Archive for Juli, 2012

Kleidermanufaktur Habsburg: Die Selbstverständlichkeit Tradition und Zeitgeist zu vereinen!

Kleidermanufaktur Habsburg, Herbst/Winter Kollektion 2012/13, Photo by Habsburg

Fashionistas mit Halbwissen packen das Label gerne mal in die Trachtenecke. Menschen mit Stil, Kultur und Noblesse hingegen, wissen um den wahren Platz der Traditionsmarke Kleidermanufaktur Habsburg, denn sie tragen die Kollektionen am liebsten täglich. Wer Wert legt auf klassische, traditionsbewusste und hochqualitative Kleidung, ist bei Habsburg genau richtig. Seit 20 Jahren spielt die Marke auf wunderbare Weise mit der imperialistischen Vergangenheit, aristokratischer Eleganz und dem gewissen “austrian touch”. 1992 gegründet von Kommerzialrat Alfons Schneider  (Schneiders Salzburg) und seit zwei Jahren unter der Leitung seiner gerademal 32jährigen Tochter Katharina Schneider, transformierte das in Salzburg ansässige Unternehmen zu einer international gefragten Marke für feine Gesellschaftskleidung im “höfischen Stil”. Wir sprachen mit der jungen Unternehmerin über Tradition, Stil und Innovationen made in Austria:

Katharina Schneider, 2012, Photo by Habsburg

Beschreiben Sie bitte die Philosophie die hinter der Kleidermanufaktur Habsburg stehen und welche Werte Sie vermitteln wollen?

Stil ist keine Frage des Geschmacks, sondern eine des Lebens. Schon seit Beginn wird die Geschichte der Kleidermanufaktur Habsburg von einem einzigen Gedanken bestimmt: mit der nobelsten Jagd- und Gesellschaftsgarderobe das Leben der werten Kunden zu veredeln. Um stilvoll in Erscheinung zu treten, bedarf es jedoch mehr als feiner Kleidungsstücke. So ist die hohe Kunst der richtigen Kombination von bedeutender Wichtigkeit. Nur eine elegante Welt der Gegensätze verwandelt Qualität in Stil. Eine Welt, wie sie die Kleidermanufaktur Habsburg in jeder ihrer Kollektionen neu aufleben lässt – sei es für einen stilechten Auftritt im Alltag oder für ganz besondere Anlässe in anregender Gesellschaft. Der Synthese aus Kontinuität und Wandel verpflichtet, der Harmonie aus Alltagstauglichkeit und Noblesse zugetan, können wir so der Zukunft getrost ins Auge blicken. Ist doch eines klar: Die Zeit kann vergehen, guter Stil bleibt.

Was denken Sie wodurch sich Habsburg von anderen Brands abhebt?

  • In der Verarbeitung: durch sämtliche Details der Schneiderkunst wie paspelierte Knopflöcher, AMF-Stiche, Halb-Fütterung, Stick-Stiche, rollierte und sauber verarbeitete Nähte, aufwändige Plack-Verarbeitung, echte Ärmelschlitze, handgenähte Handriegel.
  • Im Branding: eine Spezialität sind die eigens entwickelten Muster rund um dir Marken-Signets: Hirsch, Wappen und Kleeblatt. Diese werden jede Saison in neuen graphischen Anordnungen und Farbkombinationen eingesetzt.
  • Im Stil an sich: ein reiches Habsburger-Erbe trifft auf den modernen Zeitgeist. Diese Synthese ist in der Modewelt einzigartig.
  • Im Farbspektrum: Habsburg steht für kräftige Farben und auch Mut zur Farbe.

    Knöpfe Kleidermanufaktur Habsburg, Photo by Habsburg

War es für Sie von Anfang an klar die Leitung von Habsburg zu übernehmen ? 

Nein, im Gegenteil. Nur über Umwege im Ausland und bei anderen Firmen fand ich zurück ins Familienunternehmen und erkannte nach und nach den vorliegenden Schatz, den es zu entdecken und weiterzuentwickeln gilt. Wobei ich als Kind schon gesagt habe, wenn in die elterliche Firma, dann zu Habsburg. Weil ich in der Marke ein enormes Potential sehe und mich persönlich damit identifiziere.

Wie war damals ihr erster Kontakt zu der Marke? 

