100 Meisterwerke – Teil 19: Jan Symonsz Pynas & Christopher Thomas

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Jan Symonsz Pynas , ,,Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena”, 1610, Öl auf Holz, 81,5 x 59 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nahezu haptisch greifbar erscheint der verstorbene Jesus am Kreuz in Jan Symonsz Pynas’ Bild „Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena“ aus dem Jahr 1610. In seiner Physis fein ausgebildet, durchmisst der Leib vor dem dunklen Hintergrund strahlend hell das hochformatige Gemälde. Das von Dornen bekrönte Haupt ist vom Todeskampf ermattet zur Seite gefallen. Blutstropfen rinnen über die fahle Gesichtshaut und die geschlossenen Augen. Der Heiligenschein, das Zeichen göttlicher Auserwähltheit, wird durch die hellere Maserung des Kreuzholzes unterstrichen. Die Arme sind weit an den Querbalken gespannt, die geschundenen Hände von Nägeln durchtriebenan denen noch das geronnene Blut haftet. Sanft leuchtet das Inkarnat des schönen Oberkörpers auf. Das zarte Körperrelief ist noch kraftvoll-lebend ausgebildet, wobei die linke Körperseite durch die Kopfneigung verschattet wird, während aus der sich rechts befindlichen Seitenwunde weiteres Blut läuft. Um die Lenden Jesu windet sich ein weißes Tuch. Ein Ende bauscht sich, wie durch einen irrealen Windhauch bewegt, voluminös auf. Ein anderer Strang des Stoffes ist zwischen die schmal übereinander gelegten Beine gezogen, deren Füße mit nur einem Nagel am Kreuz befestigt sind.

Als Symbol des überwundenen Todes liegt im Vordergrund ein in Untersicht dargestellter, menschlicher Schädel. Er findet seine kompositorische Entsprechung in dem kleinen, illusionistisch gemalten cartellino mit der Aufschrift INRI, das über dem Haupt Jesu am Kreuz befestigt ist.

Da laut der biblischen Überlieferung im Moment des Todes Jesu eine undurchdringliche Nacht über die Welt hereingebrochen war, verschwindet der fast nicht erkennbare landschaftliche Hintergrund im Dunkel. Diese malerische Methode zwingt das Auge, sich auf die sichtbaren Dinge zu konzentrieren, die dadurch in ihrer Präsenz noch gesteigert werden. Die herbe Stofflichkeit weist auf Zurbarán voraus. Nah an den Betrachter herangerückt und präzise beleuchtet, werden die wenigen Bildelemente zwar vereinzelt gezeigt, verbinden sich durch ihre ikonologische Zusammengehörigkeit aber doch zu einer Bilderzählung.

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Jan Symonsz Pynas , ,,Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena” (Detail), 1610, Öl auf Holz, 81,5 x 59 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Rechts unter dem Kreuz kniet Maria Magdalena. Mit gefalteten Händen blickt sie zum Haupt des Verstorbenen empor. Über das nur in Profilansicht gezeigte, andächtig blickende Antlitz rinnen große Tränen, die den Blutstropfen im Gesicht Jesu entsprechen. Um ihr dunkles, langes Haar hat sie ein weißes Tuch geschlungen. Zu ihrer hellen Bluse trägt sie ein braunes Mieder und einen weitfallenden Rock gleicher Farbe mit Granatapfelmuster. Ihr rechter nackter Fuß wird unter dem Gewand sichtbar und ist mit den Zehenspitzen aufgestützt. Vor ihr steht das zur Magdalenenikonografie gehörende Salbgefäß.

Die Darstellung Jesu am Kreuz ist eines der häufigsten Bildmotive seit dem Mittelalter. Es stellt eine aus dem Passionsgeschehen extrahierte Szene dar, die als Andachtsbild den Gläubigen zur compassio anregen sollte. Durch das Bild wird das Leben Christi nicht nur illustrierend vor Augen gestellt, sondern macht Jesus als Mensch in seinem Leiden nahbar.

Die pointierte Konzentration auf essentielle menschliche Gefühle ist das ureigene Merkmal von Andachtsbildern. Während Maria-mit-Jesuskind-Darstellungen auf das Moment der Mutterliebe abzielen, vermitteln Kreuzigungs- oder auchPietà-Darstellungen das Leid des Todes im Spiegel des Mitleids. Die sinnliche Schönheit des Körpers Jesu im vorliegenden Gemälde stellt dabei keinen Widerspruch dar. Sie zeigt zum einen die menschliche Natur des Gottessohnes, zum anderen, dass er mit seinem Opfer den Sieg über den Tod errungen hat.

Kreuzigungsdarstellungen waren zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein wichtiger Bestandteil im ökonomischen Werkschaffen vieler Künstler. Jan Symonsz Pynas gehört zur Generation der sogenannten Prä-Rembrandtisten, einer Gruppe von Malern, die im Umkreis Pieter Lastmanns arbeiteten. Wie dieser große Vorgänger und Lehrer Rembrandts, hielt sich Pynas von 1605 bis 1607 in Rom auf und konnte dort als einer der ersten Künstler Europas überhaupt einen Blick auf einen der revolutionärsten Maler der Kunstgeschichte werfen: Caravaggio. Unverkennbar ist im vorliegenden Bild die Verwandtschaft der Magdalena mit der italienischen Vorgängerin. Caravaggio hatte sie nur wenige Jahre zuvor in so realistischer Weise dargestellt, dass Giovanni Pietro Bellori später meinte, wenn man ihr das Salbgefäß wegnehmen würde, sähe sie aus wie ein einfaches, römisches Mädchen, das sich das Haar trocknet. In der ergreifenden Schlichtheit ihrer Anteilnahme steht die niederländische Magdalena ihrer italienischen Schwester nicht nach. Sie wird jedoch in eine komplexere Bilderzählung eingefügt, die zugleich ungewöhnlich reduziert ist.

Für diese Zeit einmalig, verzichtet Pynas auf die Darstellung des Johannes und beschränkt die Assistenzfiguren unter dem Kreuz auf die trauernde Magdalena. Ohne Ablenkung kann sich der Betrachter ausschließlich auf die mitfühlende Beziehung von Magdalena und Jesus und ihre sichtbare Zwiesprache konzentrieren. Magdalena ist nicht eine unter Vielen, sondern die nahbare Vermittlerin zwischen der menschlichen und göttlichen Sphäre. Der Betrachter wird eingeladen, sich mit ihr in das Heilsgeschehen Christi einzufühlen.

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Christopher Thomas, Passion #55, 2010, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der Münchner Fotograf  ist ebenfalls ein Meister der reduzierten Komposition. In seinem Vorgehen ist er noch radikaler als Pynas: Seine Fotografie zeigt vor dunklem Hintergrund nahsichtig eine zu Boden gesunkene Gestalt, deren Gewand sie vollkommen umhüllt. Dabei handelt es sich um die 55. Fotografie einer aus knapp 60 Aufnahmen bestehenden Bildserie der Passion Christi. Christopher Thomas begleitete mehrere Wochen die Proben zu den alle 10 Jahre in Oberammergau stattfindenden Passionsspielen. Laienschauspieler führen dort dem Publikum eindrucksvoll die letzten 5 Tage im Leben Jesu vor Augen. Den Fotografen interessierten bei seinem künstlerischen Vorgehen weniger die großen Massenszenen, sondern der einzelne Mensch und sein Verhalten angesichts der Kreuzestragödie.

Der Künstler zeigt eine sich vor Trauer niedergebeugte Person. Durch das verborgene Gesicht ist nicht klar erkennbar, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Die Abfolge der Fotoserie legt jedoch nahe, dass es sich um Maria Magdalena handelt. Sie weint in das blutverschmierte Leintuch, das noch die Spuren des Märtyriums zeigt. Jesus ist bereits vom Kreuz genommen und wird zu Grabe getragen. Das Berühren dieses Tuches wirkt wie die Ersatzhandlung einer nun nach dem Tode Jesu nicht mehr möglichen, tröstlichen Berührung. Dabei verbindet sich das Leinentuch Jesu mit dem Gewand der Magdalena. Dies erscheint wie eine Metapher für ihre sich völlig mit dem Leiden Christi identifizierende, physische Trauer.

Monumental, konzentriert und in seiner klaren Gestik sofort verständlich, kulminiert das gesamte Passionsgeschehen in einer menschlichen Gestalt. Dieser überindividuellen Darstellung menschlicher Trauer kann sich der Betrachter nicht entziehen. Unwillkürlich empfindet man Mitleid. Wurde diese compassio von solchen Bildern in früheren Jahrhunderten explizit gefordert, so erscheint sie uns heute fast unangenehm oder zumindest verstörend. Christopher Thomas bricht mit einer rein ästhetischen Rezeption seiner Fotografien, deren Wirkmacht größer ist, als es die unmittelbare Darstellung erwarten lässt. Dass es sich bei den abgebildeten Dargestellten um Schauspieler handelt, erzeugt eine inhärente Rezeptionsschwelle, die den Wahrnehmungsprozess zusätzlich verkompliziert. Trotzdem kann sich der zeitgenössische Betrachter der aufwühlenden transzendentalen Dimension der Fotografie nicht entziehen, was vermutlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass Christopher Thomas seine drastische Formensprache aus dem Repertoire früherer Andachtsbilder schöpft: die brutale Nahsicht der kauernden Person, die im dunklen Schwarzweiß der Komposition erschreckend roten Blutflecken als einzige Farben oder die totale Verschattung des Hintergrundes, vor der die ausgeleuchtete Haptik des groben Leinenstoffes spürbar wird.

Wird der Betrachter mit dieser zeitgenössischen Fotografie unvermutet neben der ästhetischen auch mit einer religiösen Rezeptionsebene konfrontiert, so liegt der Fall bei Pynas‘ Darstellung genau umgekehrt. Der niederländische Maler zeigt nicht nur ein zur compassio aufforderndes, biblisches Geschehen, sondern schafft in der Darstellung des wohlgeformten, nackten Jesuskörpers, der raffinierten Ausleuchtung des Geschehens und der klugen Anordnung der asymmetrischen Komposition ein ästhetisch wirkendes Kunstwerk, das eine große Freude am Schauen hervorruft.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 350-354.

www.christopher-thomas.de (Zugriff am 12.3.2018)

 

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Interview mit Thomas Rusche: ,,WIR MENSCHEN SPRECHEN MIT UNSERER KLEIDUNG, NOCH BEVOR WIR DEN MUND AUFMACHEN“

Thomas Rusche ist der Sir von SØR und führt damit eine textile Familientradition bereits in der fünften Generation fort. Dabei sind sein Denken über Kleidungskultur und sein Handeln als Unternehmer in ein größeres Koordinatensystem – er nennt Doktortitel in Philosophie sowie Ökonomie und eine renommierte Kunstsammlung sein Eigen – eingeschrieben. Im Interview erläutert Rusche unter anderem: „Kleidungskultur konkretisiert sich im Dreieck meiner individuellen Persönlichkeit im Verhältnis zum objektiven Anlass und den subjektiven Erwartungshaltungen, denen ich dabei begegnen werde.“

Thomas Rusche wünscht Ihnen einen stilvollen Winter und eine behagliche Vorweihnachtszeit! Foto, Lars Beusker

THOMAS RUSCHE vor Abraham Bloemaerts „Portrait eines alten Mannes in bäuerlicher Kleidung“, um 1634, SØR Rusche Sammlung Oelde / Berlin, Foto Lars Beusker

Susanne Kolter: Lieber Herr Rusche: Wie sind Sie eigentlich zu diesem Beruf gekommen? Gibt es da eine Familientradition, oder war es vornehmlich die eigene Begeisterung für diese Branche?

