100 Meisterwerke – Teil 27: Friederike Walter/Dieter Mammel & Jacob Toorenvliet

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Friederike Walter,100 x 120 cm, Die Ziege im Atelier, teil der gleichnamigen Installation, 2007, Öl auf Leinwand & Mammel, Dieter, Ziege, 2007, 60 x 80 cm, Öl auf Leinwand Atelierinstallation „Die Ziege im Atelier“, Maß: 120 x 400 x 50 cm, Bestehend aus: Hocker, Farbschrank, Tablett, Unterset, Stövchen, Teekanne, Untertasse, Teetasse, Kehrschaufel, Besen, Fleischerhaken, Eimer, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, VG Bildkunst, 2018 Bonn

 

Der vorletzte Monat des Jahres hat bekanntlich nicht den besten Ruf. Grau und vorwinterlich im Erscheinungsbild zeigt sich spätestens jetzt, dass der Sommer endgültig vergangen ist und auch das Jahr sich seinem Ende zuneigt. Die bevorstehende Weihnachtszeit ist jedoch noch zu weit entfernt, die Erinnerung an die letzten warmen Sonnenstrahlen nicht mehr hinlänglich präsent, als dass es dem November gelänge, ein positives Image zu entwickeln. Um nun jedoch nicht in eine kollektive Herbstmelancholie zu verfallen, könnte man eine Methode anwenden, wie es die Künstler Friederike Walter und Dieter Mammel in ihrer Arbeit „Atelierziege“ aus dem Jahr 2007 getan haben: Sie verwandeln schlichtweg den Alltag in Kunst. Ihre Vorgehensweise ist dabei so klug wie einfach.

Sehr gewöhnlichen Alltagsgegenständen wie einer alten Kommode samt Beistellhocker, einem Eimer mit Kerichtbesen und Schaufel sowie einer weißen Kanne mit Teetasse gesellen sie erst einmal einen sehr ungewöhnlichen Gast bei: das Porträt einer Ziege. Ziegen können durchaus ambivalente Assoziationen erwecken. Die einen nutzen diese Tierart, um ihre Mitmenschen durch den Vergleich mit ihr keineswegs schmeichelhaft zu beurteilen; für die anderen sind Ziegen kluge Wesen, die allein schon ob ihrer freundlichen Physiognomie Sympathiepunkte erhalten. Hier darf jeder selbst entscheiden, wie er sich in Anwesenheit dieses Tieres fühlt. Ganzfigurig, in leicht verschwommen-bläulicher Optik, präsentiert sich unsere Ziege formatausfüllend im Bild. Dieter Mammel hat sie gemalt.

Nun könnte diese Zusammenstellung sich in jedem beliebigen Raum befinden, Besen und Schaufel weiterhin zur Benutzung parat stehen, aus dem Geschirr Tee getrunken werden, dem ist aber augenscheinlich nicht so. Jemand hat Gedanken und Hand angelegt, sodass sich die Gegenstände samt Ziegenporträt in die Sphäre der Kunst begeben haben. Monsieur Duchamp lässt grüßen.

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Detail aus: Friederike Walter,100 x 120 cm, Die Ziege im Atelier, teil der gleichnamigen Installation, 2007, Öl auf Leinwand & Mammel, Dieter, Ziege, 2007, 60 x 80 cm, Öl auf Leinwand Atelierinstallation „Die Ziege im Atelier“, Maß: 120 x 400 x 50 cm, Bestehend aus: Hocker, Farbschrank, Tablett, Unterset, Stövchen, Teekanne, Untertasse, Teetasse, Kehrschaufel, Besen, Fleischerhaken, Eimer, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, VG Bildkunst, 2018 Bonn

Friederike Walter und Dieter Mammel haben entschieden, den Beistellhocker und all die anderen Utensilien nicht länger in ihrer funktionsorientierten Gewöhnlichkeit zu belassen, sie stattdessen für ausstellungswürdig zu befinden. Klugerweise lassen sie es aber dabei nicht bewenden. Wäre die Gefahr zu groß, dass der Transformationsprozess nicht erkannt würde?

Dem versierten Kunstkenner und Ausstellungsbesucher hätte die Beigabe eines Ziegengemäldes vermutlich schon genügt, um festzustellen, dass es sich hier nicht mehr länger um die Ansammlung normaler Gebrauchsgegenstände handelt und dieser Hocker nicht mehr länger zum Sitzen taugt. Um jedoch alle Zweifel hinsichtlich der neuen Ausrichtung der Objekte auszuräumen, geht die Künstlerin noch einen Schritt weiter und hält auch diese neue Anordnung von Kommode, Eimer, Hocker und Ziegenbild wiederum in einem Gemälde fest, das nun ebenfalls innerhalb der Installation zu sehen ist. (Für Kuratoren hat dieses Bild noch den unschlagbaren Nebeneffekt über die exakte, vom Künstler gewollte, Ausrichtung bestens informiert zu sein.) Das ursprüngliche Ateliermobiliar ist damit endgültig in die Ebene der Kunst erhoben.

Auch in anderen Bereichen des menschlichen Daseins funktionieren die vielfältigen Arten der Um- und Neukonnotierung. Nicht erst zeitgenössische Persönlichkeitsberater wissen um die Macht der eigenen Beurteilungskraft und raten dementsprechend nicht zwingend die Situation, sondern die eigene Einstellung zu ändern.

Einer der empfindsamsten und klügsten Geister der Zeit um 1800, Novalis, hat dafür den wunderbaren Satz formuliert, der gerade an nebligen Novembertagen gar nicht oft genug zitiert werden kann: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

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Jacob Toorenvliet, Paar beim Wein, zwischen 1676 und 1686, 37,5 x 31,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nun ist aber nicht jeder zum feinsinnigen Romantiker geboren und so kann bisweilen auch die Fähigkeit zur Freude am einfachen Vergnügen hilfreich im Ertragen des Alltags sein. Vermutlich ist das „Paar beim Wein“ von Jacob Toorenvliet eher letzterer Ansicht. Vor einer rundbogig geschlossenen Hauswand hat sich ein Paar auf einfachem, hölzernen Gestühl niedergelassen. Die beiden sind bester Feierstimmung.

Früchte, Wein und eine offenkundige Sympathie der beiden Protagonisten zueinander lassen an das berühmte Terenz Zitat denken: Sine Cerere et baccho friget Venus. Frei übersetzt bedeutet dies: Ohne Essen und Trinken wird es auch mit der Liebe nichts. Dass der Rebensaft der Liebe nicht abträglich ist, wusste man auch in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts sehr genau, weshalb dieser Zusammenhang häufig in Gemälden thematisiert wird, auch wenn der Wein lediglich indirekt Gegenstand unseres Bildes ist. Nur einige wenige Weinranken ragen von oben über das Mauerwerk. Das Glas, das der Mann fröhlich in der Luft schwenkt, ist leer. Vermutlich wurde es von dem Paar gemeinschaftlich schon häufiger ausgetrunken.

Einfach und reduziert zeigt sich das Kolorit des Gemäldes. Fast ein wenig bemüht erscheinen in der Gesamtkomposition die auf dem Tisch verteilten, leuchtend orangefarbenen Melonen und Feigen, die, exakt vor dem Landschaftsausblick arrangiert, weniger zum Verzehr als zur koloristisch-optischen Aufwertung der Szene dienen.

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Jacob Toorenvliet, Paar beim Wein (Detail), zwischen 1676 und 1686, 37,5 x 31,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als nicht ganz subtile Hinweise auf den vermutlichen weiteren Verlauf eines fröhlichen Miteinanders des Paares. Farbe und Form sind zweideutig angelegt, genau wie die Gestik der Frau. Ihr loses aufgeschnürtes Mieder, sowie sein bereits in Unordnung geratenes Unterhemd lassen hingegen wenig gedanklichen Spielraum.

Zahlreich sind die Darstellungen innerhalb der Genremalerei des 17. Jahrhunderts in Holland, die mehr oder minder offensichtlich die derben Vergnügungen einfacher Leute zum Bildgegenstand haben. Vor dieser Zeit waren solche Bilder alles andere als geläufig. Wann wurden jemals vorher die kleinen Freuden der niedrigen Bevölkerungsschichten als bildwürdig angesehen?

Die einmaligen politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und damit einhergehenden kulturellen Verhältnisse in den nördlichen Niederlanden trugen dazu bei, dass in jener Zeit – in anderer Form – etwas Ähnliches geschehen war wie in dem zuvor besprochenen Werk des 21. Jahrhunderts: Der Alltag wurde künstlerisch relevant und bildwürdig. Die Intention des Künstlers sowie die Bereitschaft des Betrachters, sich auf eine außergewöhnliche Form der Rezeption einzulassen, gerieren ein nahbares, weil im eigenen Alltag bekanntes Erleben, jedoch auf künstlerischer Ebene.

„Sogar der Raum einer Nussschale kann uns wichtig werden, wenn wir selbst Fülle des Daseins mitbringen,“ sagt Novalis. Wie man diese Fülle nun definiert, ob subtil-ironisch, romantisch oder derb, das sei jedem selbst überlassen.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.: Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Genre. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1996. S. 242-243.

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Deutsche Standards: SØR wurde wieder aufgenommen in das Werk ,,Marken des Jahrhunderts 2019”

Deutsche_Standards,,Marken brauchen Geschichte. Erst ihre Biografie schafft, was als eines der wichtigsten Ziele einer klugen Markenarbeit angesehen werden muss: Identität und Verankerung im Bewusstsein der Verbraucher. Die ,,Marken des Jahrhunderts 2019”, angelegt als visuell starker, opulent ausgestatteter Bildband, erzählen die Geschichte jener Marken, die als DEUTSCHE STANDARDS Teil unserer Lebenswelt geworden sind.” Diese Vision hat der Herausgeber und Erfinder von Deutsche Standards, Dr. Florian Langenscheidt vor 15 Jahren mit der ersten Ausgabe des Buches ,,Marken des Jahrhunderts” realisiert. Seit 2003 entscheidet ein Kuratorium namhafter Markenexperten aus den Bereichen Medien, Wirtschaft und der Kreativbranche darüber, welche Produkt- und Unternehmensmarken zu den “Marken des Jahrhunderts” gehören. Ausgewählt werden Unternehmen und Produkte, die symbolhaft für ein ganzes Genre stehen oder die Entwicklung einer spezifischen Branche deutlich geprägt haben. Neben Abus, Miele, Persil und Tempo  wurde auch wieder ,,SØR – der Herrenausstatter”  in das Buch ”Marken des Jahrhunderts” gewählt.

SØR - Der Herrenausstatter (Original Artikel aus dem Buch)

Angesichts der großen Veränderungs­ dynamik in den letzten sechs Jahrzehnten ist es erstaunlich, mit welcher Konsequenz sich SØR aus seinen Anfängen als Herren­ ausstatter des deutschen Wirtschafts­ wunders zum bundesweiten Marktführer im Premiumsegment der Kleidungskultur entwickelt hat. Dabei offenbart die traditi­ onsreiche Unternehmensgeschichte, deren Wurzeln über vier Generationen bis ins Jahr 1897 zurückreichen, eine große Kon­ stanz der inneren Werte, die bis heute den genetischen Code des SØR Konzepts bil­ den. Die Welt von SØR hat Seele und Stil – sie vereint Kultur und Luxus zu einem ein­ zigartigen Lebensgefühl. Die Menschen, die SØR machen, sind in ihrer genetischen Struktur verwandt: Sie lieben schöne Kleidung und ziehen Deutschland immer besser an.