Der Kontakt zur Marke bestand von Kindheit an – schließlich bin ich um 10 Jahre älter als “mein jetziges Baby” Habsburg und kann mich nur zu gut an das schöne Gründungs-Event im habsburgischen Schloss Blühnbach bei Salzburg erinnern. Da wir als Familie immer ins Firmengeschehen eingebunden waren und bei Messen und Modeschauen mithalfen, gab es ständige Kontaktpunkte zur Marke. Die Besonderheit von Habsburg war mir schon relativ früh bewusst.

Und wann/wodurch kam es zu dem Entschluss sich ganz und gar auf Habsburg zu konzentrieren? 

Nach meinem Wirtschaftsstudium, zahlreichen Auslandsaufenthalten und Erfahrungen in der Kosmetikbranche war es mir ein Anliegen, meine Erfahrungen und meine Tatkraft “zu Hause” einzubringen.  Gemeinsam mit Experten für Generationswechsel in Familienunternehmen wurde meine Position (Geschäftsführerin) festgelegt.

Philipp von Thurn und Taxis, H/W 2012/13 Kleidermanufaktur Habsburg

In den Kollektionen blendet sich, mal ganz subtil und mal ganz offensiv, die klassische traditionelle Kleidungskultur ein. Sehen Sie sich ein wenig als Retterin dieser Kleidungskultur? 

Ich würde eher sagen als “Weiterentwicklerin”. Gemäß dem Spruch “Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern das Entfachen des Feuers”  ist mein Anliegen vielmehr das, Althergebrachtes und auch Altbewährtes in einem neuen Kleid zu präsentieren und Tradition zu einem neuen Bekleidungsstil weiterzuentwickeln. Wir möchten dem höfischen Stil einen neuen Hauch verleihen. Das betrifft alte Formen, Schnitte und traditionelle Verarbeitungsweisen.

Welche Veränderungen entstanden durch Ihre Übernahme in den Kollektionen und in der allgemeinen Ausrichtung von Habsburg? 

Ich habe mir eine sanfte Modernisierung der Marke, immer unter Bezugnahme unserer Wurzeln, sowie die Internationalisierung von Habsburg auf die Fahne geheftet. Unter dem ersten Punkt ist seit meinem Eintritt eine deutliche Veränderung der Werbelinie erfolgt: Werbeagentur neu, Werbeunterlagen neu, Fotosprache neu, Homepage neu. Seit kurzem haben wir auch Facebook geadelt. Denn wichtig ist, dass unsere interne Erneuerung auch außen ankommt. Die Kollektion hat sich deutlich verjüngt und ist sportlicher und auch internationaler geworden, mit neuen Produktsegmenten wie gewaschenen Teile, T-Shirts und Taschen. Unter den zweiten Punkt fallen die Belegung neuer Messen (Pitti Uomo, IWA Nürnberg), neue Schauräume (Düsseldorf, Salzburg) und Design-Kooperationen mit internationalen Designern (zuletzt Andrea Incontri Italien). Außerdem gab es im Vertrieb personelle Änderungen.

Wie viel Einfluss hat Ihre Vater heute noch auf Sie? Vertraut er Ihnen voll und ganz oder gibt es die typisch väterlichen gut gemeinten Ratschläge und kritischen Blicke über Ihre Schulter? 

Er hat mir bei Habsburg dankenswerterweise eine “längere Leine” gegeben als erwartet. Somit konnte ich innerhalb kürzester Zeit viele Veränderungen umsetzen. Er steht mir mit wertvollem Rat und Tat zur Seite – problematisch sind manchmal die Updates, die ich ihm im Alltag – aus Zeitgründen – nicht regelmässig geben kann. Sein Credo ist “Informierte Mitarbeiter, sind bessere Mitarbeiter” – dies sehe ich genauso; es bedeutet aber höheren Zeitaufwand.

Katharina von Garzuly-Hohenlohe, H/W 2012/13, Photo by Habsburg

Sie sind eine junge, schöne und stilbewusste Frau, welche Rolle spielt die Tracht heute in Ihrer Generation? Was hat sich bezüglich der Entwürfe und Materialen verändert? Gibt es ein dauerhaftes Revival? 