Thomas Rusche: Kleidungskultur ist meine Berufung. Seit fünf Generationen wird in unserer Familie das Kleider-Gen vererbt, das es uns ermöglicht, Menschen besser anzuziehen. Auch hätte ich mir vorstellen können, Kunsthistoriker oder katholischer Priester zu werden. Das erste hat mein Vater mir mit der Drohung verboten, mir dann seine Kunst nicht zu vererben, das zweite hätte er mit einem Stoßgebet hingenommen.

Susanne Kolter: Münster ist – so scheint es – gut aufgestellt im Hinblick auf Herrenmode. In anderen Städten nehme ich das nicht so deutlich wahr. Ist hier ein besonders gutes Pflaster dafür?

Thomas Rusche: Münster ist gutbürgerlich gepfl astert. Selbstverständliche Eleganz ohne Düsseldorfer Übertreibungen kennzeichnet den Charme der westfälischen Metropole. Dies gilt auch für die Herrenmode. Der Münsteraner liebt Klassik mit Pfiff und baut seine Garderobe wie einen gut bestückten Weinkeller mit zeitlos gültigen Klassikern auf, die er von Saison zu Saison neu interpretiert und mit aktuellen Accessoires variiert.

Susanne Kolter: Mich interessiert auch Ihre Firmenphilosophie, die ja zum Beispiel in Ihrem hauseigenen Journal vertreten wird. Was macht die „Marke“ aus?

Thomas Rusche: Der Markenkern von SØR ist die Kleidungskultur. SØR Produkte werden aus erstklassigen Materialien handwerklich gefertigt und ermöglichen eine körperbetonte Passformgenauigkeit. SØR Produkte gibt es für jeden Kleidungsanlass, ob sportlicher, berufl icher oder offizieller Natur. Unsere SØR Häuser pfl egen einen SØRrvice, der von Herzen kommt und den Kunden in den Mittelpunkt stellt.

Susanne Kolter: Was ist wichtig, will man als Geschäftsmann auf dem heiß umkämpften Modemarkt nicht nur bestehen, sondern wie Sie erfolgreich sein?

Thomas Rusche: Auf dem Modemarkt bedarf es einer Balance von zeitloser Kontinuität und saisonaler Aktualität. Um erfolgreich zu sein, bedarf es Markenbegehrlichkeit und hingebungsvoller Servicebereitschaft.

Susanne Kolter: Das gängige Vorurteil, vor allem Frauen seien modeaffin oder -begeistert, greift doch schon lange nicht mehr, oder?

Thomas Rusche: Für viele Frauen ist Mode Elixier. Männer erlernen dieses Lebensgefühl im 21. Jahrhundert zunehmend. Doch steht bei ihnen noch immer die Funktionalität im Vordergrund. Frauen schmücken sich mit ihrer Kleidung, Männer schützen sich. Beide Geschlechter erkennen zunehmend die Symbolkraft der Kleidung. Ob Mann oder Frau, wir Menschen sprechen mit unserer Kleidung, noch bevor wir den Mund aufmachen. Der erste Eindruck, den wir hinterlassen, wird wesentlich von der Kleidung geprägt. Diese sollte unserer jeweiligen Natur entsprechen und zur zweiten Haut werden.

Susanne Kolter: Gibt es einen Trend zu den Klassikern oder sind es eher die Neuheiten, die gesucht und erworben werden?

Thomas Rusche: Klassiker und Modeneuheiten sind wie das Stand- und Spielbein beim Tanzen. Der Klassiker einer grauen Wollhose aus Flanelltuch ermöglicht als Beinkleid, jeden noch so modisch verrückten Blazer zu kombinieren. Die hellblaue Hemdbluse wiederum lässt sich als klassischer Kontrapunkt zu den ausgefl ipptesten modisch floralen Hosen kombinieren: Die Mischung macht’s.

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Blauer SØR Blazer aus der aktuellen Kollektion. Doppelreihig und leicht tailliert. Fotos Lars Beusker

Susanne Kolter: Was sollte Man(n) unbedingt und was auf keinen Fall im Schrank haben?

Thomas Rusche: Der Mann sollte unbedingt einen blauen Blazer im Schrank haben. Zur Flanellhose, beigen Chino oder Bluejeans, je nach Anlass variiert, ist er damit immer passend angezogen. Sowohl zur Vernissage, einem Geschäftsessen oder im Nightclub.

Susanne Kolter: Viel steht und fällt ja mit den richtigen Accessoires. Dabei denke ich zuerst an Krawatten. Eher schmal, eher breit, und welche Art und welcher Knoten ist der richtige zu welcher Gelegenheit?

Thomas Rusche: Viele Männer bevorzugen heute einen locker geschlungenen Schal. Wer eine Krawatte tragen möchte, sollte darauf achten, dass sie weder so schmal wie ein Schnürsenkel noch so breit wie ein Kinderlätzchen ist. Mit Aristoteles gilt: Die Tugend der Kleidungskultur liegt mitten zwischen den modischen Extremen. Die Wahl des Knotens ist weniger eine Frage des Anlasses als der Kragen- und Halsform sowie der Länge der Krawatte, die in der Höhe des Gürtels enden sollte. Niemals sollte die Krawatte das Zentrum der Männlichkeit bedecken, sondern mit der Spitze hervorheben.

Susanne Kolter: Ich persönlich bin ja immer ganz hingerissen, wenn ich auf ein gut drapiertes Einstecktuch treffe. Würden Sie das als „must have“ einordnen oder ist das doch ein bisschen „drüber“?

Thomas Rusche: Das Einstecktuch hebt jedes Outt auf ein höheres Niveau der Eleganz. Der ohne Krawatte getragene Blazer wird mit einem sportlich gemusterten Einstecktuch ebenso aufgewertet wie der Smoking durch ein weißes seidenes Pochette.

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Kariertes SØR Einstecktuch. Fotos Lars Beusker

Susanne Kolter: Lieber Herr Rusche, danke, dass Sie sich Zeit für das Interview genommen haben. Möchten Sie uns vielleicht noch etwas mit auf den Weg geben?

Thomas Rusche: Die Grammatik der Kleidungskultur ist kein strenges Regel-ABC, sondern ermöglicht es einem jeden Menschen, seine individuelle Ausdrucksform zu nden. Kleidungskultur konkretisiert sich im Dreieck meiner individuellen Persönlichkeit im Verhältnis zum objektiven Anlass und den subjektiven Erwartungshaltungen, denen ich dabei begegnen werde.

Das Interview führte Dr. Susanne Kolter für das Themenheft der St. Joseph Münster-Süd Pfarrei

Einmal im Jahr gibt die Pfarrei St. Joseph Münster-Süd ein Themenheft heraus, das ein
biblisches Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nimmt.
In 2018 trägt es den Titel „Gut angezogen“ und bezieht sich damit auf eine Passage aus
dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinden von Galatien. Mit der Wendung
„Christus angezogen“ wird dort ein Statuswechsel der besonderen Art beschrieben. Von
hier aus werden sozusagen gleich mehrere Kommodenschubladen, Kleiderschrank- und
Shoptüren geöffnet: Von Altkleidern bis zum Designstudium, von Coco Chanel bis zum
Messgewand, vom Verbergen der Nacktheit bis zur Präsentation der Lieblingsklamotte,
von fair gehandelter Mode bis zum perfekt drapierten Einstecktuch – und noch einiges
mehr.

http://www.st-joseph-muenster-sued.de/aktuell/jahresthema-und-themenheft/

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100 Meisterwerke – Teil 18: Birgit Dieker & Abraham Hendricksz. van Beyeren

 

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Abraham Hendricksz. van Beyeren, Fisch-Stilleben, ab 1655, 102,3 x 83,8 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Im effektvoll ausgeleuchteten Hochformat vor dunkel belassenem Hintergrund türmen sich in üppiger Großzügigkeit verschiedene Fischsorten auf einem kleinen Tisch, der nur lose mit einem dunklen Tuch bedeckt ist. In einem Weidenkorb liegen eine leuchtend rote Lachsschnitte und zwei Kabeljaus, von denen der vordere bereits ausgenommen ist. Dahinter befindet sich eine hölzerne Bütte, die ebenfalls mit Fischen gefüllt ist und zuoberst mit einem auf dem Rücken liegenden Rochen bedeckt wird.

Nur notdürftig erhalten die Tiere in dieser Unordnung Halt durch das stabile Material des Korbes und des Holzgefäßes. Glatt und glitschig drohen sie jeden Moment auseinander zu rutschen und auf den Boden zu gleiten. Gerade in dieser transitorischen Momenthaftigkeit lässt sich jedoch die ordnende menschliche Hand erkennen, die für diese ausbalancierte Ansicht gesorgt hat.

Das Arrangement ist nur scheinbar ein nachlässiges. Als Blickfang liegt nicht zufällig über den Rand des Korbes drapiertdas leuchtend rote Lachsfleisch. Es dient als koloristische Kontrastfolie für die zwischen schwarz, silbern und rosa changierende Schuppenhautder darüber liegenden Kabeljaus. Mit einem farblich-beruhigenden Gegenpol zum roten Lachsinneren wird das Stillleben rechts durch die matt-dunkle Nordseekrabbe abgeschlossen.

Abraham Hendricksz. van Beyeren gilt als einer der versiertesten Fischstilllebenmaler überhaupt. Vermag er doch nicht nur das Kolorit und die Oberflächenbeschaffenheit der schönen Tiere darzustellen, sondern auch ihre stromlinienförmige Beweglichkeit, die einen Verweis auf ihren ursprünglichen Lebensraum gibt.

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Abraham Hendricksz. van Beyeren, Fisch-Stilleben (Detail), ab 1655, 102,3 x 83,8 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Fische gelten seit jeher als Fastenspeise. Wurden früher Fastenregeln weitaus strenger befolgt, so ist auch heute noch in den Tagen vor Ostern ein stark ansteigender Absatz von Fisch im Lebensmittelhandel zu verzeichnen. Ohne Berücksichtigung ernährungswissenschaftlich erwiesener Vorteile des Fischkonsums steht dieses Tier symbolisch für den Verzicht. Als im 4. Jahrhundert die Fastenzeit vor Ostern auf 40 Tage ausgedehnt wurde und da der Verzicht auf Fleisch als Erinnerung an die Kreuzigung Christi bereits früh schon praktiziert wurde, etablierte sich der Fisch als Fastenspeise.

