Archive for August, 2016

Meisterwerke – Wim Pijbes im Gespräch mit Thomas Rusche

 

Wim Pijbes und Thomas Rusche trafen sich auf ein Gespräch im Rijksmuseum Amsterdam. Foto, Lars Beusker

Wim Pijbes und Thomas Rusche trafen sich auf ein Gespräch im Rijksmuseum Amsterdam. Foto, Lars Beusker

Wim Pijbes, der Generaldirektor des Rijksmuseums Amsterdam hütet weltweit den größten Schatz an Meisterwerken der Niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts, darunter Rembrandts ,,Nachtwache”. Dieses goldene Jahrhundert der Malerei ist auch ein Altmeisterschwerpunkt der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Dementsprechend eng ist die jahrzehntelange Zusammenarbeit, die 2008 in der von Wim Pijbes inszenierten Ausstellung ,,At home in the Golden Age – Masterpieces der SØR Rusche Collection” gipfelte. Der  Kunstsammler und SØR Inhaber Thomas Rusche traf Wim Pijbes in diesem Sommer im Rijksmuseum zu einem Gespräch über das Geheimnis der Meisterwerke und was Beyonce mit Botticelli gemeinsam hat.

TR: Wenn man als Direktor des Rijkmuseums ständig von Meisterwerken umgeben ist, fragt man sich da: Was ist überhaupt ein Meisterwerk?

WP: Überraschenderweise braucht ein Meisterwerk nicht das beste Werk eines Künstlers zu sein. Man denke beispielsweise an die Mona Lisa. Für jeden auf der Welt ist die Mona Lisa ein Meisterwerk, aber es ist nicht das beste Gemälde und es ist auch nicht das beste Werk von Leonardo da Vinci, aber für jeden ist es ein Meisterwerk. Es ist ein Ikonisches Bild ist und man kennt es seit Generationen. Es bedarf Generationen oder besser des Faktors Zeit, um etwas ein ,,Meisterwerk” nennen zu können. Ich kann nicht ein Buch schreiben oder ein Bild malen und nach einer Woche sagen: ,,jetzt habe ich ein Meisterwerk gemacht”. In der Musik kann so etwas passieren, wenn man ein Konzert von Mozart oder Beethoven hört, welches von den großen Philharmonie Orchestern der Welt gespielt wird. Da kann man ab und zu sofort erkennen ob dieses Konzert ein Meisterwerk ist. Qualität ist eine notwendige Voraussetzung, aber es bedarf mehr, um daraus ein Meisterwerk zu machen. Das ist das Geheimnis der Kunst. Doch nicht nur in der Kunst, auch in der Küche eines Restaurants kann man ein Meisterwerk machen, das so ausgezeichnet, so besonders ist, das man es kaum übertreffen kann.

TR: Was gehört über die Qualität hinaus zu einem Meisterwerk?

WP: Qualität, gutes Material und handwerkliches Können ist nur das Eine. Die Zeit, das Publikum, die Gelegenheit und das Momentum müssen hinzukommen. Das alles lässt sich nicht organisieren. Den Geschmack der Menschen kann man nicht organisieren, die Zeit in der wir leben können wir nicht organisieren. Alles ändert sich heute sehr schnell. Aber wenn man als Künstler etwas zur richtigen Zeit macht, kann in der Geschichte ein wichtiger Moment passieren. Nehmen wir die Renaissance: Botticelli ,,la Primavera”! Mit diesem Gemälde geschieht in diesem einem Moment alles zusammen. Mit ,, la Primavera” von Botticelli geht eine Tür auf in eine andere Zeit. Das hatte Botticelli selbst auch nicht gedacht. Er hat das Gemälde gemalt, ein sehr gutes Gemälde und in diesem Moment, zu dieser Zeit, mit den Menschen und anderen Künstlern um sich herum, an diesem Ort in Florenz. Er hat es geschafft – heute ist Botticellis Primavera ein Meisterwerk der Renaissance. Es ist ein ikonisches Bild dieser Epoche.

TR: Wenn ich Dich richtig verstehe, ist es kein Zufall, sondern der Künstler ist ein Seismograph der jeweiligen Zeit.