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Das SØR Sakko, hier mit Seidenschleife und Einstecktuch. SØR versteht es diesen Klassiker immer wieder aktuell zu transformieren und in Szene zu setzen. Foto, Lars Beusker

Das westfälische Textilunternehmen aus Oelde wird seit vier Generationen mit Sinn für Tradition in die Zukunft geführt. 1911 eröffnete Gründervater Heinrich Rusche das erste Warenhaus, nachdem er zuvor mit der Postkutsche seiner Vorfahren über Land gefahren war, um Handel zu treiben. Die heutige Gestalt des Unterneh­mens entwickelte sich, als 1956 mit Egon und Doris Rusche die dritte Generation ihr erstes SØR Geschäft in Bielefeld eröffnete. Zeitlose Eleganz zeichnet die Kollektionen für Frauen und Männer aus. Ohne kurz­ lebigen Modetrends hinterherzueifern, ist man offen für zeitgemäße Interpretationen bewährter Formen sowie für innovative Technologie. Bewährtes Schneiderhand­ werk, verbunden mit den Errungenschaf­ten, welche die Textilforschung für Ver­arbeitung und Pflege der hochwertigen Materialien bietet: So entstehen zeitlose Klassiker der Bekleidung mit viel Gespür für Kultur und Lifestyle. Das Unterneh­menskonzept erwies sich als so erfolgreich, dass SØR seit 1990 mit seinen heute 60 Niederlassungen von Sylt bis Garmisch dank einer Marktanalyse der renommier­ ten Boston Consulting Group als deutscher Premium-­Marktführer gilt. Der unge­wöhnliche Name, der im Norwegischen Süden bedeutet, ist einem Gedankenblitz von Egon Rusche beim morgendlichen Smørrebrød entsprungen, als er 1967 wegen einer markenrechtlichen Ausein­andersetzung Ersatz für den bis dahin geführten Namen Sir suchte. Die Aus­sprache blieb, und ein einprägsames Schriftbild war außerdem gefunden. Zwei Konstanten zeichnen von Anbeginn das Firmenwachstum aus. Zum einen nutzte man konsequent die Chance, erstklassige Maßschneider und Modehäuser zu akqui­rieren, um nicht zuletzt das Know­how für den eigenen Erfolg zu erweitern. Zugleich setzte man für die SØR Expansion, wie schon mit dem gotischen Crüwell-­Haus in Bielefeld, immer wieder auf historisch bedeutende Gebäude, die zur einzigarti­gen Einkaufsatmosphäre der Fachgeschäf­te beitragen. Naturgemäß strahlt ein Haus, das mit der Kombination von luxuriösen Accessoires und hochwertiger Konfektion seinen eigenen Stil geprägt hat, etwas Exklusives aus. Fern der Hektik und Beliebigkeit gewöhnlicher Einkaufsmeilen, genießen die Kunden ihren Aufenthalt in den SØR Häusern.

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So hat sich SØR in Deutschland zur Insidermarke entwickelt, die von vielen zufriedenen Kundinnen und Kunden weiterempfohlen wird und auch im World Wide Web von sich reden macht. Die Beratungskompetenz der SØR Mitarbeiten­ den erhält in Testkaufstudien regelmäßig Bestnoten. Bemerkenswert ist auch die Anlassvielfalt der SØR Sortimente: Vom Frack für die Oper über den gedeckten Geschäftsanzug bis hin zur innovativen Sportswear beherrscht SØR die Sprache und Regeln der Kleidung. Diese Kompetenz blieb auch den internationalen Fachleuten nicht verborgen, als im Jahre 1987 der heutige Inhaber Thomas Rusche erstmals die Präsidentschaft des Weltverbandes der Herrenausstatter International Menswear Group (IMG) übernahm. Auch über die Grenzen hinaus avanciert das „Kleine SØR­Brevier der Kleidungskultur“, das in mehreren Auflagen und Übersetzungen erschienen ist, zum Handbuch für den anspruchsvollen Mann, der auf allen Schauplätzen dieser Welt gut gekleidet sein will. Das Schönste bei SØR aber ist das herzliche Lächeln der Mitarbeitenden, die jeden Tag ihr Bestes geben, um die Er-  war­tungen der Kunden zu übertreffen.

                         FIRMENNAME                            

SØR Rusche GmbH

KLASSIKER

SØR Blazer (seit 1989)

GRÜNDUNG

1956 in Oelde

GRÜNDER

Doris und Egon Rusche

MITARBEITENDE

300

Details zum Buch:

  • Ausstattung: Druckveredeltes Cover (Spotlackierung auf matter Cellophanierung)
  • Inhalt: 448 Seiten, mit hochwertigen Abbildungen
  • mit Fadenheftung
  • Herausgegeben von Florian Langenscheidt

Bestell-Option: https://shop.zeit.de/detail/index/sArticle/3885

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100 Meisterwerke – Teil 26: Miriam Vlaming & Horatius Paulijn

Miriam Vlaming, Der Dompteur (The Animal Trainer)

Miriam Vlaming, Der Dompteur, 2006, 140 x 160 cm, Egg tempera on canvas, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Still und beherrscht steht der kleine Junge in der Komposition von Miriam Vlaming.

Nahezu mittig ins Zentrum gerückt dominiert das Kind, mit erwachsener Strenge den Betrachter frontal fixierend, das Gemälde. Sein rechtes Bein hat der Knabe über das linke geschlagen, jedoch erzielt diese Körperhaltung ebenso wenig jene Lässigkeit, die normalerweise mit dieser Geste einhergeht, wie der linke kleine Daumen, den er in seinen Gürtel eingehakt hat, dies für gewöhnlich täte.

Diese sich so unkindlich gebärdende Kindergestalt irritiert. Nicht nur aufgrund der Körperhaltung, sondern auch ob des Utensils, das er bei sich trägt und dem das Gemälde vermutlich auch seinen Namen „Dompteur“ zu verdanken hat. Fest von der kleinen Faust umschlossen hält der Junge an seinen Körper angedrückt einen langen schmalen Stab, dessen Spitze vor ihm auf dem Boden aufliegt.

So unverrückbar diese kleine Gestalt, trotz ihrer leichten Neigung nach links, sich gibt, so unsicher ist ihre Standfläche. Die unumstößliche Festigkeit, mit der dieses Kind erscheint, vom fixierenden Blick bis zur uniformhaft anmutenden Kleidung, wird durch seine Umgebung konterkariert.

Nicht auf sicherem Boden steht der Junge, sondern auf einer wasserähnlichen Oberfläche, aus der auch die baumstammähnliche Vegetation des Hintergrundes erwächst. Aufgrund dieser instabilen Fläche haben die kleinen Stiefel keinerlei Bodenhaftung. Wie eine mittelalterliche Gewändefigur, deren Füße ins Nichts treten, entbehrt auch die physische Gestalt des Kindes einer soliden Basis.

Dieser Verrätselung fühlt sich der Betrachter ebenso ausgesetzt, denn das Bild lässt sich auf keiner Rezeptionsebene leicht greifen. So klar und eindeutig jedes Element sich zu Beginn darbietet, so leise entzieht es sich wieder. Nichts ist, wie es scheint. Ein Wald, der dem Wasser entspringt, ein Kind, das sich verhält wie ein Erwachsener, eine Stabilität, die instabil ist, ein Zeitpunkt, der keine Zeitlichkeit in sich trägt.

Miriam Vlaming, Der Dompteur (The Animal Trainer)

Miriam Vlaming, Der Dompteur (Detail), 2006, 140 x 160 cm, Egg tempera on canvas, Courtesy SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Man ist versucht, diese Unsicherheit in Begriffe zu kleiden, die jedoch genauso schnell wieder entschwinden, sowie man sie beim Schreiben in Erwägung gezogen hat. So ist dieses Werk eine erzählende Malerei, die aber dennoch momenthaft ist.

Trotz seiner gegenständlichen Erkennbarkeit lässt das Bild den Betrachter in völliger Freiheit hinsichtlich einer inhaltlichen Interpretation, genauso wie es eine exakte Bestimmbarkeit der Vegetation verweigert. Das aus einer alten Fotografie adaptierte Kinderporträt zeigt die individuellen Züge eines Jungen, dennoch erscheint er durch die zeitliche und räumliche Versetzung aus seiner ursprünglichen Umgebung fast unwirklich.

Aber nicht nur formal und inhaltlich zeichnen sich Miriam Vlamings Bilder durch eine ungewöhnlich kluge und subtile Art der Andersartigkeit aus, auch ihre Technik ist in hohem Maße ungewöhnlich. Die meisten Bilder fertigt die Künstlerin in der traditionsreichen Technik der Eitempera. Dem tatsächlichen Malen geht dabei ein langer, handwerklicher, aber auch meditativer Prozess, wie Miriam Vlaming es selbst bezeichnet, voran. Die Farbe muss erst mühsam und zeitaufwändig hergestellt werden.

Es geht alles durch meine Hand“ sagt Miriam Vlaming über ihre Bilder. Nun könnte man diesen Satz einzig auf den technischen Entstehungsprozess beziehen. Wer aber einmal zusehen durfte, wie die Künstlerin über ihre fertigen Bilder streicht, sie als Realwesen und nicht als „Bilder“ be-greift, der bekommt eine Ahnung davon, was die Malerin mit diesem Satz meint. Sie gesteht ihren Werken Eigenständigkeit zu. Sie setzt sich in einer Art und Weise mit ihnen auseinander, wie sie respektvoller nicht sein könnte. Miriam Vlaming lässt es zu, dass die Gemälde selbst über ihr finales Aussehen zu bestimmen scheinen, was ihnen eine Aufrichtigkeit verleiht, wie man sie nur selten in der zeitgenössischen Kunst findet.

Eine Aufrichtigkeit der anderen Art, die jedoch ähnlich dazu verlockt, das Bild nicht nur mit den Augen wahrzunehmen, ist in der holländischen Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts anzutreffen. Die stoffliche Oberflächenbeschaffenheit der unterschiedlichen Gegenstände ist bisweilen in einer solch perfekten Art und Weise malerisch dargestellt, dass man am liebsten die Hand zu Hilfe nehmen möchte, um sicher zugehen, dass es sich tatsächlich „nur“ um ein Abbild der dinglichen Realwelt handelt.

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Horatius Paulijn, Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus-Büste, um 1676, 50,7 x 38,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

 

Edel, anmutig und stolz hat sich die weiße Marmorbüste der Venus Medici in Horatius Paulijns „Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus –Büste“ ins elegante Profil nach rechts gewandt. In raffinierter Weise gesellt sich zu ihr in opulenter Farbenpracht ganz nah ein Federbusch, sodass er sie fast an der nackten Schulter zu streicheln scheint. Umgeben sind diese beiden Hauptprotagonisten des Stilllebens von allerlei Büchern, Noten, Urkunden, Schriftstücken sowie Musikinstrumenten, die sich auf einem Tisch befinden, der von einem dicken, in großen Falten sich aufwerfenden, ornamentiertem Teppich bedeckt ist. Ausschnitthaft wird dahinter eine würdevolle, von Wandvorlagen und Nischen gegliederteArchitektur sichtbar.

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Horatius Paulijn, Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus-Büste (Detail), um 1676, 50,7 x 38,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Seltsam fremd und unwirklich wirkt die schöne Venus zwischen all den Gegenständen und Utensilien, die die Gegenwart des 17. Jahrhunderts verkörpern und damit auf den zu dieser Zeit so präsenten Vanitas-Gedanken anspielen.

Die Göttin der Liebe und der Schönheit mischt sich zwar ins Leben – kompositorisch scheint es in diesem Gemälde, als hätte sie ihren eigentlichen Platz in der leeren Nische hinter dem Tisch und sei nur kurzzeitig auf diesen gestellt worden-, in ihrer zeitlosen Funktion steht sie jedoch über all den vergänglichen Vergnügungen und Objekten.

Wie so häufig innerhalb der holländischen Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts lässt sich dieses Gemälde auf unterschiedliche Weisen lesen, ohne dass eine davon ein Anrecht auf ihre Richtigkeit erheben könnte. In brillanter Technik ausgeführt ist dieses Gemälde ein wahrer Augenschmaus, wie er delikater nicht sein könnte. Meisterhaft arrangiert und ausbalanciert erscheint die Komposition im Raum. Sanft ausgeleuchtet ergeben allein die fein ausgesuchten und zueinander in virtuosem Kontrast gestellten Farben ein beglückendes optisches Schauspiel. Über die so ins Bild gezogenen Blicke werden auch die anderen Sinne angesprochen: Der so schnell verflogene Klang der Musikinstrumente, das Klimpern der Siegel, der Geruch des Papiers, die zarte Flauschigkeit der bunten Straußenfedern neben dem kühlen, glatten Marmor; all diese Eindrücke kann der Betrachter auf einer rein sinnlichen Ebene wahrnehmen.

Ginge man einen Schritt weiter, rückten inhaltliche Fragen in den Vordergrund. Wendet sich die schöne, aus unvergänglichem Stein gehauene Venus tatsächlich von all dem flüchtigen Tand ab oder kommentiert sie das alltägliche Treiben, die Musik, die Literatur, die schönen Dinge um sich herum nicht doch mit einem wohlwollenden Lächeln, das anzeigt, dass die Liebe eben doch stets dazu gehört und der eigentliche Mittelpunkt von allem ist?

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Horatius Paulijn, Stillleben mit Musikinstrumenten und Venus-Büste (Detail), um 1676, 50,7 x 38,5 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

 

 Die einer antiken Statue nachgebildete Venus hat ihren Platz eingenommen in dieser arrangierten Unordnung des holländischen Goldenden Zeitalters, in die sie auf den ersten Blick nicht gehört; ähnlich dem kleinen, einer alten Fotografie entsprungenen Jungen, der sich nun in einem zeitgenössischen Gemälde wiederfindet. Beide schaffen sie sich durch ihre selbstbewusste Präsenz Raum in einer Umgebung, die nicht für sie gemacht scheint.

