Archive for April, 2017

Wilhelm-Weber-Preis 2017 für Thomas Rusche

Prof. Dr. Markus Kiefer überreichte Thomas Rusche die Wilhelm-Weber-Preis Urkunde am 27. April, im feierlichen Rahmen, in Düsseldorf. Foto Kiefer

Prof. Dr. Markus Kiefer überreichte Thomas Rusche die Wilhelm-Weber-Preis Urkunde am 27. April, im feierlichen Rahmen, in Düsseldorf. Foto Kiefer

Träger des Wilhelm-Weber- Preises 2017 ist der Unternehmer, Wissenschaftler und Publizist Dr. Dr. Thomas Rusche (Oelde/Berlin). Der Preis erinnert an den Theologen und Sozialwissenschaftler Professor Dr. Wilhelm Weber, langjähriger Inhaber des traditionsreichen Lehrstuhls für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster. Der Wilhelm-Weber-Preis 2017 wurde am 27. April im Rahmen eines nicht- öffentlichen Symposiums in Düsseldorf übergeben.

Der Wilhelm-Weber-Preis für Verdienste um Theorie und Praxis der Christlichen Gesellschaftslehre wurde am 27. April in Düsseldorf im Rahmen eines nicht-öffentlichen Symposiums an den Unternehmer, Wissenschaftler und Publizisten Dr. Dr. Thomas Rusche vergeben. An der Veranstaltung im privaten Rahmen nahmen der Preisträger, seine Ehefrau, Vertreter der Familie Kiefer (Gründer und Stifter des Preises), die Mitglieder des Kuratoriums für die Vergabe des Preises sowie ausgewählte Gäste aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft teil. Thomas Rusche ist Geschäftsführender Gesellschafter des Textilunternehmens SØR. Das Familienunternehmen, das Rusche in vierter Generation führt, hat über 60 Niederlassungen in Deutschland und gilt als Marktführer im Bekleidungs-Premium-Segment. Darüber hinaus ist der neue Preisträger des Wilhelm Weber-Preises ein profilierter Sozial-, Unternehmens- und Wirtschaftsethiker, vielfach ausgewiesen durch wissenschaftliche Publikationen und mehrere Lehraufträge an Hochschulen und Universitäten. In der übergebenen Preisurkunde lautet die Begründung: „In Anerkennung seiner Verdienste als ökonomisch erfolgreicher und zugleich ethisch verantwortungsvoller Unternehmer, als profilierter Wirtschafts- und Sozialethiker, als Dozent und Publizist und als ausgewiesener Förderer der Katholischen Soziallehre verleiht das Kuratorium seinen diesjährigen Preis an Dr. Dr. Thomas Rusche“.

Preisübergabe an Dr. Rusche 27042017 c (1)

Das mit der Auszeichnung verbundene Preisgeld wurde auf Wunsch des Geehrten dem „Hilfswerk Schwester Petra“ zugeleitet, das die Arbeit von Ordensschwestern zugunsten von Armen und Notleidenden in Indien unterstützt (www.hilfswerk-schwesterpetra.de).

Die Laudatio zur Würdigung des neuen Trägers der Wilhelm-Weber- Preises, hielt Monsignore Professor Dr. Peter Schallenberg, Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstellen Mönchengladbach. Charakteristisch für Thomas Rusche sei die Zusammenschau von Individuum, regionalem Kontext und globaler Perspektive, in denen die Sozialprinzipien Anwendung finden müssen. Dieser Ansatz dien der engen Verzahnung von Tugendethik und Institutionenethik. Besonderen Ausdruck finde das sozialethische und wirtschaftsethische Engagement des Preisträgers insbesondere in seiner Tätigkeit in der päpstlichen Stiftung „Centesimus annus“, eine weltweit operierende Stiftung zur Förderung der Inhalte der großen Sozialenzyklika von Johannes Paul II. aus dem Jahre 1991 mit der Betonung eines ethisch gelenkten Kapitalismus. Der Vorsitzende des Kuratoriums des Wilhelm-Weber- Preises, Professor Dr. Markus Kiefer, ging auf die Motive der Preisverleihung ein: „Die Veranstaltungen zur Verleihung des Wilhelm-Weber- Preises sollen einerseits eine deutliche öffentliche Anerkennung des Preisträger sein. Zugleich wollen wir das Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit dafür stärken, daß die Christliche Gesellschaftslehre nicht nur eine großartige Tradition ist, die unseren Staat, unsere Gesellschaft und Wirtschaft grundlegend geprägt hat, sondern weiterhin geeignet ist, positive Impulse für die gegenwärtige Gestaltung von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu setzen. In Dr. Dr. Thomas Rusche ehren wir eine beeindruckende Unternehmerpersönlichkeit, die durch vielfältiges Wirken bewiesen hat und unverändert beweist, dass die Christliche Gesellschaftslehre nicht nur ein Schatz mit großer Vergangenheit ist, sondern zugleich gültige ethische Leitplanken für unsere Zeit bietet.“