Wim Pijbes und Thomas Rusche vor Rembrandts ,,Nachtwache''. Foto, Lars Beusker

Wim Pijbes und Thomas Rusche vor Rembrandts ,,Nachtwache”. Foto, Lars Beusker

WP: Zufall ist ein gutes Wort. Künstler sind die Leute, denen es zufällt. Sie haben einen Schlüssel zu all den Ingredienzen und sie haben ein besonders intensives Verständnis für die jeweilige Zeit. Dann bringen sie das alles zusammen und es kommt etwas heraus, das sie vielleicht selber noch gar nicht durch und durch verstehen. Aber später, vielleicht innerhalb einer Generation, wird jeder sagen: ,,Das ist es!” Es passiert in diesem Moment eine Wende in der Geschichte. Und dieses Bild oder dieses Stück Musik wird der Schlüssel, um eine Epoche zu ändern. Künstler sind empfindlich und empfänglich für seismografische Veränderungen.

TR: Erkennt man erst aus der Retrospektive welche Relevanz, welche mythische und mystische Erkenntnis der Künstler in dem Moment hatte?

WP: ,,Le sacre du printemps” von Strawinsky – das war so ein Skandal bei der ersten Aufführung: Erfolg durch Skandal gibt es auch in der Kunst. Und dann ist es einmsolcher Schock, ein kontroverse Erfahrung. Jeder ist dabei, alle Kritiker sind dabei, aber sie verstehen es in diesem noch nicht. Der Künstler ist schon einen Kilometer oder gar einen Planeten weiter. Aber nachher verstehen wir vielleicht was er gemeint hat oder was überhaupt passiert ist. Es kann allerdings auch direkt ,,on the spot” passieren. Durch das Fernsehen werden wir Zeugen von wichtigen Momenten. Wie die Rede von Martin Luther King 1963 in Washington – Das ist ein Meisterwerk! Und wir sind alle Zeugen von seiner besten Rede ever – ,,I have a Dream”… Das war ein augenblicklicher Höhepunkt. Jetzt können wir auch Augenzeuge sein von Meisterwerken die sich sofort über die Medien wie Fernsehen und Internet verbereiten. Botticelli, seine Gemälde entstanden im 15. Jahrhundert, das hat Zeit gebraucht um sich zu verbreiten, die Medien damals waren ganz anders als heute. Aber jetzt, Martin Luther King ist ein gutes Beispiel. Das war historischer Moment, schwarzes Amerika, Auftritt Washington – I have dream! Kurz gut charismatisch, das ist für mich auch ein Meistwerk. Ein Instant-Meisterwerk. Vielleicht kann so etwas auch mit der Kunst in unserer Zeit geschehen.

Das Rijksmuseum in Amsterdam gehört zu den schönsten und größten Kunstmuseen der Welt. Foto, Lars Beusker

Das Rijksmuseum in Amsterdam gehört zu den schönsten und größten Kunstmuseen der Welt. Foto, Lars Beusker

TR: Wir beide sind keine digital natives und müssen uns diese Welt erarbeiten, in der unsere Kinder groß werden. Ich versuche das zurzeit durch instagram und werde von einer Bilderflut überschüttet. Wir haben heute eine sehr schnelle Verbreitung von Bildern, die vielleicht in dem Moment Bedeutung haben, aber morgen irrelevant sein können.

WP: Aber es gibt immer wieder Meisterwerke und es gibt immer wieder ikonische Werke!

TR: Und was unterscheidet diese ikonischen Bilder, die sich durchsetzen?

WP: Es gibt sehr viele Bilder am Tag, die wir bei instagram oder Facebook, die wir einfach nur sehen, aber es gibt auch immer Bilder, die uns stark berühren und eine Betroffenheit auslösen. Diese Bilder haben heute eine andere Qualität, als früher. Heute sind wir globalisiert und sehr schnell. Wenn jetzt ein Bild zur Ikone wird, dann spricht es sogleich ein globales Publikum an. Ikonisch fand war Beyonce bei der Eröffnung des Superbowls. Der Moment erinnerte irgendwie an Martin Luther King. Sie sang: ,,Alright ladies let’s get in formation…” Da kamen zwei starke Energien, die in unserer Welt sehr wichtig sind: Frauen und Diskriminierung auf Grund der Hautfarbe. Diese beiden Themen zusammen mit solch einer Powerfrau. Beyonce gibt unserer Zeit ein Gesicht. Sie zeigte es auf dem Podium das weltweit die beste und größte Tragweite hat: Die Eröffnung des Superbowls in Amerika. Eine Show wie ein direkter Schlag ins Gesicht, mit einer Botschaft und Emotionen. Das ist für mich ein ikonisches Bild und auch ein Meisterwerk. Genau wie es auch Botticelli gemacht hat, in Florenz der Welthauptstadt der Renaissance. Für mich sind Botticelli und Beyonce dasselbe. Ich meine natürlich nicht aus kunsthistorischer Sicht. Aber die beiden machten in der Geschichte einen ähnlichen Vorwärtsschritt.