Sie erzeugen einen Widerspruch, der jedoch keiner sein muss, je nachdem wie man die Bilder lesen möchte. Die Bereitschaft, sich auf Kunst einzulassen, die Fragen stellt, die nicht sofort, vielleicht sogar nie beantwortet werden, ist eine Herausforderung, der sich der Betrachter stellen kann. Dann wird er erkennen, dass die Freiheit der Rezeptionsmöglichkeiten eines der wichtigsten verbindenden Merkmale großer Kunst ist.

PS: Im Zuge meiner Kuratorentätigkeit für die Ausstellung „Gute Kunst? Wollen!“ im Jahr 2015 auf dem AEG Areal in Nürnberg begegnete ich dem „Dompteur“ von Miriam Vlaming zum ersten Mal. Ähnlich wie die Künstlerin von einigen ihrer Bilder sagt, sie würden ihr Aussehen selbst bestimmen, konnte ich mich damals des Eindruckes nicht erwehren, dass der kleine Junge sich seinen Platz in der Ausstellungshalle selbst ausgesucht hatte: im Zentrum einer Schar von Tierbildern, die allesamt sich der unaufgeregten Strenge des kindlichen Dompteurs beugte.

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Miriam Vlamings Einzelausstellung „Anderszeit“ ist vom 14.09. – 10.11. in der Galerie Von&Von in Nürnberg zu sehen.

 

www.galerie-vonundvon.de

www.miriamvlaming.de

Vor Tür und Wand“ ein Film über Miriam Vlaming von Manuel Dorn:

https://www.youtube.com/watch?v=j2CFJ28FV8w

https://www.youtube.com/watch?v=y7baJ2M3Ens

 

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Stilleben und Tierstücke. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 2004. S. 190-193.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

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100 Meisterwerke – Teil 25: David Schnell & Jan Josephsz. van Goyens

 

Van Goyen, Jan Josephsz, „Dorflandschaft mit gotischer Kirche“, 1654, Öl auf Holz, 42,5 x 56, 7 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung  Oelde/Berlin

Van Goyen, Jan Josephsz, „Dorflandschaft mit gotischer Kirche“, 1654, Öl auf Holz, 42,5 x 56, 7 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Friedlich geht es zu in Jan Josephsz. van Goyens Gemälde „Dorflandschaft mit gotischer Kirche“. Unter einem lichten, von weißen Wolken überzogenenhellblauen Sommerhimmel verrichten die Menschen im Schatten einer gotischen Kirche, die auf einer nur sanft ansteigenden Anhöhe errichtet ist, ihre Tätigkeiten.

Nah an den Betrachter herangerückt ist die in warmen Erdtönen gehaltene Bodenzone feingliedrig ausgestaltet. Eine Rinderherde stillt ihren Durst im seichten Wasser. Kleine Gruppen von Männern, Frauen und Kindern sowie ein Reiter in der rechten Bildhälfte leiten über zum Mittelgrund der Komposition. Hier befinden sich die einfachen Behausungen der Dorfbewohner, schiefgiebelig und eng aneinander gebaut. Dahinter erhebt sich auf dem kleinen Hügel, leicht nach rechts versetzt, die von zarten, hellgrünen Bäumen umstandene Kirche.

Die tiefangesetzte Horizontlinie ist nur am linken Bildrand in einer leichten sfumatohaften Verblauung erkennbar. Der weite Himmel wird nicht als leere Fläche, sondern als Raumkontinuum geschildert, erkennbar an den in der Luft fliegenden Vögeln. Vielgestaltig ragen die Silhouetten der Bäume und des Kirchdaches mit zarter Kontur in die lichte Höhe hinein und schaffen damit auch farblich einen Übergang zwischen der dunklen Erden- und der hellen Himmelzone.

Mit großer koloristischer Eleganz ohne dramatische Effekte zeigt Jan van Goyen die Schönheit seiner Heimat. Selbstverständlich war dieses Vorgehen in keiner Hinsicht. Erst im Laufe des 16. Jahrhunderts hat sich die Landschaftsmalerei langsam von einer Hintergrundfolie zur autonomen Bildgattung emanzipiert. Um als bildwürdig zu gelten, handelte es sich dabei jedoch meist um ideale oder heroische und mit historischen oder mythologischen Staffagefiguren bereicherte Kompositionen.

Auch die Landschaftsmalerei gehört somit zu den Gattungen, die im 17. Jahrhundert in den nördlichen Niederlanden nicht nur einen rasanten Aufschwung verzeichnen konnte, sondern sich hier, im Unterschied zu den anderen europäischen Kunstregionen, eigenständig und innovativ definiert hat. Landschaften, die der Betrachter aus seiner nächsten Umgebung kannte, gemalt in einer Art und Weise, wie man sie vom nachmittäglichen Spaziergang her kannte, waren neu und ungewöhnlich. „Die Aufwertung der niederländischen Küsten-, Wald-, Dorf-und Weidelandschaft zum eigenständigen Thema der Malerei gerade bei den holländischen Malern des frühen 17. Jahrhunderts wird zurecht als Ausdruck des Stolzes auf die von spanischer Fremdherrschaft befreite Heimat angesehen.“ Wobei dieses Unterfangen keineswegs leicht zu meistern gewesen war. Fehlte der holländischen Landschaft doch genau das, was eine Naturdarstellung für gewöhnlich auch nach künstlerischen Maßstäben bildwürdig machte: SpektakuläreWetterphänomene oder topografische Besonderheiten sucht man bis heute in der holländischen wolkenverhangenen Flachlandschaft meist vergeblich.

Van Goyen, Jan Josephsz, „Dorflandschaft mit gotischer Kirche“, 1654, Öl auf Holz, 42,5 x 56, 7 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Van Goyen, Jan Josephsz, „Dorflandschaft mit gotischer Kirche“ (Detail), 1654, Öl auf Holz, 42,5 x 56, 7 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der Nachfrage tat diese Einfachheit der Bilder keinen Abbruch. Sie stieg vielmehr im Lauf des 17. Jahrhunderts so sehr, dass viele Maler unterschiedliche Methoden der Rationalisierung perfektionierten, um den Markt bedienen zu können. Samuel van Hoogstraten berichtet aus der zeitgenössischen Kunstszene von 1678 in der Manier antiker Künstlerwettstreite, nach welchen die Größe eines Künstlers sich im Konkurrenzkampf mit anderen Großen zeigt, auchund gerade auf dem Felde der malerischen Ökonomie:

„Ich muss Euch von einem Wettstreit dreier besonders begabter Maler erzählen. Zu Beginn dieses Jahrhunderts waren die Wände in Holland noch nicht so dicht mit Gemälden behangen wie heute. Dieser Brauch setzte sich aber täglich mehr und mehr durch, was etliche Maler tüchtig dazu anspornte, sich das Schnellmalen anzugewöhnen, um möglichst jeden Tag ein Bild kleinen oder großen Formats herzustellen. Auf der Suche nach Gewinn und Ruhm schlossen die drei die Wette, an einem Tag, solange die Sonne schien, ein Stück zu malen, das an Güte und Wert die anderen übertreffen sollte.“

Einer der drei Kandidaten war Jan van Goyen, „der auf ganz andere Weise zu Werk ging, indem er nämlich seine ganze Tafel zunächst einmal grob vollschmierte, hier hell, dort dunkel, mehr oder weniger wie ein gestreifter und gefleckter Achat oder wie marmoriertes Papier. Und dann begann er darin allerlei kleine Motive zu suchen, die er mit wenig Mühe und vielen kleinen Tupfen sichtbar machte (…).“

Das Ergebnis dessen, was Hoogstraten hier beschreibt, gilt vielen heute als der Inbegriff einer gelungenen holländischen Landschaftsmalerei. Jan van Goyen ist der Hauptvertreter dieser tonalen Malerei, deren Farbpalette bewusst begrenzt gehalten wird und die ihre Eleganz und Schönheit aus ihrer Homogenität schöpft. Weder spektakuläre Frosch- oder Vogelperspektiven noch harte Farb- oder Formkontraste werden gewählt, vielmehr lädt der leicht bewölkte Himmel, der ein besonders subtiles Spiel von Licht und Schatten entstehen lässt, den Betrachter zu einem visuellen Spaziergang ein. Felsen, Häuser oder Bäume dienen als Haltepunkte in den atmosphärisch weitgespannten, von sanftem Licht durchfluteten Gemälden. Die tief gezogene Horizontlinie lässt dafür viel Raum und begrenzt die Erdenzone auf einen schmalen Streifen, was wiederum dem rationalisierten Malprozess zuträglich ist.

Die Vielzahl der Landschaftsgemälde, allein von van Goyen sind um die 1200 überliefert, liegt sicherlich auch in der Tatsache begründet, dass diese Bilder, neben dem Stolz auf die heimische Landschaft, tatsächlich die Funktion hatten,als Ersatz für reale Reisen in die nähere Umgebung zu gelten. „Der Künstler unternimmt solche Ausflüge stellvertretend für sein Publikum, trifft eine Auswahl und definiert, was sehenswert ist. Es gilt daher als besonderes Lob, wenn einem Künstler nachgesagt wird, die Betrachtung seiner Bilder erspare die Mühe der Reise.“

Dass Reisen das Auge schult,steht außer Frage. Das galt vor über 300 Jahren genauso wie heute. Auch David Schnell nutzt den vor dem Naturobjekt gewonnen Eindruck als Inspiration für seine stets zwischen einer konkreten Dinglichkeit und einem verführerisch freien Ansatz zur Abstraktion fluktuierenden Bilder.

Das großformatige Gemälde „Markt“ aus dem Jahr 2012 zieht den Betrachter förmlich in die Komposition hinein. Steht bei van Goyen der Spaziergänger am Bildrand, so hat er Mühe, sich vor Schnells Arbeiten in seiner Standhaftigkeit zu behaupten.

Der Künstler bespielt dabei die gesamte Klaviatur der Kunstgeschichte. Klassisch kann man dieses Bild von der Mitte aus lesen. Hier befindet sich traditionell der Fluchtpunkt. Die vom Betrachter entfernteste Stelle ist gekennzeichnet durch ihre blaue Aufhellung. Verblauung der Ferne nennt man das Phänomen, welches bezeichnet, dass die Dinge mit wachsender Distanz zum menschlichen Auge diesem blauer erscheinen. Wagt man sich jedoch aus dem Zentrum des Gemäldes hinaus, wird man von der Schnelligkeitder sich bewegenden Formen ergriffen. Während flache, rechteckige Gebilde über dem bunten Nichts noch eine gewisse Stabilität suggerieren, haben sich einige von ihnen bereits in luftige Höhen begebenund dort mit grellgrünen Laubformationen einen Pakt geschlossen, um scheinbar über den Horizont und damit aus der Komposition hinaus zu schweben.

Traditionelle Elemente, die Schnell durch das Studium anderer Naturdarstellungen rezipiert, kombiniert er mit einem ganz subjektiven Ausdruck eines realen Seherlebnisses. Dieses durch und durch ästhetische Oszillieren zwischen allen Möglichkeitenführt zu einer klugen und tiefgründigen Schönheit, die zeitgemäßer nicht sein könnte.

Licht und Schatten, Farbnuancen, Nähe und Ferne, konkrete oder durch die Distanz sich bereits bis ins Undeutlich-abstrakte hinein auflösende Formen, Geschwindigkeit und Stillstand, Perspektive, die unserer Sehgewohnheit entgegenkommt, obwohl sie nichts mit einer berechneten Zentralperspektive zu tun hat, all das sind Elemente, die Schnells Arbeit auszeichnen.

„Kurzum: sein Auge, wie abgerichtet auf das Erfassen von Formen, die in einem Chaos aus Farben verborgen liegen, steuerte seine Hand und seinen Verstand auf eine geschickte Weise, so daß man ein vollendetes Gemälde vor Augen hatte, bevor man begriff, was er eigentlich wollte.“

Dieses so ungemein auf Schnells Arbeiten passende Zitatstammt nicht etwa aus einer zeitgenössischen Kunstkritik, sondern aus dem Jahr 1678. Hoogstraten beschrieb damit in dem eingangs erwähnten Bericht van Goyens Arbeitsweise. Gäbe es einen treffenderen Beweis, dass große Kunst nichts mit der Jahreszahl ihrer Entstehung zu tun hat, sondern stets die einzigartige Ausdrucksform eines Individuums und damit des Menschseins an sichist?