In seiner Dankesrede ging der neue Preisträger darauf ein, wie ihn das Ideen- und  Prinzipiengerüst der Christlichen Gesellschaftslehre beeinflusst und welche Konsequenzen dies in unterschiedlichen Feldern heute fordert. Dabei ging Rusche auch auf aktuelle ökonomische Themen ein und analysierte diese zum Teil kritisch im Licht der Christlichen Gesellschaftslehre. So bewertete er beispielsweise eine rein ökonomisch motivierte, fortschreitende, alle Gesellschaftsbereiche durchdringende Digitalisierung pointiert skeptisch: „Die sozialethische Verantwortung von Unternehmen umfasst im digitalen Zeitalter nicht nur eine humane Ausgestaltung der Veränderungsprozesse im Unternehmen, sondern auch der Rahmenordnung selbst. Es sind Unternehmen, die den Digitalisierungsprozeß aus ökonomischen Gründen vorantreiben. Wie kann dabei der Bildung von Monopolen (und Kartellen) vorgebeugt werden? Welche Möglichkeiten bestehen, um die digitalen Wettbewerbsbedingungen fair auszugestalten?“ Und weiter: „Die christliche Gerechtigkeitsethik unbedingter Mitmenschlichkeit wendet sich gegen eine durch den erfolgversprechenden Einsatz digitaler Technologie aufgeheizte Optimierungsethik, die zulasten von ausgegrenzten, weil digital unqualifizierten Minderheiten geht.“ Rusche forderte eine digitale Grundrechts-Charta auf internationaler Ebene. Hier könne eine dialogfähige Katholische Soziallehre hilfreich sein, wie sie schon Wilhelm Weber gefordert habe.

Zum Wilhelm-Weber- Preis:

Der Wilhelm-Weber- Preis ist eine private Initiative. Er wurde in den 90er Jahren von Professor Dr. Heinz-Josef Kiefer begründet, dem langjährigen Vorsitzenden des Ruhrinstituts für gesellschaftspolitische Forschung und Bildung in Essen. Heute wird das Projekt von seinen Söhnen Thomas, Markus und Christian Kiefer fortgeführt. Der Preis wurde nunmehr zum neunten Mal verliehen. Über den Preis entscheidet ein unabhängiges Kuratorium: Professor Dr. Markus Kiefer, Professor an der FOM für allgemeine BWL mit Schwerpunkt Unternehmenskommunikation (Vorsitzender), Monsignore Professor Dr. Peter Schallenberg (Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle, Mönchengladbach), Stefan Winners (Mitglied des Vorstandes der Burda Holding, München), Professor Dr. Georg V. Sabin (Ärztlicher Direktor des Herzpark, Mönchengladbach) und Michael Bommers (Unternehmer, Düsseldorf).

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Mit dem Wilhelm-Weber- Preis soll an den gleichnamigen katholischen Priester, Sozial- und Wirtschaftsethiker und Theologen erinnert werden, der zu den prägnantesten Vertretern der Katholischen Soziallehre im 20. Jahrhundert gerechnet wird. Prof. Dr. Wilhelm Weber wurde 1964 auf den traditionsreichen Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster berufen. Somit wurde er direkter Nachfolger von Joseph Höffner, dem späteren Kardinal und Erzbischofs von Köln. Wilhelm Weber hatte diesen Lehrstuhl bis zu seinem frühen Tod am 4. Oktober 1983 inne. Auch Webers weitere Vorgänger auf dem Münsteraner Lehrstuhl sind herausragende, prägende Gestalten des deutschen Sozialkatholizismus wie Franz Hitze und Heinrich Weber. Zusätzlich zur ideellen Auszeichnung wird ein Preisgeld vergeben, das von der Familie Kiefer gestellt wird. Ausgezeichnet werden Personen oder Institutionen, die sich um die Theorie und Praxis der Christlichen Sozialwissenschaften und der Christlichen Gesellschaftslehre im Sinne Webers verdient gemacht haben. Bisherige Preisträger sind u.a. frühere Bundesfinanzminister und heutige CSU-Ehrenvorsitzende Dr. Theo Waigel, die katholische Tageszeitung „Tagespost“, Professor Dr. Lothar Roos, emeritierter Professor für katholische Soziallehre an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms- Universität Bonn und der ehemalige Umweltminister und Direktor für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Professor Dr. Klaus Töpfer.