TR: Du hast die zeitgenössische Kunst in den Tempel der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts geholt. Welche Erfahrungen hast Du mit diesen Dialogen des Alten und des Zeitgenössischen gemacht?

WP: Wir haben eine lange Tradition, weil das Museum ein altes Haus ist. Unsere Sammlung inspirierte schon früher all die Großen wie van Gogh, Picasso, Willem de Kooning und heute auch die Zeitgenossen wie Anselm Kiefer, Damien Hirst oder jetzt gerade Anish Kapoor, den wir zurzeit in einem Dialog mit Rembrandt ausstellen. Die größten Künstler unserer Zeit kommen gerne in das Rijksmuseum und das stimuliert ja auch.

TR: Du hattest als Gründungsdirektor zur Wiedereröffnung im 21. Jahrhundert die Umgestaltung des Museums begleitet und den Neuanfang und die Neupositionierung vorgenommen. Was waren die kardinalen Schrauben, an denen Du gedreht hast?

WP: ,,Offen” ist mein Thema. Als ich 2008 angefangen habe, war das Gebäude ,,zu”. Es war eine sehr schwierige Zeit mit der Renovierung und der Finanzierung. Es war davor schon fünf Jahre zu und ich brauchte noch mal ein paar Jahre, um es wieder zu eröffnen. Erstens Offen: Gebäude offen. Zweites Offen: Institution offen für die Welt und für Veränderungen. Dafür brauchte ich Leute mit einem open Mind, einem offenen Geist. Und drittes Offen: eine offene Sammlung. Wir sind das erste und auch das größte Museum der Welt, das im Internet die ganze Sammlung veröffentlicht hat und jede zur Verfügung stellt.Wenn jemand eine Krawatte mit dem Bild der „Nachtwache” machen möchte, sage ich: „prima, leg los“. Muss ich was bezahlen? Nein, es ist kostenlos! Alles ist frei. Offiziell gehört es der Stadt Amsterdam, aber es ist ein Welterbe, ein Weltkulturerbe. Also gehört es jedem Menschen auf der Welt. Es ist logisch, dass das Original hier im Museum ist und bleibt, aber das Bild vom Original teilt man mit der Welt. Und deswegen bin ich auch so offen und liberal mit Copyrightfragen, weil die Bilder frei sind, die Objekte selbst aber nicht, die gehören zum Museum und wenn man das Original sehen möchte, muss man ins Museum kommen und früher oder später möchte man das Original sehen.

Die ,,Nachtwache'' von Rembrandt, welches der Maler 1642 fertigstellte. Zu sehen im Rijksmuseum Amsterdam. Foto, Lars Beusker

Die ,,Nachtwache” von Rembrandt, welches der Maler 1642 fertigstellte. Zu sehen im Rijksmuseum Amsterdam. Foto, Lars Beusker

TR: Die steigenden Besucherzahlen sprechen für sich. Im Rückblick auf Deine Zeit im Museum, worüber bist Du besonders glücklich, was ist Dir besonders gelungen?

WP: Vor einiger Zeit kam ich morgens mit der Straßenbahn ins Museum und passierte am Eingang einen 63 jährigen Wachmann, der seit 23 Jahren für das Museum arbeitet. Ich fragte ihn was ihm aufgefallen ist, was sich in den letzten Jahren im Vergleich zu seinen Anfängen verändert habe. Er sagte: ,,Kinder!” Heute kommen jedes Jahr 350.000 Kinder in das Museum. Und er sagte noch: ,,Da wo Kinder sind, da gibt es Leben!”  Und darauf bin ich heute besonders stolz! OK – Mission completed!

TR: Und ich darf Dir sagen: Wo auch immer ich Dich erlebt habe – wo auch immer Wim Pijbes ist, da ist auch Leben! Ich danke Dir von Herzen für dieses Gespräch!

Thomas Rusche und Wim Pijbes verbindet eine langjährige Freundschaft und das  Interesse an Meisterwerken. Foto, Lars Beusker

Thomas Rusche und Wim Pijbes verbindet eine langjährige Freundschaft und das Interesse an Meisterwerken. Foto, Lars Beusker

 

Sehen Sie hier das Video zum Interview auf dem SØR Youtube Kanal:

 

 

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

https://www.rijksmuseum.nl