Und dennoch kann man sich beim Anblick dieses Stilllebens einer gewissen Lust des Genusses nicht erwehren, auch wenn diese nur von optischer Natur ist. In dem schönen Wort „Augenschmaus“ sind diese Gegensätze vereint: Es wird ein Genuss von Dingen mit dem primär nicht dafür vorgesehenen Sinnesorgan beschrieben. Schimmernde Oberflächen, verschwenderischer Silberglanz, opulent-wertvolles Rot leuchten dem Betrachter entgegen. Sowohl die Vielfalt der Ausformungen der Naturals auch die hier arrangierte Anzahl der Fische geben keinen Hinweis auf einen intendierten Verzicht. Konterkariert dieser Luxus nicht die angestrebte Kargheit? Unterschied eine Teresa von Avila im 16. Jahrhundert nicht sehr klar zwischen den Zeiten des Überflusses und denen des Verzichts mit ihrem berühmten Ausspruch: „Fasten ist Fasten und Truthahn ist Truthahn“?

Das Zusammenziehen gegensätzlicher Prinzipien, der Luxus in der Reduktion, der Überschwang in selbst gesteckten Grenzen macht den Reiz solcher Bilder aus. Sie zeigen auf einer sehr besonderen Ebene die Widersprüche einer Zeit, die wir unter den allzu großen Begriff des Barock verführt sind zu subsummieren.

Die zeitgenössische Künstlerin Birgit Dieker befasst sich ebenfalls mit den Themen des Konsums, des sinnlosen Luxus, des schnellen, vielleicht zu schnellen Genusses überflüssiger Angebote und damit, welcher Bezug zum Individuum sich daraus ableiten lässt. In ihren Werken arbeitet sie sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene diese Bezugnahmen heraus.

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Birgit Dieker, Anita, 2011, Kleidung & Barhocker, Gesamthöhe 187 cm, Foto Jürgen Baumann, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

„Dem Körper kommt heutzutage so viel Bedeutung zu,“ sagt die Künstlerin. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft: Jung sein, fit sein, das Beste aus sich rausholen – darauf kommt es an. Da bleibt der Körper nicht unverschont – ganz im Gegenteil! Alt werden wollen alle, aber nicht alt aussehen. Der Körper wird längst nicht mehr als unveränderbar hingenommen. Er muss sich an Bildern messen, wird von äußeren Einschreibungen bestimmt. Mich interessiert das Verhältnis von Körper und “Seele”, von äußerer Form und innerem Zustand.“

Aus getragenen, aussortierten Kleidungsstücken, den symbolischen Gegenständen unserer Überflussgesellschaft und des unbewussten, schnellen Genusses, fertigt Dieker ihre häufig nach der menschlichen Gestalt gebildeten Skulpturen. Sie schichtet, formt – und versehrt. In die sorgfältig übereinandergelegten feinen textilen Lasuren greift die Künstlerinnenhand auch wieder zerstörend ein und macht dadurch die menschliche Verletzbarkeit deutlich.

„Anita“, die sich in verführerischer Pose auf ihrem Barhocker räkelt, wurde deshalb auch folgerichtig nach einer berühmten Künstlerin der „goldenen 20er Jahre“ benannt: Anita Berber lebte in einer Zeit, die sich im Typ der sogenannten „neuen Frau“ manifestierte: Frauen, die in der Forderung nach Freiheit, Selbstbestimmtheit und individueller Entscheidungsgewalt über ihr eigens Leben bisweilen die Balance nicht fanden. So war der Lebensweg der früh verstorbenen Tänzerin und Schauspielerin begleitet von Skandalen und Alkohol- und Drogenmissbrauch. „Die Leute waren heiß auf sie, wollten Entertainment und ihre nackte Haut. Dabei hatte sie hohe künstlerische Ansprüche, an diesem Paradox ist sie letztendlich auch zerbrochen,“ beschreibt Dieker die Namenspatronin ihrer Figur.

Als künstlerisch begabt, hemmungslos, verschwenderisch und exzessiv wurde Anita Berber von Zeitgenossen beschrieben. Die Ambivalenz dieser Lebensart, den Glamour, aber auch die zerstörerische Energiez eigt Dieker durch das golden funkelnde Paillettenkleid: Es verhüllt zwar anschmiegsam die Gestalt, zieht aber auch massiv die Blicke auf den darunter befindlichen, verletzlichen Leib. Die schöne Hülle bekommt Risse und Löcher zugefügt, wie durch allzu stechende Blicke verursacht. Ob die helmartige Kopfbedeckung tatsächlich den Schutz der Anonymität gibt, muss unbeantwortet bleiben. Der Barhocker mag ebenfalls für die unsichere Ambivalenz dieses Lebensentwurfes stehen: Er bietet zwar die Bühne für ein aus der Masse herausgehobenes Posieren, zeigt aber in seiner Fragilität auch die Instabilität der auf ihm sitzenden Gestalt.

In sehr unterschiedlicher Weise thematisieren beide Kunstwerke eine der großen Herausforderungen des menschlichen Lebens: das Finden der individuellen Balance zwischen Verzicht und Genuss, Disziplin und Überschwang, Entsagung und Exzess, auch im Hinblick auf gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Normen und Vorgaben. In Zeiten, Breitengraden und Gesellschaftsschichten des Überflusses wird diese Frage stets gestellt: weil der Mensch dann über mehr verfügt als über das für das Überleben notwendige Angebot und damit vor die Aufgabe der auswählenden Entscheidung gestellt ist.

Eduard Mörike hat den Wunsch, dieses nicht enden wollende menschliche Dilemma zu beschließen, in einem Stoßgebet gen Himmel gesandt:

(…) „Wollest mit Freuden

Und wollest mit Leiden

Mich nicht überschütten!

Doch in der Mitten

Liegt holdes Bescheiden.“

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

http://www.kleidungskultur-soer.de/?p=847

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Stilleben und Tierstücke. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 2004. S. 58-61

 

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100 Meisterwerke – Teil 17: Johannes Hüppi & Michiel van Musscher

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Johannes Hüppi, ,,Lenk So-Jin liest Robert Walser”, 2011, Öl auf Holz, 20 x 29 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Unsichtbares sichtbar machen“

„Lenk, So-Jin liest Robert Walser“ nannte Johannes Hüppi sein kleinformatiges Gemälde aus dem Jahr 2011. Daran ist an sich nichts Ungewöhnliches. Bilder von Bücher lesenden Frauen gibt es in der Kunstgeschichte bereits seit dem Mittelalter. Ab dem 16. Jahrhundert wurde dieses Bildmotiv immer beliebter, um im 19. Jahrhundert die größtmögliche Vielzahl an Varianten zu erreichen. Meist werden die Frauen in der Privatheit eines Interieurs gezeigt, das dem jeweiligen Zeitgeschmack entspricht.

Extravagant vor der Folie dieser Vergleichsbeispiele erscheint die Wahl des Leseortes unserer Protagonistin. Sie hat es sich nicht in einem angenehm warmen, hellen Zimmer mit Stuhl oder Sessel bequem gemacht. Stattdessen ruht sie in ähnlicher Haltung, man sie auf einem Sofa oder einer Chaiselongue einnehmen würde, auf einem schneebedecktenHügel, mitten in freier Natur. In ganzer Länge präsentiert sie sich als Rückenakt, der hangaufwärts liegt und den linken Arm aufgestützt hat, um in dem aufgeschlagenen Buch zu lesen.

In der Diagonalen durchschneidet der steile Abhang nahsichtig das Bild. Die beiden gelb-schwarzen Stöcke, die der Messung der Schneehöhe dienen, rahmen links und rechts das Gemälde. Sie unterstreichen in ihrer Senkrechten die starke Neigung des Hügels. Im Mittelgrund des Bildes schmiegen sich kleine, dick vom Schnee überzogeneHäuser und hochaufragende Tannen in die Neigung des Berges. Dahinter verschwinden zunehmend im frostigen Nebel weitere dicht bewaldete Winterberge.

Deplatziert scheint die junge dunkelhaarige Frau, deren Gesicht wir nicht sehen, in dieser schönen Winterlandschaft, die aber zumindest eines von dem Menschen erfordert, wenn er sich in ihr aufhalten möchte: Bekleidung und Bewegung. Beides verweigert die Lesende. Und so wirkt dieses kleinformatige Bild auf den ersten Blick, als hätte sich die Frau nur darin verirrt, als hätte sie sich vielleicht aus einem anderen Gemälde davongestohlen, um hier endlich die zum Lesen erforderliche Ruhe und Muße zu haben. Anscheinend ist ihre Lektüre so spannend, dass sie alles um sich herum vergisst, sogar die Kälte und das im Winter rasch abnehmende Tageslicht.

Freundlicherweise enthält uns der Künstler den Autor nicht vor, der augenscheinlich eine solche Wirkmacht besitzt, dass er Kälte und Winter vergessen macht und die Lesende völlig in ihrer Lektüre versinken lässt.

Robert Walser war ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhunderte. Empfindsam, sensibel, bisweilen bis zur Schwelle der psychischen Instabilität, starb er 1956 an einem Herzschlag auf einem seiner geliebten weiten Spaziergänge durch die winterliche Schneelandschaft. Ein Motiv, das er ahnungsvoll bereits in seinem Werk „Geschwister Tanner“ vorweg genommen hatte. Wird das Schneefeld dem Autor und seiner literarischen Figur zum Verhängnis, so hat diese Landschaft in Hüppis Gemälde fast etwas Zutrauliches. Der Schnee erscheint nicht kalt, sondern verführerisch weich und warm wie eine Bettdecke, auf der man es sich lesend gemütlich macht.

Dargestellt ist demnach nicht das äußere Empfinden, sondern das innere Erleben. Der Einklang dieser Figur mit der sie umgebenden Natur ist kein äußeres Bild, sondern vielmehr die Darstellung der durch das Lesen imaginierten Innenwelt. Fast ist man versucht, an das von Lee Strasberg praktizierte Method Acting zu denken, in dem der Schauspieler den darzustellenden Inhalt tatsächlich durchleben sollte. Die komplizierte Verschränkung von lesender Frau und gelesenem Inhalt, Innen und Außen, realer und fiktiver Welt wird in diesem Gemälde von Johannes Hüppi in einfacher Weise malerisch sichtbar gemacht.

