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Catharina Gräfin von Lehndorff: Wenn Goldschmiedekunst zum Gürtel wird!

Die Gürtel der Goldschmiedin Catharina Gräfin von Lehndorff sind international begehrte Luxusobjekte und Liebhaberstücke, die aus exklusiven Ledern und mit edlen Schließen mit Palladium-Silber- und Goldfinish gearbeitet sind. Wer einmal so einen Gürtel besitzt, möchte einfach noch mehr davon, obwohl es praktisch gesehen nicht nötig wäre, denn die Gürtel sind von so beständiger Qualität, dass sie einen ein leben lang begleiten.

Die Geschichte der Catharina Gräfin von Lehndorff erinnert an die großen Familiensagen, die wir unter anderem aus Erzählungen, Romanen und Verfilmungen kennen. Am 21. Juli 1944 wurde Catharinas Vater, Heinrich Graf von Lehndorff, auf dem Familiensitz Schloss Steinort in Ostpreußen von der Gestapo verhaftet – enttarnt als einer der Widerstandskämpfer der „Operation Walküre“, des am Tage zuvor gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler. Mit brachialer Gewalt endete für die Lehndorff-Schwestern Gabriele, Nona und Veruschka eine unbeschwerte Kindheit. Die schwangere Mutter Gottliebe von Lehndorff wurde inhaftiert. Die drei älteren Schwestern verschleppte man in das NS-Kinderheim Borntal nach Bad Sachsa. Ihr Vater wurde am 3. September 1944 hingerichtet.  Als Gottliebe Gräfin von Lehndorff mit der neugeborenen Catharina einige Monate später ihre drei anderen Töchter wieder in die Arme schließen konnte, beginnt ein neues, sehr bescheidenes Leben, denn sie hatten alle Besitztümer verloren und wurden als Vaterlandsverräter geächtet.

Mutter Gottliebe ermutigte ihre Töchter, einen Beruf zu erlernen und kreativ zu sein. Catharina absolvierte eine Ausbildung zur Goldschmiedin. Zu der Zeit begann die Karriere ihrer älteren Schwester Veruschka als international gefragtes Model. Oft nahm sie Catharina mit zu den großen Fotoshootings für die „Vogue“ oder „Harper’s Bazaar“. Die zurückhaltende Catharina reiste mit ihrer Schwester um die Welt und kreierte für sie künstlerischen Modeschmuck aus Papier und anderen ungewöhnlichen Materialien. Kleine filigrane und typische Goldschmiede-Arbeiten fand sie langweilig, groß musste es sein und spontan entstehen. Während der Shootings in Afrika und Brasilien entbrannte ihr Interesse für die Symbolik der Naturvölker. Unermüdlich hielt Catharina ihre Impressionen in Skizzenblöcken fest. Ihre Entwürfe sind meistens komplett aus Metall, viele Platten aneinandergesteckt, verziert mit Ornamenten oder Tiergestalten. Ihre große Schwester Veruschka, die zur Fashion-Ikone der 1970er-Jahre wurde und der der Jetset zu Füßen lag, trug bei all ihren Auftritten die Kreationen der Schwester. Catharina hingegen ließ die high Society kalt. Am liebsten verbrachte die zurückhaltende junge Frau ihre Zeit in ihrer Souterrain-Werkstatt, aus der man bis spät in die Nacht das Hämmern und Nieten hören konnte. In Hochzeiten saß Catharina von Lehndorff mit 15 jungen Frauen in dem Souterrain, und noch heute verbringt sie viel Zeit in ihrem Atelier, denn von jedem ihrer Entwürfe fertigt sie dort den Prototypen an.

Mit Begeisterung, Fleiss und Kreativität an die Weltspitze

Sich selbst beschreibt Catharina in ihren beruflichen Anfängen als „freischaffende Gestalterin im Hippielook mit Bauchladenverkauf“. Etwas Understatement gehört zu dieser Aussage dazu, denn schon 1979 war eine junge hamburger Designerin, die einen laden in der Milchstraße eröffnete, ganz angetan von Catharinas Arbeiten. Und so brachte diese mit preußischer Verlässlichkeit wöchentlich die neuesten Stücke in den kleinen Laden der damals noch unbekannten Jil Sander. Das Geschäft lief bald auf Hochtouren. Mit ihren handgefertigten Prototypen macht sich die eigenwillige Goldschmiedin auf nach Florenz, um dort nach ihrer Vorlage Gürtelschließen, Applikationen und Verzierungen von Kunsthandwerkern in größeren Mengen anfertigen zu lassen. In der hamburger Werkstatt werden die Einzelteile anschließend zu Gürteln zusammengesetzt. Das Kalbs-, Reptilien- und Straußenleder für die Gürtel kommt aus Deutschland, produziert werden die erlesenen Stücke in Italien. Eingefasste Gürtelspitzen in Silber, Schließen mit den Initialen CL, Schließen in Form von Indianerköpfen, Flügeln oder in zeitlos klassischer Form ziehen unweigerlich den Blick auf sich. Gerade weil sich Catharina von Lehndorff nicht von kurzweiligen Moden beeinflussen lässt, gelten ihre Kollektionen als Sammler- und Kultobjekte.