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Landschaften und Seestücke. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2001. S. 2-29/80-83

http://www.eigen-art.com/index.php?article_id=211&clang=0 (Zugriff am 19.09.2018)

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100 Meisterwerke – Teil 24: Michaelina Wautier

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Michaelina Wautier, ,,Blumengirlande mit Prachtlibelle”, 1652, Öl auf Holz, 41,1 x 57,4 cm, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

 

Einer antiken Legende nach traten die Kranzwinderin Glykera und ihr Geliebter, der Maler Pausias, in einen edlen Paragonestreit, wer die schönste Blumengirlande erschaffen könne.

Den Wettkampf zwischen einer Komposition aus realer, vergänglicher Schönheit, die aber von der Natur selbst geschaffen worden war, und der nur nachahmenden, dafür aber bleibenden, bildenden Kunst kann Michaelina Wautier (1604-1689) für sich entscheiden. In ihrem 1652 entstandenen Blumenstilleben verbindet sie sowohl die gestalterischen Vorzüge der Floristikals auch die der nachbildenden Malerei bravourös.

„Die Blumengirlande mit Prachtlibelle“ ist kein Gemälde, das sich in der dämmrigen Lichtgestaltung der Ausstellung, die derzeit im Antwerpener Museum aan de Stroom zu sehen ist, nach vorne drängt. Vielmehr hat es seinen Platz in einem ruhigen Kabinett gefunden, das dem Betrachter die nötige Muße gewährt, sich dem exquisiten Bildsujet mit Konzentration widmen zu können.

Üppig, jedoch in kristalliner Eleganz, windet sich eine prächtige Blumengirlande vor einem dunkelbraunen, monochromen Wandstück, das die nötige Einfachheit besitzt, um die erlesene Vielfalt der Blüten und Blumen sich voll entfalten zu lassen. Mittig anschwellend explodiert die Farbenpracht in warmen Rot-, Rosa- und Orangetönen, während sich sowohl das Kolorit als auch das Volumen der Blumenfülle gegen die Ränder hin leicht abkühlenund beruhigen.

Gehalten werden die Malven, Magheriten, Nelken, Glocken-, Studenten- und Kornblumen inwändig von einem Efeugerüst, das an den Rändern sichtbar hervortritt und farblich zu den schimmernden, blauen Schleifen überleitet, die das Gebinde an den beiden Tierschädeln befestigen. Das Bukranionfries, also die Girlande zwischen zwei Tierschädeln, ist ein Bauornament aus der Antike und wird von der Künstlerin, vermutlich zum ersten Mal innerhalb der Kunstgeschichte, malerisch in die Realität zurückverwandelt.

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Michaelina Wautier, ,,Blumengirlande mit Prachtlibelle” (Detail), 1652, Öl auf Holz, 41,1 x 57,4 cm, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Das Zentrum der Girlande ist durch eine weitere Zugabe betont:Mittig schwebt in all ihrer schillernden Zartheit und Schönheit, exakt beobachtet und täuschend echt wiedergegeben, eine Prachtlibelle, die ihr kleines, vielleicht etwas profaneres Gegenstück in der Biene findet, die auf dem höchsten Punkt des Gebindes, einer Ringelblume, aufsitzt. Subtil wird dieses Duo ergänzt von einem weißen Schmetterling, der sich nur zart auf einen feinen, nach unten hängenden grünen Halm gesetzt hat. Führen die Blumen einen fulminant-dynamischen Schwung durch das Querformat auf, so durchkreuzen die kleinen Insekten auf anderer Ebene diese Bildstruktur subtil.

Alles scheint so natürlich und zufällig in diesem Gemälde, und doch war es eines der obersten Prinzipien der Barockzeit, die Natur zwar als Vorlage für die Kunst zu nutzen, sie aber stets der ordnenden Menschenhand zu unterwerfen.

Michaelina Wautiers „Blumengirlande mit Prachtlibelle“ ist das einzige Stilllebenin dieser ersten Ausstellung, die sich ausschließlich der begabten Barockmalerin widmet und den alliterativ publikumswirksamen Titel „Michaelina. De leading lady van de barok“ trägt.

Wenig ist über diese „führende Dame der Barockmalerei“ bekannt. Ihren männlichen Kollegen durchaus ebenbürtig, hatte sie die Herausforderung, eigenständig das Malerhandwerk zu erlernen, angenommen, um ab 1640 zusammen mit ihrem ebenfalls unverheiratet gebliebenen Bruder in Brüssel in einem stattlichen Haus zu leben und zu arbeiten.

Wie auch den anderen ihrer rarenweiblichen Kolleginnen zu dieser Zeit blieb ihr eine akademische Ausbildung vorenthalten. Nahezu zwingend nötig war es, dass Frauen, die künstlerisch tätig sein wollten, sich die hierfür erlernbaren Fähigkeiten im privaten Umfeld erwarben, sei es beim Vater, Bruder oder, eher selten, bei einem Ehemann. Die Familie musste das nötige Wissen und die Handfertigkeit im Selbststudium ersetzen, die sich die männlichen Künstler an Akademien oder Abendschulen in professioneller Umgebung aneignen konnten. „Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts trafen sich männliche Künstler regelmäßig, um über Theorien zu diskutieren, Abgüsse oder Aktmodelle zu zeichnen und mehr über Anatomie und Perspektive zu lernen. Nicht nur dies blieb den Frauen verwehrt, ihnen fehlte auch die konstruktive Kritik von Kollegen.“ (Borzello S. 56-57.)

Auffällig viele Künstlerinnen blieben, wie auch Michaelina Wautier, unverheiratet. Aufgrund der mangelnden Quellenlage ließe sich nur spekulieren, ob die Frauen bewusst die Ehelosigkeit und damit auch ein gewisses Maß an Selbstbestimmtheit wählten, das ihnen durch ihre Berufstätigkeit möglich war, oder ob eine eigenständig künstlerisch arbeitende Frau per se durch ihre Unabhängigkeit als Heiratskandidatin für viele Männer unattraktiv war. In den meisten Fällen bedeutete die Heirat, oder spätestens die Mutterschaft, das Ende der künstlerischen Tätigkeit. Von Judith Leyster, einer berühmten und vor ihrer Ehe sehr produktiven Zeitgenossin Michaelina Wautiers, ist nach der Geburt ihrer ersten Tochter nur mehr eine einzige Aquarellstudie überliefert. Vermutlich schränkte sie massiv ihre Tätigkeit ein oder arbeitete in der Werkstatt ihres Ehemannes nun unter seinem Namen.

Michaelina Wautier jedoch hatte mit ihrem ungewöhnlichen Lebensentwurf großen beruflichen Erfolg. Vermutlich reiste sie mit ihrem Bruder sogar nach Italien. Eine Reise, die durch Quellen nicht belegt werden kann, die aber aufgrund der häufigen Antikenrezeption als auch der italienischen Einflüsse innerhalb ihres Oeuvres wahrscheinlich ist, wie ein weiteres Schlüsselwerk, der „Triumph des Bacchus“, zeigt, das extra aus Wien zu dieser Ausstellung nach Antwerpen gereist ist.

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Michaelina Wautier, „Triumph des Bacchus“, 1643 – 1659, Öl auf Leinwand, 270,5 x 354 cm, Courtesy of Kunsthistorisches Museum Wien

Fröhlich, aber vermutlich nicht mehr ganz nüchtern, zieht ein Zug aus nur spärlich bekleideten Satyrn, Kindern, Ziegen und einem Esel der Abenddämmerung entgegen. Seinem Götterstatus inadäquat, wurde Bacchus auf einen hölzernen Schubkarren verladen, um, nun in liegender Pose und verrutschtem Leopardenfell, inmitten der Gesellschaft fortbewegt zu werden. Noch während dieser Wanderung wird ihm von einem Bacchanten Traubensaft aus einer vollen Rebe in den Mund geträufelt.

Fast wirkt dieses Historiengemälde wie der Triumphzug nicht des Bacchus, sondern seiner Schöpferin. Fast erscheint es wie ein brillant-konterndes Meisterstück, um all die Kritiker der weiblichen Künstlerschaft Lügen zu strafen:

Michaelina Wautier beherrscht virtuos das große Historienformat, keine Schwächen, keine Leerstellen, vielmehr zeichnet wohldosierter Überschwang die ästhetische Farbgebung und die kluge Komposition aus. Durchdacht ergreifen die Figuren den Raum der ihnen vorgegebenen Bildbühne und agieren lebhaft darin. Augenzwinkernd gesteht die Künstlerin dem Esel das Zentrum des Geschehens zu, während die Ränder des Bildes durch sich diametral entsprechende Paare harmonisch abgeschlossen werden: links das in Rückansicht gezeigte, nach vorne schreitende Paar eines alten Mannes und eines Kindessowie rechts drei fröhliche Kinder, die sich um eine efeubekränzte Ziege balgen.

Exakt sind die am antiken Schönheitsideal orientiertennackten Körper nicht nur in ihrer Oberflächenbeschaffenheit, sondern auch in ihrer Haptik und unterschiedlichen inneren Muskelspannung gezeigt. Forscher vermuten, dass die Kooperation mit ihrem Bruder der Künstlerin das Arbeiten nach lebenden Modellen ermöglicht hat. Ein Umstand, der so vielen anderen weiblichen Malerinnen zeitlebens verwehrt war.

Die bemerkenswerteste Figur innerhalb der Komposition ist die nur halb von einem leichten rosa Gewand verhüllte Gestalt einer schönen, blonden Bacchantin. Als einzige blickt sie aus dem Bild heraus. Fast scheint es, als sei sie in das Spektakel nicht wirklich involviert, ja als würde sie nicht einmal den Übergriff des neben ihr stehenden, lüsternen Mannes bemerken. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Betrachter. Sie ist die Mittlerin zwischen Bild- und Realraum. Wie in einer stummen Zwiesprache scheint ihr Blick noch einmal all die malerischen Argumente des Bildes neben ihr reflektierend zu erläutern. Falls es sich bei dieser Figur tatsächlich um ein verstecktes Selbstporträt der Künstlerin handelt, wäre dieser Mut eine kleine Sensation. Im Kleid der Mythologie versteckt (nur so kann und darf sie auch ihre nackte, schöne Gestalt zeigen), weist sie den Betrachter selbstbewusst auf ihre eigenen Fähigkeiten hin.

Ein Vergleich mit dem in der Ausstellung eingangs gezeigten Selbstporträt der Künstlerin lässt die Annahme sehr wahrscheinlich erscheinen. Nicht nur in der Physiognomie entsprechen sich die beiden Frauenporträts, sondern auch in ihrer selbstbewussten Nonchalance, die dem Betrachter mit präziser malerischer Qualität vor Augen geführt wird. Diese Qualität wurde von Michaelina Wautiers Zeitgenossen hoch geschätzt, nicht zuletzt vom Statthalter der spanischen Niederländer, Erzherzog Wilhelm Leopold, der unter anderem auch den Bacchuszug angekauft hatte.

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Michaelina Wautier, ,,Blumengirlande mit Prachtlibelle” (Detail), 1652, Öl auf Holz, 41,1 x 57,4 cm, Courtesy of SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

So virtuos die Künstlerin in diesem großformatigen Historiengemälde ihr Talent zur Schau stellt, so fein und leise zeugt auch die „Blumengirlande“ von ihrem Geschick.

Geht man nach der Betrachtung des „Triumph des Bacchus“ noch einmal zurück, so entdeckt man dasselbe Prinzip innerhalb der Bildgestaltung: die Vielfalt in der Einheit. Es ist der Blick für die große Form, die aus dem ästhetischen Zusammenspiel jedes noch so kleinen Details mit dem anderen entsteht, den Michaelina Wautier meisterhaft beherrscht. Fast modern mutet es an, dass eine Künstlerin des 17. Jahrhunderts, einer Epoche, als das Stillleben weit unten in der Gattungshierarchie der Malerei rangierte, dieses Bildsujet anscheinend nicht minder wertgeschätzt und behandelt hat als ein großformatiges, mythologisches Historiengemälde. Ein Bild nach anderen Kriterien als nach seinem Motiv zu bewerten, war in dieser Zeit sehr innovativ.

