Archive for November, 2016

Thomas Rusche empfiehlt Issue No. 3

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In der 3. Ausgabe der Kolumne ,,Thomas Rusche empfiehlt” verrät der Kunstsammler und SØR Inhaber seine Entdeckungen und Tipps für die Wintersaison 2016/17.      Foto, Lars Beusker

Ein guter Gin, die Umarmung schöner Frauen, romantische Abende am lodernden Kamin – all das lässt die Körpertemperatur gefühlt um ein paar Grad ansteigen. Doch nichts hält dauerhaft so rundum warm wie ein Strickpullover. Neue Qualitäten aus edelstem Kaschmir für das nur das weichste Unterfell am Bauch der Kaschmirziege verarbeitet wird, haben jetzt bei SØR  Hochsaison: lange, zweifädige Garne, verwebt in renommierten Traditionswebereien lassen Männerherzen höher schlagen und sind ein Erfolgs-Garant auf dem weihnachtlichen Gabentisch. Klassische Rundhals- und V-Neck-Optiken mit sportlichen Ellbogen-Patches überzeugen durch eine perfekte Passform. Schmal, jedoch zugleich locker geschnitten und derart hochwertig gearbeitet, dass sie gleich mehrere Kälteperioden überdauern, zählen SØR-Strickpullis zu den unverzichtbaren , luxuriösen Freizeit-Basics die 365 Tage im Jahr optimal einsetzbar sind. Elegante Knitwear bleibt eben soft und zeitlos!

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Feine SØR-Kaschmir-Pullover mit Ellbogen-Patches. Foto, Lars Beusker

Das Konzept von MMX steht für sehr viel mehr als die Produktion von Hosen und die Etablierung einer neuen Modemarke. Es geht um nicht weniger als die Neuinterpretation der perfekten Hose. Mit viel Gespür für Stil und Design entstehen aufwändig verarbeitete Hosen aus hochwertigen Materialien in hervorragender Qualität. Optimale Passformen und präzise handwerkliche Verarbeitung definieren die Kollektionen. Ausgewählte Details, eine aufwendige Innenausstattung und echte Hornknöpfe verweisen zusätzlich auf die Handwerkskunst einer Maßschneiderei. Die exklusiven Stoffe stammen aus den besten Webereien in Deutschland und Italien. MMX beweist sich als echter Durchstarter im SØR Sortiment und richtet sich an modebewusste Männer die Herkunft und Produktionsbedingungen hinterfragen und die sich für einen verantwortungsbewussten, anspruchsvollen und individuellen Lebensstil entschieden haben.

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MMX – die Neuinterpretation der perfekten Hose! Foto, Lars Beusker

Rahmengenähte Budapester, Double-Monk oder Wingtipp in schwarz und verschiedenen braun Tönen gehören seit vielen Jahren wie selbstverständlich zum Business Outfit. Doch immer häufiger sieht man aber in den trendprägenden Metropolen wie New York, Berlin und Mailand den Sneaker als Ergänzung zum Business-Look. Die aktuellen high und low Varianten haben den klassischen Turnschuh dabei verdrängt und bestechen durch luxuriöse Materialen und individuelles Desgin wie geprägt- oder bedrucktes Velour- und Napper, mit  auffallenden Farbkontrasten, weißer oder schwarzer Sohle. Trauen Sie sich ruhig und lassen Sie sich ein auf einen aufregenden Melting Pot, der klassischen Stil mit Luxus-Streetwear vereint.

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Von wegen Turnschuhe – die Luxus-Sneaker von Floris van Bommel im Reptile-Look. Foto, Lars Beusker

Seit 1981 spiegelt sich die Leidenschaft für Eleganz und Stil von Giancarlo Regaglia und seinem Sohn Andrea in den Accessoires-Kollektionen ihrer Marke Gierre Milano wieder. Krawatten, Schals und Einstecktücher von Gierre Milano zeichnen sich durch hervorragende ,,Made in Italy” Qualität aus. Professionelle Handwerkskunst wird mit moderner Technik vereint. Edle Woll-Qualitäten verleihen den Items einen schmeichelnd weichen Griff aus und verzaubern uns mit kunstvollen floralen- und grafischen Mustern.

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Gierre Milano – 100% italienischer Stil und kompromisslose Qualität. Foto, Lars Beusker

 

Die Festtage rücken immer näher und somit intensiviert sich auch der Gedanke ,, was lege ich meinen Lieben unter den Christbaum?” Mein ultimativer Tipp ist ein guter Schal oder ein schönes Tuch! Dabei lege ich größten Wert auf hochwertige Materialen und stilvolles Design. Kuscheliges Kaschmir oder robuste Lambswool, wärmen die Beschenkten und setzen gekonnt Akzente in der Wintergarderobe.