Das Focus Magazin berichtete exklusiv über die Verleihung am 27. April:

http://www.focus.de/finanzen/news/unternehmen/fuer-verdienste-um-die-christliche-gesellschaftslehre-sor-geschaeftsfuehrer-thomas-rusche-mit-wilhelm-weber-preis-2017-ausgezeichnet_id_7041585.html

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Weber_(Priester)

http://www.markus-kiefer.eu/

http://www.ksz.de/aktuelles.html

http://www.bku.de/index.php?ka=1&ska=1&idn=581

http://www.tabularasamagazin.de/31089-2/

https://www.domradio.de/nachrichten/2017-04-28/wilhelm-weber-preis-fuer-dr-thomas-rusche

http://westfalium.de/2017/04/28/thomas-rusche-erhaelt-wilhelm-weber-preis/

100 Meisterwerke – Teil 8: Zoltán Béla & Pieter Fris

Zoltán Béla, Curiosity, 50 x 40 cm, oil on canvas, 2012, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Joh 20, 15-18

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Pieter Fris, Noli me tangere, 1653, 39,9 x 44,1 cm Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Komplex und von größter Wichtigkeit für die christliche Heilsgeschichte sind die Ereignisse, die der Evangelist Johannes hier in wenigen Sätzen schildert. Um den Leichnam des am Kreuz hingerichteten Jesus zu salben, hat sich Maria Magdalena noch zur Dämmerstunde zwischen Nacht und frühem Morgen auf den Weg gemacht. Erkennbar wird dies in unserem Gemälde „Noli me tangere“ von Pieter Fris (1627/1628-vor 1708) aus dem Jahr 1653, an dem sich nur sacht Bahn brechenden Sonnenlicht am linken Bildrand, das die Mondsichel im oberen rechten Teil der Komposition noch nicht ganz zu überstrahlen vermag.

Als Maria Magdalena an der Grabesstätte anlangt, geschieht etwas Unerwartetes. Nicht in der dunklen Grabeshöhle, von Leichentüchern bedeckt, begegnet ihr der Gottessohn, sondern aufrecht stehend, in glänzendes Weiß gekleidet und mit von Strahlen zart umhülltem Haupt. „Wie der Blitz und sein Kleid weiß als der Schnee“ heißt es zu seiner Erscheinung im Matthäusevangelium Mt 28,3. Mit offener Geste und seine Wundmale weisenden Händen steht Jesus vor Maria Magdalena und blickt sie an. Die bei Johannes geschriebenen Worte finden in einer vielsagenden Gestik ihr entsprechendes Äquivalent. Nicht abweisend, sondern verständnisvoll reagiert Jesus auf ihre Überraschung, die sie vor ihm zu Boden sinken lässt. Fast scheint es, als würde er gerne ihre Hand ergreifen, so nah hat der Künstler sie nebeneinander positioniert. Zu einer Berührung kommt es jedoch nicht. Noch nicht.

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Pieter Fris, Noli me tangere (Detail), 1653, 39,9 x 44,1 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

In ein einfaches Kleid in kräftigem Hellrot ist Maria Magdalena gewandet. In Anlehnung an die übliche Büßerinnenikonografie fällt ihr rötlich-blond schimmerndes Haar in leichten Wellen offen über den Rücken. Ein glänzender schwarzer Umhang ist hinter ihr zu Boden geglitten. Sinnlich und physisch präsent wirkt ihre Erscheinung. Die nach vorn gestreckten Arme bilden koloristisch durch die weißen Ärmel eine Verbindung zu der lichten, fast durscheinenden Gestalt Jesu. Alles an dieser knienden, dramatisch-bewegten Frau drängt auf eine Berührung mit ihrem Gegenüber, die jedoch von der würdevoll-ruhigen Dominanz Jesu verhindert wird. Nicht durch ein aktives Handeln oder Eingreifen, sondern schlicht durch die Kraft seiner Worte: „Noli me tangere.“