Aufgrund dieser Tatsache ist es auch nicht verwunderlich, in der Ausstellung von der Hand der Malerin alle Gattungen anzutreffen. Das erstaunlich breite Spektrum der Motive innerhalb ihres Oeuvres erstreckt sich vom psychologisch tief ergründenden Porträt bis zum leichten Genremotiv seifenblasender Kinder, von der Verkündigungsdarstellung bis hin zu einer zarten Blumengirlande mit Libelle. Und dieses kleine Insekt wiederum zeugt von einer weiteren Begabung der Künstlerin: nämlich der der Anverwandlung altbekannter Topoi. Der Legende nach stellten gute Maler in der Antike ihr Talent dadurch unter Beweis, dass sie Pflanzen so naturgetreu darzustellen vermochten, dass sich Tiere davon täuschen ließen.

Die Besten der Maler jedoch waren in der Lage, das menschliche Auge zu täuschen.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Literatur:

Frances Borzello: Ihre eigene Welt. Frauen in der Kunstgeschichte. Hildesheim 2000.

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Stilleben und Tierstücke. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 2004. S. 278-281.

Katlijine Van der Stighelen: Michaelina Wautier (1604-1689). Triomf van een vergeten talent. Gent 2018.

https://www.mas.be/de/aktivitaet/michaelina (Zugriff am 27.8.2018)

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Aus der aktuellen Ausgabe des Tweed Magazins: »WIE ICH MICH KLEIDE, IST EINE BOTSCHAFT« Thomas Rusche im Gespräch mit Bernhard Roetzel

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Dr. Thomas Rusche leitet die sehr klassische Herrenausstatter-Kette Sør. Er ist überzeugt, dass wir heute die freieste Bekleidungskultur haben und Zwänge nur selbst auferlegt sind.

von Bernhard Roetzel mit Fotos von Martin Smolka

BR: In Ihrer Firmenzentrale hier in Oelde sieht man altes englisches Mobiliar und moderne Kunst nebeneinan­ der. Hat das eine Bedeutung?

TR: Unter der Ägide meines Vaters habe ich mich sehr in- tensiv mit dem Einmaleins der Kleidungskultur befasst und auch mit dem Einmaleins der britischen Möbel- kultur. Doch seit zehn, 15 Jahren, gibt es spannende Brüche – so wie wir es in der Mode durch den Einfluss des Italienischen erleben oder bei der Street- und Urbankultur. Mit dieser Dialektik umzugehen ist eine Herausforderung. In diesem Fall mit der Kunst, die in zeitgenössischen Ateliers entsteht und auf den ersten Blick überhaupt nichts zu tun hat mit klassischer, konservativer Auffassung. Was heißt das? Die reine Lehre zum einen, die Herausforderung durch eine Stilistik, die auf der Straße getragen wird, zum anderen. Damit umzugehen, ist die tägliche Aufgabe in der Kultur und der Kunstwelt. Und das wird vielleicht ein wenig zum Ausdruck gebracht durch die Kombination von alter Kunst und alten Möbeln mit zeitgenössischer Kunst.

BR: In diesem Besprechungsraum hängen Schlachtenbil­ der an den Wänden. Warum?

TR: Management – da geht es ja um Schlachten, um Pro und Kontra. Und um das Risiko, dass man sich nicht entscheidet. Das Risiko, dass man nicht vorankommt. Die Ambivalenz aller Dinge.

BR: Hier hängt ein zeitgenössisches Bild, eine Komposi­tion mit Hellblau und Orange. Das Hemd mit den Streifen in Orange und Blau liegt nicht zufällig unter diesem Bild?

TR: Wir saßen hier Anfang des neuen Jahrtausends in einer Managementbesprechung. Das war keine einfache Zeit, weil damals der Business-Markt kollabierte. Hier hingen alte Meister, passend zu der Kollektion, die sich daran hielt, was ich in meinem „Sør-Brevier der Kleidungskultur“ aufgeschrieben hatte. Die Klientel, die sich für diese Dinge noch interessierte, wurde damals immer kleiner. Da hatte ich die Idee, dieses Hemd an die Malereiklasse von Professorin Ingrid Dörries-Höher an der Kunsthochschule in Bielefeld zu geben und zu sagen: Macht mal was mit diesem Hemd. Es kamen später diese Bilder an, die hier hängen. Wir haben eines davon prämiert und es auch auf den Umschlag unseres Katalogs gebracht. Eines der Bilder fiel farblich ein wenig heraus, es hatte ein bisschen mehr Grün und Türkis. Daraus haben wir einen Stoff weben lassen und ein Hemd daraus gemacht. Vom Hemd zum Bild, von der Kunst zum Hemd. Vor allem hatte uns aber die Farbe Orange bewegt. Damit haben wir in der nächsten Saison alles gemacht, was man sich für Männer damals in Deutschland nicht vorstellen konnte.

BR: Und wie kam das an?

TR: Orange wurde die am besten verkaufte Pulloverfarbe. Es gab auch die orangefarbene Baumwollhose. Man könnte sagen, dass wir die konservative Klientel in Deutschland aus diesem Erlebnis heraus zur Farbe befreit haben. Ich kann für Sør behaupten, dass wir in dieser schwierigen Zeit, in der sich immer mehr Männer gegen den Kleidungsstil gewendet haben, den Sie und ich vertreten, den Mann über die Farbe und über die extreme Sportswear-Orientierung gepackt haben. Den Mann, der sich, wenn er abends nach Hause kommt, als erstes die Krawatte abbindet. Wenn er sie denn überhaupt noch im Beruf anzieht. Dieser Mann möchte einen coolen Kaschmirpulli tragen, ein tolles Sportshemd dazu und gut geschnittene Hosen. Das war damals eine Lücke in Deutschland – die Kunst, sich in der Freizeit gut anzuziehen. Das musste der deutsche Mann lernen, weil er mit der Freiheit nicht umgehen konnte. Und durch diesen Gedanken, gerade auch in Auseinandersetzung mit der Berliner Künstlerszene, die sich um alles scherte, aber nicht um die Regeln der Kleidungskultur, ist mir deutlich geworden, dass der Anlass nur ein Aspekt der Kleidungskultur ist.

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Sør wurde 1956 von Dr. Thomas Rusches Eltern, Egon und Doris, in Bielefeld gegründet und etablierte sich schnell als sichere Adresse des guten Stils. Inzwischen gibt es 60 Filialen und den Online-Handel. Fotos Martin Smolka

 

BR: Was sind denn die anderen Aspekte der Kleidungs­kultur?

TR: Aus meiner heutigen Sicht hat Kleidungskultur mehrere Komponenten. Das ist einmal der objektive Anlass – Business, Theater, Freizeit –, für den sich aus der Grammatik heraus unterschiedliche Kleidungscodes er- geben. Ich bin ja durch die 68er-Revolution zur totalen Freiheit befreit, und wir müssen nichts mehr tragen, weil „man es so tut“ oder weil es von uns erwartet wird. Die subjektiven Erwartungshaltungen der anderen sind eine andere Dimension. Das heißt, dass ich mir angesichts des objektiven Anlasses die subjektiven Er- wartungen meines Gesprächspartners vorstellen kann, um dann zu entscheiden, ob ich diesen Erwartungen entsprechen möchte.

BR: Aber das muss man nicht?

TR: Ich kann auch in grün karierten Maiglöckchen kommen, dann hat der Fotograf seine Freude, und Sie wundern sich. Ich spiele mit den Erwartungshaltungen der ande- ren. Aber es gibt auch noch den Gedanken der zweiten Haut. Wir sprechen durch die Kleidung zunächst zu uns selber. Es sieht uns noch keiner, wenn wir in der Ankleide oder vor dem Badezimmerspiegel stehen und auf die mehr oder weniger geübte Outfit-Kombination zurückgreifen, die bei dem einen durchnummeriert sein kann oder die ich einfach memorieren kann.

BR: Durchnummeriert?

TR: Die Frau eines deutschen Politikers hat in einem Interview erzählt, dass sie ihrem Mann für seine Wahlkampfauftritte die Sachen mit Nummern versehen hat. Zu Anzug Nummer eins das Hemd Nummer eins und die Krawatte Nummer eins. Und es gibt nicht wenige Männer, die ein Leben lang aus der Situation nicht herauskommen, dass ihnen die Mutter die Kleider her- auslegt und später die Göttergattin. Eine aussterbende Art von Mann, Gott sei Dank. Ich kann also durchnummerieren, ich kann auf das Gewohnte zurückgreifen, ich kann aber auch kombinieren und sollte mich zunächst einmal in der Kleidung wohlfühlen. Wenn ich mich wohlfühle in meiner Kleidung und wenn sie sich gut an- fühlt, Farbe und Schnitt richtig sind, dann ist ein erster Schritt gemacht. So, wie ich mit Yoga-Techniken mein Inneres aufstellen kann, kann ich mir mit der Kleidung Halt geben und im nonverbalen Gespräch, bevor ich den Mund aufmache, dem anderen Dinge mitgeben.

BR: Das ist ein spannender Gedanke. Gerade in der heutigen Zeit, die gerade versessen ist auf Bilder.

TR: Wie ich mich kleide, ist eine Botschaft. Die Art und Weise, wie Sie sich kleiden, spricht, noch bevor Sie den Mund aufmachen. Und diese Bedeutung der zweiten Haut, dass sie zu mir und den anderen spricht, dass ich vermutlich in meinem Leben mit meiner Kleidung zu viel mehr Menschen spreche, als mit meinen Worten, da mich viel mehr Menschen sehen als hören, scheint mir ein erster Beweis der Bedeutung von Kleidung für den Menschen und seine Kultur. Für sein Wohlbefinden. Aber auch, wenn wir das Business nehmen, für sein strategisches Auftreten.

BR: Viele Menschen empfinden klassische Kleidung als einengend, Dresscodes als Bevormundung.

TR: Unsere Art sich zu kleiden ist gerade angesichts des Kastensystems und religiöser Hierarchien anderer Gesellschaften die erste Kleidung, die jedem zusteht. Der Kaiser zieht den Cutaway genauso an wie der Bürger, wenn er den Anlass mit diesem Kleidungsstück ehren möchte. Es ist die erste Art der Kleidungskultur, die ubiquitär ist, überall anzutreffen. Keiner muss sich in irgendeiner Weise Regeln unterwerfen, dass er dieses oder jenes gerade nicht tragen darf. Jeder darf den blauen Blazer tragen, jeder kann den Cutaway tragen, jeder kann die Jeans tragen.

BR: Und jeder trägt heute Sportswear. Selbst die Prinzen und Könige.

TR: Das haben wir zum Glück früh erkannt. Im Jahr 2000 haben wir den ersten Sportswearladen auf Sylt eröffnet. Das war intern ganz umstritten. Können wir mit unserem Sortiment – graue Flanellhose und blauer Blazer – da überhaupt punkten? Diese Diskussion mündete dann in dem Thema Orange, von dem ich eben gesprochen habe. Wenn wir nicht die Bedeutung der Sportswear begreifen, dann werden wir nicht nur auf den Inseln nie Fuß fassen können, wir werden auch in den Städten irgendwann das Publikum nicht mehr erreichen.

BR: Woher kommt die Schreibweise des Firmennamens mit dem durchgestrichenen O? Die mutet eher skandinavisch an, obwohl „Sør“ sehr englisch klingt.

TR: 1956 hatte mein Vater den ersten Herrenausstatter in Bielefeld eröffnet, damals unter dem Namen „SIR“ in der normalen Schreibweise. Ein paar Jahre später, 1964, erkundigte er sich bei einem befreundeten Patentanwalt nach dem Warenzeichenschutz des Namens. Der riet ihm, die Schreibweise weiter zu benutzen. 1965 machte 4711 aber originäre Waren- zeichenrechte geltend wegen ihrer Herrenduftserie SIR Irish Moos. 1967 kam es zum Prozess. Beim Frühstück hatte mein Vater dann den entscheidenden Gedanken- blitz. Sein schwedisches Knäckebrot inspirierte ihn zu der Schreibweise, die wir heute kennen. Es gab dann 1968 einen Vergleich. Heute ist diese Schreibweise der prägnanteste Bestandteil unseres Logos. Wir bewahren noch das Frühstücksbrett auf, das an diesem Morgen benutzt wurde.

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In der SØR Zentrale in Oelde, treffen sich ganz deutlich Tradition und Innovation, die zwei Attribute die den Erfolg des Unternehmens ausmachen. Fotos Martin Smolka

BR: Ich kenne viele Ihrer Filialen. Die Schaufenster sind immer sehr reichhaltig und bieten viel für das Auge.