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Michiel van Musscher, ,,Portrait eines Landschaftsmalers”, 1693, 43 x 37 cm, Öl auf Leinwand

Michiel van Musscher wählt 1693 einen anderen Weg, um die Beziehung zwischen Mensch und künstlerisch gebildeter Landschaft zu thematisieren. Wie durch ein Fenster blicken wir in das Atelier eines Landschaftsmalers. Dem Betrachter zugewandt, hält der dargestellte Künstler Blickkontakt. Aufwändig frisiert in der Mode der Zeit, ersetzt eine gelockte Allongeperücke die eigene Haartracht. Gekleidet ist der Künstler in einen auffällig glänzenden, üppigen Hausmantel aus silbrig schimmernder, graublauer Seide, der hellbraun gefüttert ist, wie am Halsausschnitt erkennbar wird. Breitbeinig sitzt er neben einem runden Tisch, von dem er den rotgemusterten, indischen Teppich, der in dieser Zeit als Tischdecke diente, weggeschoben hat. Während der Maler mit der Rechten im Begriff ist zu zeichnen, wie die auf dem kleinen Tisch verstreuten Utensilien Federkiel, Messer und Glasgefäß für die Tinte verraten, ruht seine Linke auf dem Oberschenkel und verdeckt den hier zusammenlaufenden Faltenwurf des Mantels. Der Künstler wirkt nicht, als fühle er sich gestört in seinem Tun, vielmehr scheint es, als würde er diese Tätigkeit explizit für den Betrachter ausführen.

Während der rückwärtige Raum links von einer dunkelgrünen Draperie gänzlich verdeckt wird, steht rechts neben dem Maler unter den robusten, hölzernen Dachbalken – die in ihrer Rustikalität nicht so recht zur eleganten Aufmachung des Malers passen wollen – eine Staffelei mit einer leeren Leinwand. Dahinter an der Wand hängt ein fertiges, gerahmtes Landschaftsgemälde in typisch holländischer Manier, das das gesamte, auf changierende Blau-, Grau- und Grüntöne reduzierte Kolorit des Bildes in sich zusammenfasst.

Dieses Landschaftsgemälde bildet die Quintessenz der Aussage. Man könnte die gesamte Komposition deshalb auch als chronologischen Entstehungsprozess der Malerei interpretieren. Am Anfang steht die Formulierung einer Idee, die hier mittels des Zeichenaktes des Malers verdeutlicht wird, der das Erfassen der Komposition durch die lineare Kontur bildet. Das letztendlich sichtbare Ergebnis ist, nach der Überwindung der leeren Leinwand, die Ausarbeitung des Motives mit Farbe.

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Michiel van Musscher, ,,Portrait eines Landschaftsmalers” (Detail), 1693, 43 x 37 cm, Öl auf Leinwand

Van Musscher tritt in diesem Gemälde mit der Idee des Bildes im Bild subtil den Beweis an, dass er eben kein Maler ist, der sich nur auf eine Gattung spezialisiert hat. Er ist Porträtist, Landschaftsmaler, Interieurmaler und Geschichtenerzähler. Zugleich erweist er sich bewandert in der Kunsttheorie, indem er versiert die unterschiedlichen Stadien auch des geistigen Entstehungsprozesses eines Bildes thematisiert. Der Eindruck, man würde die gesamte Szenerie wie durch ein Fenster betrachten, spielt auf Albertis berühmtes, in der Malerei Realität einforderndes, Postulat aus dem Jahr 1435 an: ein Bild solle sein wie ein Blick aus dem Fenster.

Die Innen- und Außenwelt, der Mensch und die (von Menschenhand gebildete) Natur sind auf intelligente Weise miteinander verschlungen. Nicht Darstellbares wird durch das Zeigen eines Entwicklungsverlaufes eben doch sichtbar gemacht. Nicht chronologisch, sondern assoziativ-imaginär vollzieht den gleichen Prozess auch Johannes Hüppi in seinem Gemälde, wenn er die Gedankenwelt der lesenden Frau als äußere landschaftliche Umgebung zeigt.

Eben das ist Malerei: Unsichtbares sichtbar zu machen.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Literatur: Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Portraits. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1995. S. 106-107.

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Mein Milán – Thomas Rusche zeigt uns die Stadt des guten Stils

 

Thomas Rusche auf dem Piazza del Duomo, im Hintergrund der Mailänder Dom. Foto Carolina Rusche

Thomas Rusche auf dem Piazza del Duomo, im Hintergrund der Mailänder Dom. Foto Carolina Rusche

 

Mailand ist für den SØR Inhaber und Kunstsammler Thomas Rusche die zweite Heimat. Seine Ehefrau Anna ist hier geboren und aufgewachsen und ein Großteil der Familie lebt bis heute in Milano. Thomas Rusche und seine vier Kinder sprechen fließend italienisch und regelmäßig besucht der Entrepreneur die Mode-Metropole. Ein ganz besonderer Anlass war für seinen letzten Besuch ausschlaggebend – 60 Jahre International Menswear Group (IMG)! Thomas Rusche ist in zweiter Generation der deutsche Repräsentant der Weltvereinigung IMG. In seinem persönlichen Foto-Report zeigt er uns, wie schön die Hauptstadt der Region Lombardei im Januar sein kann, was sie so einmalig macht und welchen inspirierenden Einfluss Mailand auf die SØR Kollektionen hat. 

Der Aperitivo im Caffé Spadari ist schon eine kleine Tradition bei uns in der Familie. Sofort entflammt bei uns das italienische Lebensgefühl von dolce vita. v.l.Valentina Rusche, Thomas Rusche, Anna Rizzi-Rusche, Marianna Rusche, Heinrich Rusche und Carolina Rusche.

Der Aperitivo im Caffé Spadari ist schon eine kleine Tradition bei uns in der Familie. Sofort entflammt das italienische Lebensgefühl von dolce vita. v.l.Valentina Rusche, Thomas Rusche, Anna Arizzi-Rusche, Marianna Rusche, Heinrich Rusche und Carolina Rusche.

 

Der stahlblaue Himmel und die strahlende Sonne treiben die Einwohner und Touristen auf die Strassen der Stadt. Im Januar liegen die Temperaturen zumeist zwischen 5 - 10 Grad. Foto Carolina Rusche

Der stahlblaue Himmel und die strahlende Sonne treiben die Einwohner und Touristen auf die Straßen der Stadt. Im Januar liegen die Temperaturen zumeist zwischen 5 – 10 Grad. Foto Carolina Rusche

Mailand ist für mich im höchsten Maße inspirierend. Wenn ich das Treiben auf den Straßen beobachte und die strahlende Sonne mein Gemüt erhellt, läuft unmittelbar mein kreativer Geist auf Hochtouren. Zahlreiche Ideen für die SØR Kollektionen fanden bereits hier ihren Ursprung. Foto Carolina Rusche

Mailand ist für mich im höchsten Maße inspirierend. Wenn ich das Treiben auf den Straßen beobachte und die strahlende Sonne mein Gemüt erhellt, läuft unmittelbar mein kreativer Geist auf Hochtouren. Zahlreiche Ideen für die SØR Kollektionen fanden bereits hier ihren Ursprung. Foto Carolina Rusche

Mailand ist ständig in Bewegung und entdeckt sich immer wieder neu. Stillstand ist in der zweitgrößten Metropole Italiens ein no go. Hier ist der Sitz der italienischen Börse und der Headquarter der großen Mode-Labels  Die Milanesi sind stolz auf ihre Vergangenheit, richten dabei aber ihren Blick stets in die Zukunft - dieses Graffiti von Guiseppe Verdi ist für mich ein Sinnbild für die strahlende Vergangenheit und den blühenden Fortschritt in Mailand. Foto Carolina Rusche

Mailand ist ständig in Bewegung und entdeckt sich immer wieder neu. Stillstand ist in der zweitgrößten Metropole Italiens ein No-Go. Hier ist der Sitz der italienischen Börse und das Headquarter der großen Mode-Labels. Die Milanesi sind stolz auf ihre Vergangenheit, richten dabei aber ihren Blick stets in die Zukunft – dieses Graffiti von Giuseppe Verdi ist für mich ein Sinnbild für die strahlende Vergangenheit und eine blühende Zukunft in Mailand. Foto Carolina Rusche

Neben der Mode und Kunst ist Mailand für fantastische Interieurs bekannt, fast jedes Hotel, Restaurant, Store und Privathaus besticht durch eine gekonntes Arrangement von Möbeln und Wohnaccessoires. Die größte und wichtigste Möbelmesse der Welt ,,Salone del mobile’’ findet hier seit 1961 jährlich statt. Der Konzept-Store 10 Corso Como verbindet reizvolles Interieur mit den neusten Trends der Fashionwelt. Foto Carolina Rusche

Neben der Mode und Kunst ist Mailand für fantastische Interieurs bekannt. Fast jedes Hotel, Restaurant, Geschäft und Privathaus besticht durch eine gekonntes Arrangement aus Möbeln und Wohnaccessoires. Die größte und wichtigste Möbelmesse der Welt ,,Salone del mobile’’ findet hier seit 1961 jährlich statt. Der Konzept-Store 10 Corso Como verbindet reizvolles Interieur mit den neuesten Trends der Fashionwelt. Foto Carolina Rusche

Anlässlich der Expo Milano 2015 wurde in Mailand das größte innerstädtische Bauvorhaben Europas durchgeführt und hat das Gesicht von Mailand großflächig verändert. Vom Bahnhof Garibaldi bis Piazza della Repubblica ist die neue Skyline Mailands entstanden. Gut gelungen ist der Anschluss des Neubaukomplexes an das historische Viertel von Corso Como mit seinem urigen Leben dank der vielen Kneipen und Bars. Foto Carolina Rusche

Anlässlich der Expo Milano 2015 wurde in Mailand das größte innerstädtische Bauvorhaben Europas durchgeführt und hat das Gesicht von Mailand großflächig verändert.
Vom Bahnhof Garibaldi bis zur Piazza della Repubblica ist die neue Skyline Mailands entstanden. Gut gelungen ist der Anschluss des Neubaukomplexes an das historische Viertel von Corso Como mit seinem urigen Leben dank der vielen Kneipen und Bars. Foto Carolina Rusche

Das La Bricola verführt nicht nur mit einer sinnlichen Lichtstimmung, hier serviert man eine exzellente lombardische Küche und trägt zurecht den Ruf eines der besten Restaurants der Stadt zu sein. Wundern Sie sich nicht wenn plötzlich neben Ihnen David Beckham oder andere VIP’s Platz nehmen, das La Bricola ist so berühmt wie seine Gäste. Foto Carolina Rusche

Das La Briciola verführt nicht nur mit einer sinnlichen Lichtstimmung, hier serviert man eine exzellente lombardische Küche und es trägt zu Recht den Ruf, eines der besten Restaurants der Stadt zu sein. Wundern Sie sich nicht, wenn plötzlich neben Ihnen David Beckham oder andere VIP’s Platz nehmen, das La Briciola ist so berühmt wie seine Gäste. Foto Carolina Rusche

 