Der SØR-Kaschmir-Schal setzt herrliche Akzente auf dunklen Mänteln und Jacken. Foto Lars Beusker

Der SØR-Kaschmir-Schal setzt herrliche Akzente auf dunklen Mänteln und Jacken. Foto Lars Beusker

Neben den Fragen welches Geschenk das Richtige ist und was am Weihnachtsabend serviert werden soll, beschäftig natürlich auch immer der Gedanke ,,was soll ich anziehen?” Wer vielleicht im engsten Kreis der Familie einen gemütlichen zwanglosen Abend verbringen möchte oder  sich über die Feiertage das rustikale Ambiente einer Berghütte gebucht hat, darf selbstverständlich ein entsprechend kerniges und lässiges Outfit wählen. Eine klassische Cordhose oder eine schöne Jeans in Kombination mit einem fröhlichen Hemd oder einem Kaschmir-Pullover in der Trendfarbe Barolo sorgen für ein behagliches Tragegefühl. Ein kleiner persönlicher Tipp: Eine hochwertige Weste verleiht einem lässigen Outfit eine Prise Eleganz und ist dabei noch wunderbar wärmend.

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Die SØR-Weste aus 100% Schurwolle verleiht lässigen und kernigen Outfits eine elegante Note. Foto , Lars Beusker

Je stilvoller Sie sich kleiden um so festlicher wird Ihr Weihnachtsabend! Der ultimative Klassiker ist und bleibt der dunkle Anzug. Pure Eleganz versprüht ein mitternachtsblauer Anzug mit einer schmalen Silhouette. Wählen Sie dazu ein weißes Hemd aus feinem Tuch mit Haifisch-Kragen und Umschlagmanschetten. Einstecktücher und Krawatten mit floralen Mustern oder dem angesagten Check-Design setzen dabei farbige Akzente. Feine Oxford-Schuhe aus Kalbsleder und edle Manschettenknöpfe runden den Look stilvoll ab.

Thomas Rusche trägt  im Foto-Shooting ein schmal geschnittenes SØR Sakko aus 100% Schurwolle und ein SØR Businesshemd mit  Umschlage-Manschetten und Haifischkragen. Foto, Lars Beusker

Schmal geschnittenes SØR Sakko aus 100% Schurwolle in Nachtblau und ein SØR-Hemd mit Umschlage-Manschetten und Haifischkragen. Foto, Lars Beusker

Auch wenn für uns die besinnlichen Tage nahen, bleibt es in der Kunstszene brodelnd heiß. Die Art Basel Miami öffnet gerade die Tore, aber auch in Deutschland gibt es einige spannende Ausstellungen in den kommenden Wochen. Besonders hervorheben möchte ich dabei die Ausstellung ,,Wimpernschlag” von der Künstlerin Cornelia Schleime, die zur Zeit in der Berlinischen Galerie zu sehen ist. Die jüngst mit dem Hannah-Höch-Preis ausgezeichnete Malerin ist mit zahlreichen Werken in der SØR  Rusche Sammlung Oelde/Berlin vertreten, von denen auch einige Arbeiten in der musealen Ausstellung zu sehen sind.

http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/aktuell/cornelia-schleime

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Flyer zu der Ausstellung ,,Bittersüße Zeiten – Barock und Gegenwart in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Am 11. Dezember eröffnet die Ausstellung ,,Bittersüße Zeiten – Barock und Gegenwart in der SØR  Rusche Sammlung Oelde/Berlin” in der Städtischen Galerie Regensburg

https://www.regensburg.de/kultur/museen-in-regensburg/aktuelles/bittersuesse-zeiten-barock-und-gegenwart-in-der-sor-rusche-sammlung-oelde-berlin-in-der-staedtischen-galerie-im-leeren-beutel-vom-11-12-2016-19-02-2017

Und am 14. Januar freue ich ich schon auf den Winterrundgang in der Baumwollspinnerei Leipzig

http://spinnereigalerien.de/rundgang/

Besonders hervorheben möchte ich auch noch einmal die neue Reihe in unserem Blog: ,,100 Meisterwerke”! Die Kunsthistorikerin Dr. Teresa Bischoff untersucht in dieser Serie jeweils 50 Kunstwerke von zeitgenössischen Künstlern und Niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts und stellt diese gegenüber. Das Resultat ist ein spannender Dialog und ein neuer Blickwinkel der zeigt welche überraschende Nähe zwischen Werken herrscht,  die 400 Jahre Kunstgeschichte trennen. http://www.kleidungskultur-soer.de/?p=2537

Ich wünsche Ihnen eine schöne Adventszeit mit aufregender Mode und spannender Kunst!

Ihr Thomas Rusche

http://soer.de

http://instagram.com/soer_rusche

100 MEISTERWERKE – TEIL 3: Cornelia Schleime & Jacob van Mosscher

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Cornelia Schleime, Mädchenportrait, 1998, 145 x 120 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie nimmt ein Blatt in den Mund. Sehr nonchalant, wie es nur ein Mädchen von der Hand Cornelia Schleimes tun kann.

