Betrachter zu. Phantasievolle Erklärungen gehören auch weniger zum Aufgabenbereich eines Malers, der sich selbst nicht als Künstler bezeichnet wissen will: „Ich mag den Ausdruck Künstler nicht, damit habe ich Probleme. Dann denke ich an so etwas wie einen Zauberkünstler oder Hochseilartisten.“ Er selbst nennt sich einen Bildermacher. Sein Tun versteht er als Handwerk, ein additives, sorgfältiges Verfahren, das ganz pragmatisch nach Zeit verlangt. Vermutlich ist es diese praktische, un-künstliche Herangehensweisen, die den Bildern, trotz ihrer teilweise spektakulären dynamischen Motive ihre Unaufgeregtheit verleiht. Im übertragenen Sinne fungiert Titus Schade als sein eigener Künstlerkurator. Letztendlich gestaltet er eine sehr individuelle Anordnung seiner Bilder, nur eben wiederum im Medium des Bildes.

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Edwaert Collier, „Quodlibet“ / Steckbrett, um 1706, 66 x 53,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Die Methode des illusionistischen Zusammenstellens mehrerer Gegenstände deren Zusammengehörigkeit oder tieferer Sinn sich dem Betrachter erschließen kann, oder auch nicht, betrieb ebenfalls ein anderer Künstler vor 300 Jahren. Er arrangiert jedoch nicht seine eigenen Bilder, sondern alltägliche beliebige Gegenstände, die anscheinend nicht einmal wegen ihrer besonderen Optik ausgesucht worden sind. „Quodlibet“ wird das Gemälde eines fiktiven Steckbrettes vom Beginn des 18. Jahrhunderts von Edwaert Collier betitelt. Wie es gefällt.

Augenscheinlich hat es dem Künstler gefallen, mehrere unterschiedliche Papiere sowie kleinere Objekte des täglichen Gebrauchs zusammen zu bringen. Hinter den rötlichen Lederstreifen, die über ein längsgemasertes Holzbrett gespannt sind, fällt mittig ein Zettel ins Auge, der die Adresse des Künstlers, die gleichzeitig als Signatur für dieses Gemälde fungiert, trägt. Links und rechts davon stecken zwei weitere Briefe, von denen der rechte noch ungeöffnet ist, was an dem ungebrochenen roten Siegel erkennbar wird. Darüber befindet sich eine gefaltete Ausgabe des Amsterdamer Courant mit Nachrichten über „Engeland“ und „Duytsland“ aus dem Jahr 1706, sowie der Abdruck der Parlamentsrede der englischen Königin Anne. Das Schriftstück hinter dem untersten Lederriemen ist mit „Custing“ beschriftet und dürfte eine Aufstellung von Kosten oder Spesen verzeichnen. Der Federkiel, das Federmesser sowie die Siegellackstange erklären sich aus dem Zusammenhang. Sie stellen unverzichtbare Utensilien für ein ordentliches Schriftbild dar. Der Hornkamm jedoch wirkt wie aus Versehen in diese Anordnung hineingeraten.

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Edwaert Collier, „Quodlibet“ / Steckbrett (Detail), um 1706, 66 x 53,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Koloristisch reduziert erscheint das Trompe-l’Oeil auf den ersten Blick. Die Fokussierung auf den Farbvierklang Braun, Rot, Schwarz und Weiß erzeugt jedoch keine Reduzierung der optischen Wirkung. Vielmehr wird das Auge geschärft sowohl für die detaillierte Feinheit mit der die unterschiedlichen Materialqualitäten und ihre Oberflächen wiedergegeben sind als auch den subtilen Einsatz der Farben. Das Rot findet sich neben der spiegelglatten Siegellackstange auch auf den gesiegelten Briefen wieder. Der braune Kamm wurde vielleicht deshalb vergessen in diesem Arrangement, weil er auf den ersten Blick nicht wahrgenommen wird aufgrund seines geringen Kontrastes zum hölzernen Untergrund. Gestochen scharf wird sowohl die elegante Handschrift als auch die sachlich gedruckte Schrift auf den weißen Papieren lesbar. Schon länger scheinen die Zeitungsblätter dort zu hängen, da sie bereits an den oberen Ecken Eselsohren ausgebildet haben. Feinste Schattenwürfe zeigen das Volumen des gefalteten Materials auf.