In kaum einer anderen Stadt der Welt, sind Männer so gut und stilvoll gekleidet wie in Mailand. Hier trägt man die Mode nicht, man lebt sie. Grandezza ist so selbstverständlich wie guter Wein und gutes Essen. Seit über 60 Jahren arbeiten wir bei SØR mit Freude daran dieses Gespür für Mode Lifestyle auf unsere Kunden zu übertragen. Foto Carolina Rusche

In kaum einer anderen Stadt der Welt, sind Männer so gut und stilvoll gekleidet wie in Mailand. Hier trägt man die Mode nicht, man lebt sie. Grandezza ist so selbstverständlich wie guter Wein und gutes Essen. Seit über 60 Jahren arbeiten wir bei SØR mit Freude daran, dieses Gespür für Mode und Lifestyle auf unsere Kunden zu übertragen. Foto Carolina Rusche

Unwiderstehlich sind für mich die süßen Kreationen der Pasticceria Pattini. Hier finden Sie die köstlichsten Panettone und Amaretti der Stadt. Foto Carolina Rusche

Unwiderstehlich sind für mich die süßen Kreationen der Pasticceria Pattini. Hier finden Sie die köstlichsten Panettone und Amaretti der Stadt.  Die Mailänder wissen das Schöne und Gute zu schätzen. Lieber würden sie nichts essen als etwas von schlechter Qualität. Insgesamt sind Italiener gerne bereit, für Qualität Geld auszugeben. Sie kaufen lieber wenig, aber dafür qualitativ Hochwertiges. Und ein Essen schlingen sie nicht runter, sondern zelebrieren es, am besten zusammen mit vielen Freunden. Foto Carolina Rusche

In einer Jugendstilvilla im Simplonpark feiert die IMG (International Men's Wear Group) ihr 60jähriges Bestehen.

Im  Palazzina Appiani im Parco Sempione feiert die IMG (International Menswear Group) ihr 60jähriges Bestehen.  Die Organisation besteht aus internationalen, familiengeführten Unternehmen, deren Leidenschaft und Profession die Kultur des guten Kleidens ist. Foto Carolina Rusche

 

Das Label Andrea Fenzi ist aus dem SØR Sortiment nicht wegzudenken. Auf die hochwertigen und modischen Strickkollektionen freuen wir uns jede Saison neu und sind immer wieder überrascht über die trendbewussten Innovationen. Zu den CEO's  Maria Teresa Scalmana (mitte) und Dottore Mario Roberti, ist über die Jahre ein freundschaftliches Verhältnis entstanden. Foto Carolina Rusche

Das Label Andrea Fenzi ist aus dem SØR Sortiment nicht wegzudenken. Auf die hochwertigen und modischen Strickkollektionen freuen wir uns jede Saison neu und sind immer wieder überrascht über die trendbewussten Innovationen. Zu den CEO’s Maria Teresa Scalmana (Mitte) und Dottore Mario Roberti ist über die Jahre ein freundschaftliches Verhältnis entstanden. Foto Carolina Rusche

 

Zum IMG Member Larry Rosen aus Canada existiert eine jahrzehnte lange Freundschaft. Bereits unsere Väter Egon Rusche und Harry Rosen lernten sich über die IMG kennen.  Foto Carolina Rusche

Zum IMG Mitglied Larry Rosen aus Kanada existiert eine jahrzehntelange Freundschaft. Schon unsere Väter, Egon Rusche und Harry Rosen, lernten sich über die IMG kennen.
Foto Carolina Rusche

Aufgeladen von neuen Trends, guten Gesprächen mit alten Freunden, kulinarischen Verführungen und einer guten zeit mit meiner Familie , verabschiede ich mich von meiner zweiten Heimat und freue mich schon auf meinen nächsten Besuch in bella Milano. Foto Carolina Rusche

Aufgeladen von inspirierenden Eindrücken, neuen Trends, guten Gesprächen mit alten Freunden, kulinarischen Verführungen und einer guten Zeit mit meiner Familie , verabschiede ich mich von meiner zweiten Heimat und freue mich schon auf meinen nächsten Besuch in bella Milano, Ihr Thomas Rusche. Foto Carolina Rusche

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100 Meisterwerke – Teil 16: Alicja Kwade & Jacob Duck

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König Balthasar, Jacob Duck, entstanden zwischen 1628 und 1655,  87 x 68 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

In seinem zielgerichteten Vorwärtsstreben hält der edel gekleidete Mann nur für einen kurzen Moment inne und blickt den Betrachter über seine linke Schulter mit konzentriertem, jedoch nicht ungehaltenem, Gesichtsausdruck an. In Anbetracht der wichtigen Mission, in der sich König Balthasar befindet, ist sein Verhalten jedoch nachvollziehbar. Kostbarste Geschenke wollen er und seine weisen Mitstreiter aus dem Morgenland dem neu geborenen Gottessohn darbringen. So steht es im Matthäusevangelium geschrieben:

Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. Mt 2, 9-11

Caspar, Melchior und Balthasar, wie die weitgereisten Könige der Überlieferung nach heißen, sind nach den Hirten die Nächsten, die das göttliche Kind mit eigenen Augen betrachten dürfen. Sie werden Zeugen eines wahrhaftigen Wunders. 

Noch ist König Balthasar jedoch nicht am Ziel seiner Reise angelangt, umso verständlicher wirkt das ungeduldige Vorwärtsdrängen dieser von Jacob Duck nahezu in Lebensgröße ausgeführten Halbfigur. Eine intensive Spannung liegt in diesem kurzen Moment des Innehaltens, der in barocker Manier an den Betrachter nah herangerückt wird. So nah, dass man die Kostbarkeit aller Materialien erkennen kann. Fest umklammert hält Balthasar den aus schimmerndem Gold gearbeiteten Buckelpokal. Nicht verleugnen kann der Künstler Jacob Duck in der minutiösen Detailverliebtheit der Darstellung dieser Gabe seine vormalige Ausbildung zum Goldschmied. Von einem goldenen Licht durchwirkt scheint aber auch die Kleidung zu sein, mit der der König diesem anderen, neuen König seinen Respekt zollt. Fast haptisch erfahrbar fällt der üppige Stoff des Umhangs über den Arm und füllt damit jene Lücke zwischen Betrachter- und Bildraum nahezu illusionistisch aus. In großzügigem Volumen wechseln sich verschattete Faltenpartien und glänzend gehöhte Erhebungen ab. 

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König Balthasar (Detail), Jacob Duck, entstanden zwischen 1628 und 1655, 87 x 68 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Kontrastreich in ihrer realitätsnahen Altersdarstellung streckt sich unter dem ausladenden Stoff die linke Hand nach vorn. Nicht nur für die formale Struktur des Bildaufbaus ist sie in ihrer Rahmen nachzeichnenden, rechtwinkligen Haltung relevant: sie ist richtungsanzeigend und beschützt mit der latent abwehrenden Geste die teure Gabe in der anderen Hand. Vorsichtig tariert sie zudem die Balance der in ihrem Bewegungsablauf Halt machenden Figur aus. 

Am Handgelenk wird ein Teil des zarten weißen Stoffes sichtbar, der im Brust- und Schulterbereich als fein plissiertes Hemd erkennbar wird, über dem der König eine graue Jacke trägt. Angestrengt und leicht erschöpft wirkt das von einigen Falten und Furchen durchzogene, von einem Vollbart umrahmte, sprechende Männergesicht mit den fragenden Augen. Der ausladende, leicht schräg gedrehte, silbrig weiße Turban auf seinem Haupt wird von einer Zackenkrone bedeckt.

Meisterhaft versteht  es  der in Utrecht geborene Maler, an einer einzigen Figur die gesamte Komplexität einer der schönsten und bekanntesten biblischen Geschichten zu erzählen, wobei das wundersame, lenkende Leuchten des Sterns lediglich durch einen grafischen Lichteinfall angedeutet ist. Nur auf einen König konzentriert und dadurch herausgelöst aus der üblichen Ikonografie der Anbetung des Kindes durch die Hl. Drei Könige, wählt Jacob Duck die größtmögliche Intensität, indem er den Geschichtsablauf sowohl formal als auch inhaltlich bricht. Nicht mehr überhöht und distanziert ist das Geschehen der Anbetung gezeigt, sondern menschlich und nahbar der Moment davor: Aus dem bisweilen fast überirdisch anmutenden Weisen aus dem Morgenland wird ein älterer, leicht angestrengter Mann, der trotz der weiten Reise seine beste Kleidung trägt und mit ängstlicher Entschlossenheit auf das teure Geschenk achtet, das er als Willkommensgruß für das Jesuskind bereithält. Diese einfache Sicht auf das göttliche Wundergeschehen ist das Anrührende an diesem Gemälde. Der luxuriös-elegante Umgang mit den Stofflichkeiten ist hierbei kein Widerspruch, sondern eine anmutige, niederländische Beigabe zu dem von Caravaggio stark inspirierten italienischen Verismus. 

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Alicja Kwade, Kohle, 2006, 77 Kohlebriketts mit 24 Karat vergoldet, Courtesy SØR Rusche Sammlung, Oelde/Berlin

 

Die zeitgenössische Künstlerin Alicja Kwade wählt einen ähnlichen Weg, scheinbar Gegensätzliches miteinander in Verbindung zu bringen. 77 Kohlebriketts mit den handelsüblichen Maßen 5 x 6,8 x 17,3 cm hat sie mit Gold überzogen und auf einem Sockel gestapelt. Erinnert dieses Vorgehen an alchemistische Versuche, aus unedlen Stoffen edle zu machen, war diese Sensation der Luxurierung eines billigen Alltagsgegenstandes durch Gold im Jahr 2006 sogar der  Zeitung Bild einige Zeilen wert. Als „die Frau, die aus Briketts Gold macht“ wurde die Künstlerin damals betitelt. In dieser leicht verfälschenden Aussage steckt der alte Wunsch etwas zu können, was der Mensch bekanntermaßen bis heute nicht vermag: Gold herzustellen. 

In einer Zeit, in der fast alles möglich scheint und sogar der Mensch Konkurrenz bekommt durch künstlich erzeugte Intelligenz in menschlicher Robotergestalt, bleibt die Goldherstellung immer noch Utopie. Und so steht dieses Material wie kein anderes für Seltenheit, Schönheit, Luxus, Wert und Beständigkeit. Gold ist der Inbegriff der Kostbarkeit; eine Tatsache, derer sich bereits Goethe in seinem Faust bewusst war, wenn er schrieb: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles!“ 

Auch Alicja Kwade kann kein Gold erzeugen. Sie nutzt es. Sie legt ironisch den Finger in die alte Wunde der, den Menschen so leicht täuschenden, Oberfläche, die sich in unserem Sprichwort: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ am deutlichsten ausdrückt. Unter der sehr dünnen Goldschicht versteckt sich weiterhin die schmutzige, schwarze, zwar nützliche, aber profane Kohle. Oder spielt der Titel „Kohle“ doch eher auf das umgangssprachliche Synonym für Geld an? Gold, Geld, Kohle ist die sprachliche Klimax, die dem Werk der Künstlerin zugrunde gelegt wird, das kritisch die zeitgenössische, (inhalts)leere Verehrung eines Materials hinterfragt. 

