100 Meisterwerke – Teil 22: Justine Otto & Christoffel Lubieniecky

LUBICH_M_1.001.O

Christoffel Lubieniecky, Bildnis Dame mit ihrem Sohn, um 1680, Öl auf Leinwand, 62,5 x 73,6 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Vermutlich würde heute die Reaktion einer Mutter anders ausfallen, wenn ihr junger Sohn mit einer Handvoll eigenständig erjagter Vögel nach Hause käme. Im ausgehenden 17. Jahrhundert als Christoffel Lubieniecky dieses „Bildnis einer Dame mit ihrem Sohn“ gemalt hat, zeigt es neben der Geschicklichkeit des Knaben auch den unverhohlenen Stolz der Mutter, die ihrem Sprössling zart aber doch respektvoll die Hand auf die Schulter legt.

Wer die beiden gewesen sind, lässt sich nicht mehr klären. Da das Jagen in dieser Zeit ein Privileg des Adels gewesen war und auch aufgrund ihrer herrschaftlichen Haltung in kostbarer Kleidung, muss es sich bei den Dargestellten um Mitglieder einer wohlhabenden und hochgestellten Familie gehandelt haben.

Porträts sind in dieser Zeit vielmehr als nur das Abbild der äußeren Erscheinung eines menschlichen Individuums. Gesellschaftlicher Stand, der damit einhergehende gehobene Lebensstil, ein Sinn für luxuriöse Umgebungen, Vermögen, Familienzusammengehörigkeit, dynastisches Denken und vieles mehr gehören innerhalb der Porträtikonografie ebenfalls zur Charakterisierung der Protagonisten. In unserem Fall stellt somit das Jagdmotiv ein wesentliches Distinktionsmerkmal dieser Familie dar. Bereits im Kindesalter wird der männliche Nachwuchs für seine spätere Rolle innerhalb einer Gesellschaft vorbereitet, in der das Jagen als Freizeitbeschäftigung einer Elite galt, die ihre Zeit nicht, wie das Gros der damaligen Bevölkerung, mit lebensnotwendiger, harter Arbeit verbringen musste.

Der Künstler hat Mutter und Sohn in ein Querformat eingepasst. Die geringere Körpergröße des Kindes erlaubt es ihm zu stehen, während die Mutter vor einer antik anmutenden Brunnenhausarchitektur Platz genommen hat. Aufwendig ist ihr grau gelocktes Haar nach oben frisiert. Die Kostbarkeit der glänzenden Stoffe und Spitzen, in die sie gekleidet ist, gleicht das Fehlen jeglichen Schmuckes aus. Vermutlich wurde darauf verzichtet, da es sich um die Darstellung in einer weitläufigen, von Abendlicht beschienen Parklandschaft handelt, zu der ein ostentativ zur Schau gestellter Juwelenreichtum nicht recht passen würde.

LUBICH_M_1.001.O (1)

Christoffel Lubieniecky, Bildnis Dame mit ihrem Sohn (Detail), um 1680, Öl auf Leinwand, 62,5 x 73,6 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nah und in kindlicher Vertrautheit, die in einem gewissen Kontrast zu seiner erwachsenen Tätigkeit steht, ist der Junge an seine Mutter geschmiegt. Sein linker Unterarm, mit dem er dem Betrachter scheu und doch triumphierend lächelnd ein leichtes Jagdgewehr präsentiert, ruht auf dem Oberschenkel der Mutter. In seiner Rechten hält er mehrere erlegte graue Vögel kopfüber an den Füßen. Als wäre er gerade erst von seinem Abenteuer zurückgekehrt, ist der Junge in einer leichten Schrittstellung gezeigt. Passend zu seiner Tätigkeit trägt der kleine Jäger ein leuchtend blaues, locker fallendes, in der Körpermitte gegürtetes Oberhemd und braune eng anliegende Hosen. Eine leichte Jagdtasche hängt von einer Schnur gehalten an seiner rechten Hüfte.

Lubieniecky spielt in diesem Bild sowohl formal als auch inhaltlich versiert auf der Klaviatur barocker Adelsporträts.

Streng begrenzt die steinerne Brunnenarchitektur, nahsichtig wiedergegeben, den rechten Bildrand und schafft damit einen stabilen Abschluss des Bildraumes, während der Betrachter den Blick im linken Teil des Gemäldes weit in die Hintergrundlandschaft schweifen lassen kann. Eine subtile Kontrastierung der Lebensalter drückt sich in der Positionierung der ruhig, ja nahezu majestätisch, sitzenden Mutter und ihres agilen Kindes aus. Trotz seines jungen Alters nimmt der Knabe die seiner Mutter heraldisch überlegenere rechte Seite ein.

Jedoch erscheinen die beiden nicht nur dynastisch miteinander verbunden. Der Maler hat auch auf das emotionale Moment eine besondere Aufmerksamkeit gerichtet, indem er die zwei Personen ihrer jeweiligen Familienrolle entsprechend positioniert und dadurch ihre persönliche Verbindung sowohl durch das liebevolle Aneinanderrücken als auch durch eine korrespondierende Gestik veranschaulicht, wie das übereinstimmende Händespiel beider bezeugt. Sicher nicht zufällig ergänzt sich das Kolorit der Kleidung von Mutter und Sohn.

Die Ambivalenz des adeligen Kindseins hat der Künstler somit subtil gelöst: er zeigt die leichte Unsicherheit des Jungen in seiner Suche nach Nähe und Rückhalt bei der Mutter, genauso wie seinen Erfolg in einer Tätigkeit, die dem Erwachsenenleben zugerechnet wird und ihn damit als Träger und Verantwortlichen für den Fortbestand der Dynastie ausweist.

OTTOJU_M_2.001.O (1)

Justine Otto, Adlermund II, 2008, Öl auf Leinwand, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, ©VG Bildkunst, Bonn 2018

Auch im 21. Jahrhundert ist die Phase des Kindseins oftmals weit davon entfernt, jene glückliche und von den Sorgen und Lasten des Erwachsenenalters noch unbeschwerte Lebenszeit zu sein, wie sie seit der Aufklärung gerne idealisiert wird. Wenige Künstler haben diesen Aspekt des „unkindlichen Kindseins“ mit solch schonungsloser Radikalität seziert wie die Künstlerin Justine Otto. In ihrem Gemälde „Adlermund II“ aus dem Jahr 2008 rückt an den Betrachter in greller Farbigkeit ein Mädchenkopf zu nah heran. Bis zur Schulter nur ist der Körper ausschnitthaft gezeigt. Irritierenderweise hat das Kind den Kopf in den Nacken gelegt und wild zur Seite gedreht wohin auch die weit aufgerissenen Augen der Bewegung folgen. Ob Entsetzen oder doch erst aufgeregtes Erschrecken in diesem Blick liegt, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Schön gelegte, kurze blonde Locken, die an Marilyn Monroe erinnern, umrahmen das Kindergesicht. Von den roten Wangen ist zu hoffen, dass ihre Farbigkeit auch der Aufregung und nicht einem geschickten Rougepinsel geschuldet ist. Ein Blick auf die zu dichten und langen Wimpern, lässt jedoch nichts Gutes ahnen. Auch die für ein Kind unpassende weiße Bluse trägt zu dem verstörenden Eindruck dieser, an sich hübschen, Erscheinung bei.

Ein Adler, von dem nur der Kopf zu sehen ist, nimmt das linke untere Bildeck ein. Nah und schutzsuchend hat er sich an seine Begleiterin geschmiegt. Seltsamerweise erscheint der Vogel, der eigentlich in diesem Zusammenhang surreal wirken sollte, fast als ein erleichternd normales und damit beruhigendes Element in dieser verstörenden Komposition, da das Mädchen selbst ihn nicht als Bedrohung empfindet.

 

Ein Kind, das augenscheinlich nicht Kind sein kann und aufgrund seines Aussehens in einer Art und Weise als attraktiv-begehrenswerte Erwachsene betrachtet werden muss, hinterlässt stets mehr als nur ein ungutes Gefühl. Selbst wenn Justine Otto auf alles wirklich Eindeutige verzichtet, so wendet sie mit kühler Klugheit den besten aller Kunstgriffe an: Sie erzählt die Geschichte nicht zu Ende. Sie überlässt es der Phantasie des Betrachters die Lücke zu schließen, die der spannungsgeladene Moment in seiner brutalen Ausschnitthaftigkeit offenbart und nur gefahrvoll erahnen lässt. Weder im positiven noch im negativen Sinn kennt die Gedankenwelt des Menschen Grenzen, so dass sie sich auch die schlimmste aller Varianten vorzustellen vermag.

Würde man sich auf die allzu offensichtlich übereinstimmende Kind-Tier-Konstellation beider Bilder einlassen, wäre ein Vergleich schnell auserzählt und ohne jeden Mehrwert. So erscheint eine Gegenüberstellung auch nicht auf der motivischen Ebene relevant. Vielmehr verbindet beide Kunstwerke wie differenziert sie ausloten, was Kindsein und sein Bezug zur Welt der Erwachsenen in den unterschiedlichen Zeiten bedeuten kann.

Beide Gemälde erzählen davon eine Geschichte: Lubienieckys ist auf den ersten Blick eine kleine, heitere Episode, die vom kindlichem Stolz nach erfolgreicher Jagd erzählt. Dahinter verbirgt sich jedoch eine lange Erzählung über eine vermutlich traditionsreiche Vergangenheit und eine erhoffte dynastische Zukunft, die in diesem kurzen Moment der Rückkehr von der Jagd sich offenbart. Der kleine Junge erscheint in einer festgefügten Welt, in der er bereits in jungen Jahren spielerisch auf seinen Platz in der Familie und Gesellschaft vorbereitet und dabei fürsorglich von seiner Mutter beschützt und begleitet wird.

Genau dieses sichere Momentum fehlt in der Geschichte des Mädchens von Justine Otto. Irgendetwas sagt uns, dass es sich bei der zu grellen Aufmachung nicht um ein harmloses Verkleidungsspiel handelt, sondern, dass das Kind schutzlos in den Fokus gerückt und einer undefinierten Gefahr, die der Betrachter wiederum nur in ihrem Blick erkennen kann, ausgeliefert wird. Nichts Spielerisches, Heiteres oder Leichtes wohnt dem Gemälde inne. Nicht einmal der Greifvogel kann einer vielleicht intendierten märchenhaft-surrealen Beschützerfunktion nachkommen, zu ängstlich und selbst schutzsuchend wirkt er in seiner Körperhaltung.