Erst einmal bin ich stolz, dass Österreich eine sehr tragbare Tracht hervorgebracht hat. Viele andere Landestrachten findet man nur noch in Folklore-Vereinen wieder. Zweitens ist der momentane Trachten-Boom, vor allem unter jungen Leuten, Ausdruck einer generelle Sinn-Suche und dem erstarkten Interesse an Ursprung, Herkunft, Greifbarkeit, Identität und Wurzeln. Ein Anliegen von Habsburg ist es, unsere Tracht, aber auch den höfischen Stil der Habsburger stilvoll weiterzuentwickeln und diesem einen modernen Twist zu verleihen. Spannend find eich vor allem den “Kombi-Look”: Lederhose mit T-Shirt, Habsburg-Oberteil mit Designer-Jean, Dirndl mit buntem Pashmina. Wobei sich Habsburg von der, leider auch aufkommenden Kitsch-Trachten-Entwicklung, eindeutig distanziert.

Die Materialien in den Habsburg Kollektionen zeichnen sich durch erlesene Qualität aus: Pelze, feine Seide und Samt treffen auf Loden, Leder, Tweed und Strick. Welche Rolle spielt das Material? Woher kommen die Materialien? 

Die hochwertigen Materialien sind die unabdingbare Basis einer hochwertigen Bekleidungsmarke. Es werden vorwiegend Naturmaterialien eingesetzt die großteils in Europa in ebensolchen Manufakturen produziert werden. Es gelten bei der Auswahl ebenso hohe Ansprüche wie bei der Marke Habsburg selbst. Wir verarbeiten beispielsweise Cashmere aus Italien, Loden  und Handwebeleinen aus Österreich, Seide aus Indien, Lammfell aus Irland, Ziegenvelours aus der Türkei, Samt aus Italien und Cashmere für unsere Strickkollektion aus der Mongolei. Hier verfügt unser Lieferant über eigene Ziegen. Dem Zubehör setzen wir eine eigene Habsburg-Handschrift auf. So tragen all unsere Knöpfe (aus Perlmutt, Büffelhorn und Steinnuss) feine Habsburg-Gravuren mit Wappen und/der Schriftzug.

katharina von Garzuly-Hohenlohe, H/W 2012/13, Photo by Habsburg

Wie würden Sie die kommende Herbst/Winter Kollektion beschreiben? Wovon ist sie beeinflusst/inspiriert? 

Unsere Jubiläumskollektion – Habsburg feiert im heurigen Jahr 20jähriges Bestehen – steht ganz im Zeichen des kraftvollen Spannungsfeldes zwischen Tradition und Innovation. Edle Newcomer sind Pelzmodelle aus Rexkanin und Blaufuchs. Dazu gesellen sich leichte, feine Lammfellkreationen und unvergleichlich softe Daunenmodelle für sie und ihn. Der Gehrock nimmt wieder eine gewichtige Position ein und die Herrensakkos sind körperbetonter als bisher. Geadelt werden die feinen Manufakturstücke in bekannter Manier durch ausgezeichnete Qualität und Liebe zum Detail. Perfektioniert wird der lässig-noble Auftritt für Damen und Herren von Welt mit der hochwertigen Stricklinie aus mongolischem Cashmere und edlen Accessoires.

Wie würden Sie den typischen Habsburg Liebhaber/in beschreiben? 

Bei unseren Habsburg-Fans handelt es sich um stilvolle Individualisten, die die schönen Dinge des Lebens schätzen. Diese sind moderne Globetrotter und dennoch mit Ihrer Heimat verwurzelt. Der Habsburg-Träger schätzt Understatement und ist selbstbewusst genug, dieses auch zu leben.

Die Testimonials Ihrer Kollektionen sind ausschließlich Adelige. Warum? Und wie ist es dazu gekommen? 

Die Idee der aristokratischen Testimonials entstand im Jahr 2000, gemeinsam mit unserer ehemaligen Werbeagentur Demner, Merliceck & Bergmann. Aus dem Grund weil es uns eine gewisse Alleinstellung im heissumkämpften Modemarkt gibt, sich bei dem Markennamen “Habsburg” anbietet und wir Persönlichkeiten einkleiden möchten, anstatt von austauschbaren Models. Natürlich bedeutet das nicht, dass wir ausschliesslich Mode für Adelige produzieren.