Diese hochemotionale Szenerie hebt sich durch Kolorit, Gestik und die differenziert gestaltete unterschiedliche Körperlichkeit effektvoll vor dem schlichten Hintergrund ab. Während die Figuren in feinpastosem Farbauftrag gemalt wurden, erinnert die landschaftliche Umgebung in ihrem Sfumato an Rembrandt, dessen Werke Fris nachweislich gekannt hat. In warmen Brauntönen, die lediglich durch die Erhellung des Sonnenaufganges ein paar Details einer verschwommenen Stadtsilhouette mit dem Tempel von Jerusalem und den drei Kreuzen erkennbar werden lassen, ist die Landschaft gezeichnet. Bewusst hat Fris den Fokus ausschließlich auf die Figurenszene gelenkt. Deutlich wird dies vor dem Hintergrund, dass der bereits mit 17 Jahren in Rom ansässige Niederländer auch bekannt war für seine phantastisch-elaborierten Landschaftsdarstellungen südlicher Gefilde. Die einzige Ablenkung innerhalb unserer Komposition ist der kleine blühende Strauch am vorderen rechten Bildgrund, der zusammen mit der Gärtnerschaufel stilllebenhaft arrangiert wirkt. Er spielt auf die vormalige Verwechslung Magdalenas an, die Jesus für einen Gärtner gehalten hatte.

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Pieter Fris, Noli me tangere (Detail), 1653, 39,9 x 44,1 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Fein verwebt der Maler die ikonologisch aufgeladene Landschaft mit der Figurenszene und beschreibt subtil den bei Johannes beschriebenen Zustand. Es ist ein transitorischer. Es ist zugleich ein Nichtmehr und ein Nochnicht. Maria Magdalena und Jesus sind zwischen der aufgehenden Sonne und dem untergehenden Mond angesiedelt. Der Tag bricht an, wobei die Dunkelheit noch nicht gänzlich besiegt ist. Jesus hat den Opfertod bereits auf sich genommen, ist aber noch nicht wahrhaft auferstanden. Auch das Wunder des bereits Geschehenen und des noch Kommenden wird in der Gestalt von Maria Magdalena deutlich. Es ist der Moment des Gewahrwerdens, den sie durch den stürmischen Drang des Begreifens vollenden möchte. Nur allzu nachvollziehbar ist ihr Verlangen, das erblickte Wunderbare nun mit den Händen zu erfassen. Dieser Zeitpunkt ist jedoch noch nicht gekommen. Sie darf zwar als Erste das Wunder der Auferstehung sehen, gehorsam hält sie sich jedoch an Jesu Vorgabe des „noli me tangere“. Maria Magdalena begnügt sich mit der erschauten und geglaubten Auferstehung, deren Erfahrung sie auf Jesu Geheiß hin weiter verbreitet, bis am Abend dieser auch seinen anderen Jüngern erscheint.

Thomas (…) einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Joh 20, 24-29

Zoltán Béla, Curiosity, 50 x 40 cm, oil on canvas, 2012, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Handfest wird nun diese Begegnung geschildert. Nach der Erzählung vom Besuch Jesu im Kreise seiner Jünger bleibt Thomas skeptisch. Er muss Jesus sehen und vor allem fühlen. Hat der Künstler Zoltán Béla (*1977) in seinem Werk „Curiosity“ aus dem Jahr 2012 diesen Moment eingefangen? Den Moment der nicht mehr zügelbaren „Neugierde,“ die zum An-fassen führt?

In kleinem Format ist dieses Bild mit Ölfarbe auf Leinwand gemalt. Die Farbpalette ist jedoch so minimalistisch gehalten, dass das Werk fast den Charakter einer Studie erhält. In radikaler Ausschnitthaftigkeit wird ein Unterarm mit Hand gezeigt, deren Zeigefinger forsch und direkt in eine schwarz konturierte Schnittwunde gelegt wird. Erst bei genauem Hinsehen erschließt sich der Zusammenhang. Die Wunde befindet sich im Brustbereich eines nur torsohaft geschilderten Körpers, dessen nach oben gerichtete Arme sich außerhalb des Bildformates befinden. Das ebenfalls nicht gezeigte Haupt scheint nach links gewandt, weil am oberen Bildrand ein Teil der nach unten fallenden langen, strähnigen Haare sichtbar wird.