Auch Justine Otto spielt damit bravourös auf einer erzählerischen Klaviatur; jedoch nicht auf der gleichsam geschichtsträchtigen und in die Zukunft weisenden der barocken Adelsporträts, sondern auf der eines düsteren Drehbuches, das intelligent sowohl die Sehgewohnheiten als auch die kreative Vorstellungskraft seines Publikums kennt und momenthaft zu nutzen weiß.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Portraits. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1995. S. 90-93.

https://www.youtube.com/watch?v=r3vkfdeDLx0

https://www.justineotto.de

http://soer.de

http://instagram.com/soer_rusche

 

 

Stil-Tipps von Thomas Rusche – Wie Mann sich im Sommer kleidet

L1000946

Immer stilsicher – Thomas Rusche der SØR Inhaber und Stil-Experte weiß bis ins kleinste Detail um die Bedeutung der Kleidungskultur. Foto Lars Beusker

Die Sommermonate locken uns mit luftigen und aufregend bunten Outfits auf die Straßen. Im Business sollte man allerdings berücksichtigen, dass der klassische Dresscode keine Ferien kennt. Besonders wenn man auf dem Finanzmarkt arbeitet oder in Kunden-gesprächen sein Unternehmen repräsentiert. Wie man sich bei hohen Temperaturen auch im Job adäquat kleidet und wie man die angesagten Sommer-Trends am besten in der Freizeit kombiniert, verrät uns SØR Inhaber und Stil-Experte Thomas Rusche!

SØR: Welche Stoffe/Materialien eignen sich besonders für die Sommermonate?

Thomas Rusche: Leinen, Baumwolle und leichte cool-wool Qualitäten sind während der Sommer-Monate die perfekte Wahl. Auf synthetische Materialien sollte man am besten verzichten.

SØR: Welche der genannten Materialien sind auch für Business-Looks im Büro geeignet und welche ein absolutes No-go?

Thomas Rusche: Leinen hat leider die Angewohnheit leicht zu knittern und das wirkt im Job schnell etwas nachlässig. Leichte Wollmaterialien und Baumwolle sind somit die sichere Wahl. Bequemere Alternativen können beispielsweise Hemden aus feinem Jersey sein. Anzüge sollten aus leichten aber hochwertigen Wollqualitäten bestehen. Wer als Akteur auf dem Finanzmarkt agiert oder sein Unternehmen in Kundengesprächen repräsentiert, sollte auch im Sommer gedeckte Farben wählen und sich dem klassischen Dresscode unterordnen. Vertrauen entsteht durch Kleidung, die den Rollenerwartungen gerecht wird. Kleidung entscheidet mit darüber, wessen Rat ich traue und wem ich mein Geld anvertraue. Eine Maxime, die in der Kleidungskultur für alle Jahreszeiten gilt.

Collage-2

Richtig angezogen im Büro oder bei Kunden-Meetings: SØR Anzug in Blau, ein weißes SØR-Hemd mit farbigen Ausputz, feine Seidenkrawatte mit Schmetterlingsmotiv und rahmengenähte Schuhe von Floris van Bommel. Foto Lars Beusker

SØR: In der vergangenen Sommer-Saison lag der Knöchel des Herren bei den Hosenlängen frei. Setzt sich dieser Trend fort oder verändert sich diesbezüglich etwas?

Thomas Rusche: Dieser Trend setzt sich auch in dieser Saison fort. Es werden weiterhin Hosen getragen die den Knöchel zeigen und die Fußweite bleibt eher schmal.

SØR: Darf der Knöchel auch im Büro gezeigt werden? Womit der Träger dann ja auch auf einen Strumpf verzichtet. Ist das im Job erlaubt?

Thomas Rusche: Es kommt immer auf das Umfeld an. Ist der Arbeitgeber eine Bank oder eine Anwaltskanzlei, sollte man einen klassischen Hosenschnitt wählen und Strümpfe in den Schuhen tragen. Jedoch in Unternhemen mit einem gelockerten Dresscode, darf Mann auch etwas Haut am Fuß zeigen.

Die schmale SØR Hose mit Bundfalten, ist aus einem kühlen glatten Baumwollstoff und dezent kariert. Besonders schön wirkt  wenn man sie bis zum Knöche umschlägt und mit feinen Loafern oder weißen Sneaker kombiniert. Foto Lars Beusker

Die schmale SØR Hose mit Bundfalten, ist aus einem kühlen glatten Baumwollstoff und dezent kariert. Besonders schön wirkt es, wenn man sie bis zum Knöchel umschlägt und mit feinen Loafern oder weißen Sneaker kombiniert. Foto Lars Beusker

SØR: Welche Schuhe eigenen sich besonders für diesen Look?

Thomas Rusche: Ein feiner Loafer oder Rahmengenähte Schuhe passen gut ins Büro. Bei nicht ganz so warmen Temperaturen kann man schöne sommerliche Akzente setzen, in dem man farbige Stümpfe wählt.

SØR: Und in der Freizeit?

Thomas Rusche: Sneaker passen eigentlich immer, aber auch Bootsschuhe oder Mokassins sind prädestiniert für knöchellange Hosen. Wer nicht auf etwas Stoff im Schuh verzichten möchte und Füßlinge oder kurze Sneakersocken wählt, sollte darauf achten das sie auf keinen Fall hervorluken und das schöne Bild des sommerlichen Looks verunstalten.

Slipper

Der SØR Slipper aus weichem Wildleder in Braun passt perfekt zu den knöchellangen Hosen oder zu Bermudas. Foto Lars Beusker

SØR: Bermudas sind diesen Sommer ein Trend. Allerdings etwas enger als gewöhnlich. Wie kombiniert man diese Hosen? Und sind sie ausschließlich in der Freizeit tragbar?

Thomas Rusche: Bermudas oder Shorts sind ganz klar nur in der Freizeit angesiedelt. Gerade der neue schmale Schnitt und die fröhliche Farbpalette lässt sie noch sportlicher erscheinen.

MMX_bermuda

Der Sommer-Trend: Schmaler Bermuda-Short von MMX in einem knackigen Gelb. Foto Lars Beusker

SØR:Wer sollte sie tragen und wer sollte lieber auf den klassischen großzügig geschnittenen Bermuda ausweichen?

Thomas Rusche: An sich kann sie jeder tragen – von jung bis alt… Jedoch sollte man sich bewusst sein, dass der Schnitt etwas figurbetonter ist. Man sollte sich in seiner Haut also wohlfühlen.

SØR: Immer wieder trifft man auf Herren, die sich in schmal geschnittene Chinos oder Slim-Jeans pressen, obwohl sie aufgrund ihrer Figur eher zu großzügigen Schnitten tendieren sollten. Wie berät man solche Kunden, bzw. wie rät man ihnen ab?

Thomas Rusche: Grundsätzlich gilt: jeder so, wie er mag! Doch sollten wir nicht vergessen das Kleidung unsere zweite Haut ist, und sie bildet sich durch eine innere Einstellung und einem äußeren Schein. Dabei entwickeln wir ein feines Gespür für Authenzität, für eine Kleidung die von Innen heraus strahlt. Nur wer sich in seiner zweiten Haut wohlfühlt hat eine glaubwürdige Ausstrahlung. Und wenn sie zwickt oder uns in der Bewegungsfreiheit einschränkt, werden wir den ganzen Tag von einem Unwohlsein begleitet und somit auch von einer negativen Ausstrahlung. Ein guter Verkäufer sollte dem Kunden auch immer einen geeigneten Schnitt präsentieren und anbieten. Wenn der Kunde diese dann erstmal anprobiert, versteht er oft selbst, dass der großzügigere Schnitt besser passt und zu einer positiven Ausstrahlung verhilft.

Collage

Das ultimative Urlaubs-Outfit: kurzärmeliges SØR Hemd aus einem strukturierten Baumwoll-Jersey, SØR Bermuda in der Trendfarbe Rot. Dazu passen wunderbar die SØR Bootsschuhe oder die weißen Retro-Sneaker von Colmar. Foto Lars Beusker

SØR: Empfehlen Sie doch bitte noch zwei Freizeit-Looks die diese Saison unbedingt in den Urlaubs-Koffer gepackt werden sollten:

Thomas Rusche: Eine Bermuda-Short, gerne in einer knackigen Farbe, dazu Bootsschuhe oder elegante Sandalen aus Leder. Kombiniert mit einem Poloshirt oder einem kurzärmeligen Jersey-Hemd sieht das einfach klasse aus.

Für den Abend im Restaurant oder an der Strandpromenade empfehle ich ein weißes Oxford-Hemd, eine leichte Jeans oder eine knöchellange Chino. Dazu trägt man einen Loafer oder Slipper aus Wildleder.

https://shop.soer-online.de/MAN/

http://instagram.com/soer_rusche

100 Meisterwerke – Teil 21: Birgit Brenner & Pieter Jacobsz Codde

Amor

Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”, um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

 

Omnia vincit amor, lautet ein berühmtes Sprichwort: die Liebe besiegt alles!

Dass der kleine Gott Amor, der für das Verlieben zuständig ist, aber bisweilen selbst in durchaus irdische Nöte geraten kann, zeigt das Gemälde des Pieter Jacobsz Codde „Amor als Honigdieb“, das um das Jahr 1636 datiert wird.

In ungewöhnlicher Nahsicht stapft der kleine, dralle Liebesgott auf den Betrachter zu. Einen Fuß hat er trotzig nach vorn gesetzt. Mit der linken Hand wischt er sich die Tränen aus dem nach unten geneigten Gesicht, das von blonden Locken umrahmt wird. Die schwarz-weißen Flügel ragen hinter seinen Schulterblättern hervor. Mit ebenso schmaler Farbpallette wie der Amorknabe ist auch die ihn umgebende Landschaft gemalt. Eine dunkle Baumgruppe, die nach vorn von einem bizarr geborstenen, toten Baumstamm akzentuiert wird, füllt die rechte Bildhälfte. Die nach links abfallende Erdenzone gibt den Blick auf eine sich weit in die Ferne erstreckende Ebene frei, die von drei übergroßen Bienenkörben teilweise verdeckt wird.

CODDPI_M_2.001.O (1)

Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”(Detail), um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Durch das Hinzufügen dieser Elemente hat Codde in seinem Bild ein Thema des Idyllendichters Theokrit aufgegriffen: Als der naschhafte Amor aus einem Bienenkorb die süßen Honigwaben stehlen wollte, wurde er von den Tieren heftig gestochen. Von Venus, seiner Mutter, bekam er jedoch kein tröstliches Mitleid, vielmehr verwies sie auf sein eigenes Tun: „Bist du nicht auch klein und kannst dennoch mit deinen Pfeilen schmerzhaft stechen?“ Amor, der Legende nachder Sohn der schönen Liebesgöttin Venus und des Kriegsgottes Mars, verkörpert nicht nur die angenehmen Seiten der Liebe. Schalkhaft und mutwillig verschießt er seine Pfeile nicht immer zum Wohl der Getroffenen. In seine kindlich-ungestümen Hände sind nämlich zwei verschiedene Arten gelegt: die goldenen entfachen die Liebe, während die bleiernen sie abtöten.