Nahsichtig, das quadratische Bildformat nahezu ausfüllend, konfrontiert uns dieses sympathische Mädchenwesen mit seiner Freundlichkeit. In klassischer nach links gewandter Porträtansicht wird sie in höchst unklassischer Technik präsentiert: keine glatte Lasur sondern eine durch Asphalt und Schellack aufgeworfene, teilweise fleckenhaft verdunkelte Farboberfläche bricht das liebliche Motiv. Man kann gar nicht anders als ihr lächelnd zu begegnen. Der Schalk steckt nicht nur unsichtbar unter den kurzgeschnittenen, braunen Haselnusslocken im Nacken, sondern sitzt ihr auch sichtbar in den hübschen Augenwinkeln. Es ist erstaunlich auf welch elegante Weise, der sie sich selbst noch nicht bewusst ist, ihr anmutiges Lächeln durch das horizontal geschwungene Blatt über die gesamte Komposition hinweg verteilt. Adrett ist sie zurechtgemacht: mit ihrer exakten Haartolle, dem weißen Kragen und dem himmelblauen Kleid scheint sie von ebensolch adretter Gemütsverfassung zu sein. Keine Scheu, kein Arg ist erkennbar, kein Unwillen von uns betrachtet zu werden. Wenn das in der letzten Zeit allzu sehr strapazierte Wort der Authentizität auf jemanden angewandt werden dürfte, dann auf dieses Mädchen. Laut der Künstlerin hat sich ihr Bildmotiv die Freiheit dieses Blatt in den Mund zu stecken, einfach selbst herausgenommen und davon auch kein großes Aufheben gemacht. Ein Grund vermutlich, warum dieser Gegenstand so völlig selbstverständlich zwischen ihren Lippen wirkt. „Kunst“, sagt Cornelia Schleime, „ist auch immer etwas um den Abstand zum Realen zu definieren. Etwas zu machen, was eigentlich nicht gebraucht wird.“ Besser und bildlicher könnte man es unserem Mädchen nicht in den Mund legen.

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Diego Velazquez, “Infanta Margarita Teresa in a Blue Dress,” 1659

In welcher Ahnenreihe steht nun ein Mädchenporträt der Künstlerin, die in diesem Jahr den ehrenvollen Hannah Höch Preis erhält? Von sich selbst sagt Cornelia Schleime die Heroen der Kunstgeschichte zu lieben und stellt sich damit „bewusst in den Kontext der durch Männer geprägten Traditionslinie der Malerei“. Wagen wir also einen kleinen Rückblick auf die sonst stets von Männerhand geschaffenen Mädchenschönheiten, auch wenn zu befürchten steht, dass das Unsrige fröhlich aber bestimmt aus dieser Reihe treten würde, mit seinem Blatt fest zwischen den Zähnen. Nur nebenbei gesagt, so lang wäre diese Reihe aus der sie heraustreten könnte, nicht. Wann wurde je ein Mädchen um seiner selbst Willen dargestellt, von einem Mädchen mit einem Blatt im Mund noch gar nicht zu reden? Kinder oder Heranwachsende, noch dazu Mädchen, finden bis ins 17. Jahrhundert in der Kunstgeschichte nur ihren Platz, wenn sie von genealogischer Wichtigkeit waren.

In ihrer direkten Selbstbewusstheit erinnert das Blattmädchen denn auch an die stolze kleine Infantin Margarita Teresa, die von niemandem je so verletzlich und stark ins Gedächtnis der Betrachter gebannt wurde wie von Diego Velazquez. Wusste eine spanische Habsburgerin im 17. Jahrhundert welche politische Last auf ihren Schultern ruhte, so weiß unser Mädchen, dass es sich nur mit Blatt im Munde dem Betrachterauge stellen will. 

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Ferdinand Georg Waldmüller, Kleines Mädchen, in einem von Weinlaub umrankten Fenster (um 1830)

In ihrer Fröhlichkeit hingegen scheint das Schleime Mädchen verschwistert mit den vielen freundlichen naturverbunden Mädchen, die vor allem die deutsche Genremalerei des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Das kleine artige Mädchen in der Weinlaube eines Ferdinand Georg Waldmüller würde jedoch nie auf  den Gedanken kommen eines dieser sie umrankenden Blättchen kurzerhand in den Mund zu stecken. 

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François Boucher, Junge Frau mit einem Rosenstrauss, (um 1750)

Sowohl an den strengen Damen im Halbprofil mit exakter Flechtfrisur der Frührenaissance, deren eleganten Nachfolgerinnen des ausgehenden 16. Jahrhunderts sowie den üppigen Frauen des Barock scheint unser Mädchen ebenso lächelnd vorbei geschritten zu sein wie an den stets leicht frivolen Schäferinnen des Rokoko, mit denen sie ja zumindest ihre augenscheinliche Liebe zur Natur gemein hätte. Aus phänotypischer Perspektive dürften wir hier eine Parallele sehen, genotypisch jedoch haben diese beiden künstlerischen Verbindungen von junger Weiblichkeit und Natur nicht viel gemein.

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Cornelia Schleime, Mädchenportrait (Detail), 1998, 145 x 120 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Dient der Rokokodame die Natur stets ihrem Schmuck und Vergnügen, so scheint es Cornelia Schleimes Mädchen eine persönliche Notwendigkeit von großer Wichtigkeit gewesen zu sein, sich mit dem grünen Attribut auszustatten. Ein normales, schlichtes Blatt wählte sie dazu, keine dekorative Rose oder eine andere exotische Blume, sondern ein Blatt, das in seiner alltäglichen Schlichtheit nicht über sich hinausweist und auch keine weiterführenden Schlussfolgerungen erlaubt. 