Philipp von Thurn und Taxis & Katharina Schneider at SØR Event "Kleidungskultur trifft Kunst", Photo by SØR

Sie stammen aus einer sehr traditionsreichen Familie, die sich schon immer mit klassischer Kleidung beschäftigt hat, gab es in Ihrer Jugend Anekdoten wo Sie vielleicht versucht haben sich dieser Etikette zu entziehen? 

Eigentlich nicht, da mich diverse Jugendströmungen wie zum Beispiel Skaterlook oder Hippis, nie sonderlich angesprochen haben. Hingegen erinnere ich mich dass ich es verabscheut habe, immer dasselbe wie meine ältere Schwester tragen zu müssen. So waren wir zwei fast identische, blonde Zwillinge, was mich damals sehr störte.

Gab es vielleicht in Ihrer Jugend oder auch noch heute eine Stilikone die Sie verehren? 

Heute verkörpert für mich Catherine von England eine moderne Eleganz, der sie durch ihre fröhliche Ausstrahlung besonderen Glanz verleiht.

Philipp von Thurn und Taxis, H/W 2012/13, Photo by Habsburg

Was denken Sie macht einen wirklich gut gekleideten Herren aus? Womit beweist er Ihrer Meinung nach Stil? 

Ein Mann sollte sich zumindest Grundgedanken über Schuhe, Frisur und Parfum machen. Stilistisch bevorzuge ich klassisch-italienisch. Übertriebene “Mode-Gockel” haben nicht unbedingt meine Aufmerksamkeit.

Und bei den Damen? Denken Sie Frauen haben mehr Freiheit was die Kleidung und auch die Mode angeht? 

Eine gut gekleidete Dame macht aus, dass sie sich Typ-gerecht kleidet. Nicht Alles passt jedem, daher ist die Auseinandersetzung mit eigener Figur, Haarfarbe/Augenfarbe und Persönlichkeit sicher Grundvorraussetzung für einen stilsicheren Auftritt. Frauen sind bezüglich Farben, Modellen und Freizügigkeit sicherlich weniger Grenzen gesetzt, wobei diese keinesfalls überschritten werden sollten. Zu viel Haut heisst nicht automatisch Sexyness.

katharina von Garzuly-Hohenlohe, H/W 2012/13, Photo by Habsburg

Welches Land hat denn heute den größten Einfluss in der Mode? 

Wenn es um Stil und Modeaussage geht, immer noch Italien und Frankreich. Wobei wir als österreichische Lifestylemarke mit imperialen Wurzeln natürlich auch an der Wahrnehmung Österreichs als “Modeland” arbeiten. Schließlich schauen wir auf eine reiche Textil-Vergangenheit zurück (Textil-Industrie Vorarlberg, bedeutende Stoff-Entwicklungen wie Loden, Mühlviertler Leinen etc.) Die nordischen Länder gewinnen mit ihren individualistischen Designern an Bedeutung.

Und welche Bedeutung hat für Sie das Wort Mode? 

Für mich ist Mode Ausdruck der Persönlichkeit und Befindlichkeit. Ich propagiere eine gesunde Einstellung zur Mode, sprich: sich Gedanken darüber zu machen finde ich gut, riesige Handtaschen-Sammlungen und übertriebenen Narzissmus, weniger gut.

Was sind denn Ihrer Meinung nach absolute Must haves für eine junge traditionsbewusste Frau?

Habsburg-Gehrock, junges, witziges Shirt, gut sitzende Jeans, Tod´s und Bottega Veneta-Tasche. Einen hochwertigen Markenmix finde ich spannend.

Und was sind absolute No go’s? 

Zu kurze Röcke und zu hohe Stilettos

Commercial Kleidermanufaktur Habsburg, Photo by Habsburg

Innen, außen, hülle, kern – ein interview mit der künstlerin birgit dieker

Birgit Dieker, Anita, 187 cm, 2011, Photo by Jürgen Baumann

Woher kommt die große Faszination am menschlichen Körper?

Eigentlich ist es das klassische Thema der Bildhauerei. Es macht mir Spaß, mich mit so sinnlichen Formen zu beschäftigen. Der Körper hat skulptural gesehen, einfach so wahnsinnig viel zu bieten. Auf der anderen Seite, kommt dem Körper heutzutage so viel Bedeutung zu. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft: Jung sein, fit sein, das Beste aus sich rausholen – darauf kommt es an. Da bleibt der Körper nicht unverschont – ganz im Gegenteil! Alt werden wollen alle, aber nicht alt aussehen. Der Körper wird längst nicht mehr als unveränderbar hingenommen. Er muss sich an Bildern messen, wird von äußeren Einschreibungen bestimmt. Mich interessiert das Verhältnis von Körper und “Seele”, von äußerer Form und innerem Zustand.