Dass eine den Menschen so sehr beeinflussende Macht wie die Liebe von einem unberechenbaren, frechen Kind verkörpert wird, hat für die Menschheit bereits seit der Antike einen besonderen Reiz besessen. In der Renaissance wird das Bildmotiv des kindhaften Liebesgottes verstärkt wieder aufgegriffen. Nördlich der Alpen setzen Dürer und vor allem Cranach das mutwillige Tun Amors variantenreich in Szene.

Interessanterweise verzichtet Codde gerade bei der Bienenwabenepisode nun jedoch auf ein sehr entscheidendes Bildelement: die ihren Sohn ermahnende, schöne Göttin Venus. Waren diese mythologischen Erzählungen im 16. Jahrhundert auch deshalb so beliebt, weil sie Anlass für die Darstellung eines ästhetischen Frauenaktes boten, so mutet es umso außergewöhnlicher an, dass der niederländische Künstler darauf bewusst verzichtet. Durch den ausschnitthaften Charakter des Bildes und die Konzentration auf das weinende Kind bekommt der Erzählinhalt eine gänzlich andere Aussage. Nicht die Diskrepanz zwischen erotisch-verführerischer Venus und versteckt-moralischer Textgrundlage kann den Betrachter erfreuen. Vielmehr nimmt das Gemälde durch diese Fokussierung genrehafte Züge an, die die durch und durch kindliche Natur Amors betonen, welche sich sowohl in den Körperproportionen als auch in seinem Verhalten ausdrückt.

CODDPI_M_2.001.O (2)

Pieter Jacobsz Codde, ,,Amor als Honigdieb”(Detail), um 1636, Öl auf Holz, 25 x 23,5 cm Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nach heutigem Forschungsstand ist Codde der einzige niederländische Maler, der diese Thematik bildlich umgesetzt hat. Ob sein eigenes kompliziertes Eheleben, das just zur Entstehungszeit des Bildes in einer Scheidung mündete, der Anlass für das Gemälde gewesen war, muss Spekulation bleiben.

Sei es in der Antike, in der Renaissance, im Barockzeitalter oder im beginnenden 21. Jahrhundert – die zwischenmenschliche Liebesbeziehung hat nie etwas von ihrer komplexen Kompliziertheit eingebüßt. Macht es einen Unterschied, ob nun Amor oder die eigene individuelle Verhaltensfreiheit verantwortlich für das Ge- oder Misslingen der Liebe ist? So wie das Gefühl des Verliebtseins den Betroffenen in einen permanenten Glückstaumel versetzt, kann sein Gegenpol, der Liebeskummer, den Zustand einer ernsthaften Erkrankung mit psychischen und physischen Symptomen annehmen.

BRENBI_W_7.001.O

Brigit Brenner, ,,Wie kannst Du mir das antun”, 2009, Acryl und Filzstift auf Papier, 29,7 x 21 cm Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018

Vermutlich nicht an den mythologischen Liebesgott, sondern an eine reale (männliche) Person ist der vorwurfsvolle Ausspruch „Wie kannst du mir das antun?“ gerichtet, mit dem Birgit Brenner im Jahr 2009 ihre Arbeit auch betitelt hat. Mit Filzstift und Acrylfarbe hat die Künstlerin in erkennbarer Schnelligkeit den nahsichtigen Ausschnitt eines nackten Frauenkörpers skizziert. Die Brust, der Bauch sowie die Arme werden zusätzlich durch eine rechteckige violette Umrahmung hervorgehoben. Darunter steht in Druckbuchstaben der Titel des Werks. Die Intimität des Motivs unterstreichend, lässt er, durch die Anrede in der zweiten Person Singular, als Adressaten eine nahe stehende Person vermuten. Verletzt, fassungslos und zutiefst authentisch wirkt dieser eine Satz in Kombination mit dem nur ausschnitthaft gezeigten nackten Körper einer Frau, die sich nicht einmal die Mühe macht, ihre Blöße zu bedecken, sondern die Arme schlaff und kraftlos nach unten sinken lässt. Gegenwehr oder Wut erscheinen sinnlos aufgrund der Tat, mit der sie nun umzugehen hat.

Irritierenderweise nutzt die Künstlerin für ihre Arbeit keinen neutralen Bildträger, sondern eine aus einer Zeitschrift herausgerissene Anzeige, die für das neueste Modell einer Uhrenmarke wirbt. Das Aufmalen des weiblichen Körpers auf die Werbeannonce eines Konsumgutes mag der situativen Dringlichkeit geschuldet sein, mit der der titelgebende Ausspruch getroffen werden musste; vermutlich ist die Frau aber auch als verfügbare „Ware“ behandelt worden. Die Reduzierung auf ihre (weibliche) Körperlichkeit legt sicher eine Interpretation dieser Art nahe. Zudem steht das Motiv der Uhr ikonografisch für die Vergänglichkeit. Somit kann die Wahl des Bildgrundes auch ganz traditionell gedeutet werden, nämlich im Sinne einer begrenzten Zeitlichkeit menschlicher Beziehungen. So klar und einfach die Aussage dieses Kunstwerkes wirkt, so vielfältig und individuell ist die Bandbreite der Assoziationen.

Sowohl das barocke Gemälde des niederländischen Malers als auch das Werk der Künstlerin aus dem 21. Jahrhunderts thematisieren durch ihre Motivwahl die unberechenbare Zufälligkeit, mit der die Liebe und ihr Ende in das Leben der Menschen treten. Nahsichtig und dadurch eindringlich setzen Codde und Brenner die Facetten der Liebe und ihre Wirkmacht auf den Menschen in Szene: ein Thema, das augenscheinlich nie etwas von seiner Faszination verloren hat. Jede Zeit findet dafür eigene Formen und setzt ihre Schwerpunkte.

Die dauerhafte Präsenz und Vielgestaltigkeit der Liebe innerhalb der bildenden Kunst liegt vermutlich auch in der Tatsache begründet, dass eben kein Mensch vor ihr gefeit ist; weder vor den goldenen noch vor den bleiernen Pfeilen des allmächtigen, unkalkulierbaren Liebesgottes.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

 

Lit.:

Ausst. Kat. Bittersüße Zeiten. Barock und Gegenwart in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Köln 2014.

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 88-91.

 

 

http://soer.de

http://eigen-art.com

http://instagram.com/soer_rusche

 

 

 

 

 

100 Meisterwerke Spezial – Basquiat & Rubens

st_presse_rubens_venus_cupido_um_1628_0

Peter Paul Rubens (1577-1640), Venus und Cupido, Um 1628, Öl auf Leinwand, 137 cm x 111 cm, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © Museo Thyssen-Bornemisza

Barock und Pop, High and Low, Kunst und Kitsch – nichts scheint im Moment die
(Kunst)welt so sehr zu faszinieren wie die Zusammenführung von scheinbar
unvereinbaren Gegensätzen. Der letzte große Coup dieser Art fand vergangenes Jahr in
den großen Flagshipstores einer der berühmtesten Luxustaschenfirmen statt, als Jeff
Koons neben anderen weltberühmten Meisterwerken auch Rubens’ dynamische
Jagdszenen auf den vinylgetränkten Canvas prägen ließ.
Gesellte sich Rubens im Sommer 2017 zu Jeff Koons, kann man den Barockkünstler in
Frankfurt noch bis Ende Mai 2018 in einer ähnlich ungewohnten Gesellschaft
bewundern. In den beiden großen Kunstinstitutionen der Mainmetropole werden
gerade zwei sehr unterschiedliche Künstler mit den fulminanten Einzelausstellungen
„Rubens. Kraft der Verwandlung“ und „Boom for real“ gefeiert: Peter Paul Rubens
(1577-1640), der barocke Virtuose par excellence, im Städelmuseum und Jean-Michel
Basquiat (1960-1988), das enfant terrible der 1980er Jahre, in der Schirn.

Schirn_Presse_Bertoglio_Basquiat_on_the_Set_of_Downtown_81_1980-81

Edo Bertoglio, Jean-Michel Basquiat on the set of Downtown 81, 1980–81, © New York Beat Film LLC, By permission of The Estate of Jean-Michel Basquiat, Licensed by Artestar, New York, Photo: Edo Bertoglio

Es ist ein Gipfeltreffen der besonderen Art: vielsprachig, belesen, multibegabt, schnell,
neugierig und mit einem selbstbewussten Ehrgeiz ausgestattet waren sowohl Rubens
als auch Basquiat. Über ein untrügliches Gespür für den Geist ihrer Zeit verfügten
ebenfalls beide: Der eine war ein höfisch gebildeter, versierter Maler und
hochgeschätzter Diplomat, der sich das Beste, was die Kunst zu bieten hatte, zum
Vorbild nahm und den Ehrgeiz hatte es noch zu übertreffen. Der andere arbeitete sich
durch Mut, Talent und selbstbewusste Nonchalance zum Liebling der amerikanischen
Kunstszene hoch.
In die Wiege gelegt war beiden dieser Weg nicht. Rubens stammte aus einer
angesehenen Familie und durchlief eine exzellente, auf eine höfische Laufbahn hin
ausgerichtete Ausbildung. Basquiat hingegen stammte aus schwierigen Verhältnissen
und kam über die Musik- und Grafittiszene zur Kunst.
Beide Ausstellungen zeichnen klug, offen und behutsam die Wege zu ihren jeweiligen
Fragestellungen nach: aus welcher Intention heraus geschah die Anverwandlung der
Formen bei Rubens, wie ging dieser Prozess vonstatten und welche Form erschien ihm
überhaupt als vorbildhaft?
Imitatio et aemulatio sind die Schlagworte, die die Kunsttheorie jener Zeit vorgab.
Weniger die große künstlerische Innovation als das intelligente, um die Vergangenheit
wissende und sich daran messende Kunstschaffen stand hoch im Kurs.

Venus and Adonis

Titian (Tiziano Vecellio) (1487 – 1576), Venus und Adonis, 1555-1560, Öl auf Leinwand, 160 cm x 196,5 cm, J. Paul Getty Museum, Los Angeles © J. Paul Getty Museum

Der gebildete,
gereiste Künstler, der gleich einer Biene umherschwirrt, sich nur der schönsten Blüten
bedient und daraus den edelsten Kunstnektar bereitet, ist eine Metapher jener Zeit für ein ideales, künstlerisches Vorgehen. Allein schon die Selektion seiner Vorbilder zeugt von der Begabung des Künstlers. Rubens beherrschte diese Fähigkeit meisterhaft. Nur die Größten wählte er aus: den antiken Bildhauer, der ein Meisterwerk wie den Torso vom Belvedere geschaffen hatte, oder Tizian, den Farbvirtuosen, von dem er lernte die marmorne Schönheit antiker Statuen in schimmerndes Inkarnat zu verwandeln. Eingängig hatte er das Gemälde „Venus und Adonis“ seines Renaissance-Kollegen studiert. Rubens wäre nun aber kein Kind seiner Zeit, wenn er es nur bei einer bloßen Kopie der verzweifelten Venus belassen würde, die trotz all ihrer Liebe und Schönheit es nicht vermag, ihren Geliebten von der Tod bringenden Jagd abzuhalten. Um 1630 entsteht Rubens’ Sichtweise auf diese tragische Liebesgeschichte. Lässt der Rückenakt von Tizian die Schönheit der Venus nur erahnen, so hat Rubens das Liebespaar einmal um 180 Grad gedreht. Die gesamte Dramatik der Szenerie wird dem Betrachter auf diese Weise dynamisch vor Augen geführt. Mit solch flehentlicher Inständigkeit sieht die Göttin ihren sterblichen Geliebten an, dass dieser sogar den Blick abwenden muss, um nicht schwach zu werden. Unentschlossen steht er in höchster Versuchung ihren entblößten Oberschenkel berühren zu wollen und damit ihren Bitten nachzugeben. Der kleine Amor, der sich, tatkräftig seine Mutter unterstützend, in kindlichem Ungestüm ans Bein des Fortstrebenden klammert, ist eines der schönsten Beispiele barocker Handfestigkeit. Auf unterschiedlichen Ebenen ist das sinnliche Berühren Ausdruck des Erzählinhaltes, dem sich der Betrachter auch fast 400 Jahre später nicht zu entziehen vermag.