Genauso war es vor einigen Jahren der Künstlerin eine höchst eigensinnige und nicht erläuterungsbedürftige Notwendigkeit, dieses Bild, das sie im Messestand ihrer Galerie auf der Art Cologne der Öffentlichkeit zum Erwerb preisgegeben sah, kurzerhand selbst in ihren Privatbesitz zurückzukaufen.

 Cornelia Schleime ist eine Malerin, die keine Phobie vor dem Wort „Schönheit“ hat, sonst gäbe es vermutlich auch nicht eine derart große Anzahl anmutiger Mädchen in ihrem Oeuvre, bekanntlich ja durch viele Epochen hindurch DAS Synonym für Schönheit schlechthin. Hingegen hegt sie gewisse Vorbehalte gegen eine Kunst die dem Zeitgeschehen zu sklavisch verhaftet ist. Neben den kleineren Aquarellformaten, in denen der Malerin die verschlungenen Zöpfe der Mädchen in Gesellschaft ihrer Hasen und Füchse einfach so zufliegen, braucht sie die Großformate um sich „selber lebendig zu erhalten.“ Die Künstlerin sagt von sich selbst ein einziger Widerspruch zu sein. Eine Aussage, die sich auch in der Erschaffung dieses Mädchenbildes widerspiegelt: ein Motiv, wie es lieblicher nicht sein könnte mit einer kleinen frechen Zutat versehen, wird von ihr nach dem malerischen Farbprozess mit Schellack und Asphalt übergossen und damit einem chemischen Prozess ausgesetzt von dem die Künstlerin nie wissen kann welches Ergebnis er letztendlich hinterlassen wird, ob er das gerade Entstandene nicht vielleicht sogar zerstören wird. Cornelia Schleime zeigt hier radikal die Ambivalenz ihres Kunstschaffens auf, das vom fürsorglichen, die Privatsphäre des Bildes schützenden Rückerwerb bis hin zur in Kauf genommenen Zerstörung reicht.

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Jacob van Mosscher, Rastendes Bauernpaar unter hohen Bäumen, nach 1640, 47,5 x 65 cm, Öl auf Holz, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Vermutlich wäre Jacob van Mosscher beim Malen seines „Rastenden Bauernpaares unter hohen Bäumen“ nicht auf diese Idee gekommen. Von Ambivalenzen, Widersprüchlichkeiten oder gar Zerstörung scheint dieses Gemälde des 17. Jahrhunderts weit entfernt. Entspricht es doch vielmehr dem typischen Geschmack dieser Zeit. Erst knappe 200 Jahre zuvor hatte die Landschaft als Motiv sich dergestalt emanzipiert, dass sie nun ohne oder nur mit kleiner Figurenstaffage alleinig bildwürdig geworden war. 

Die holländische Ausprägung dieser Gattung im 17. Jahrhundert ist keine laute, spektakuläre, die Idealansichten mit effektvollen Naturspektakeln komponiert. Stattdessen haben die Maler ein feines Auge und Gespür für das eigentümliche und einmalige der ihnen durch ihren eigenen Alltag bekannten Umgebung ausgebildet.

Um die subtilen Farbnuancen der heimischen, niederländischen Gegend mit dem Pinsel einzufangen, bedarf es zudem einer sorgfältigen malerischen Vorgehensweise.

Mögen diese Gemälde für das Auge des heutigen Betrachters auf den ersten Blick vielleicht eintönig aufgrund der reduzierten Farbpalette und wenig aufregend durch das kleine Figurenpersonal wirken, so sind es Werke, die eben nicht für das schnelle Hinsehen gemalt wurden. Auch wenn die Bilderproduktion im sogenannten Holländischen Goldenen Zeitalter zahlenmäßig einen Höhepunkt erreichte und sich englische Touristen erstaunt darüber zeigten, wo sie überall Gemälde zu Gesicht bekamen, beispielsweise in den Werkstätten der wohlhabenden Handwerker, so war der damalige Mensch sicherlich bereit mehr Zeit und Muse auf die Betrachtung eines solch reduziert-eleganten Werkes aufzuwenden als wir es heute gewohnt sind. Bilder wie uns Mosscher hier eines vor Augen führt, waren damals hoch in Mode und zeichnen sich durch ein gedämpftes Kolorit aus, das keinen zu großen Kontrast entstehen lässt zwischen luftiger Höhe und erdiger Bodenzone.