TR: Die dominante Haltung der Schauwerbegestaltung ist ein Vier-Meter-Fenster, und man stellt zwei Büsten hinein und noch irgendeinen Blickfang. Das mag Sinn machen. Aus unserer Sicht soll die Dekoration Outfitvorschläge liefern. Die Uni Osnabrück hat in einer Untersuchung festgestellt, dass die Menschen vor keinem anderen Schaufenster so intensiv stehen wie vor unserem. Es ist so unglaublich viel im Fluss zurzeit, das muss man auch in der Schaufenstergestaltung zum Ausdruck bringen. Wie erreicht man den 30-Jährigen, der diese Art gar nicht mehr kennt und auf keinen Fall wie „Opa“ aussehen will? Und den 70-Jährigen, der dann auch sagt, das ist ein Outfit, das mich überzeugt?

BR: Trägt der Gesamtauftritt von Sør Ihre Handschrift?

TR: Es gibt keine Werbedrucksache, die nicht im Detail mit mir abgestimmt ist. Gerade da, wo wir den Kunden mit einer solchen Deutlichkeit eine Empfehlung aussprechen, ist das sehr wichtig. Und wann immer ich einen Laden besuche, gehe ich immer die Fenster ab. Da gibt es eine ganze Reihe von Punkten, die mir wichtig sind. Die bespreche ich dann.

BR: Wollten Sie jemals etwas anderes machen, als das, was Sie heute tun?

TR: Ein Schauspieler hat einmal zu mir gesagt: Stell dir doch irgendeine andere Branche vor. Nägel, Maschinenbau. Es ist doch nichts so reizvoll wie Textil. Und innerhalb von Textil machen wir ja nun wirklich das Spannendste, was es gibt.

BR: Haben Sie eine sehr umfangreiche Garderobe? Oder sortieren Sie regelmäßig aus?

TR: Ich tue mich sehr schwer damit, etwas wegzuwer- fen. Ich habe nur einmal zwei Anzüge aus meiner Jugend aussortiert, unter anderem einen schilfgrünen Baumwollanzug, und ich habe mich bis heute nicht davon erholt. Die Garderobenklassiker, Cutaway und Stresemann, habe ich mir alle mit 20 schneidern lassen. Die wurden über die Jahre so weit rausgelassen, wie es ging, um sie an meine Figur anzupassen, zunehmen darf ich jetzt nicht mehr. Ich habe auch mit Bodybuilding aufgehört, weil ich oben zu breit wurde und die Anzüge dann nicht mehr gepasst hätten. Ich vergleiche den klassischen Kleidungsschrank immer mit einem guten Weinkeller, wo man das eine zum anderen fügt und immer wieder gerne danach greift. Vielleicht ist es dieser Kleiderschrank, der mich dazu verpflichtet, da nicht hinauszuwachsen.

BR: Wie halten Sie sich denn in Form? Machen Sie Sport?

TR: Ich bin kein Golfspieler, obwohl wir hier einen der schönsten Golfplätze vor der Tür haben. Einer der Gründe ist, dass mich das einen halben Tag kosten würde. Daran würde ich nicht denken wollen. Ich bin auch kein Reiter. Selbst Tennis dauert mir zu lange. Heute morgen habe ich eine Dreiviertelstunde gejoggt. Das mache ich ein-, zweimal in der Woche.

BR: Vielen Dank für das Gespräch!

Bernhard Roetzel, 1966 in Hannover geboren, ist ein deutscher Modepublizist und Autor von mehr als einem Dutzend Büchern über Herrenbekleidung. Sein bekanntester Titel ist „Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode“. Er schreibt regelmäßig für Zeitschriften und internationale Blogs, z. B. Gentleman’s Gazette und Parisian Gentleman. Bernhard Roetzel ist verheiratet, Vater von fünf Kindern und lebt in der Prignitz zwischen Hamburg und Berlin. Foto: Marco Carloni

Bernhard Roetzel, 1966 in Hannover geboren, ist ein deutscher Modepublizist und Autor von mehr als einem Dutzend Büchern über Herrenbekleidung. Sein bekanntester Titel ist „Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode“. Er schreibt regelmäßig für Zeitschriften und internationale Blogs, z. B. Gentleman’s Gazette und Parisian Gentleman. Bernhard Roetzel ist verheiratet, Vater von fünf Kindern und lebt in der Prignitz zwischen Hamburg und Berlin. Foto: Marco Carloni

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Das Cover der aktuellen Tweed Ausgabe 04/2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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100 Meisterwerke Teil 23 – Norbert Tadeusz & Frans Franckens II

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Frans Francken II, Die Hochzeit zu Kana, um 1630, 55 x 72 cm, Öl auf Kupfer, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Ob sie sich glücklich und wohl fühlt an diesem besonderen, feierlichen Tag lässt sich nur schwer sagen. Mittig als zentrale Hauptperson ist die Braut in Frans Franckens II Gemälde „Die Hochzeit zu Kana“ aus den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts zumindest formal hervorgehoben. Vor einer dunklen Hintergrundfolie, die sich erst nach längerer Betrachtung als ein großer, zu beiden Seiten geöffneter Baldachin entpuppt, sitzt die angehende Ehefrau kostbar geschmückt im Brokatkleid inmitten der Hochzeitsgäste. Ihr feiner porzellanfarbener Teint zieht als hellster Punkt des Gemäldes die Blicke auf sich. Das kleine Haupt, auf dem ein goldenes Krönchen sitzt, hat sie ihrem Mann zugeneigt, der neben ihr sitzt. Durch seine ihr ebenfalls zugewandte Körperhaltung entsteht eine harmonische Paarbildung.

Auf der anderen Seite der quergestellten, reich mit Delikatessen bestückten Festtafel sitzen einander zugewandt Jesus und Maria, erkennbar an ihrer schlichten, der biblischen Ikonografie entsprechenden Kleidung in Violett, Rot und Blau, sowie einem dezent angedeuteten Heiligenschein. Sie heben sich von den anderen, zeitgenössisch fantasievoll gekleideten Hochzeitsgästen jedoch nicht nur durch ihre besondere Art der Gewänder ab, sondern sind im Verhältnis auch etwas größer dargestellt.

Die Komposition des Gemäldes folgt einem strengen Schema. Während der Vordergrund sich wie eine großräumige Bühne für die vielen kostbar verzierten Wasserkannen öffnet, wird dahinter, ebenfalls das Querformat ausfüllend, in lebendiger Vielfalt, die figurenreiche Hochzeitsgesellschaft um die Festtafel gruppiert. Varietas in eleganter, noch leicht manieristisch angehauchter Formensprache findet sich aber nicht nur in der Kleidung und Körperhaltung der Anwesenden, sondern auch in den kreativ angerichteten Speisen in Form von Schwanenpasteten und üppigen Stillleben. Als beruhigende Folie hinterfängt der bereits erwähnte dunkle Baldachin mittig das farbenreiche Geschehen, während links und rechts die sich weit in die Ferne erstreckende, verblauende Hintergrundlandschaft zu sehen ist, die rechts durch eine elegante Bogenarchitektur eingerahmt wird.

Die einzig dominant handelnde Person in diesem Bild ist Jesus. Die Umwandlung des in den zahlreichen Kannen sich befindenden Wassers in Wein wird durch die befehlende Geste des ausgestreckten rechten Armes deutlich.

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Frans Francken II, Die Hochzeit zu Kana (Detail), um 1630, 55 x 72 cm, Öl auf Kupfer, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Es ist das erste Wunder, mit dem Jesus öffentlich auf sich aufmerksam macht und als Sohn Gottes vorgestellt wird: Einer bereits vermutlich seit Stunden feiernden Hochzeitsgesellschaft geht der Wein ob des übermütigen Konsums aus, woraufhin Jesus auf seine Weise für qualitativ noch besseren Nachschub sorgt.

Zahlreich sind die theologischen Interpretationsansätze dieser biblischen Erzählung: Wer auf Jesus vertraut, wird nicht enttäuscht. Vielleicht werden seine Erwartungen sogar noch übertroffen, ist eine davon. Interessant ist aber doch die Wahl des Sujets für die Darlegung der Exeptionalität Jesu. Es ist weder lebensnotwendig noch besonders vernünftig, den bereits angeheiterten Gästen krügeweise weiteren Wein zu organisieren. Dennoch tut Jesus es und gibt damit indirekt auch sein Placet zu einem Genuss und einer Lebensfreude, die momenthaft ist und keinen weiteren Nutzen verfolgt.

Es gehört mit zu den essentiellen Herausforderungen des Menschen, die Balance zu finden, ein Leben zu gestalten, das das individuelle Maß von Leichtigkeit und Pragmatismus kennt, um nicht nur nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip zu funktionieren. Vielleicht ist dieser Bewusstseinsprozess vergleichbar mit dem Hochseilakt, den der nackte Tänzer von Norbert Tadeuzs in den Aquatinta Radierungen aus dem Jahr 2003 vollführt. Hochkonzentriert vollzieht dieser Mann seine kunstvollen akrobatischen Posen in luftiger Höhe. Beweglich und plastisch modelliert sich der terrakottafarbene männliche Akt aus dem tief schwarzen Hintergrund heraus. Nahezu illusionistisch gezeichnet, suggeriert die Reduktion der Form eine reale Bewegung, die sich jedoch nur in der Fantasiewelt des Betrachterauges wirklich vollzieht.

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Norbert Tadeusz, o.T. (Akt an Seil), 2003, 100 x 70cm, Aquatinta/Kaltnadel, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Welchen Nutzen hat dieses freischwebende Tun? Welchen Sinn und Zweck erfüllt es?

Rational betrachtet natürlich keinen. Es dient dem Vergnügen dieses einzelnen Menschen in exakt diesem gegenwärtigen Moment. Nur er allein kann den Wert seines Tuns und das darin für ihn enthaltene Glück ermessen.

Auf einer anderen Ebene könnte man dem Hochzeitspaar von Frans Francken II genau dieselben Fragen stellen. Wozu dieses Fest? Wozu der Aufwand, die Mühe, das Übermaß an teuren Speisen, das Geldausgeben für einen lediglich kurzen Genuss? Und dann kommt auch noch Jesus und setzt dem ganzen die Krone auf, indem er das Wasser in Wein verwandelt.

In Zeiten eines beginnenden Jahrtausends, das von umwälzenden Veränderungen geprägt ist, deren Konsequenzen nicht im Entferntesten eingeschätzt werden können und die stets das verstörende Gefühl einer hilflosen Unsicherheit mit sich bringen, sind solche Bilder, solche Motive und Themen, die die Fähigkeit zu einer Leichtigkeit des menschlichen Daseins aufzeigen, eben doch bisweilen lebensnotwendig.

Ein Blick auf diese beiden Werke verdeutlicht, dass diese menschliche Fähigkeit durch alle Zeiten und Epochen hindurch anscheinend möglich war. Nicht nur in der Gegenwart, auch mitten im 30-jährigen Krieg als das Hochzeitsbild vermutlich anlässlich einer realen Heirat entstanden ist, hat der Mensch sich das Talent bewahrt, seine ganz eigene Form des Glücks zu finden: sei es nun inmitten einer feiernden Festgesellschaft oder allein in luftiger Höhe schwebend.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

Lit.: Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 144-148.

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100 Meisterwerke – Teil 22: Justine Otto & Christoffel Lubieniecky

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Christoffel Lubieniecky, Bildnis Dame mit ihrem Sohn, um 1680, Öl auf Leinwand, 62,5 x 73,6 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Vermutlich würde heute die Reaktion einer Mutter anders ausfallen, wenn ihr junger Sohn mit einer Handvoll eigenständig erjagter Vögel nach Hause käme. Im ausgehenden 17. Jahrhundert als Christoffel Lubieniecky dieses „Bildnis einer Dame mit ihrem Sohn“ gemalt hat, zeigt es neben der Geschicklichkeit des Knaben auch den unverhohlenen Stolz der Mutter, die ihrem Sprössling zart aber doch respektvoll die Hand auf die Schulter legt.

Wer die beiden gewesen sind, lässt sich nicht mehr klären. Da das Jagen in dieser Zeit ein Privileg des Adels gewesen war und auch aufgrund ihrer herrschaftlichen Haltung in kostbarer Kleidung, muss es sich bei den Dargestellten um Mitglieder einer wohlhabenden und hochgestellten Familie gehandelt haben.

Porträts sind in dieser Zeit vielmehr als nur das Abbild der äußeren Erscheinung eines menschlichen Individuums. Gesellschaftlicher Stand, der damit einhergehende gehobene Lebensstil, ein Sinn für luxuriöse Umgebungen, Vermögen, Familienzusammengehörigkeit, dynastisches Denken und vieles mehr gehören innerhalb der Porträtikonografie ebenfalls zur Charakterisierung der Protagonisten. In unserem Fall stellt somit das Jagdmotiv ein wesentliches Distinktionsmerkmal dieser Familie dar. Bereits im Kindesalter wird der männliche Nachwuchs für seine spätere Rolle innerhalb einer Gesellschaft vorbereitet, in der das Jagen als Freizeitbeschäftigung einer Elite galt, die ihre Zeit nicht, wie das Gros der damaligen Bevölkerung, mit lebensnotwendiger, harter Arbeit verbringen musste.