Überhaupt kann man sich des Eindruckes nicht erwehren als sei diese gesamte Komposition dazu da den Betrachter in keiner Weise glauben zu machen hier wäre etwas für ihn arrangiert worden. Fast schon einem Moodboard kommt die lose Ansammlung gleich: kleine Dinge, die von keinem allgemeinen Wert sind, für den Künstler aber von Bedeutung sind. Einer Bedeutung, die sich jedoch nur ihm allein erschließt. Vielleicht ist diese Tatsache durch die so dominant angebrachte Signatur des Malers, um die herum sich alles präsentiert, zum Ausdruck gebracht. Letztendlich ist er der Einzige, der den Inhalt der Schriftstücke kennt, und somit auch ihre vielleicht versteckten Sinnzusammenhänge.

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Edwaert Collier, „Quodlibet“ / Steckbrett (Detail), um 1706, 66 x 53,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Sowohl der Künstler des 21. Jahrhunderts als auch der des beginnenden 18. Jahrhunderts konfrontieren uns demnach mit einer sehr persönlichen Auswahl von Dingen. Collier hinterlässt den Hinweis auf seine Autorschaft zwar subtil, aber dennoch unmissverständlich in der Mitte seines Gemäldes. Titus Schade wählt dazu naheliegend Bilder, die Motive aus seinem malerischen Fundus zeigen.

Beiden Kunstwerken ist gemein, dass sie auf den ersten Blick nichts Rätselhaftes oder Unverständliches aufzeigen: kleine gerahmte Bilder unterschiedlicher Malereigattungen sowie Schriftstücke unterschiedlicher Art und deren Handwerkszeug.

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Edwaert Collier, „Quodlibet“ / Steckbrett, um 1706, 66 x 53,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche

Verwirrend an den zwei Gemälden ist die Tatsache, dass jedes Detail für sich verstanden werden kann, erst die Kombination durch die Künstlerhand lässt den Betrachter rätseln. Ein wichtiger Kunstgriff ist dabei natürlich auch die jeweilige Ordnung noch zusätzlich durch eine kleinen Störfaktor aus der Balance zu bringen. Bei Schade übernimmt diesen Part das kleine Landschaftsgemälde, das sich keiner begrenzenden Rahmung unterwirft, bei Collier ist es der Kamm, der nicht zu der Funktionalität der übrigen Gegenstände passt. Das Betrachten von Zusammenhängen gilt für gewöhnlich als verständnisstiftend. Hier ist das Gegenteil der Fall. Erst das Zusammenspiel der jeweiligen Einzelteile erzeugt eine neue, inhaltliche Aussage, die sich nicht immer zwingend dem Betrachter erschließen muss, sondern ihn vielleicht sogar ratlos zurücklässt. Durch diese Vorgehensweise sind die beiden Künstler nah am Prinzip der Petersburger Hängung, das ja namensgebend für Schades Gemälde war. Hier ging es häufig ebenfalls nicht um das einzelne Werk, sondern vielmehr darum den Besucher solcher Kunsträume durch die schiere Anzahl des Gesammelten zu beeindrucken. In der Gesamtschau der Gemälde konnten sich der persönliche Geschmack und die subjektiven Vorlieben des Sammlers widerspiegeln, die jedoch ebenfalls nicht immer vollständig zu enträtseln waren.

Wie verwirrend angenehm, dass manchmal zwar das große Ganze mehr zählt als das Detail, die Sache dadurch aber auch nicht verständlicher wird. Welch ein Affront in unserer erklärungswütigen Zeit.

Lit.:

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Stilleben und Tierstücke. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 2004. S. 94-97.

http://www.freundevonfreunden.com/de/workplaces/titus-schade/ (Zugriff am 10. Juli 2017)

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Titus Schade: http://www.eigen-art.com/index.php?article_id=989&clang=0