Zum Must-have avanciert und das meistverkaufte Modell ist der gürtel mit den Jaguar-Applikationen. Er schmückte schon die Hüften von Gunter Sachs, Udo Jürgens und Marlon Brando. Als der Hollywood-Star damals seinen Gürtel bei der jungen Designerin in Auftrag gab, versetzte er sie in großes Staunen: „In diese Umfanglänge hätten locker sieben Frauen reingepasst!“ Herrengürtel sind bis heute das Hauptgeschäft und werden weltweit in den nobelsten Boutiquen verkauft. Es ist Catharina Gräfin von Lehndorff zu verdanken, dass der bis dato eher unbeachtete Gürtel zu einem der wichtigsten und schönsten Mode-Accessoires geworden ist.

Text von Michaela Kühn

Interview mit Catharina Gräfin von Lehndorff

MK: Warum sind Sie Goldschmiedin geworden? Das ist ja nicht unbedingt ein typischer Beruf für eine Adlige.

C. v. L.: Nach dem Tod meines Vaters hatten wir ja alles an Reichtümern und Besitz verloren. Damals ermunterte uns unsere Mutter kreative Berufe zu ergreifen. In der Schule war ich nicht besonders gut, aber Kunst und Gestalterisches lag mir sehr. So war es ganz klar, dass ich einen Beruf machen muss, in dem ich meiner Kreativität ausleben konnte. So absolvierte ich eine Ausbildung zur Goldschmiedin in München und in Berlin. Und später habe ich dann auch noch meinen Meister in München gemacht.

MK: Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen Gürtelschnallen zu entwerfen?

C. v. L.: In den 70er Jahren begleitete ich oft meine Schwester Veruschka zu Fotoshootings von der Vogue. Da habe ich dann ganz spontan am Set Mode-Schmuckstücke und Gürtel aus Papier oder anderen ungewöhnlichen Materialien hergestellt, die dann auf den Bildern zum Einsatz kamen. Kleine filigrane Kreationen wie Ohrringe oder feine Kettchen haben mich nie interessiert. Ich war ganz fasziniert von großen Stücken, am liebsten aus untypischen Materialien. Das war meine große Leidenschaft. Gürtel haben mich einfach fasziniert. Es gab außer Aigner auch keinen anderen deutschen Designer der sich dem Thema Gürtel gewidmet hat.

MK: Wovon ließen Sie sich inspirieren?

C. v. L.: Vieles entdeckte ich auf meinen Reisen durch Afrika, Indien und Amerika. Aber selbst ganz alltägliche Dinge wie zum Beispiel alte Türgriffe und verspielte Schaniere haben mich inspiriert. Nur Mode hat mich nicht interessiert, an die habe ich mich nicht gehalten, sondern ganz mein Ding gemacht. Bei den Händlern bin ich auch manchmal deswegen angeeckt, aber die Kunden haben es mir immer gedankt, dass ich meiner Linie treu geblieben bin.

MK: Und wann folgte dann der Durchbruch?

C. v. L.: Es fing alles ganz klein an. 1976 habe ich meine Kreationen, alles Unikate, in die Boutiquen nach Sylt zum Verkauf gebracht. Etwas später verkaufte ich dann meine Gürtel in dem kleinen Laden von Jil Sander in der Milchstarsse, mit der ich heute noch befreundet bin. Und dann ging es plötzlich ganz schnell, Günther Giers der damalige Gründer von closed entdeckte mich und nahm meine Gürtel mit auf eine Modemesse. Bei der Ersten verkaufte er 500 Gürtel und zwei Jahre später dann schon 20.000.

MK: Aber trotz des Erfolges sind Sie immer sehr im Hintergrund geblieben, warum?

C. v. L.: Ich bin einfach nicht der Typ der gerne im Rampenlicht steht. Das behagt mir überhaupt nicht. Lieber bin ich in meiner kleinen Werkstatt als auf dem roten Teppich. Also genau das Gegenteil von meiner Schwester Veruschka, die ist so toll und macht das richtig gut. Angebote hatte ich damals viele. Mode- und Taschen Kollektionen sollte ich entwerfen, aber da wäre viel zu viel Aufmerksamkeit auf meine Person gelenkt worden! Und das ist nicht meins.