Schirn_Presse_Basquiat_Untitled_1982

Jean-Michel Basquiat, Untitled, 1982, Acrylic and oil on linen, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Estate of Jean-Michel Basquiat, Licensed by Artestar, New York, Courtesy Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, Foto: Studio Tromp, Rotterdam

Menschlich, intensiv und real nähert sich auch die Schirn ihrem Protagonisten.
Stringent, trotz der Fülle an künstlerischem Material, kann der Besucher die
Zusammenhänge der Entwicklung des charismatischen, hochproduktiven
„Wunderkindes“ Jean-Michel Basquiat nachvollziehen ohne bei seiner Betrachtung
methodisch bevormundet zu werden.
Von der unbändigen Energie und dem unstillbaren Drang sich künstlerisch
auszudrücken, sei es im Grafitto oder in postkartengroßen Kollagen, zeugen die frühen
Arbeiten Basquiats. Es passiert sehr schnell sehr viel in diesem kurzen Leben, das in
einmaliger Weise auch die gesellschaftspolitischen Umstände der Zeit widerspiegelt.
Ein untrügliches Gespür hatte Basquiat für besondere Menschen und baute früh ein
fulminantes Netzwerk auf. Als schwarzer Künstler avancierte er so zum Liebling der
Kunstszene und flog mit der Concorde um die Welt. Der allgegenwärtige und alltägliche Rassismus hingegen führte dazu, dass Basquiat wegen seiner Hautfarbe in New York häufig kein Taxi bekam. Das Leben zwischen solch extremen Polen drückte Basquiat mit unnachahmlicher Eindringlichkeit in seinen Werken aus. Superlative prägten sowohl zu seinen Lebzeiten als auch nach seinem Tod die Rezeption seiner Werke: Er war der jüngste documenta- Künstler aller Zeiten und der erste zeitgenössische Künstler, dessen Gemälde im Mai 2017 die 100 Millionen Dollar Grenze bei einer Auktion sprengte. Drogen in hohem Maße waren Basquiats Gegenmittel gewesen um diesen Zwiespalt ertragen zu können. Letztendlich brachten sie ihm mit 27 Jahren den Tod.

Schirn_Presse_Basquiat_Ausstellungsansicht_Foto_Norbert_Miguletz-1

BASQUIAT. BOOM FOR REAL, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2018, Foto: Norbert Miguletz, Kunstwerke: © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Estate of Jean-Michel Basquiat, Licensed by Artestar, New York.

Es wäre vermessen zu behaupten, dass man nach einem Besuch der Ausstellung
Basquiat verstehen könne. Eine Annäherung ist möglich, wobei der Betrachter sich auch
einer gewissen Überforderung stellen muss, da viele der Werke einen ungefilterten Blick
in die Gedankenwelt des Künstlers darstellen. Es ist eine Explosion von Eindrücken und
Versatzstücken aus Geschichte, Literatur, Musik, Philosophie und Kunstgeschichte
neben täglich Erlebtem. Die Arbeiten wirken wie ein optisches Simultangeräusch seiner
subjektiven Weltwahrnehmung.
Und doch gibt es ein Bild in dieser Ausstellung, vor dem man intuitiv inne hält. Es ist sein
schwarzes Selbstporträt. Die Augen sind nur zwei kleine weiße Schlitze. Sein
Markenzeichen, die Krone, die überall und nirgends in seinem Oeuvre zu finden ist,
ersetzen diesmal die eigenen ikonischen Haarsträhnen. Reduziert, konzentriert, als wäre
alle Farbe überflüssig. Es geht um das Schwarzsein an sich.
Ein Selbstporträt gibt es auch jenseits des anderen Mainufers. Überlegen, ohne arrogant
zu sein, blickt Rubens ein bisschen müde aber dennoch interessiert auf seine Betrachter
herab.

st_presse_rubens_ausstellungsansicht

Ausstellungsansicht “Rubens. Kraft der Verwandlung” Foto: Städel Museum

Beide geben sie ihrer Zeit ein Bild von sich: Rubens, der seinen barocken Überschwang
stets mit höflicher Disziplin bändigte, Basquiat, der die auf ihn einstürmende Überfülle
knallend wieder nach außen warf.
Und so gilt gerade in Hinblick auf diese beiden großen Ausstellungen in Frankfurt der
kluge Satz: Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit.

Rubens – Kraft der Verwandlung, Städel Museum, 8. Februar – 21. Mai 2018 www.staedelmuseum.de

Basquiat. Boom For Real, Schirnkunsthalle, 16. Februar bis 27. Mai 2018 www.schirn.de

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Ausst. Kat.: Rubens. Kraft der Verwandlung. München 2017.
Nils Büttner: Rubens. München 2007.

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

 

Das Knistern in der Luft – Thomas Rusche zeigt uns seine Highlights auf der Art Cologne 2018

P1130678

Der SØR-Inhaber und Kunstsammler Thomas Rusche vor der Wachsskulptur ,,Marsupiale” des Künstler Urs Fischer. Präsentiert von der New Yorker Galerie Gagosian. Foto, SØR

In der vergangenen Wochen drehte sich in Köln wieder alles um die Kunst. Die größte und wichtigste Kunstmesse in Deutschland präsentierte sich zum 52. Mal und lockte die internationale Kunstszene in die Rhein-Metropole. Thomas Rusche ist als Kunstsammler natürlich ein gerne gesehener Gast auf der Messe, und er begleitet einige Künstler und Galerien seit vielen Jahren. Welches seine Highlights der diesjährigen Art Cologne waren, erzählt er uns in seinem persönlichen Foto-Report.

Die erste Station bei meinen Köln Besuchen ist natürlich der SØR Store in der Mittelstraße 12-14. Bei sonnigen Wetter treibt es mich dann weiter zum Kölner Dom. Unter seiner Obhut genieße ich in Ruhe einen Cappuccino bevor ich mich in das Getümmel auf der Art Cologne stürze. Foto SØR

Die erste Station bei meinen Köln Besuchen ist natürlich der SØR Store in der Mittelstraße 12-14. Bei sonnigen Wetter treibt es mich dann weiter zum Kölner Dom. Unter seiner Obhut genieße ich in Ruhe einen Cappuccino, bevor ich mich in das Getümmel auf der Art Cologne stürze.

Schon beim Betreten der Messehallen spürt man förmlich ein Knistern in der Luft , welches die Menschen hinterlassen die sich auf Jagd nach Kunstwerken befinden. Dien Einen sind auf der Suche nach den großen Namen, die anderen nach kleinen Preisen und dann gibt es noch diejenigen die etwas Neues entdecken wollen - die Superstars von Morgen. Foto, SØR

Schon beim Betreten der Messehallen spürt man förmlich ein Knistern in der Luft , welches die Menschen hinterlassen die sich auf der Jagd nach Kunstwerken befinden. Die Einen sind auf der Suche nach den großen Namen, die anderen nach kleinen Preisen und dann gibt es noch diejenigen, die etwas Neues entdecken wollen – die Superstars von Morgen.

Jeff Koons ist einer der großen Superstars der Kunstwelt. Diese Arbeit aus seiner Serie

Jeff Koons ist einer der großen Superstars der Kunstwelt. Dieses Werk aus der Serie ,,Gazing Ball” wird von der Galerie David Zwirner präsentiert. Rudolf Zwirner, der Vater des Galeristen war übrigens einer der Mitbegründer der Art Cologne, die 1967 zum ersten stattfand.

P1130654

Seit den 1980er Jahren fördert die Art Cologne gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Galerien und dem Staatsministerium für Kultur- und Medien auch Nachwuchstalente. In den sogenannten ,,Förderkojen”, heute heißt es ,,New Positions”, darf jedes Jahr eine Auswahl junger Künstler ihre Arbeiten auf der Messe präsentieren. Wie hier der Künstler Julius Hofmann…

P1130649

Hofmann stellt seine malerischen Arbeiten seinen 3D-Animations-Filmen gegenüber und ist auch mit Werken in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin vertreten. Entdeckt hatte ich den jungen Künstler bereits während seines Studiums unter Neo Rauch und Heribert C. Ottersbach an der HGB Leipzig.

P1130662

Diese Arbeit des Künstlers Lars Breuer entdecke ich am Stand der Galerie Rupert Pfab aus Düsseldorf. Der Herzblut-Galerist, der eigentlich aus dem Museums-Bereich kommt, überrascht mich immer wieder mit seinem außergewöhnlichen Programm…

Wie zum Beispiel mit den Werken des Konzept Künstlers Matthias Wollgast, der mit seinem fiktiven Künstler

Wie zum Beispiel mit den Werken des Konzept Künstlers Matthias Wollgast. Wollgast hat den Künstler Jan Usinger erfunden und präsentiert dazu ein fiktives Œuvre samt abenteuerlicher Biografie. Museen, wie aktuell das Kunstmuseum Bonn, präsentieren diese spannende konzeptuelle Arbeit.

Ganz und gar nicht fiktiv ist der Künstler Joachim Elzmann, auch wenn er in einer Person mit dem Galeristen Michael Haas steckt. Seit vielen Jahren sind wir mehr als nur Nachbarn in Berlin. In der Galerie Haas tätigte ich meine ersten Käufe und erwarb beispielsweise Werke von Leiko Ikemura und David Nicholson. Arbeiten von Joachim Elzmann findet man natürlich auch in meiner Sammlung, auch wenn ich diese in einer Düsseldorfer Galerie erwerbe.