Die Materialien die Du benutzt sind meistens Stoffe, Haare und Leder, also alles Materialien die den Körper schützen.

Das stimmt. Alles was der Haut ähnelt, mit ihr zu tun hat oder ihr nah ist. Wobei es auch eine Reihe anderer Materialien gibt, wie z.B. Rettungsringe, Tauwerk, Bojen, Gehörne oder Klempnerrohr.

In den letzten Jahren habe ich besonders viele Skulpturen aus Klamotten gemacht. Kleidung als Inbegriff für die zweite Haut, als Grenzmetapher zwischen Innen und Außen, zwischen Selbst und Welt ist für mich ein passender Werkstoff. Körper und Kleid stehen in einem sehr engen Verhältnis, so dass man sie auch als wechselseitige Stellvertreter sehen kann. Körper und Kleid berühren sich, der Körper gibt seine Form an das Kleid ab, und das Kleid umspannt, umspielt die Körperformen. Die Kleidung dient aber auch als Schutz und zur Inszenierung des Selbst. In der frühen Volksmedizin, im Aberglauben oder Voodoo sind Ersetzungshandlungen mit Klamotten gang und gäbe. Je näher ein Kleidungsstück am Körper war, desto mehr Kräfte hat es. Kleider von Heiligen oder Helden haben besonders viel Heilkraft, weshalb sie auch in Reliquien aufbewahrt werden.

Birgit Dieker, Seelenfänger, 2005, ca. 350 cm, Photo by Jürgen Baumann

 

Anita heißt eine Arbeit von Dir. Was hat es mir dieser Anita auf sich?

Anita ist eine Poserin. Will die Blicke auf sich ziehen, was ihr auch gelingt. Sie ist glamourös, sexy. Doch gibt es auch die aufgebrochenen Stellen, die Löcher, die wie Verletzungen anmuten. Die Blicke gehen tief, tiefer, als ihr lieb ist. Sie wird bloß gestellt. Der kokonhafte große Kopf – ist das ein Helm, eine Frisur oder das Ende einer Raupe? Anita hat was Insektenhaftes. Das Prinzip der Verpuppung, der Metamorphose, dass im Inneren etwas anderes sich entwickeln kann, als außen gezeigt wird, finde ich spannend. Die schillernden Pailletten, die auch wie Schuppen anmuten oder eine Rüstung stehen im Gegensatz zu dem immer dunkler und stumpfer werdenden Stoffklumpen innen. Die Hände stecken fest in diesem Raupenkopf, Beine struppig und haarig wie bei Spinnen, sitzt Anita wie ein aufgespießtes Insekt auf ihrem Barhocker.

Birgit Dieker, Anita, Detail-Aufnahme, 2011, Photo by Jürgen Baumann

Wer stand Muse für die Anita?

Anita Berber. Die berühmte Nacktänzerin aus den 1920er Jahren. Ein Leben voller Drogen und Skandale. Die Leute waren heiß auf sie, wollten Entertainment, und ihre nackte Haut. Dabei hatte sie hohe künstlerische Ansprüche, an diesem Paradox ist sie letztendlich auch zerbrochen.

Birgit Dieker, Bob, 2004, Menschenhaar, Schafwolle, Füllmaterial Styropor, Photo by Thomas Jautschus

Beschäftigt Dich auch das Innere des Körpers, wie z. B. das Gehirn?