Der Künstler hat Mutter und Sohn in ein Querformat eingepasst. Die geringere Körpergröße des Kindes erlaubt es ihm zu stehen, während die Mutter vor einer antik anmutenden Brunnenhausarchitektur Platz genommen hat. Aufwendig ist ihr grau gelocktes Haar nach oben frisiert. Die Kostbarkeit der glänzenden Stoffe und Spitzen, in die sie gekleidet ist, gleicht das Fehlen jeglichen Schmuckes aus. Vermutlich wurde darauf verzichtet, da es sich um die Darstellung in einer weitläufigen, von Abendlicht beschienen Parklandschaft handelt, zu der ein ostentativ zur Schau gestellter Juwelenreichtum nicht recht passen würde.

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Christoffel Lubieniecky, Bildnis Dame mit ihrem Sohn (Detail), um 1680, Öl auf Leinwand, 62,5 x 73,6 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nah und in kindlicher Vertrautheit, die in einem gewissen Kontrast zu seiner erwachsenen Tätigkeit steht, ist der Junge an seine Mutter geschmiegt. Sein linker Unterarm, mit dem er dem Betrachter scheu und doch triumphierend lächelnd ein leichtes Jagdgewehr präsentiert, ruht auf dem Oberschenkel der Mutter. In seiner Rechten hält er mehrere erlegte graue Vögel kopfüber an den Füßen. Als wäre er gerade erst von seinem Abenteuer zurückgekehrt, ist der Junge in einer leichten Schrittstellung gezeigt. Passend zu seiner Tätigkeit trägt der kleine Jäger ein leuchtend blaues, locker fallendes, in der Körpermitte gegürtetes Oberhemd und braune eng anliegende Hosen. Eine leichte Jagdtasche hängt von einer Schnur gehalten an seiner rechten Hüfte.

Lubieniecky spielt in diesem Bild sowohl formal als auch inhaltlich versiert auf der Klaviatur barocker Adelsporträts.

Streng begrenzt die steinerne Brunnenarchitektur, nahsichtig wiedergegeben, den rechten Bildrand und schafft damit einen stabilen Abschluss des Bildraumes, während der Betrachter den Blick im linken Teil des Gemäldes weit in die Hintergrundlandschaft schweifen lassen kann. Eine subtile Kontrastierung der Lebensalter drückt sich in der Positionierung der ruhig, ja nahezu majestätisch, sitzenden Mutter und ihres agilen Kindes aus. Trotz seines jungen Alters nimmt der Knabe die seiner Mutter heraldisch überlegenere rechte Seite ein.

Jedoch erscheinen die beiden nicht nur dynastisch miteinander verbunden. Der Maler hat auch auf das emotionale Moment eine besondere Aufmerksamkeit gerichtet, indem er die zwei Personen ihrer jeweiligen Familienrolle entsprechend positioniert und dadurch ihre persönliche Verbindung sowohl durch das liebevolle Aneinanderrücken als auch durch eine korrespondierende Gestik veranschaulicht, wie das übereinstimmende Händespiel beider bezeugt. Sicher nicht zufällig ergänzt sich das Kolorit der Kleidung von Mutter und Sohn.

Die Ambivalenz des adeligen Kindseins hat der Künstler somit subtil gelöst: er zeigt die leichte Unsicherheit des Jungen in seiner Suche nach Nähe und Rückhalt bei der Mutter, genauso wie seinen Erfolg in einer Tätigkeit, die dem Erwachsenenleben zugerechnet wird und ihn damit als Träger und Verantwortlichen für den Fortbestand der Dynastie ausweist.

Auch im 21. Jahrhundert ist die Phase des Kindseins oftmals weit davon entfernt, jene glückliche und von den Sorgen und Lasten des Erwachsenenalters noch unbeschwerte Lebenszeit zu sein, wie sie seit der Aufklärung gerne idealisiert wird. Wenige Künstler haben diesen Aspekt des „unkindlichen Kindseins“ mit solch schonungsloser Radikalität seziert wie die Künstlerin Justine Otto. In ihrem Gemälde „Adlermund II“ aus dem Jahr 2008 rückt an den Betrachter in greller Farbigkeit ein Mädchenkopf zu nah heran. Bis zur Schulter nur ist der Körper ausschnitthaft gezeigt. Irritierenderweise hat das Kind den Kopf in den Nacken gelegt und wild zur Seite gedreht wohin auch die weit aufgerissenen Augen der Bewegung folgen. Ob Entsetzen oder doch erst aufgeregtes Erschrecken in diesem Blick liegt, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Schön gelegte, kurze blonde Locken, die an Marilyn Monroe erinnern, umrahmen das Kindergesicht. Von den roten Wangen ist zu hoffen, dass ihre Farbigkeit auch der Aufregung und nicht einem geschickten Rougepinsel geschuldet ist. Ein Blick auf die zu dichten und langen Wimpern, lässt jedoch nichts Gutes ahnen. Auch die für ein Kind unpassende weiße Bluse trägt zu dem verstörenden Eindruck dieser, an sich hübschen, Erscheinung bei.

Ein Adler, von dem nur der Kopf zu sehen ist, nimmt das linke untere Bildeck ein. Nah und schutzsuchend hat er sich an seine Begleiterin geschmiegt. Seltsamerweise erscheint der Vogel, der eigentlich in diesem Zusammenhang surreal wirken sollte, fast als ein erleichternd normales und damit beruhigendes Element in dieser verstörenden Komposition, da das Mädchen selbst ihn nicht als Bedrohung empfindet.

 

Ein Kind, das augenscheinlich nicht Kind sein kann und aufgrund seines Aussehens in einer Art und Weise als attraktiv-begehrenswerte Erwachsene betrachtet werden muss, hinterlässt stets mehr als nur ein ungutes Gefühl. Selbst wenn Justine Otto auf alles wirklich Eindeutige verzichtet, so wendet sie mit kühler Klugheit den besten aller Kunstgriffe an: Sie erzählt die Geschichte nicht zu Ende. Sie überlässt es der Phantasie des Betrachters die Lücke zu schließen, die der spannungsgeladene Moment in seiner brutalen Ausschnitthaftigkeit offenbart und nur gefahrvoll erahnen lässt. Weder im positiven noch im negativen Sinn kennt die Gedankenwelt des Menschen Grenzen, so dass sie sich auch die schlimmste aller Varianten vorzustellen vermag.

Würde man sich auf die allzu offensichtlich übereinstimmende Kind-Tier-Konstellation beider Bilder einlassen, wäre ein Vergleich schnell auserzählt und ohne jeden Mehrwert. So erscheint eine Gegenüberstellung auch nicht auf der motivischen Ebene relevant. Vielmehr verbindet beide Kunstwerke wie differenziert sie ausloten, was Kindsein und sein Bezug zur Welt der Erwachsenen in den unterschiedlichen Zeiten bedeuten kann.

Beide Gemälde erzählen davon eine Geschichte: Lubienieckys ist auf den ersten Blick eine kleine, heitere Episode, die vom kindlichem Stolz nach erfolgreicher Jagd erzählt. Dahinter verbirgt sich jedoch eine lange Erzählung über eine vermutlich traditionsreiche Vergangenheit und eine erhoffte dynastische Zukunft, die in diesem kurzen Moment der Rückkehr von der Jagd sich offenbart. Der kleine Junge erscheint in einer festgefügten Welt, in der er bereits in jungen Jahren spielerisch auf seinen Platz in der Familie und Gesellschaft vorbereitet und dabei fürsorglich von seiner Mutter beschützt und begleitet wird.

Genau dieses sichere Momentum fehlt in der Geschichte des Mädchens von Justine Otto. Irgendetwas sagt uns, dass es sich bei der zu grellen Aufmachung nicht um ein harmloses Verkleidungsspiel handelt, sondern, dass das Kind schutzlos in den Fokus gerückt und einer undefinierten Gefahr, die der Betrachter wiederum nur in ihrem Blick erkennen kann, ausgeliefert wird. Nichts Spielerisches, Heiteres oder Leichtes wohnt dem Gemälde inne. Nicht einmal der Greifvogel kann einer vielleicht intendierten märchenhaft-surrealen Beschützerfunktion nachkommen, zu ängstlich und selbst schutzsuchend wirkt er in seiner Körperhaltung.

Auch Justine Otto spielt damit bravourös auf einer erzählerischen Klaviatur; jedoch nicht auf der gleichsam geschichtsträchtigen und in die Zukunft weisenden der barocken Adelsporträts, sondern auf der eines düsteren Drehbuches, das intelligent sowohl die Sehgewohnheiten als auch die kreative Vorstellungskraft seines Publikums kennt und momenthaft zu nutzen weiß.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Portraits. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1995. S. 90-93.

https://www.youtube.com/watch?v=r3vkfdeDLx0

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Stil-Tipps von Thomas Rusche – Wie Mann sich im Sommer kleidet

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Immer stilsicher – Thomas Rusche der SØR Inhaber und Stil-Experte weiß bis ins kleinste Detail um die Bedeutung der Kleidungskultur. Foto Lars Beusker

Die Sommermonate locken uns mit luftigen und aufregend bunten Outfits auf die Straßen. Im Business sollte man allerdings berücksichtigen, dass der klassische Dresscode keine Ferien kennt. Besonders wenn man auf dem Finanzmarkt arbeitet oder in Kunden-gesprächen sein Unternehmen repräsentiert. Wie man sich bei hohen Temperaturen auch im Job adäquat kleidet und wie man die angesagten Sommer-Trends am besten in der Freizeit kombiniert, verrät uns SØR Inhaber und Stil-Experte Thomas Rusche!

SØR: Welche Stoffe/Materialien eignen sich besonders für die Sommermonate?

Thomas Rusche: Leinen, Baumwolle und leichte cool-wool Qualitäten sind während der Sommer-Monate die perfekte Wahl. Auf synthetische Materialien sollte man am besten verzichten.

SØR: Welche der genannten Materialien sind auch für Business-Looks im Büro geeignet und welche ein absolutes No-go?

Thomas Rusche: Leinen hat leider die Angewohnheit leicht zu knittern und das wirkt im Job schnell etwas nachlässig. Leichte Wollmaterialien und Baumwolle sind somit die sichere Wahl. Bequemere Alternativen können beispielsweise Hemden aus feinem Jersey sein. Anzüge sollten aus leichten aber hochwertigen Wollqualitäten bestehen. Wer als Akteur auf dem Finanzmarkt agiert oder sein Unternehmen in Kundengesprächen repräsentiert, sollte auch im Sommer gedeckte Farben wählen und sich dem klassischen Dresscode unterordnen. Vertrauen entsteht durch Kleidung, die den Rollenerwartungen gerecht wird. Kleidung entscheidet mit darüber, wessen Rat ich traue und wem ich mein Geld anvertraue. Eine Maxime, die in der Kleidungskultur für alle Jahreszeiten gilt.

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Richtig angezogen im Büro oder bei Kunden-Meetings: SØR Anzug in Blau, ein weißes SØR-Hemd mit farbigen Ausputz, feine Seidenkrawatte mit Schmetterlingsmotiv und rahmengenähte Schuhe von Floris van Bommel. Foto Lars Beusker

SØR: In der vergangenen Sommer-Saison lag der Knöchel des Herren bei den Hosenlängen frei. Setzt sich dieser Trend fort oder verändert sich diesbezüglich etwas?

Thomas Rusche: Dieser Trend setzt sich auch in dieser Saison fort. Es werden weiterhin Hosen getragen die den Knöchel zeigen und die Fußweite bleibt eher schmal.

SØR: Darf der Knöchel auch im Büro gezeigt werden? Womit der Träger dann ja auch auf einen Strumpf verzichtet. Ist das im Job erlaubt?

Thomas Rusche: Es kommt immer auf das Umfeld an. Ist der Arbeitgeber eine Bank oder eine Anwaltskanzlei, sollte man einen klassischen Hosenschnitt wählen und Strümpfe in den Schuhen tragen. Jedoch in Unternhemen mit einem gelockerten Dresscode, darf Mann auch etwas Haut am Fuß zeigen.