Erwin Wurm ist einer der bedeutendsten europäischen Gegenwartskünstler. Mit seinen Werken provoziert  er unsere Aufmerksamkeit mit einem Witz, der erst auf den zweiten Blick die tiefe emotionale und kulturelle Bedeutung seiner Objekte

Erwin Wurm ist einer der bedeutendsten europäischen Gegenwartskünstler. Mit seinen vordergründig humorvollen Werken provoziert er unsere Aufmerksamkeit. Erst auf den zweiten Blick nimmt man die tiefe emotionale und kulturelle Bedeutung der dargestellten Objekte wahr…

Wie Erwin Wurm wird auch Daniel Richter von der Galerie Ropac vertreten. Die attraktive Galerie-Managerin, die übrigens unweit meiner Heimat in Bielefeld groß geworden ist, macht mich auf ein ganz neues Werk von Daniel Richter aufmerksam.

Wie Erwin Wurm wird auch Daniel Richter von der Galerie Ropac vertreten. Die attraktive Galerie-Managerin, die übrigens unweit meiner Heimat in Bielefeld groß geworden ist, macht mich auf ein ganz neues Werk von Daniel Richter aufmerksam.

Als Sammler darf man auch manchmal in kleine geheime Ecken schauen, die den Besuchern of vorenthalten werden. Hier habe ich schon einige Schätze für meine Sammlung entdeckt.

Als Sammler darf man auch manchmal in kleine geheime Ecken schauen, die den Besuchern vorenthalten werden. Hier habe ich schon einige Schätze für meine Sammlung entdeckt.

Bei der Galerie Kleindienst  erfreue ich mich an der frischen Farbigkeit der Christoph Ruckhäberle Insatllation. Der Professor für Malerei an der HGB Leipzig  spielt großzügig mit einem kontrastreichen Farbauftrag und entwickelte er eine ganz eigene Handschrift als einer der Kernkünstler der Leipziger Schule.

Bei der Galerie Kleindienst erfreue ich mich an der frischen Farbigkeit der Christoph Ruckhäberle Insatllation. Der Professor für Malerei an der HGB Leipzig spielt großzügig mit einem kontrastreichen Farbauftrag und entwickelte eine ganz eigene Handschrift als einer der Kernkünstler der Leipziger Schule.

Im Kreise der Lieben. David Schnell, Nicola Samori und Stella Hamberg, drei Künstler die ich äußerst schätze. Es bereitet mir stets Freude zu sehen wie sich Künstler, die ich seit Jahren begleite, weiterentwickeln und zu großen Namen werden.

Im Kreise der Lieben. David Schnell, Nicola Samori und Stella Hamberg, drei Künstler die ich äußerst schätze. Es bereitet mir stets Freude zu sehen wie sich Künstler, die ich seit Jahren begleite, weiterentwickeln und zu großen Namen werden.

Ausschlaggebend für solche Entwicklungen ist ein guter Galerist, der es versteht das Werk seiner Künstler zu artikulieren und  in die Welt hinauszutragen. Fast unnachahmlich mit dieser Fähigkeit ausgestattet ist Judy Lybke. Er hat die ganze Welt für die Leipziger Schule begeistern können und ist bereits heute eine Legende unter den großen Galeristen.

Ausschlaggebend für solche Entwicklungen ist ein Galerist der es versteht das Werk seiner Künstler zu artikulieren und in die Welt hinauszutragen. Fast unnachahmlich mit dieser Fähigkeit ausgestattet ist Judy Lybke. Er hat die ganze Welt für die Leipziger Schule begeistern können und ist bereits heute eine Legende unter den großen Galeristen. Neben seinem ausgerägten Sinn für gute Kunst, überrascht mich der Neo Rauch-Entdecker auch immer wieder mit seinen eigenwilligen Outfits.

Nach einem Tag auf einer Kunstmesse fühle ich wie mein kreativer Akku wieder voll aufgeladen ist. Gute Kunst ist im höchsten Maße bereichernd, daher möchte ich als Sammler täglich von ihr umgeben sein.  Bereits unter 1000 Euro kann man Kunstwerke von jungen Künstlern erwerben, nach oben sind dann bekannter Weise keine Grenzen gesetzt. Kommen Sie raus aus dem Hamsterrad, lernen Sie die Sprache der Bilder zu buchstabieren, lernen Sie zu sehen - Bereichern Sie Ihr Leben mit Kunst!

Nach einem Tag auf einer Kunstmesse fühle ich wie mein kreativer Akku wieder voll aufgeladen ist. Gute Kunst ist im höchsten Maße inspirierend, daher möchte ich als Sammler täglich von ihr umgeben sein. Das Werk von Jeff Koons kostet zwar mehrere Millionen, aber bereits für unter 1000 Euro kann man Arbeiten von jungen Künstlern auf einer Messe oder in Galerien erwerben. Kommen Sie raus aus dem Hamsterrad, lernen Sie die Sprache der Bilder zu buchstabieren, lernen Sie zu sehen – Bereichern Sie Ihr Leben mit Kunst!

 

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

http://www.artcologne.de/ART-COLOGNE/index.php

http://www.bvdg.de/NEW_POSITIONS_Foerderprogramm

 

100 Meisterwerke – Teil 19: Jan Symonsz Pynas & Christopher Thomas

PYNAJA_M_2.001.O (1)

Jan Symonsz Pynas , ,,Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena”, 1610, Öl auf Holz, 81,5 x 59 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Nahezu haptisch greifbar erscheint der verstorbene Jesus am Kreuz in Jan Symonsz Pynas’ Bild „Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena“ aus dem Jahr 1610. In seiner Physis fein ausgebildet, durchmisst der Leib vor dem dunklen Hintergrund strahlend hell das hochformatige Gemälde. Das von Dornen bekrönte Haupt ist vom Todeskampf ermattet zur Seite gefallen. Blutstropfen rinnen über die fahle Gesichtshaut und die geschlossenen Augen. Der Heiligenschein, das Zeichen göttlicher Auserwähltheit, wird durch die hellere Maserung des Kreuzholzes unterstrichen. Die Arme sind weit an den Querbalken gespannt, die geschundenen Hände von Nägeln durchtriebenan denen noch das geronnene Blut haftet. Sanft leuchtet das Inkarnat des schönen Oberkörpers auf. Das zarte Körperrelief ist noch kraftvoll-lebend ausgebildet, wobei die linke Körperseite durch die Kopfneigung verschattet wird, während aus der sich rechts befindlichen Seitenwunde weiteres Blut läuft. Um die Lenden Jesu windet sich ein weißes Tuch. Ein Ende bauscht sich, wie durch einen irrealen Windhauch bewegt, voluminös auf. Ein anderer Strang des Stoffes ist zwischen die schmal übereinander gelegten Beine gezogen, deren Füße mit nur einem Nagel am Kreuz befestigt sind.

Als Symbol des überwundenen Todes liegt im Vordergrund ein in Untersicht dargestellter, menschlicher Schädel. Er findet seine kompositorische Entsprechung in dem kleinen, illusionistisch gemalten cartellino mit der Aufschrift INRI, das über dem Haupt Jesu am Kreuz befestigt ist.

Da laut der biblischen Überlieferung im Moment des Todes Jesu eine undurchdringliche Nacht über die Welt hereingebrochen war, verschwindet der fast nicht erkennbare landschaftliche Hintergrund im Dunkel. Diese malerische Methode zwingt das Auge, sich auf die sichtbaren Dinge zu konzentrieren, die dadurch in ihrer Präsenz noch gesteigert werden. Die herbe Stofflichkeit weist auf Zurbarán voraus. Nah an den Betrachter herangerückt und präzise beleuchtet, werden die wenigen Bildelemente zwar vereinzelt gezeigt, verbinden sich durch ihre ikonologische Zusammengehörigkeit aber doch zu einer Bilderzählung.

PYNAJA_M_2.001.O (2)

Jan Symonsz Pynas , ,,Der gekreuzigte Christus und Maria Magdalena” (Detail), 1610, Öl auf Holz, 81,5 x 59 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Rechts unter dem Kreuz kniet Maria Magdalena. Mit gefalteten Händen blickt sie zum Haupt des Verstorbenen empor. Über das nur in Profilansicht gezeigte, andächtig blickende Antlitz rinnen große Tränen, die den Blutstropfen im Gesicht Jesu entsprechen. Um ihr dunkles, langes Haar hat sie ein weißes Tuch geschlungen. Zu ihrer hellen Bluse trägt sie ein braunes Mieder und einen weitfallenden Rock gleicher Farbe mit Granatapfelmuster. Ihr rechter nackter Fuß wird unter dem Gewand sichtbar und ist mit den Zehenspitzen aufgestützt. Vor ihr steht das zur Magdalenenikonografie gehörende Salbgefäß.

Die Darstellung Jesu am Kreuz ist eines der häufigsten Bildmotive seit dem Mittelalter. Es stellt eine aus dem Passionsgeschehen extrahierte Szene dar, die als Andachtsbild den Gläubigen zur compassio anregen sollte. Durch das Bild wird das Leben Christi nicht nur illustrierend vor Augen gestellt, sondern macht Jesus als Mensch in seinem Leiden nahbar.

Die pointierte Konzentration auf essentielle menschliche Gefühle ist das ureigene Merkmal von Andachtsbildern. Während Maria-mit-Jesuskind-Darstellungen auf das Moment der Mutterliebe abzielen, vermitteln Kreuzigungs- oder auchPietà-Darstellungen das Leid des Todes im Spiegel des Mitleids. Die sinnliche Schönheit des Körpers Jesu im vorliegenden Gemälde stellt dabei keinen Widerspruch dar. Sie zeigt zum einen die menschliche Natur des Gottessohnes, zum anderen, dass er mit seinem Opfer den Sieg über den Tod errungen hat.

Kreuzigungsdarstellungen waren zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein wichtiger Bestandteil im ökonomischen Werkschaffen vieler Künstler. Jan Symonsz Pynas gehört zur Generation der sogenannten Prä-Rembrandtisten, einer Gruppe von Malern, die im Umkreis Pieter Lastmanns arbeiteten. Wie dieser große Vorgänger und Lehrer Rembrandts, hielt sich Pynas von 1605 bis 1607 in Rom auf und konnte dort als einer der ersten Künstler Europas überhaupt einen Blick auf einen der revolutionärsten Maler der Kunstgeschichte werfen: Caravaggio. Unverkennbar ist im vorliegenden Bild die Verwandtschaft der Magdalena mit der italienischen Vorgängerin. Caravaggio hatte sie nur wenige Jahre zuvor in so realistischer Weise dargestellt, dass Giovanni Pietro Bellori später meinte, wenn man ihr das Salbgefäß wegnehmen würde, sähe sie aus wie ein einfaches, römisches Mädchen, das sich das Haar trocknet. In der ergreifenden Schlichtheit ihrer Anteilnahme steht die niederländische Magdalena ihrer italienischen Schwester nicht nach. Sie wird jedoch in eine komplexere Bilderzählung eingefügt, die zugleich ungewöhnlich reduziert ist.