Jacob van Mosscher, Rastendes Bauernpaar unter hohen Bäumen (Detail), nach 1640, 47,5 x 65 cm, Öl auf Holz, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Jacob van Mosscher, Rastendes Bauernpaar unter hohen Bäumen (Detail), nach 1640, 47,5 x 65 cm, Öl auf Holz, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Tief ist die Horizontlinie durch die Komposition gezogen, wobei der vom rechten Bildrand weit und hoch ins Bild hineinragende Baum eine gelungene Verbindung schafft zwischen Himmel und Erde. Verschattet und höhlenartig beginnt er in seinem Wachstum um in luftiger Höhe mit seiner filigranen Krone die Wolkenformationen hinter ihm aufs Schönste nachzuahmen. In seinem Schatten, auf leicht erhöhtem Terrain, nahe einem halbverfallenen Mauerrestes, hat sich ein Bauernpaar rastend niedergelassen. Es ist eben im Begriff den mitgebrachten Korb zu leeren, während der schwarzweiße Hund seinen Durst an einem im Vordergrund vorbeifließenden Bachlauf stillt. So zwanglos ihr Gebaren erscheint, so fügen sie sich auch in diese Landschaft ein. Sie sind ein Teil von ihr. Den nicht sonderlich gut ausgebauten Weg der sich in der Weite der linken Bildkomposition verliert, haben sie bis zu ihrem Rastplatz zurückgelegt um sich nun unter dem Ruhe und Schatten spendenden Baum niederzulassen. Hoch ragt darüber der sommerliche zart blaue Himmel auf von semitransparenten Wolken durchzogen, mit deren Leichtigkeit, die unten am Boden fein gewachsenen Sträucher mit durchsichtigem Astwerk korrespondieren. Die Stadtsilhouette Haarlems mit der angedeuteten St. Bavokirche ist nur äußerst schemenhaft in der Ferne auszumachen. Das sich am Frieden und der Ruhe der Natur erfreuende Paar hat den Stadttrubel im wahrsten Sinne des Wortes hinter sich gelassen. 

Mit künstlerischer Klugheit hat Mosscher in diesem Gemälde sowohl die Formen und Farben seiner Heimat eingefangen und was vielleicht noch wichtiger ist, auch ihre Atmosphäre: das Spiel von Licht und Schatten, die nur mäßig sich aufwerfende Landschaft, deren Farben kein Feuerwerk entzünden sondern in ihrer Gemäßigtheit nicht nur dem Auge Ruhe schenken. In völliger Selbstverständlichkeit darf der Mensch sich an diesem Ort bewegen, wobei er jedoch nicht in eine spielerisch-künstliche Naturkoketterie eines Fete galante verfällt wie später im Rokoko üblich.  

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Cornelia Schleime, Mädchenportrait, 1998, 145 x 120 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Die Künstlerin erwarb ihr eigenes Bild auf der Art Cologne zurück und es blieb einige Jahre in ihrem Privatbesitz. Erst der Sammler Thomas Rusche erschien ihr Jahre später als geeigneter Besitzer dieses besonderen Bildes.

Mit völliger Selbstverständlichkeit trägt auch das Mädchen von Cornelia Schleime ein Stück Natur im Mund. Auf den ersten Blick scheinen ja ein zeitgenössisches Figurenbild von spektakulärer Technik, ausschnitthaft und nahsichtig auf den Betrachter hin ausgerichtet und ein fernsichtig komponiertes, feinmalerisch ausgeführtes Landschaftsgemälde typischer holländischer Prägung wenig Gemeinsamkeiten zu haben. In der exakten Umkehr des Verhältnisses von Natur und Figur ist eine Bezugnahme deshalb nicht auf formaler Ebene spannend sondern auf inhaltlicher. Mensch und Natur sind über die Jahrhunderte hinweg die relevanten Bildthemen, mit denen sich die Künstler auseinandersetzen. Dass der Mensch sich heute nicht mehr in sie einfügt sondern die Natur eher als Zugabe zum menschlichen Dasein wahrnimmt, könnte ein Gedanke hinsichtlich der veränderten Gewichtung in diesen zwei Bildern sein. Beiden Gemälden ist jedoch die ruhige Übereinkunft von Mensch und Natur gemein. Eine sinnlich dargestellte Harmonie finden wir sowohl bei Mosscher als auch bei Schleime: nutzt das rastende Paar die es umgebende schöne Natur als schützenden Rahmen für sein fröhliches Picknick zu dem es sich auf dem Boden niedergelassen hat, so geht das Mädchen noch einen Schritt weiter indem es die Natur nicht nur spürt, sondern sich auf einen noch intimeren Kontakt, nämlich das Schmecken einlässt. Ein geradezu provozierender Akt in Zeiten einer Umweltverschmutzung, die durch unseren unbedachten und ausbeuterischen Umgang mit der Natur verursacht ist. Ermutigt uns die Schönheit der Natur gerade angesichts ihrer Bedrohung sie in den Blick zu nehmen, so wie das Mädchen das Blatt in den Mund nimmt? Wie ein symbolhaftes Zeichen erscheint das Blatt im Munde des Mädchens. Ohne das Blatt wäre dieses Bild nicht vollständig genau wie der Mensch ohne die Natur nicht lebensfähig wäre. Vielleicht hat sich das Mädchen sein Blatt von einem kleinen Ausflug durch ein holländisches Landschaftsgemälde als kleines Andenken mitgebracht, einer Zeit vor allen Umweltskandalen.