Die schmale SØR Hose mit Bundfalten, ist aus einem kühlen glatten Baumwollstoff und dezent kariert. Besonders schön wirkt  wenn man sie bis zum Knöche umschlägt und mit feinen Loafern oder weißen Sneaker kombiniert. Foto Lars Beusker

Die schmale SØR Hose mit Bundfalten, ist aus einem kühlen glatten Baumwollstoff und dezent kariert. Besonders schön wirkt es, wenn man sie bis zum Knöchel umschlägt und mit feinen Loafern oder weißen Sneaker kombiniert. Foto Lars Beusker

SØR: Welche Schuhe eigenen sich besonders für diesen Look?

Thomas Rusche: Ein feiner Loafer oder Rahmengenähte Schuhe passen gut ins Büro. Bei nicht ganz so warmen Temperaturen kann man schöne sommerliche Akzente setzen, in dem man farbige Stümpfe wählt.

SØR: Und in der Freizeit?

Thomas Rusche: Sneaker passen eigentlich immer, aber auch Bootsschuhe oder Mokassins sind prädestiniert für knöchellange Hosen. Wer nicht auf etwas Stoff im Schuh verzichten möchte und Füßlinge oder kurze Sneakersocken wählt, sollte darauf achten das sie auf keinen Fall hervorluken und das schöne Bild des sommerlichen Looks verunstalten.

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Der SØR Slipper aus weichem Wildleder in Braun passt perfekt zu den knöchellangen Hosen oder zu Bermudas. Foto Lars Beusker

SØR: Bermudas sind diesen Sommer ein Trend. Allerdings etwas enger als gewöhnlich. Wie kombiniert man diese Hosen? Und sind sie ausschließlich in der Freizeit tragbar?

Thomas Rusche: Bermudas oder Shorts sind ganz klar nur in der Freizeit angesiedelt. Gerade der neue schmale Schnitt und die fröhliche Farbpalette lässt sie noch sportlicher erscheinen.

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Der Sommer-Trend: Schmaler Bermuda-Short von MMX in einem knackigen Gelb. Foto Lars Beusker

SØR:Wer sollte sie tragen und wer sollte lieber auf den klassischen großzügig geschnittenen Bermuda ausweichen?

Thomas Rusche: An sich kann sie jeder tragen – von jung bis alt… Jedoch sollte man sich bewusst sein, dass der Schnitt etwas figurbetonter ist. Man sollte sich in seiner Haut also wohlfühlen.

SØR: Immer wieder trifft man auf Herren, die sich in schmal geschnittene Chinos oder Slim-Jeans pressen, obwohl sie aufgrund ihrer Figur eher zu großzügigen Schnitten tendieren sollten. Wie berät man solche Kunden, bzw. wie rät man ihnen ab?

Thomas Rusche: Grundsätzlich gilt: jeder so, wie er mag! Doch sollten wir nicht vergessen das Kleidung unsere zweite Haut ist, und sie bildet sich durch eine innere Einstellung und einem äußeren Schein. Dabei entwickeln wir ein feines Gespür für Authenzität, für eine Kleidung die von Innen heraus strahlt. Nur wer sich in seiner zweiten Haut wohlfühlt hat eine glaubwürdige Ausstrahlung. Und wenn sie zwickt oder uns in der Bewegungsfreiheit einschränkt, werden wir den ganzen Tag von einem Unwohlsein begleitet und somit auch von einer negativen Ausstrahlung. Ein guter Verkäufer sollte dem Kunden auch immer einen geeigneten Schnitt präsentieren und anbieten. Wenn der Kunde diese dann erstmal anprobiert, versteht er oft selbst, dass der großzügigere Schnitt besser passt und zu einer positiven Ausstrahlung verhilft.

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Das ultimative Urlaubs-Outfit: kurzärmeliges SØR Hemd aus einem strukturierten Baumwoll-Jersey, SØR Bermuda in der Trendfarbe Rot. Dazu passen wunderbar die SØR Bootsschuhe oder die weißen Retro-Sneaker von Colmar. Foto Lars Beusker

SØR: Empfehlen Sie doch bitte noch zwei Freizeit-Looks die diese Saison unbedingt in den Urlaubs-Koffer gepackt werden sollten:

Thomas Rusche: Eine Bermuda-Short, gerne in einer knackigen Farbe, dazu Bootsschuhe oder elegante Sandalen aus Leder. Kombiniert mit einem Poloshirt oder einem kurzärmeligen Jersey-Hemd sieht das einfach klasse aus.

Für den Abend im Restaurant oder an der Strandpromenade empfehle ich ein weißes Oxford-Hemd, eine leichte Jeans oder eine knöchellange Chino. Dazu trägt man einen Loafer oder Slipper aus Wildleder.

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100 Meisterwerke – Teil 21: Birgit Brenner & Pieter Jacobsz Codde

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Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”, um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

 

Omnia vincit amor, lautet ein berühmtes Sprichwort: die Liebe besiegt alles!

Dass der kleine Gott Amor, der für das Verlieben zuständig ist, aber bisweilen selbst in durchaus irdische Nöte geraten kann, zeigt das Gemälde des Pieter Jacobsz Codde „Amor als Honigdieb“, das um das Jahr 1636 datiert wird.

In ungewöhnlicher Nahsicht stapft der kleine, dralle Liebesgott auf den Betrachter zu. Einen Fuß hat er trotzig nach vorn gesetzt. Mit der linken Hand wischt er sich die Tränen aus dem nach unten geneigten Gesicht, das von blonden Locken umrahmt wird. Die schwarz-weißen Flügel ragen hinter seinen Schulterblättern hervor. Mit ebenso schmaler Farbpallette wie der Amorknabe ist auch die ihn umgebende Landschaft gemalt. Eine dunkle Baumgruppe, die nach vorn von einem bizarr geborstenen, toten Baumstamm akzentuiert wird, füllt die rechte Bildhälfte. Die nach links abfallende Erdenzone gibt den Blick auf eine sich weit in die Ferne erstreckende Ebene frei, die von drei übergroßen Bienenkörben teilweise verdeckt wird.

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Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”(Detail), um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Durch das Hinzufügen dieser Elemente hat Codde in seinem Bild ein Thema des Idyllendichters Theokrit aufgegriffen: Als der naschhafte Amor aus einem Bienenkorb die süßen Honigwaben stehlen wollte, wurde er von den Tieren heftig gestochen. Von Venus, seiner Mutter, bekam er jedoch kein tröstliches Mitleid, vielmehr verwies sie auf sein eigenes Tun: „Bist du nicht auch klein und kannst dennoch mit deinen Pfeilen schmerzhaft stechen?“ Amor, der Legende nachder Sohn der schönen Liebesgöttin Venus und des Kriegsgottes Mars, verkörpert nicht nur die angenehmen Seiten der Liebe. Schalkhaft und mutwillig verschießt er seine Pfeile nicht immer zum Wohl der Getroffenen. In seine kindlich-ungestümen Hände sind nämlich zwei verschiedene Arten gelegt: die goldenen entfachen die Liebe, während die bleiernen sie abtöten.

Dass eine den Menschen so sehr beeinflussende Macht wie die Liebe von einem unberechenbaren, frechen Kind verkörpert wird, hat für die Menschheit bereits seit der Antike einen besonderen Reiz besessen. In der Renaissance wird das Bildmotiv des kindhaften Liebesgottes verstärkt wieder aufgegriffen. Nördlich der Alpen setzen Dürer und vor allem Cranach das mutwillige Tun Amors variantenreich in Szene.

Interessanterweise verzichtet Codde gerade bei der Bienenwabenepisode nun jedoch auf ein sehr entscheidendes Bildelement: die ihren Sohn ermahnende, schöne Göttin Venus. Waren diese mythologischen Erzählungen im 16. Jahrhundert auch deshalb so beliebt, weil sie Anlass für die Darstellung eines ästhetischen Frauenaktes boten, so mutet es umso außergewöhnlicher an, dass der niederländische Künstler darauf bewusst verzichtet. Durch den ausschnitthaften Charakter des Bildes und die Konzentration auf das weinende Kind bekommt der Erzählinhalt eine gänzlich andere Aussage. Nicht die Diskrepanz zwischen erotisch-verführerischer Venus und versteckt-moralischer Textgrundlage kann den Betrachter erfreuen. Vielmehr nimmt das Gemälde durch diese Fokussierung genrehafte Züge an, die die durch und durch kindliche Natur Amors betonen, welche sich sowohl in den Körperproportionen als auch in seinem Verhalten ausdrückt.

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Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”(Detail), um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nach heutigem Forschungsstand ist Codde der einzige niederländische Maler, der diese Thematik bildlich umgesetzt hat. Ob sein eigenes kompliziertes Eheleben, das just zur Entstehungszeit des Bildes in einer Scheidung mündete, der Anlass für das Gemälde gewesen war, muss Spekulation bleiben.

Sei es in der Antike, in der Renaissance, im Barockzeitalter oder im beginnenden 21. Jahrhundert – die zwischenmenschliche Liebesbeziehung hat nie etwas von ihrer komplexen Kompliziertheit eingebüßt. Macht es einen Unterschied, ob nun Amor oder die eigene individuelle Verhaltensfreiheit verantwortlich für das Ge- oder Misslingen der Liebe ist? So wie das Gefühl des Verliebtseins den Betroffenen in einen permanenten Glückstaumel versetzt, kann sein Gegenpol, der Liebeskummer, den Zustand einer ernsthaften Erkrankung mit psychischen und physischen Symptomen annehmen.

Vermutlich nicht an den mythologischen Liebesgott, sondern an eine reale (männliche) Person ist der vorwurfsvolle Ausspruch „Wie kannst du mir das antun?“ gerichtet, mit dem Birgit Brenner im Jahr 2009 ihre Arbeit auch betitelt hat. Mit Filzstift und Acrylfarbe hat die Künstlerin in erkennbarer Schnelligkeit den nahsichtigen Ausschnitt eines nackten Frauenkörpers skizziert. Die Brust, der Bauch sowie die Arme werden zusätzlich durch eine rechteckige violette Umrahmung hervorgehoben. Darunter steht in Druckbuchstaben der Titel des Werks. Die Intimität des Motivs unterstreichend, lässt er, durch die Anrede in der zweiten Person Singular, als Adressaten eine nahe stehende Person vermuten. Verletzt, fassungslos und zutiefst authentisch wirkt dieser eine Satz in Kombination mit dem nur ausschnitthaft gezeigten nackten Körper einer Frau, die sich nicht einmal die Mühe macht, ihre Blöße zu bedecken, sondern die Arme schlaff und kraftlos nach unten sinken lässt. Gegenwehr oder Wut erscheinen sinnlos aufgrund der Tat, mit der sie nun umzugehen hat.

Irritierenderweise nutzt die Künstlerin für ihre Arbeit keinen neutralen Bildträger, sondern eine aus einer Zeitschrift herausgerissene Anzeige, die für das neueste Modell einer Uhrenmarke wirbt. Das Aufmalen des weiblichen Körpers auf die Werbeannonce eines Konsumgutes mag der situativen Dringlichkeit geschuldet sein, mit der der titelgebende Ausspruch getroffen werden musste; vermutlich ist die Frau aber auch als verfügbare „Ware“ behandelt worden. Die Reduzierung auf ihre (weibliche) Körperlichkeit legt sicher eine Interpretation dieser Art nahe. Zudem steht das Motiv der Uhr ikonografisch für die Vergänglichkeit. Somit kann die Wahl des Bildgrundes auch ganz traditionell gedeutet werden, nämlich im Sinne einer begrenzten Zeitlichkeit menschlicher Beziehungen. So klar und einfach die Aussage dieses Kunstwerkes wirkt, so vielfältig und individuell ist die Bandbreite der Assoziationen.

Sowohl das barocke Gemälde des niederländischen Malers als auch das Werk der Künstlerin aus dem 21. Jahrhunderts thematisieren durch ihre Motivwahl die unberechenbare Zufälligkeit, mit der die Liebe und ihr Ende in das Leben der Menschen treten. Nahsichtig und dadurch eindringlich setzen Codde und Brenner die Facetten der Liebe und ihre Wirkmacht auf den Menschen in Szene: ein Thema, das augenscheinlich nie etwas von seiner Faszination verloren hat. Jede Zeit findet dafür eigene Formen und setzt ihre Schwerpunkte.

Die dauerhafte Präsenz und Vielgestaltigkeit der Liebe innerhalb der bildenden Kunst liegt vermutlich auch in der Tatsache begründet, dass eben kein Mensch vor ihr gefeit ist; weder vor den goldenen noch vor den bleiernen Pfeilen des allmächtigen, unkalkulierbaren Liebesgottes.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

Lit.:

Ausst. Kat. Bittersüße Zeiten. Barock und Gegenwart in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Köln 2014.

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 88-91.

 

 

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