Für diese Zeit einmalig, verzichtet Pynas auf die Darstellung des Johannes und beschränkt die Assistenzfiguren unter dem Kreuz auf die trauernde Magdalena. Ohne Ablenkung kann sich der Betrachter ausschließlich auf die mitfühlende Beziehung von Magdalena und Jesus und ihre sichtbare Zwiesprache konzentrieren. Magdalena ist nicht eine unter Vielen, sondern die nahbare Vermittlerin zwischen der menschlichen und göttlichen Sphäre. Der Betrachter wird eingeladen, sich mit ihr in das Heilsgeschehen Christi einzufühlen.

THOMCH_F_7.001 (1)

Christopher Thomas, Passion #55, 2010, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Der Münchner Fotograf  ist ebenfalls ein Meister der reduzierten Komposition. In seinem Vorgehen ist er noch radikaler als Pynas: Seine Fotografie zeigt vor dunklem Hintergrund nahsichtig eine zu Boden gesunkene Gestalt, deren Gewand sie vollkommen umhüllt. Dabei handelt es sich um die 55. Fotografie einer aus knapp 60 Aufnahmen bestehenden Bildserie der Passion Christi. Christopher Thomas begleitete mehrere Wochen die Proben zu den alle 10 Jahre in Oberammergau stattfindenden Passionsspielen. Laienschauspieler führen dort dem Publikum eindrucksvoll die letzten 5 Tage im Leben Jesu vor Augen. Den Fotografen interessierten bei seinem künstlerischen Vorgehen weniger die großen Massenszenen, sondern der einzelne Mensch und sein Verhalten angesichts der Kreuzestragödie.

Der Künstler zeigt eine sich vor Trauer niedergebeugte Person. Durch das verborgene Gesicht ist nicht klar erkennbar, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Die Abfolge der Fotoserie legt jedoch nahe, dass es sich um Maria Magdalena handelt. Sie weint in das blutverschmierte Leintuch, das noch die Spuren des Märtyriums zeigt. Jesus ist bereits vom Kreuz genommen und wird zu Grabe getragen. Das Berühren dieses Tuches wirkt wie die Ersatzhandlung einer nun nach dem Tode Jesu nicht mehr möglichen, tröstlichen Berührung. Dabei verbindet sich das Leinentuch Jesu mit dem Gewand der Magdalena. Dies erscheint wie eine Metapher für ihre sich völlig mit dem Leiden Christi identifizierende, physische Trauer.

Monumental, konzentriert und in seiner klaren Gestik sofort verständlich, kulminiert das gesamte Passionsgeschehen in einer menschlichen Gestalt. Dieser überindividuellen Darstellung menschlicher Trauer kann sich der Betrachter nicht entziehen. Unwillkürlich empfindet man Mitleid. Wurde diese compassio von solchen Bildern in früheren Jahrhunderten explizit gefordert, so erscheint sie uns heute fast unangenehm oder zumindest verstörend. Christopher Thomas bricht mit einer rein ästhetischen Rezeption seiner Fotografien, deren Wirkmacht größer ist, als es die unmittelbare Darstellung erwarten lässt. Dass es sich bei den abgebildeten Dargestellten um Schauspieler handelt, erzeugt eine inhärente Rezeptionsschwelle, die den Wahrnehmungsprozess zusätzlich verkompliziert. Trotzdem kann sich der zeitgenössische Betrachter der aufwühlenden transzendentalen Dimension der Fotografie nicht entziehen, was vermutlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass Christopher Thomas seine drastische Formensprache aus dem Repertoire früherer Andachtsbilder schöpft: die brutale Nahsicht der kauernden Person, die im dunklen Schwarzweiß der Komposition erschreckend roten Blutflecken als einzige Farben oder die totale Verschattung des Hintergrundes, vor der die ausgeleuchtete Haptik des groben Leinenstoffes spürbar wird.

Wird der Betrachter mit dieser zeitgenössischen Fotografie unvermutet neben der ästhetischen auch mit einer religiösen Rezeptionsebene konfrontiert, so liegt der Fall bei Pynas‘ Darstellung genau umgekehrt. Der niederländische Maler zeigt nicht nur ein zur compassio aufforderndes, biblisches Geschehen, sondern schafft in der Darstellung des wohlgeformten, nackten Jesuskörpers, der raffinierten Ausleuchtung des Geschehens und der klugen Anordnung der asymmetrischen Komposition ein ästhetisch wirkendes Kunstwerk, das eine große Freude am Schauen hervorruft.

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 350-354.

www.christopher-thomas.de (Zugriff am 12.3.2018)

 

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

 

Interview mit Thomas Rusche: ,,WIR MENSCHEN SPRECHEN MIT UNSERER KLEIDUNG, NOCH BEVOR WIR DEN MUND AUFMACHEN“

Thomas Rusche ist der Sir von SØR und führt damit eine textile Familientradition bereits in der fünften Generation fort. Dabei sind sein Denken über Kleidungskultur und sein Handeln als Unternehmer in ein größeres Koordinatensystem – er nennt Doktortitel in Philosophie sowie Ökonomie und eine renommierte Kunstsammlung sein Eigen – eingeschrieben. Im Interview erläutert Rusche unter anderem: „Kleidungskultur konkretisiert sich im Dreieck meiner individuellen Persönlichkeit im Verhältnis zum objektiven Anlass und den subjektiven Erwartungshaltungen, denen ich dabei begegnen werde.“

Thomas Rusche wünscht Ihnen einen stilvollen Winter und eine behagliche Vorweihnachtszeit! Foto, Lars Beusker

THOMAS RUSCHE vor Abraham Bloemaerts „Portrait eines alten Mannes in bäuerlicher Kleidung“, um 1634, SØR Rusche Sammlung Oelde / Berlin, Foto Lars Beusker

Susanne Kolter: Lieber Herr Rusche: Wie sind Sie eigentlich zu diesem Beruf gekommen? Gibt es da eine Familientradition, oder war es vornehmlich die eigene Begeisterung für diese Branche?

Thomas Rusche: Kleidungskultur ist meine Berufung. Seit fünf Generationen wird in unserer Familie das Kleider-Gen vererbt, das es uns ermöglicht, Menschen besser anzuziehen. Auch hätte ich mir vorstellen können, Kunsthistoriker oder katholischer Priester zu werden. Das erste hat mein Vater mir mit der Drohung verboten, mir dann seine Kunst nicht zu vererben, das zweite hätte er mit einem Stoßgebet hingenommen.

Susanne Kolter: Münster ist – so scheint es – gut aufgestellt im Hinblick auf Herrenmode. In anderen Städten nehme ich das nicht so deutlich wahr. Ist hier ein besonders gutes Pflaster dafür?

Thomas Rusche: Münster ist gutbürgerlich gepfl astert. Selbstverständliche Eleganz ohne Düsseldorfer Übertreibungen kennzeichnet den Charme der westfälischen Metropole. Dies gilt auch für die Herrenmode. Der Münsteraner liebt Klassik mit Pfiff und baut seine Garderobe wie einen gut bestückten Weinkeller mit zeitlos gültigen Klassikern auf, die er von Saison zu Saison neu interpretiert und mit aktuellen Accessoires variiert.

Susanne Kolter: Mich interessiert auch Ihre Firmenphilosophie, die ja zum Beispiel in Ihrem hauseigenen Journal vertreten wird. Was macht die „Marke“ aus?

Thomas Rusche: Der Markenkern von SØR ist die Kleidungskultur. SØR Produkte werden aus erstklassigen Materialien handwerklich gefertigt und ermöglichen eine körperbetonte Passformgenauigkeit. SØR Produkte gibt es für jeden Kleidungsanlass, ob sportlicher, berufl icher oder offizieller Natur. Unsere SØR Häuser pfl egen einen SØRrvice, der von Herzen kommt und den Kunden in den Mittelpunkt stellt.

Susanne Kolter: Was ist wichtig, will man als Geschäftsmann auf dem heiß umkämpften Modemarkt nicht nur bestehen, sondern wie Sie erfolgreich sein?

Thomas Rusche: Auf dem Modemarkt bedarf es einer Balance von zeitloser Kontinuität und saisonaler Aktualität. Um erfolgreich zu sein, bedarf es Markenbegehrlichkeit und hingebungsvoller Servicebereitschaft.

Susanne Kolter: Das gängige Vorurteil, vor allem Frauen seien modeaffin oder -begeistert, greift doch schon lange nicht mehr, oder?

Thomas Rusche: Für viele Frauen ist Mode Elixier. Männer erlernen dieses Lebensgefühl im 21. Jahrhundert zunehmend. Doch steht bei ihnen noch immer die Funktionalität im Vordergrund. Frauen schmücken sich mit ihrer Kleidung, Männer schützen sich. Beide Geschlechter erkennen zunehmend die Symbolkraft der Kleidung. Ob Mann oder Frau, wir Menschen sprechen mit unserer Kleidung, noch bevor wir den Mund aufmachen. Der erste Eindruck, den wir hinterlassen, wird wesentlich von der Kleidung geprägt. Diese sollte unserer jeweiligen Natur entsprechen und zur zweiten Haut werden.

Susanne Kolter: Gibt es einen Trend zu den Klassikern oder sind es eher die Neuheiten, die gesucht und erworben werden?

Thomas Rusche: Klassiker und Modeneuheiten sind wie das Stand- und Spielbein beim Tanzen. Der Klassiker einer grauen Wollhose aus Flanelltuch ermöglicht als Beinkleid, jeden noch so modisch verrückten Blazer zu kombinieren. Die hellblaue Hemdbluse wiederum lässt sich als klassischer Kontrapunkt zu den ausgefl ipptesten modisch floralen Hosen kombinieren: Die Mischung macht’s.

Blauer_Blazer

Blauer SØR Blazer aus der aktuellen Kollektion. Doppelreihig und leicht tailliert. Fotos Lars Beusker

Susanne Kolter: Was sollte Man(n) unbedingt und was auf keinen Fall im Schrank haben?

Thomas Rusche: Der Mann sollte unbedingt einen blauen Blazer im Schrank haben. Zur Flanellhose, beigen Chino oder Bluejeans, je nach Anlass variiert, ist er damit immer passend angezogen. Sowohl zur Vernissage, einem Geschäftsessen oder im Nightclub.

Susanne Kolter: Viel steht und fällt ja mit den richtigen Accessoires. Dabei denke ich zuerst an Krawatten. Eher schmal, eher breit, und welche Art und welcher Knoten ist der richtige zu welcher Gelegenheit?

Thomas Rusche: Viele Männer bevorzugen heute einen locker geschlungenen Schal. Wer eine Krawatte tragen möchte, sollte darauf achten, dass sie weder so schmal wie ein Schnürsenkel noch so breit wie ein Kinderlätzchen ist. Mit Aristoteles gilt: Die Tugend der Kleidungskultur liegt mitten zwischen den modischen Extremen. Die Wahl des Knotens ist weniger eine Frage des Anlasses als der Kragen- und Halsform sowie der Länge der Krawatte, die in der Höhe des Gürtels enden sollte. Niemals sollte die Krawatte das Zentrum der Männlichkeit bedecken, sondern mit der Spitze hervorheben.