Ich danke Cornelia Schleime herzlich für die Charakterisierung ihres Blattmädchens.

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Dr. Teresa Bischoff (*1979) studierte Kunstgeschichte, Literaturgeschichte und Geschichte in Erlangen und Rom. Kürzlich erschien ihre Dissertation “Kunst und Caritas” über Leben und Werk der Malerin, Kunstsammlerin und Mäzenin Emilie Linder. Nach Dozententätigkeiten in Erlangen, Ansbach und Nürnberg ist sie nun wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

www.cornelia-schleime.de

http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/vorschau/cornelia-schleime/

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Landschaften und Seestücke. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2001. S. 180-183.

Artikel im Kontur Magazin: Thomas Rusche – Kunst macht Lust auf Leben

 

Kontur No.15 - Das Cover der neuen Ausgabe. Foto, Tecklenborg Verlag

Kontur No.15 – Das Cover der neuen Ausgabe. Foto, Tecklenborg Verlag

Genau weiß nur er, wie viele Kunstwerke er sein eigen nennen kann. Mal heißt es voller Ehrfurcht und mit Bewunderung, seine Kunstsammlung umfasse 3.000, dann wieder liest man, es seien sogar mehr als 4.000 Werke. Unternehmer Thomas Rusche kennt sie alle. Viele hat er selbst erworben. Sie gehören zur SØR Rusche Sammlung mit Sitz in Oelde und Berlin.

Thomas Rusche – Kunstsammler und Unternehmer in Personalunion.

Thomas Rusche – Kunstsammler und
Unternehmer in Personalunion.

Es sind wirkliche Schätze, die in den zurückliegenden Jahrzehnten der Familiengeschichte zusammengekommen sind und die Thomas Rusche hütet wie seinen eigenen Augapfel. Das hindert ihn allerdings nicht, sie gerne auf Reisen zu schicken, um sie in den Kunstvereinen, Ausstellungshallen und Museen der Welt in immer neuen Konstellationen und Kombinationen auszustellen. Rusche teilt gerne – vor allem Anregungen und Gedanken. Besitz ist für den Unternehmer kein Selbstzweck, sondern Verpflichtung. Darin schließt er die private Kunstsammlung ebenso mit ein wie das eigene Bekleidungsunternehmen SØR, das er mit Erfolg führt. In diesem Jahr feiert das Unternehmen sein 60jähriges Bestehen, was in diesen turbulenten Zeiten durchaus bemerkenswert ist. SØR gilt als der deutsche Marktführer im Premium-Segment der Herrenausstatter und ist mit rund 60 Topmarken breit aufgestellt. Rusche weiß um seine Verantwortung für seine rund 300 Mitarbeiter und arbeitet konsequent an Strategien für die Zukunft des Unternehmens. Neben dem stationären Handel hat man sich bereits gut im Onlinehandel etabliert. Kunst und Klamotten sind für Rusche keine Gegensätze, sondern etwas, das sich, wie er findet, wundervoll ergänzt und inspiriert. „Vier Generationen meiner Familie leben nun schon von der Mode und für die Kunst“, sagt der Unternehmer.

Einzelne Kunstwerke werden auch in den SØR Filialen wie hier am Neuen Wall in Hamburg präsentiert: Das traditionelle SØR Sofa und zwei Werke von Carlos Perez und Michal Jankowski.

Einzelne Kunstwerke werden auch in den SØR
Filialen wie hier am Neuen Wall in Hamburg
präsentiert: Das traditionelle SØR Sofa und zwei
Werke von Carlos Perez und Michal Jankowski.

Im Mittelpunkt steht ein weitgefasstes Verständnis von Kultur, das für ihn und sein Leben sinnstiftend ist. Mode und Kunst machen in seinen Augen das Leben nicht nur bunt, sondern lebenswert. „Ich glaube, dass Kunst die Lust am Leben vergrößert.Wir alle stecken in einem Hamsterrad der Reproduktion unserer Lebensbedingungen.Wir gehen alle morgens zur Arbeit, gehen abends nach Hause, kochen, was im Kühlschrank ist, hoffen, dass die Partnerschaft halbwegs okay ist. In diesem Hamsterrad richten wir uns ein und merken gar nicht mehr, dass wir darin stecken. Um daraus auszubrechen ist Kunst ein unglaublich tolles Vademecum. Es zeigt uns, wie wir eine Bresche schlagen für das ganz Andere,“ so Rusche. Nicht von ungefähr werden regelmäßig Gemälde der Sammlung in den SØR-Filialen aufgehängt. Die Kunst soll Mitarbeiter und Kunden beflügeln, so wie er selbst inmitten von alter und neuer Kunst lebt und sich beflü- geln lässt. Er freut sich darüber, dass die Sammlung immer in Bewegung ist und die Bilder immer dann auf- und abgehängt werden, wenn sie den Anforderungen des Ausstellungsbetriebes folgen und ausgeliehen werden. Ein Lieblingsbild kann er nicht nennen: „Dafür wechseln die Kunstwerke selbst in meiner engsten Umgebung zu häufig, als dass ich mich in eines verlieben könnte“, sagt er. In dem halbjährlich erscheinenden Kundenmagazin, dem SØR Journal für Bekleidungskultur, inspiriert der Firmenchef seine Leser neben der Vorstellung aktueller Mode mit klugen Gedanken zur Kunst und präsentiert in Wort und Bild einzelne Meisterwerke seiner Sammlung. Die Liasons von Kunst und Mode inspiriert Rusche bei der Zusammenstellung der typischen SØR-Kollektion und bei seinen Ansprüchen an die Qualität der Bekleidung: „Mit derselben Hingabe, mit der ein Künstler immer wieder seinen Pinsel mit Bedacht auf die Leinwand setzt, erschaffen unsere Designer und Schnittmeister ihre großartigen textilen Kreationen.“ Die „Schönheit“ der Kunst ist zugleich Maßstab für die Kleidung, die er gerne verkaufen möchte und wie die „Innovationen“ und die „Diskussionswürdigkeit“, die er als Kriterien für das Erkennen von guter Kunst heranzieht, kommen ihm ähnliche Stichworte in den Sinn, wenn er über seine Mode spricht. „Gelungene Mode besticht durch handwerkliche Perfektion – von der Auswahl feinster Tuche bis hin zu ihrer meisterlichen Verarbeitung. Ebenso wichtig ist Innovation. Denn erst durch eine außergewöhnliche Idee, durch die Lust am Einsatz neuartiger, funktionaler Materialien und Schnitte werden Entwürfe von morgen geschaffen“, schreibt er in seinem Kundenjournal.