Klar. Innen, Außen, Hülle, Kern – das ist mein Thema. Die Organe sind für mich Metaphern für unser Innenleben. Kulturhistorisch gesehen, zumindest in Europa, galt lange Zeit das Herz als Sitz der Seele. Heutzutage wird der Kern unseres Selbst eher im Gehirn gesucht. Wobei er sich doch im tiefsten Inneren des Brustkorbs oder auch mal in der Magengrube anfühlt, verborgen, unter Schichten, Schalen, oder Mauern. Neurophysiologisch gesehen ist auch das Gehirn nichts anderes als eine Rinde. Unser Kern befindet sich also an der Peripherie. Beim Embryo bilden sich Haut und Hirn aus der gleichen Membran, dem so genannten Ektoderm. Streng genommen sind beide Oberflächen. Das finde ich enorm spannend. Wie wichtig die Haut ist! Für den Embryo und den Säugling ist sie das wichtigste Kommunikations- und Kontaktorgan. Hier macht er die Erfahrung seiner eigenen Begrenzung, aber auch erste Lust- und Unlustgefühle. Auf diese Erfahrungen basiert die enge Verbindung von Hautempfindungen und seelischen Zuständen.

Ist es denn so, dass Du für Deine Skulpturen nur von Dir getragene Kleidung nutzt?

Nein, überhaupt nicht. Bisher gibt es nur zwei Skulpturen mit meinen Klamotten. Eins davon ist das Selbstporträt “Ei Ei Ei”. Ich mache Porträtarbeiten aus den Kleidungsstücken der Porträtierten – persönlicher kann es gar nicht sein! Ich habe mal ein Familienporträt gemacht. Säckeweise sind mir die Altkleider der Eltern und ihrer zwei Kinder ins Atelier gebracht worden. Schwierig war nicht nur die Porträtähnlichkeit, sondern vor allem die Schnitte, die wie Verletzungen anmuten können. Bei meinem Selbstporträt war ich natürlich viel freier.

Birgit Dieker, Ei Ei Ei, 2010, Kleidung, Draht, Photo by Jürgen Baumann

Denkst Du das Künstlerinnen mehr Emotionen in ihre Arbeiten einfließen lassen als Künstler?

Mhm – kann ich nicht sagen… Aber Arbeiten von Künstlerinnen als überwiegend emotional und von Künstlern als rational einzustufen, ist meiner Meinung nach zu pauschal.

Wenn man den weiblichen Körper geschichtlich unter der Lupe nimmt, dann hat sich doch das Schönheitsideal in den letzten 300 Jahren sehr stark verändert, bei den alten Meistern war alles rund und weich und heute sind die Frauen zwanghaft schlank

Die hatten damals auch Zwänge, andere. Aber Spass hatten die Frauen auch nicht, wenn sie sich in die Klamotten zwängen mussten, sind sie reihenweise ohnmächtig geworden. Die eng geschnürten Korsetts, oder zu unbequeme Schuhe und die mächtigen Perücken haben die Frauen damals komplett bewegungsunfähig gemacht. Das war genauso bescheuert.

Birgit Dieker, Big Mummy, 2005, Leder, Nieten, Füllmaterial, Barhocker, Photo by Jürgen Baumann

Klar, aber heute malträtieren sich die Frauen doch mit ihren Diäten, Sportwahn und am Ende legen sie sich unters Messer

Männer mittlerweile auch.
Da muss man sich eigentlich mal überlegen, wie viel Zeit dabei drauf geht.

Wie steht Du zu Deinem Körper?

Mal so, mal so. Zwischen “alles halb so wild” und “Notstand”.

Demnächst kann man einen großen Auszug Deiner Arbeiten in Friedrichshafen sehen

Ja. Im Kunstverein Freihafen, in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Münsterland und der Stadtgalerie Saarbrücken. In dem Zusammenhang wird es auch einen Katalog geben, der im Distanz Verlag erscheint. Der Titel der Ausstellung ist “The Big Striptease”, eine Leihgabe von Sylvia Plath geliehen.

Literatur inspiriert Dich, gibt es bestimmte Autoren die Dich bewegen?

Das ist ganz unterschiedlich. Wie auch die Genre sehr unterschiedlich sind. Ob Lyrik, Romane, Märchen, Psychologisches, Anthropologisches oder das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens.

Du beschäftigst Dich ja unumgänglich mit Stoffen und Klamotten, ist Dir das denn privat noch wichtig?

Auf Second-Hand-Läden habe ich einfach keine Lust mehr. Das hat mit dem Geruch zu tunMein Atelier ist voll von alten Klamotten. Und zum Shoppen habe ich einfach zu wenig Zeit, leider. Mit anderen Worten, mein Kleiderschrank ist beschämend leer!

Birgit Dieker, 2012, Phot by Uwe-Karsten Günther

http://www.birgit-dieker.de/