Aber schon unsere Vorfahren setzten sich mit den vielschichtigen Assoziationen auseinander, die diesem Material innewohnen, und erzählten sich Geschichten, in denen Gold das bestimmende Thema war: das goldene Vlies, das die Argonauten versuchten zu finden, das goldene Kalb, das die Israeliten umtanzten, der goldene Apfel, der von Paris an die schönste Göttin überreicht wurde, das erstrebte Gold des Midas, der fast daran zugrunde ging, das Gold, das die Hl. Drei Könige dem Jesuskind überreichten. Bis heute verleihen wir Goldmedaillen an die Besten und sprechen von goldenen Zeitaltern, wenn es uns gut geht. Die Reihe ließe sich beliebig fortführen. 

Die menschliche Faszination hinsichtlich dieser besonderen Materie ist eine hochkomplexe Angelegenheit, da das Gold schon immer beides war: „Die Farbe der Verehrung und das Verehrte selbst.“ 

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König Balthasar, Jacob Duck, entstanden zwischen 1628 und 1655, 87 x 68 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der niederländische Maler Jacob Duck lässt seinen König Balthasar nicht nur einen im Zeitgeschmack des 17. Jahrhunderts gestalteten Pokal aus Gold überreichen, vielmehr taucht er zum Zeichen der Würdigung der biblischen Historie sein ganzes Gemälde in einen feinen, goldenen Schimmer. Welchen ehrfurchtsvolleren, künstlerischen Weg als diesen gäbe es, um das Wunder der Menschwerdung Gottes auszudrücken?

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Literatur:

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 118-122.

Ausst. Kat. Goldrausch. Gegenwartskunst aus, mit oder über Gold. Nürnberg 2012. S. 26.

Kassia St Clair: Die Welt der Farben. Hamburg 2017. S. 98.

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100 Meisterwerke – Teil 15: Leiko Ikemura & Simon Jacobsz de Vlieger

Sturm - 1

Schiffbruch an felsiger Küste, Simon Jacobsz de Vlieger, um 1630, 26,5 x 38,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Die Szenerie gleicht einem Albtraum. Starr und unbeweglich ragen im tobenden Chaos der Wellen mittig zwei Felsen turmartig empor. Für ein Schiff war das Aufeinandertreffen mit diesen Klippenausläufern Schicksal entscheidend. Der ehemals stolze Dreimaster versinkt in den vom Wind hochgepeitschten Wassermassen. Die Reste der zerfetzten Segel zeugen von den Gewalten, denen das Schiff und seine Besatzung ausgesetzt sind. Ein Teil der Mannschaft konnte sich in ein kleines Boot retten, das sich bereits auf dem Weg aus dem nassen Inferno befindet. Auch wenn es sich nicht mehr in unmittelbarer Nähe der Felsen befindet, so scheint es doch den Naturgewalten völlig ausgeliefert. Beklommen stellt man sich die Frage, wie das kleine, überfüllte Boot diesem Sturm trotzen sollte, wenn es der Dreimaster schon nicht vermocht hatte.

Nicht alle jedoch konnten das vorläufig rettende Boot erreichen. Im Wasser treiben Menschen, die sich an einen Balken klammern,  sowie weitere Bruchstücke des zerschellten Schiffes. Im rechten Bildhintergrund wird ein anderes Schiff erkennbar, von dem man nur hoffen kann, dass es den Weg ins offene Meer, weg von den tückischen Klippen, finden mag. Ein drittes erscheint nur mehr schemenhaft und undeutlich, am Horizont kaum wahrnehmbar.

Der im Meer versinkende Überseefrachter segelte unter niederländischer Flagge. Bis zu 1000 Tonnen konnten solche Schiffe über die Ozeane befördern. Der Handel mit kostbarer Ware aus fernen Ländern rund um den Globus war die Grundlage der wirtschaftlich herausragenden Lage Hollands im 17. Jahrhunderts. Der Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten wiederum war die Voraussetzung für die Entwicklung eines Kunstmarktes, der seinesgleichen in Europa suchte. Um die 5 Millionen Bilder sollen nach heutigen Schätzungen in den rund hundert Jahren innerhalb der acht niederländischen Provinzen entstanden sein. 

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Schiffbruch an felsiger Küste, Simon Jacobsz de Vlieger, um 1630, 26,5 x 38,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Meist behandelten die Künstler in ihren Gemälden Themen, die sich mit der unmittelbaren Lebenswelt der Betrachter, und damit der Käufer, beschäftigten. Neben der Genremalerei waren Stillleben und Landschaften, die die nahe Umgebung zeigten, besonders gefragt. Beliebt waren auch Seestücke, weil sie die Grundlage des Reichtums Hollands zum Bildinhalt erhoben. Anders als die prunkvollen Stillleben dieser Zeit, die in ihrer schwelgenden Fülle den nun möglichen Luxus zeigen, verdeutlichen Gemälde wie der „Schiffbruch vor felsiger Küste“ von Simon Jacobsz de Vlieger aus den 1630er Jahren, auf welch risikoreichem, zum Teil sogar lebensgefährlichem Unterfangen der niederländische Wohlstand basierte. Ein einziger Sturm konnte den Untergang einer ganzen Handelsfirma bedeuten.

Obwohl der Künstler dem Betrachter genau einen solch hochdramatischen Moment vor Augen stellt, wählt er dafür sparsamste koloristische Mittel. Das Unheil offenbart sich in einer nuancierten Vielfalt unzähliger Graustufen. 

Sowohl die vorne am Bildrand stürmenden Wellen als auch die dagegenhaltenden Felsen sind von tiefdunklem Grau. Von hell leuchtender Gischt umspült, deren Schaumkronen durch den pastosen Farbauftrag nahezu haptisch spürbar werden, erheben sich dadurch besonders prononciert die beiden zentralen Felsen weit über die Horizontlinie hinaus. In den weißen Schaumkronen gefangen, nimmt das zweite der Schiffe bereits eine bedrohliche Schieflage ein. Die auffliegende Gischt lässt den Betrachter diesen Dreimaster jedoch nur wie durch einen dichten hellen Nebelschleier wahrnehmen, der in das milchige Hellgrau des Himmels überzugehen scheint. Der Himmel ist bedeckt gehalten, lediglich auf der linken Seite zieht dräuend eine weitere dunkle Sturmwolke herbei.

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Floating Face in Blue Sky, 2011, Öl aufJute/Oil on jute, 80 x 110 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Von dräuendem Unheil erzählt das Gemälde „Floating Face in Blue Sky“ aus dem Jahre 2011 der japanisch-schweizerischen Künstlerin Leiko Ikemura nicht. Es scheint vielmehr auf den ersten Blick einem Traum entsprungen. Über dem tiefgezogenen Horizont, der darunter nur sehr ansatzweise eine leicht geschwungene Küstenlandschaft in Ocker und Grün erkennen lässt, ergießen sich die Blautöne der Himmelssphäre fließend und sanft. In dieses unendliche Blau hineingeschmiegt, schläft ruhig ein menschliches Gesicht. Die Augen hat es geschlossen und ist in völliger Vertrautheit in diese himmlische Sphäre gebettet. Sacht liegt die Wange leicht oberhalb der Horizontlinie auf. Augen, Mund und Nase sind dunkel akzentuiert, die Rundung des Hauptes ist mit einer starken Aufhellung des gleichen erdigen Ockertons wie unterhalb des Horizonts gezeichnet.  

Der Zeitlichkeit entzogen, ähnelt diese Kombination aus Landschaft und menschlichem Gesicht einem Traumbild. Das schlummernde Antlitz als pars pro toto für das Menschliche an sich, das sich in grenzenloser Vertrautheit völlig in die Natur einwebt, erscheint wie ein radikaler Gegenentwurf zu dem holländischen Seestück. 

Der Maler des 17. Jahrhunderts erzählt die Geschichte eines Abkommens zwischen Mensch und Natur. Die Meere sind als schnelle Transportwege die Basis des Fernhandels. Der Mensch nutzt sie und ist auf sie angewiesen. Im Falle eines glücklichen Ausgangs durch hohe Gewinne belohnt, wird er dieses Vabanquespiel immer wieder eingehen, wohl wissend, dass er im stürmischen, nicht kalkulierbaren Ernstfall stets der Unterlegene ist. 

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Schiffbruch an felsiger Küste, Simon Jacobsz de Vlieger, um 1630, 26,5 x 38,5 cm, Öl auf Holz, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Unmissverständlich thematisiert Vlieger innerhalb seiner Komposition bereits in den Größenverhältnissen von Meer und Mensch die Machtverteilung dieses ungleichen Kampfes. 

Kein Gegeneinander, sondern ein auch größenmäßig ausgewogenes Ineinander zeigt hingegen die Künstlerin Ikemura, die davon überzeugt ist, dass es „ein klares Bedürfnis der Welt ist, die Seele und den Kosmos zu verbinden.“ Schwer zu sagen, ob hier der Mensch zu einem Teil der Natur wird oder die Natur anthropomorphe Formen annimmt. Die Frage stellt sich nicht. Sie sind eins. Ebenso wenig kämen einem Begriffe wie Risiko, Handel, Gewinnstreben oder Kampf im Zusammenhang mit dem Gemälde der Künstlerin in den Sinn. Wie utopisch schön erschiene uns heute hinsichtlich Klimagipfeln, Erderwärmung, Ausbeutung der Bodenschätze und massiver Naturverletzung ein menschliches Verständnis von Natur, das statt vom Gefühl des Gegeneinanders vom Miteinander geprägt wäre und dem Menschen statt der Angst vor dem nächsten albtraumhaften Jahrhunderthurrikan wieder ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln würde. 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Landschaften und Seestücke. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2001. S. 286-289.

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120 Jahre Mode und Kunst – Der 125. SØR Kunstgang in Hamburg

Seit 120 Jahren verbindet SØR erfolgreich die Mode mit der Kunst. Die SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin feierte dieses Jubiläum mit einem exklusiven Event in Hamburg. Der 125. Kunstgang mit SØR Inhaber und Kunstsammler Thomas Rusche, startete im Bucerius Kunstforum am Hamburger Rathausplatz. Direktor Prof. Dr. Franz-Wilhelm Kaiser führte durch die von ihm kuratierte Ausstellung ,,Die Geburt des Kunstmarktes. Rembrandt, Ruisdael, van Goyen und die Künstler des Goldenen Zeitalters” in der zahlreiche Leihgaben der SØR  Rusche Sammlung Oelde/Berlin zu sehen sind. Anschließend ging es in den SØR Flagshipstore Neuer Wall 50.  Nach einer kleinen Führung durch die kuratierten Räume, begann Thomas Rusche mit der Talkrunde über den Kunstmarkt des 21. Jahrhunderts. Mit Christiane Gräfin zu Rantzau (Chairman Christie’s Germany & European Director) und Prof. Dr. Franz-Wilhelm Kaiser (Direktor des Bucerius Kunstforums) standen ihm zwei eloquente Experten zur Seite. Das Gespräch wurde zu einem spannenden Schlagabtausch zwischen den Rednern und dem Publikum.