In den Räumen der Sammlung in Berlin herrscht durch die zahlreichen Antiquitäten und die Alten Meister eine ganz besondere Atmosphäre. Foto, Lars Beusker

In den Räumen der Sammlung in Berlin herrscht
durch die zahlreichen Antiquitäten und die
Alten Meister eine ganz besondere Atmosphäre. Foto, Lars Beusker

Seit er neben den Kabinettformaten der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts auch zeitgenössische Werke sammelt, reizt es ihn, alte und neue Kunst in einen Dialog treten zu lassen. Unter diesem Titel hat er schon einige vielbeachtete Ausstellungen initiiert, darunter beispielsweise in diesem Sommer „Blühendes Leben“ im Caspar Ritter von Zumbusch Museum in Herzebrock. Unter dem Titel „Wahrheit“ präsentierte die Abtei Liesborn in Wadersloh Anfang dieses Jahres eine Ausstellung, die in fünf Kapiteln versuchte, der Wahrheit auf die Spur zu kommen – mit 57 Künstlern und ihren Werken aus der SØR Rusche Kunstsammlung. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass bei solchen Gegenüberstellungen mehr Besucher angesprochen werden. „Bei Ausstellungen, die alte und neue Werke aus meiner Sammlung vereinen, kommen doppelt so viele Besucher wie sonst“,freut sich Rusche über die positiven Effekte der durchaus gewollten Provokationen. Die SØR Rusche Sammlung mit Standorten in Oelde und Berlin zählt zu den größten privaten Kunstsammlungen in Deutschland. Schwerpunktmäßig zunächst der Malerei gewidmet, umfasst sie heute Grafiken, Skulpturen, Fotografien, Installationen und Videos. Mehr als 2.000 Kunstwerke sind in den vergangenen Jahren an über 100 Museen und Kulturinstitutionen verliehen und in Ausstellungen gezeigt worden. Beinahe täglich erreichen Thomas Rusche Anfragen nach einzelnen Motiven, bestimmten Genreszenen und Arbeiten einzelner Meister. In einem mehr als 15 Jahre währenden Forschungsprojekt sind die Gemälde der Sammlung kunsthistorisch aufgearbeitet worden. In mehreren Publikationen wurden sie inzwischen unter kunsthistorischen Kategorien der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie heißen „Genre“, „Landschaften und Seestücke“, „Stillleben und Tierstücke“ und „Historien und Allegorien“.

v An den Wänden der SØR Rusche Sammlung in Berlin zeigt sich ein inspirierender Dialog zwischen alter und zeitgenössischer Kunst. Foto, Lars Beusker

v An den Wänden der SØR Rusche Sammlung in Berlin
zeigt sich ein inspirierender Dialog zwischen alter und
zeitgenössischer Kunst. Foto, Lars Beusker