Susanne Kolter: Ich persönlich bin ja immer ganz hingerissen, wenn ich auf ein gut drapiertes Einstecktuch treffe. Würden Sie das als „must have“ einordnen oder ist das doch ein bisschen „drüber“?

Thomas Rusche: Das Einstecktuch hebt jedes Outt auf ein höheres Niveau der Eleganz. Der ohne Krawatte getragene Blazer wird mit einem sportlich gemusterten Einstecktuch ebenso aufgewertet wie der Smoking durch ein weißes seidenes Pochette.

517173

Kariertes SØR Einstecktuch. Fotos Lars Beusker

Susanne Kolter: Lieber Herr Rusche, danke, dass Sie sich Zeit für das Interview genommen haben. Möchten Sie uns vielleicht noch etwas mit auf den Weg geben?

Thomas Rusche: Die Grammatik der Kleidungskultur ist kein strenges Regel-ABC, sondern ermöglicht es einem jeden Menschen, seine individuelle Ausdrucksform zu nden. Kleidungskultur konkretisiert sich im Dreieck meiner individuellen Persönlichkeit im Verhältnis zum objektiven Anlass und den subjektiven Erwartungshaltungen, denen ich dabei begegnen werde.

Das Interview führte Dr. Susanne Kolter für das Themenheft der St. Joseph Münster-Süd Pfarrei

Einmal im Jahr gibt die Pfarrei St. Joseph Münster-Süd ein Themenheft heraus, das ein
biblisches Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nimmt.
In 2018 trägt es den Titel „Gut angezogen“ und bezieht sich damit auf eine Passage aus
dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinden von Galatien. Mit der Wendung
„Christus angezogen“ wird dort ein Statuswechsel der besonderen Art beschrieben. Von
hier aus werden sozusagen gleich mehrere Kommodenschubladen, Kleiderschrank- und
Shoptüren geöffnet: Von Altkleidern bis zum Designstudium, von Coco Chanel bis zum
Messgewand, vom Verbergen der Nacktheit bis zur Präsentation der Lieblingsklamotte,
von fair gehandelter Mode bis zum perfekt drapierten Einstecktuch – und noch einiges
mehr.

http://www.st-joseph-muenster-sued.de/aktuell/jahresthema-und-themenheft/

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

100 Meisterwerke – Teil 18: Birgit Dieker & Abraham Hendricksz. van Beyeren

 

BEYEAB_M_1.002.O (1)

Abraham Hendricksz. van Beyeren, Fisch-Stilleben, ab 1655, 102,3 x 83,8 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Im effektvoll ausgeleuchteten Hochformat vor dunkel belassenem Hintergrund türmen sich in üppiger Großzügigkeit verschiedene Fischsorten auf einem kleinen Tisch, der nur lose mit einem dunklen Tuch bedeckt ist. In einem Weidenkorb liegen eine leuchtend rote Lachsschnitte und zwei Kabeljaus, von denen der vordere bereits ausgenommen ist. Dahinter befindet sich eine hölzerne Bütte, die ebenfalls mit Fischen gefüllt ist und zuoberst mit einem auf dem Rücken liegenden Rochen bedeckt wird.

Nur notdürftig erhalten die Tiere in dieser Unordnung Halt durch das stabile Material des Korbes und des Holzgefäßes. Glatt und glitschig drohen sie jeden Moment auseinander zu rutschen und auf den Boden zu gleiten. Gerade in dieser transitorischen Momenthaftigkeit lässt sich jedoch die ordnende menschliche Hand erkennen, die für diese ausbalancierte Ansicht gesorgt hat.

Das Arrangement ist nur scheinbar ein nachlässiges. Als Blickfang liegt nicht zufällig über den Rand des Korbes drapiertdas leuchtend rote Lachsfleisch. Es dient als koloristische Kontrastfolie für die zwischen schwarz, silbern und rosa changierende Schuppenhautder darüber liegenden Kabeljaus. Mit einem farblich-beruhigenden Gegenpol zum roten Lachsinneren wird das Stillleben rechts durch die matt-dunkle Nordseekrabbe abgeschlossen.

Abraham Hendricksz. van Beyeren gilt als einer der versiertesten Fischstilllebenmaler überhaupt. Vermag er doch nicht nur das Kolorit und die Oberflächenbeschaffenheit der schönen Tiere darzustellen, sondern auch ihre stromlinienförmige Beweglichkeit, die einen Verweis auf ihren ursprünglichen Lebensraum gibt.

BEYEAB_M_1.002.O

Abraham Hendricksz. van Beyeren, Fisch-Stilleben (Detail), ab 1655, 102,3 x 83,8 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Fische gelten seit jeher als Fastenspeise. Wurden früher Fastenregeln weitaus strenger befolgt, so ist auch heute noch in den Tagen vor Ostern ein stark ansteigender Absatz von Fisch im Lebensmittelhandel zu verzeichnen. Ohne Berücksichtigung ernährungswissenschaftlich erwiesener Vorteile des Fischkonsums steht dieses Tier symbolisch für den Verzicht. Als im 4. Jahrhundert die Fastenzeit vor Ostern auf 40 Tage ausgedehnt wurde und da der Verzicht auf Fleisch als Erinnerung an die Kreuzigung Christi bereits früh schon praktiziert wurde, etablierte sich der Fisch als Fastenspeise.

Und dennoch kann man sich beim Anblick dieses Stilllebens einer gewissen Lust des Genusses nicht erwehren, auch wenn diese nur von optischer Natur ist. In dem schönen Wort „Augenschmaus“ sind diese Gegensätze vereint: Es wird ein Genuss von Dingen mit dem primär nicht dafür vorgesehenen Sinnesorgan beschrieben. Schimmernde Oberflächen, verschwenderischer Silberglanz, opulent-wertvolles Rot leuchten dem Betrachter entgegen. Sowohl die Vielfalt der Ausformungen der Naturals auch die hier arrangierte Anzahl der Fische geben keinen Hinweis auf einen intendierten Verzicht. Konterkariert dieser Luxus nicht die angestrebte Kargheit? Unterschied eine Teresa von Avila im 16. Jahrhundert nicht sehr klar zwischen den Zeiten des Überflusses und denen des Verzichts mit ihrem berühmten Ausspruch: „Fasten ist Fasten und Truthahn ist Truthahn“?

Das Zusammenziehen gegensätzlicher Prinzipien, der Luxus in der Reduktion, der Überschwang in selbst gesteckten Grenzen macht den Reiz solcher Bilder aus. Sie zeigen auf einer sehr besonderen Ebene die Widersprüche einer Zeit, die wir unter den allzu großen Begriff des Barock verführt sind zu subsummieren.

Die zeitgenössische Künstlerin Birgit Dieker befasst sich ebenfalls mit den Themen des Konsums, des sinnlosen Luxus, des schnellen, vielleicht zu schnellen Genusses überflüssiger Angebote und damit, welcher Bezug zum Individuum sich daraus ableiten lässt. In ihren Werken arbeitet sie sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene diese Bezugnahmen heraus.

DIEKBI_S_1.001.L

Birgit Dieker, Anita, 2011, Kleidung & Barhocker, Gesamthöhe 187 cm, Foto Jürgen Baumann, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

„Dem Körper kommt heutzutage so viel Bedeutung zu,“ sagt die Künstlerin. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft: Jung sein, fit sein, das Beste aus sich rausholen – darauf kommt es an. Da bleibt der Körper nicht unverschont – ganz im Gegenteil! Alt werden wollen alle, aber nicht alt aussehen. Der Körper wird längst nicht mehr als unveränderbar hingenommen. Er muss sich an Bildern messen, wird von äußeren Einschreibungen bestimmt. Mich interessiert das Verhältnis von Körper und “Seele”, von äußerer Form und innerem Zustand.“

Aus getragenen, aussortierten Kleidungsstücken, den symbolischen Gegenständen unserer Überflussgesellschaft und des unbewussten, schnellen Genusses, fertigt Dieker ihre häufig nach der menschlichen Gestalt gebildeten Skulpturen. Sie schichtet, formt – und versehrt. In die sorgfältig übereinandergelegten feinen textilen Lasuren greift die Künstlerinnenhand auch wieder zerstörend ein und macht dadurch die menschliche Verletzbarkeit deutlich.

„Anita“, die sich in verführerischer Pose auf ihrem Barhocker räkelt, wurde deshalb auch folgerichtig nach einer berühmten Künstlerin der „goldenen 20er Jahre“ benannt: Anita Berber lebte in einer Zeit, die sich im Typ der sogenannten „neuen Frau“ manifestierte: Frauen, die in der Forderung nach Freiheit, Selbstbestimmtheit und individueller Entscheidungsgewalt über ihr eigens Leben bisweilen die Balance nicht fanden. So war der Lebensweg der früh verstorbenen Tänzerin und Schauspielerin begleitet von Skandalen und Alkohol- und Drogenmissbrauch. „Die Leute waren heiß auf sie, wollten Entertainment und ihre nackte Haut. Dabei hatte sie hohe künstlerische Ansprüche, an diesem Paradox ist sie letztendlich auch zerbrochen,“ beschreibt Dieker die Namenspatronin ihrer Figur.

Als künstlerisch begabt, hemmungslos, verschwenderisch und exzessiv wurde Anita Berber von Zeitgenossen beschrieben. Die Ambivalenz dieser Lebensart, den Glamour, aber auch die zerstörerische Energiez eigt Dieker durch das golden funkelnde Paillettenkleid: Es verhüllt zwar anschmiegsam die Gestalt, zieht aber auch massiv die Blicke auf den darunter befindlichen, verletzlichen Leib. Die schöne Hülle bekommt Risse und Löcher zugefügt, wie durch allzu stechende Blicke verursacht. Ob die helmartige Kopfbedeckung tatsächlich den Schutz der Anonymität gibt, muss unbeantwortet bleiben. Der Barhocker mag ebenfalls für die unsichere Ambivalenz dieses Lebensentwurfes stehen: Er bietet zwar die Bühne für ein aus der Masse herausgehobenes Posieren, zeigt aber in seiner Fragilität auch die Instabilität der auf ihm sitzenden Gestalt.

In sehr unterschiedlicher Weise thematisieren beide Kunstwerke eine der großen Herausforderungen des menschlichen Lebens: das Finden der individuellen Balance zwischen Verzicht und Genuss, Disziplin und Überschwang, Entsagung und Exzess, auch im Hinblick auf gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Normen und Vorgaben. In Zeiten, Breitengraden und Gesellschaftsschichten des Überflusses wird diese Frage stets gestellt: weil der Mensch dann über mehr verfügt als über das für das Überleben notwendige Angebot und damit vor die Aufgabe der auswählenden Entscheidung gestellt ist.