Prof. Dr. Franz-Wilhelm Kaiser führt die SØR Gäste exklusiv durch seinen Ausstellung ,, '' im Bucerius Kunstforum

Prof. Dr. Franz-Wilhelm Kaiser führt die SØR Gäste exklusiv durch seinen Ausstellung ,,Die Geburt des Kunstmarktes. Rembrandt, Ruisdael, van Goyen und die Künstler des Goldenen Zeitalters ” im Bucerius Kunstforum

SØR Inhaber und Kunstsammler Thomas Rusche erläutert den Gästen das Fundament der der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin - Niederländische Meister des 17. Jahrhunderts.

SØR Inhaber und Kunstsammler Thomas Rusche erläutert den Gästen das Fundament der der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin – Niederländische Meister des 17. Jahrhunderts.

Die Experten im Gespräch: Christiane Gräfin zu Rantzau (Chairman Christie's Germany), Prof. Dr. Franz-Wilhelm Kaiser (Direktor des Bucerius Kunstforums) und Thomas Rusche, diskutieren über die Entwicklung des Kunstmarktes im 21. Jahrhundert.

Die Experten im Gespräch: Christiane Gräfin zu Rantzau (Chairman Christie’s Germany), Prof. Dr. Franz-Wilhelm Kaiser (Direktor des Bucerius Kunstforums) und Thomas Rusche, diskutieren über die Entwicklung des Kunstmarktes im 21. Jahrhundert.

Die ca. 50 Gäste  waren ein interessiertes Publikum bestehend aus SØR Kunden und Kunstliebhabern.

Die ca. 50 Gäste waren ein interessiertes Publikum, bestehend aus SØR Kunden und Kunstliebhabern.

Geradezu energetisch erzählte Christie's Chairman  Christiane Gräfin zu Rantzau von den kommenden Highlights des großen Auktionshauses.

Geradezu energetisch erzählte Christie’s Chairman Christiane Gräfin zu Rantzau von den kommenden Highlights des großen Auktionshauses.

Frau Reit und ihr Team vom SØR Store Neuer Wall versorgten die Gäste mit köstlichen Drinks und Fingerfood.

Frau Reit (rechts) und ihr Team vom SØR Store Neuer Wall versorgten die Gäste mit köstlichen Drinks und Fingerfood.

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Thomas Rusche empfiehlt – Die SØR Woman Highlights für den Winter

Seit 120 Jahren verbindet SØR die Mode mit der Kunst! Pullover von Herzensangelegenheit, Strickjacke von Herzensangelegenheit, Hose von Seductive, Tasche von Abro, Blusen von Herzensangelegenheit, Schalo von 813 Ottotredici , Mützen von Yippie Hippie. Foto, Lars Beusker

Seit 120 Jahren verbindet SØR die Mode mit der Kunst! Pullover von Herzensangelegenheit, Strickjacke von Herzensangelegenheit, Hose von Seductive, Tasche von Abro, Blusen von Herzensangelegenheit, Schalo von 813 Ottotredici , Mützen von Yippie Hippie. Foto, Lars Beusker

Wir feiern 120 Jahre Kunst und Mode. Warum? Weil bereits 1897 der erste Grundstein unseres Unternehmens gelegt wurde und seitdem Kunstgenuss und Sammlertätigkeit zum SØR-Kosmos gehören – von Alten Meistern bis zur Gegenwartsmalerei. Diese prägenden Strömungen spiegeln sich auch in den SØR-Kollektionen wieder: Barock & Pop heißt das Motto der Winter-Saison!

Steffen Schraut verbindet in diesem Entwurf den angesagten 60ies Style mit schlichter Eleganz. Einen besonderen Pfiff verleihen diesem wunderbaren Piece der mit Strasssteinen besetzte abnehmbare Kragen und die Manschetten. Mit einer blauen Seidenbluse im Viktorianischen Look drunter, erlangt man tagsüber einen schicken Business-Style. Am Abend verwandelt sich das Kleid, dank des glamourösen Umlege-Kragens, in ein perfektes Party-Outfit. Kleid und Seidenbluse von Steffen Schraut. Foto Lars Beusker

Steffen Schraut verbindet in diesem Entwurf den angesagten 60ies Style mit schlichter Eleganz. Einen besonderen Pfiff verleihen diesem wunderbaren Piece der mit Strasssteinen besetzte abnehmbare Kragen und die Manschetten. Mit einer blauen Seidenbluse im Viktorianischen Look drunter, erlangt man tagsüber einen schicken Business-Style. Am Abend verwandelt sich das Kleid, dank des glamourösen Umlege-Kragens, in ein perfektes Party-Outfit. Kleid und Seidenbluse von Steffen Schraut. Foto Lars Beusker

Die Achtziger sind zurück! Aber keine Sorge. Wir lassen nur die geschmackvollen Highlights dieser exzentrischen Dekade aufleben: mit unbeschwerter Disco-Attitude tanzen sich farbenfrohe Ringel, grafische Retro-Muster und Weltall-Prints in Ihren Kleiderschrank. Let’s Party!

Ein Muster kommt selten allein! Bunte Sterne und wilde Paisleys blitzen jetzt gemeinsam unter Mänteln hervor. Witzige Mützen setzen coole Akzente. Hose von Cambio Code: 717406, Pullover von Frogbox Web-Code: 717207, SØR Bluse, Web-Code: 717329, Mantel, Schneiders, Mütze von Yippie Hippie, Web-Code:717248

Ein Muster kommt selten allein! Bunte Sterne und wilde Paisleys blitzen jetzt gemeinsam unter Mänteln hervor. Witzige Mützen setzen coole Akzente. Hose von Cambio, Pullover von Frogbox, SØR Bluse, Mantel, Schneiders, Mütze von Yippie Hippie. Foto Lars Beusker

Herzen, rote Kussmünder, erblühte Rosen: Symbole der Liebe sind in diesem Winter fester Bestandteil im Repertoire internationaler Designer. Mit fantasievollen Kreationen feiern High-End-Labels wie SØR, Cambio, Il mondo è mio das schönste aller Gefühle. Auf femininen Blusen, feinsten Fulards, Cardigans und Hosen spiegeln signalrote Akzente unsere romantische Ader wieder. Dazu spenden ultrasofte, schmeichelnde Materialien wie feinstes Kaschmir, Merino, Seide und fließende Viskose Behaglichkeit, Sicherheit und Zuversicht. Gerade, wenn sich das Tageslicht schon am späten Nachmittag verabschiedet, stillen die herzerwärmenden Looks unser Liebesbedürfnis.

Elegante Bluse in Tunika-Passform mit Schluppe für Damen der Marke SØR. Der stylische Alloverprint mit den roten Kussmündern macht die Bluse zu einem echtem Hingucker und passt super zu unifarbenen Stoffhosen oder Röcken. Außergewöhlicher, dezenter Glanz macht Seide zu einem luxuriösen, leger fallendem Stoff, der den Wert und die Beständigkeit dieser Bluse ausmacht. Foto, Lars Beusker

Elegante Bluse in Tunika-Passform mit Schluppe für Damen der Marke SØR. Der stylische Alloverprint mit den roten Kussmündern macht die Bluse zu einem echtem Hingucker und passt super zu unifarbenen Stoffhosen oder Röcken. Außergewöhlicher, dezenter Glanz macht Seide zu einem luxuriösen, leger fallendem Stoff, der den Wert und die Beständigkeit dieser Bluse ausmacht. Foto, Lars Beusker

Sportliche Steg-Hosen zum eleganten Abendmantel? Athleisure und Luxus sind das schönste Mode-Duo der Saison. Mit dynamischen Streifen und üppigen Volants, bequemem Jersey und edlem Bouclé geht’s geradewegs rauf aufs Siegertreppchen!

Das Modestatement der Saison: Athleisure Chic! Hose von Cambio, Tasche von Abro, Gehrock von SØR, Blusen von van Laack und Le Sarte Pettegole. Foto, Lars Beusker

Das Modestatement der Saison: Athleisure Chic!
Hose von Cambio, Tasche von Abro, Gehrock von SØR, Blusen von van Laack und Le Sarte Pettegole. Foto, Lars Beusker

Großartige Handwerklichkeit, von traditionsreichen Marken über Generationen bewahrt, trifft auf junge, innovative Labels. Das Achtziger-Revival macht die dunkle Jahreszeit bunter. Jeans mit Patches, Slogan-Shirts und Herz-Symbole feiern ein Comeback. Athleisure-Wear frischt Abendmode auf. Starke Statements sind Trend – vom schicken Uniform-Look bis zu Rosen auf Samt und Jersey. Die Mode bleibt wertig und zeigt dabei ihre neuen unkonventionellen Seiten. Wir finden: der perfekte Mix! 

Thomas Rusche wünscht Ihnen einen stilvollen Winter und eine behagliche Vorweihnachtszeit! Foto, Lars Beusker

Thomas Rusche wünscht Ihnen einen stilvollen Winter und eine behagliche Vorweihnachtszeit! Foto, Lars Beusker

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100 Meisterwerke – Teil 14: James Lloyd & David Teniers d. J.

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Teniers d. J., David, Susanna und die beiden Alten (Dan. 13) nach Guido Reni, um 1655-1660 17,5 x 23 cm, Öl auf Holz

Die Geschichte aus dem apokryphen Buch Daniel gilt in der Justizwissenschaft noch heute als ein Paradebeispiel für die Effizienz der getrennten Zeugenbefragung. Susanna, eine ebenso schöne wie gottesfürchtige junge Frau, gerät ins Blickfeld zweier alter Männer, die täglich im Hause ihres Ehemannes Joachim verkehren. Zu Beginn noch zurückhaltend und sich mit der Betrachtung der anmutigen Weiblichkeit begnügend, wächst beider Verlangen, sich Susanna auch physisch zu nähern. Eines Tages scheint die Gelegenheit günstig: Aufgrund der Hitze des Tages beschließt Susanna, im weitläufigen Garten ihres Anwesens ein Bad zu nehmen. Zu diesem Zwecke schickt sie ihre Dienerinnen, die sie gewöhnlich aus Schicklichkeitsgründen begleiten, ins Haus, um die benötigten Badeutensilien zu holen und die Gartenpforte zu verriegeln. 