An den Katalogen mag man das überaus breite Spektrum der Sammlung und die überragende Qualität der Kunstwerke ermessen. Die Familie Rusche, die vor vier Generationen im Münsterland mit dem Handeln von Textilien begann, legte Ende des 19. Jahrhunderts den Grundstein für die Sammlung – zunächst mit Westfälischer Kunst und Antiquitäten. Mitte der 1950er Jahre übernahm Egon Rusche in dritter Generation den Textilhandel in Oelde, gründete die SØR Rusche GmbH und spezialisierte sich darauf, Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts zu sammeln. Thomas Rusch trat frühzeitig in die Fußstapfen seines Vaters. Schon als Kind wurde er in den Aufbau der Kunstsammlung einbezogen und gewissermaßen mit dem Virus Kunst infiziert. „Mein Vater hat mir die Möglichkeit gegeben, als erste Spielwiese Kupferstiche zu kaufen. Ich habe mit sechs Jahren mein ganzes Taschengeld in alte Druckgrafik investiert“, erzählt Rusche. „Dann war er klug genug, mir mit 14 den Eindruck zu geben: Ich kaufe kein Bild mehr, ohne dich zu fragen.“ Später folgen Reisen nach London, wo er an Auktionen von Sotheby’s und Christie’s teilnimmt und einzelne Werke für die Sammlung ersteigert. Sein kunsthistorisches Fachwissen ist so groß, dass er schon bei den Vorbesichtigungen erkennt, welche Gemälde für einen Ankauf lohnen, auch weil sie mitunter mehrere Restaurationen heile überstanden haben. „Es macht einen großen Unterschied, ob ein Altmeistergemälde in – wie die Amerikaner sagen – mint condition ist, als würde es frisch aus dem Atelier kommen oder – und das ist der Normalfall – das Gemälde hat schon zehn Restaurationen in vier Jahrhunderten gesehen, die alle den Dreck mit viel zu scharfen Lösungsmitteln runtergewaschen haben. Dabei fließt dann Blut, nämlich die Originalsubstanz“, bedauert Rusche in einem Interview. Heute kommen pro Jahr nur noch ein oder zwei Alte Meister zur Sammlung hinzu, nicht zuletzt weil der Zustand viele alter Gemälde, die in den Kunsthandel gelangen, nur noch beklagenswert ist. Dr. Thomas Rusche ist eine überaus faszinierende Sammlerpersönlichkeit. Seit 2004 sammelt er als Ergänzung zu den Niederländischen Meistern zeitgenössische Kunst aller Medien – darunter Arbeiten von Norbert Bisky, Marlene Dumas, Jonathan Meese, Neo Rauch, Norbert Thadeusz, Daniel Richter oder David Schnell.

Thomas Rusche bei dem Maler Christian Achenbach in dessen Atelier in Berlin. Foto, Lars Beusker

Thomas Rusche bei dem Maler
Christian Achenbach in dessen Atelier in Berlin. Foto, Lars Beusker

Gerne schaut er sich in den Kunstakademien in Nürnberg, Berlin und Düsseldorf um, kauft Arbeiten von Studenten und Absolventen, die in sein Suchmuster passen und interessante Impulse innerhalb der Sammlung ermöglichen. Zu Vernissagen geht er inzwischen deutlich seltener. „Ich bekomme so viele Einladungen, dass ich kaum eine freie Minute mehr hätte, würde ich allen folgen“, sagt er schmunzelnd. „Und meine Leber würde sicherlich ebenfalls aufbegehren.“ Er hat die Angst abgelegt, dass er etwas verpassen könnte. „Ich vertraue darauf, dass mich der liebe Gott bei der Hand nimmt und mich dorthin führt, wo ich etwas entdecken soll.“ Wer meint, dass Kunst zu sammeln, im ständigen Austausch mit Kunsthistorikern zu sein und Ausstellungen zu inspirieren, alleine ein Geschäft sei, das einen Menschen komplett ausfüllt, der springt im Fall des Thomas Rusche wohl zu kurz. Parallel und dabei nicht weniger engagiert ist er nämlich Bekleidungsfachmann, Herrenausstatter, geschäftsführender Gesellschafter des SØR Unternehmens mit 60 Filialen zwischen Aachen und Wiesbaden, praktizierender Katholik und Familienvater. Und alledem widmet er sich mit unglaublich viel Enthusiasmus, so dass man sich fragt, ob für ihn der Tag vielleicht einfach doppelt so viele Stunden bereit hält. Neben der Kunst, die an seiner ansteckenden Gelassenheit unzweifelhaft einen großen Anteil hat, ist es dem eigenen Verständnis nach der Glaube, der ihm Kraft, Motivation und Antrieb zugleich ist. Thomas Rusche tritt für die christliche Sozialethik ein, weil er eine fortschreitende „Verschattung der frohen Botschaft“ fürchtet. So beklagt er angesichts des Hungers in der Welt eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Als Mensch und Unternehmer mag er vor den Konflikten und Problemen in der Welt jedenfalls nicht die Augen verschließen. Er zählt zu einem ausgewählten Kreis von Experten, die in der päpstlichen Centesimus-annus-Stiftung an der Frage arbeiten, wie sich die Kirche zur Wirtschaft stellen soll.

Autor: Dr. Jörg Bockow

 

Thomas Rusche wurde 1962 in Münster geboren. Er studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Katholische Theologie an der Université de Fribourg und an der Freien Universität Berlin. Im Jahr 1988 übernimmt er die Geschäftsführung der SØR Rusche GmbH und wird 1996 nach dem Tod seines Vaters alleiniger geschäftsführender Gesellschafter. 1991 wird er in Freiburg zum Dr. rer. pol. und 2002 an der FU Berlin mit der philosophischen Arbeit „Aspekte einer dialogbezogenen Unternehmensethik” zum Dr. phil. promoviert.

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