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Zoltán Béla, Curiosity (Detail), 50 x 40 cm, oil on canvas, 2012, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Ergänzt man mit ein wenig ikonografischer Phantasie diese Komposition,so entsteht vor dem geistigen Auge des Betrachters der Gekreuzigte, noch an seinem Marterwerkzeug hängend. Nicht der Moment, als Longinus Jesus die Seitenwunde zufügt, wird hier dargestellt, sondern vielmehr das Zusammenziehen von zwei chronologisch aufeinanderfolgenden Geschehnissen. Bei Zoltán Béla ist Thomas seiner Zeit voraus. Sprichwörtlich scheint hier der Titel des Bildes in die inhaltliche Komposition übersetzt. Bereits hier, noch an der Hinrichtungsstätte, wird das sinnliche Erfahren des Beweises der physischen Qualen sowie des erfolgten Todes spürbar. Ungeduld scheint diese Hand zu führen, bevor überhaupt das Wunder der Auferstehung auch nur erahnbar ist.

Erst das Berühren der Seitenwunde des Auferstandenen macht doch die Erfahrung des Wunders aus. Die Hand, die sich hier in die Seitenwunde bohrt, kann zwar von sich behaupten, ein Zeuge des Todes zu sein, nicht aber einer der Auferstehung.

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Zoltán Béla, Curiosity (Detail), 50 x 40 cm, oil on canvas, 2012, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der zeitgenössische Künstler gibt seinen Figuren keine Zeit. Sowohl kompositionell-formal als auch inhaltlich-zeitlich verkürzt, zeigt er das Geschehen. Thomas braucht anscheinend zeitnah einen physischen Beweis. In Zoltán Bélas Interpretation wird dieser Beweis so voreilig ausgeführt, dass der Agierende der Erkenntnis der Auferstehung verlustig geht.

Aufgrund der motivischen Nähe wird die tiefer liegende inhaltliche Differenz unserer beiden Bilder erst im Vergleich deutlich: Vermutlich ist es kein Zufall, dass der Künstler des 17. Jahrhunderts, anders als der der Gegenwart, dem Verlangen seiner Maria Magdalena trotz ihres drängenden Bedürfnisses, Jesus zu berühren, nicht nachgibt. Sie akzeptiert, dass für dieses Tun die Zeit noch nicht gekommen ist. Sie ordnet sich im wahrsten Sinne des Wortes unter. Nicht jedoch aus falsch verstandener demütiger Unterwerfung, sondern aus Glauben und Vertrauen.

Literatur:

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 156-160.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

https://ancapoterasu.com/artists/zoltan-bela/

 

 

Independent Collectors presents: THOMAS RUSCHE IN CONVERSATION WITH CORNELIA SCHLEIME

Thomas Rusche traf die Künstlerin in ihrer Ausstellung  ,,Ein Wimpernschlag'', die noch bis zum 24. April 2017 in der Berlinischen Galerie zu sehen ist.

Thomas Rusche traf die Künstlerin in ihrer Ausstellung ,,Ein Wimpernschlag”, die noch bis zum 24. April 2017 in der Berlinischen Galerie zu sehen ist.

In collaboration with Thomas Rusche from the SØR Rusche Collection Oelde/Berlin, we present the new video-series “Thomas Rusche in Conversation With…”, where the German art collector, textile entrepreneur and economist meets personalities from the arts and cultural scene.

For our first instalment , Rusche met with the artist Cornelia Schleime at her exhibition “Ein Wimpernschlag” at the Berlinische Galerie. Schleime, who recently won the Hannah-Höch Prize for her life-work, speaks to Rusche about her insatiable passion for painting, the punk that is still present in her, and how limitations in her life made her stronger – such as the ban on work in the GDR, the spying by the Stasi, all serving as an engine to release artistic energy.

The video is currently only available in German.

 

http://instagram.com/soer_rusche

https://independent-collectors.com/on-site/thomas-rusche-in-conversation-with-cornelia-schleime

http://soer.de