Die beiden Alten halten sich versteckt, bis Susanna alleine ist. Sie nähern sich ihr, bedrängen die durch ihre Nacktheit Hilflose und drohen, falls sie ihnen nicht zu Willen sei, ihr öffentlich Ehebruch mit einem jungen Mann anzulasten. Susanna jedoch lässt sich nicht einschüchtern, schreit vielmehr aus Leibeskräften. Die beiden Männer machen nun ihre Drohung wahr und bezichtigen die junge Frau des Ehebruchs, auf den die Todesstrafe steht. Daniel, Zeuge dieses Geschehens, fordert vor der Vollstreckung des Urteils eine getrennte Zeugenbefragung der Ankläger. Auf die Frage hin, unter welchem Baum denn Susanna ihren jungen Liebhaber empfangen hätte, antworte der eine, dass dies unter einer Zeder geschehen sei, der andere jedoch, dass es eine Eiche gewesen sei. Der Beweis war erbracht, dass die Frau zu Unrecht beschuldigt worden war. Das ursprünglich für Susanna gesprochene Urteil erwartete nun ihre Widersacher. 

(Daniel 13,1-64)

Selten hat ein apokrypher Stoff die Maler aller Epochen so intensiv beschäftigt wie diese Geschichte. Sicher liegt einer der Gründe in der zwingenden Notwendigkeit, unverhohlen nackte weibliche Schönheit abzubilden, um dem Inhalt der Erzählung gerecht werden zu können. Für die feinen Nuancen der an unterschiedlichen menschlichen Regungen reichen Erzählung hatten aber anscheinend die Künstler des Barock ein besonderes Faible. Während die Susanna Antonis van Dycks in ihrem zornigen Ingrimm ihren Peinigern in nichts nachsteht und sich tatkräftig wehrt, schuf beispielsweise Rembrandt ein Bild von subtiler Stille. Lediglich ein leises Rascheln der Blätter, verursacht von den beiden lauernden, noch versteckten Männern, lässt seiner aufhorchenden Susanna den ersten Schauer einer für sie noch nicht bestimmbaren Gefahr über den weißen Rücken jagen.

David Teniers d. J. ist mit der um das Jahr 1640 entstandenen Ölskizze „Susanna und die beiden Alten,“ die sich wiederum an einem heute verschollenen Werk des römischen Barockmalers Guido Reni orientiert, also in bester Gesellschaft. Teniers d. J., der neben Rubens, van Dyck und Jordaens berühmteste Maler des flämischen Barock, zeigt Susanna in der denkbar prekärsten Lage: Völlig entkleidet steht sie mit einem Fuß bereits im Bassin, das rechts von einem fratzenähnlichen Wasserspeier gefüllt wird. Die natürliche Bewegungsrichtung, um sich nun gänzlich ins kühle Nass zu begeben, wurde abrupt durch das massive Eindringen der beiden Männer in diese intime Sphäre unterbrochen und in die andere Richtung umgelenkt. Statt den anderen Fuß ebenfalls ins Wasser zu setzen, hat sie diesen nun auf die kleine Stufe am Beckenrand gestellt. Um gänzlich wieder aus dem Wasser zu steigen, fehlt es jedoch an Platz. Ein weiteres Hindernis stellt die halbrunde Balustrade dar, gegen die Susanna drängt. Sie bietet zwar den einzig verbliebenen Schutz vor einem physischen Zusammentreffen mit den Männern, ist aber zugleich auch eine Fluchtbarriere. Die Lage ist aussichtlos.

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Teniers d. J., David, Susanna und die beiden Alten (Dan. 13) nach Guido Reni (Detail), um 1655-1660 17,5 x 23 cm, Öl auf Holz

Aufdringlich in Gestik und Mimik sind die beiden Alten ihr bereits viel zu nahe gerückt. Während sich der Linke augenscheinlich in der Darlegung ihrer misslichen Situation gefällt, hebt der Turbanträger mit furchteinflößendem Gesicht beschwörend seinen linken Zeigefinger an den Mund, während er mit der anderen Hand das weiße Tuch festhält, mittels dessen Susanna versucht, sich zu bedecken. 

Unangenehm nah werden wir auch als Betrachter an die Szene herangeführt, so nah, dass diese sich nur ausschnitthaft darstellt: Vom Wasserbassin, dem rahmenden Springbrunnen und der am linken Bildrand abgelegten, kostbaren Kleidung ist nur ein Teil zu sehen. 

Im Hintergrund befindet sich, teilweise nur skizzenhaft ausgearbeitet, ein verschatteter Baumbestand, der durch sein dunkles Kolorit vornehmlich als kontrastreiche Folie für den dramatischen Vordergrund dient: Weiß ist das Tuch, mit dem die unschuldige Susanna sich zu bedecken müht. Weiß mit einem leicht goldenen Schimmer leuchtet das  sich an die schönlinigen Kurven des entkleideten Körpers anschmiegende Inkarnat auf. Kleider von sattgelber Farbe? liegen am Beckenrand. In dunkleres Gelb und Rot sind die beiden männlichen Akteure gekleidet. Neben der subtilen Verteilung des Kolorits auf die einzelnen Protagonisten wird die Dramatik der Szene gestisch noch offensichtlicher verdeutlicht: Vier Hände füllen das Zentrum der Komposition. Unbehagen empfindet der Betrachter bei der Vorstellung, an welcher Stelle sich wohl die andere Hand des in Gelb gekleideten Mannes bereits befinden mag. 

Teniers d. J. wählt in seiner Bilderzählung den offensichtlichen Höhepunkt des Geschehens. Susanna befindet sich in der ungünstigsten Lage, um sich der physischen Nachstellungen der beiden Männer zu erwehren. Ihr einziger Ausweg ist in dem Gemälde bereits enthalten. Die Augen erschrocken und weit aufgerissen auf die Männer gerichtet, hat sie den Mund zum Schreien geöffnet, um damit die von den zwei Alten angestrebte Heimlichkeit zunichte zu machen und einer Vergewaltigung zu entgehen. 

Moralisch unangetastet wird Susanna letztendlich aus dieser Geschichte hervorgehen. Kein noch so kleiner Makel bleibt laut der apokryphen Geschichte an ihr haften. Vermutlich war es auch der Zurückgezogenheit des Schauplatzes geschuldet, dass Susanna frei von Anschuldigungen blieb. Wo, wenn nicht in der Privatheit des eigenen Gartens oder der eigenen vier Wände sollte man sich unbefangen geben dürfen?

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Lloyd, James Large Nude 61 x 122 cm

Die Frau in James Lloyds querformatigem Gemälde „Large Nude (Aurore)“ tut das. Sie gibt sich, wie sie ist. Nichts scheint ihr ferner zu sein als sich in irgendeiner Weise mit dem Betrachter befassen zu wollen, geschweige denn sich für ihn zu positionieren. Auf einer einfachen aufklappbaren Pritsche, die lediglich mit einer sehr dünnen, blau bezogenen Matratze bedeckt ist, liegt sie völlig nackt. Ihr Kopf mit dem halblangen braunen Haar ruht auf einem ebenfalls himmelblauen, kleinen Kissen. Leicht erhöht gezeigt, wird ihr Antlitz lediglich im verlorenen Profil sichtbar. Der linke Arm ist über den Rand der Liege hinweg ausgestreckt. Das untere Bein ist leicht angewinkelt, langgestreckt darüber liegt das rechte. In einer ungewöhnlichen Draufsicht, die der niedrigen Höhe dieser Ruhestatt geschuldet ist, schauen wir auf die nackte Rückansicht der Frau. 

Unspektakulär erscheint der Raum, in dem sie sich befindet. Der Boden besteht aus groben Holzdielen mit verblassten Farbspritzern. Darüber läuft ein Kabel bis zu einer Steckdose. Vermutlich ist es das Atelier des Künstlers, in dem provisorisch ein kleines Bett aufgestellt wurde, um sich bei zu langen Arbeitssitzungen etwas ausruhen zu können. 

Anders als in vielen anderen Gemälden des Künstlers, in denen die Modelle mit dem Betrachter kommunizieren, hat sich die Frau von diesem abgewandt und zur Seite gerollt. Auch wenn wir einen kleinen Teil ihres Gesichtes erkennen können, bleibt es ungewiss, ob sie wach ist oder schläft. Entspannt wirkt ihr Körper, unprätentiös in seiner ausgestreckten Langeweile, die formatfüllend ist. Auf eine sehr beiläufige, fast irrelevante Weise nur wirkt er erotisch. Vielleicht ist es die Perspektive, die diesen Eindruck hervorruft, vielleicht ist es ein kleines Detail, wie die nackten Fußsohlen –  Körperteile, die für gewöhnlich auch bei Aktdarstellungen unsichtbar bleiben. Es ist ein vertrauter Blick, der auf diesem Körper ruht, ein Blick, der diesen Körper nicht zum ersten Mal sieht, und dies überträgt sich auf den Betrachter. Normalerweise erwecken Rückansichten Neugier und Begehren, auch die Vorderseite zu erblicken. In diesem Fall jedoch wirkt die Szene so selbstverständlich, dass dies ausbleibt. Und so kann diese Frau ihrem Betrachter vertrauen, sogar so sehr, dass sie ihm den Rücken zuwendet.

Wenig haben die beiden besprochenen Frauenakte aus dem 17. und dem 21. Jahrhundert gemein. Susanna kämpft einen physisch aussichtlosen Kampf um ein Stückchen sie bedeckenden Stoffes und damit ihre Selbstbestimmtheit. Nur aufgrund der Annahme, sich in einem geschützten, weil privaten Raum zu befinden, hat sie sich entkleidet. Wehr- und hilflos macht sie dieser Zustand des Ausgezogenseins, der durch ihre abgelegten Kleider am Bildrand unterstrichen wird. 

Aurore hingegen hat vermutlich seit Stunden keine getragen, zumindest finden wir keinen Verweis innerhalb des Bildes oder Spuren davon auf ihrer Haut. Ihre Nacktheit wirkt in dieser Räumlichkeit völlig natürlich. Sie verlangt nach nichts. Unaufgeregt erscheint ihre bequeme Position auf der Liege, die den Eindruck erweckt, als würde die Zeit still stehen – wie eine Pause von unbestimmter Dauer – ein Dazwischen, das jedoch keinen Verweis auf das Vergangene oder Kommende liefert. Hochdramatisch hingegen inszeniert der Barockmaler den Höhepunkt der Geschichte, in dem er exakt den Moment der Entscheidung Susannas, sich dem Willen der Männer zu widersetzen, dem Betrachter vor Augen führt. 

Seit jeher zieht weibliche Nacktheit Blicke auf sich. Schon immer weckte weibliche Nacktheit Begehren. Der grundlegende Unterschied dieser beiden Bilder ist die Tatsache, ob diese weibliche Nacktheit den Blicken des Betrachters freiwillig preisgegeben wird oder nicht. 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 388-392.

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