Eduard Mörike hat den Wunsch, dieses nicht enden wollende menschliche Dilemma zu beschließen, in einem Stoßgebet gen Himmel gesandt:

(…) „Wollest mit Freuden

Und wollest mit Leiden

Mich nicht überschütten!

Doch in der Mitten

Liegt holdes Bescheiden.“

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Lit.:

http://www.kleidungskultur-soer.de/?p=847

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Stilleben und Tierstücke. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 2004. S. 58-61

 

http://www.birgit-dieker.de/

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

 

100 Meisterwerke – Teil 17: Johannes Hüppi & Michiel van Musscher

HUEPJO_M_2.001.L

Johannes Hüppi, ,,Lenk So-Jin liest Robert Walser”, 2011, Öl auf Holz, 20 x 29 cm, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Unsichtbares sichtbar machen“

„Lenk, So-Jin liest Robert Walser“ nannte Johannes Hüppi sein kleinformatiges Gemälde aus dem Jahr 2011. Daran ist an sich nichts Ungewöhnliches. Bilder von Bücher lesenden Frauen gibt es in der Kunstgeschichte bereits seit dem Mittelalter. Ab dem 16. Jahrhundert wurde dieses Bildmotiv immer beliebter, um im 19. Jahrhundert die größtmögliche Vielzahl an Varianten zu erreichen. Meist werden die Frauen in der Privatheit eines Interieurs gezeigt, das dem jeweiligen Zeitgeschmack entspricht.

Extravagant vor der Folie dieser Vergleichsbeispiele erscheint die Wahl des Leseortes unserer Protagonistin. Sie hat es sich nicht in einem angenehm warmen, hellen Zimmer mit Stuhl oder Sessel bequem gemacht. Stattdessen ruht sie in ähnlicher Haltung, man sie auf einem Sofa oder einer Chaiselongue einnehmen würde, auf einem schneebedecktenHügel, mitten in freier Natur. In ganzer Länge präsentiert sie sich als Rückenakt, der hangaufwärts liegt und den linken Arm aufgestützt hat, um in dem aufgeschlagenen Buch zu lesen.

In der Diagonalen durchschneidet der steile Abhang nahsichtig das Bild. Die beiden gelb-schwarzen Stöcke, die der Messung der Schneehöhe dienen, rahmen links und rechts das Gemälde. Sie unterstreichen in ihrer Senkrechten die starke Neigung des Hügels. Im Mittelgrund des Bildes schmiegen sich kleine, dick vom Schnee überzogeneHäuser und hochaufragende Tannen in die Neigung des Berges. Dahinter verschwinden zunehmend im frostigen Nebel weitere dicht bewaldete Winterberge.

Deplatziert scheint die junge dunkelhaarige Frau, deren Gesicht wir nicht sehen, in dieser schönen Winterlandschaft, die aber zumindest eines von dem Menschen erfordert, wenn er sich in ihr aufhalten möchte: Bekleidung und Bewegung. Beides verweigert die Lesende. Und so wirkt dieses kleinformatige Bild auf den ersten Blick, als hätte sich die Frau nur darin verirrt, als hätte sie sich vielleicht aus einem anderen Gemälde davongestohlen, um hier endlich die zum Lesen erforderliche Ruhe und Muße zu haben. Anscheinend ist ihre Lektüre so spannend, dass sie alles um sich herum vergisst, sogar die Kälte und das im Winter rasch abnehmende Tageslicht.

Freundlicherweise enthält uns der Künstler den Autor nicht vor, der augenscheinlich eine solche Wirkmacht besitzt, dass er Kälte und Winter vergessen macht und die Lesende völlig in ihrer Lektüre versinken lässt.

Robert Walser war ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhunderte. Empfindsam, sensibel, bisweilen bis zur Schwelle der psychischen Instabilität, starb er 1956 an einem Herzschlag auf einem seiner geliebten weiten Spaziergänge durch die winterliche Schneelandschaft. Ein Motiv, das er ahnungsvoll bereits in seinem Werk „Geschwister Tanner“ vorweg genommen hatte. Wird das Schneefeld dem Autor und seiner literarischen Figur zum Verhängnis, so hat diese Landschaft in Hüppis Gemälde fast etwas Zutrauliches. Der Schnee erscheint nicht kalt, sondern verführerisch weich und warm wie eine Bettdecke, auf der man es sich lesend gemütlich macht.

Dargestellt ist demnach nicht das äußere Empfinden, sondern das innere Erleben. Der Einklang dieser Figur mit der sie umgebenden Natur ist kein äußeres Bild, sondern vielmehr die Darstellung der durch das Lesen imaginierten Innenwelt. Fast ist man versucht, an das von Lee Strasberg praktizierte Method Acting zu denken, in dem der Schauspieler den darzustellenden Inhalt tatsächlich durchleben sollte. Die komplizierte Verschränkung von lesender Frau und gelesenem Inhalt, Innen und Außen, realer und fiktiver Welt wird in diesem Gemälde von Johannes Hüppi in einfacher Weise malerisch sichtbar gemacht.

MUSSMI_M_2.001.O

Michiel van Musscher, ,,Portrait eines Landschaftsmalers”, 1693, 43 x 37 cm, Öl auf Leinwand

Michiel van Musscher wählt 1693 einen anderen Weg, um die Beziehung zwischen Mensch und künstlerisch gebildeter Landschaft zu thematisieren. Wie durch ein Fenster blicken wir in das Atelier eines Landschaftsmalers. Dem Betrachter zugewandt, hält der dargestellte Künstler Blickkontakt. Aufwändig frisiert in der Mode der Zeit, ersetzt eine gelockte Allongeperücke die eigene Haartracht. Gekleidet ist der Künstler in einen auffällig glänzenden, üppigen Hausmantel aus silbrig schimmernder, graublauer Seide, der hellbraun gefüttert ist, wie am Halsausschnitt erkennbar wird. Breitbeinig sitzt er neben einem runden Tisch, von dem er den rotgemusterten, indischen Teppich, der in dieser Zeit als Tischdecke diente, weggeschoben hat. Während der Maler mit der Rechten im Begriff ist zu zeichnen, wie die auf dem kleinen Tisch verstreuten Utensilien Federkiel, Messer und Glasgefäß für die Tinte verraten, ruht seine Linke auf dem Oberschenkel und verdeckt den hier zusammenlaufenden Faltenwurf des Mantels. Der Künstler wirkt nicht, als fühle er sich gestört in seinem Tun, vielmehr scheint es, als würde er diese Tätigkeit explizit für den Betrachter ausführen.

Während der rückwärtige Raum links von einer dunkelgrünen Draperie gänzlich verdeckt wird, steht rechts neben dem Maler unter den robusten, hölzernen Dachbalken – die in ihrer Rustikalität nicht so recht zur eleganten Aufmachung des Malers passen wollen – eine Staffelei mit einer leeren Leinwand. Dahinter an der Wand hängt ein fertiges, gerahmtes Landschaftsgemälde in typisch holländischer Manier, das das gesamte, auf changierende Blau-, Grau- und Grüntöne reduzierte Kolorit des Bildes in sich zusammenfasst.

Dieses Landschaftsgemälde bildet die Quintessenz der Aussage. Man könnte die gesamte Komposition deshalb auch als chronologischen Entstehungsprozess der Malerei interpretieren. Am Anfang steht die Formulierung einer Idee, die hier mittels des Zeichenaktes des Malers verdeutlicht wird, der das Erfassen der Komposition durch die lineare Kontur bildet. Das letztendlich sichtbare Ergebnis ist, nach der Überwindung der leeren Leinwand, die Ausarbeitung des Motives mit Farbe.

MUSSMI_M_2.001.O (1)

Michiel van Musscher, ,,Portrait eines Landschaftsmalers” (Detail), 1693, 43 x 37 cm, Öl auf Leinwand

Van Musscher tritt in diesem Gemälde mit der Idee des Bildes im Bild subtil den Beweis an, dass er eben kein Maler ist, der sich nur auf eine Gattung spezialisiert hat. Er ist Porträtist, Landschaftsmaler, Interieurmaler und Geschichtenerzähler. Zugleich erweist er sich bewandert in der Kunsttheorie, indem er versiert die unterschiedlichen Stadien auch des geistigen Entstehungsprozesses eines Bildes thematisiert. Der Eindruck, man würde die gesamte Szenerie wie durch ein Fenster betrachten, spielt auf Albertis berühmtes, in der Malerei Realität einforderndes, Postulat aus dem Jahr 1435 an: ein Bild solle sein wie ein Blick aus dem Fenster.

Die Innen- und Außenwelt, der Mensch und die (von Menschenhand gebildete) Natur sind auf intelligente Weise miteinander verschlungen. Nicht Darstellbares wird durch das Zeigen eines Entwicklungsverlaufes eben doch sichtbar gemacht. Nicht chronologisch, sondern assoziativ-imaginär vollzieht den gleichen Prozess auch Johannes Hüppi in seinem Gemälde, wenn er die Gedankenwelt der lesenden Frau als äußere landschaftliche Umgebung zeigt.

Eben das ist Malerei: Unsichtbares sichtbar zu machen.

 

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Dr. Teresa Bischoff, Kunsthistorikerin, ist in der Welt der Alten Meister ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen Kunst. Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte an der Universität Erlangen und der Università La Sapienza Rom. Studienaufenthalte in Basel zu Emilie Linder und Paris zur Ikonologie des Louvre. Lehre an der Universität Erlangen und Hochschule Ansbach. Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Forschungsprojekt zur deutschen Figurenmalerei des 21. Jahrhunderts. Kuratorin der Ausstellung “Gute Kunst? Wollen!” http://www.mmkoehnverlag.de/gute-kunst-wollen-eine-kritische-untersuchung-der-sor-rusche-sammlung-oeldeberlin/

Literatur: Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Portraits. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1995. S. 106-107.

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

Mein Milán – Thomas Rusche zeigt uns die Stadt des guten Stils

 

Thomas Rusche auf dem Piazza del Duomo, im Hintergrund der Mailänder Dom. Foto Carolina Rusche

Thomas Rusche auf dem Piazza del Duomo, im Hintergrund der Mailänder Dom. Foto Carolina Rusche

 

Mailand ist für den SØR Inhaber und Kunstsammler Thomas Rusche die zweite Heimat. Seine Ehefrau Anna ist hier geboren und aufgewachsen und ein Großteil der Familie lebt bis heute in Milano. Thomas Rusche und seine vier Kinder sprechen fließend italienisch und regelmäßig besucht der Entrepreneur die Mode-Metropole. Ein ganz besonderer Anlass war für seinen letzten Besuch ausschlaggebend – 60 Jahre International Menswear Group (IMG)! Thomas Rusche ist in zweiter Generation der deutsche Repräsentant der Weltvereinigung IMG. In seinem persönlichen Foto-Report zeigt er uns, wie schön die Hauptstadt der Region Lombardei im Januar sein kann, was sie so einmalig macht und welchen inspirierenden Einfluss Mailand auf die SØR Kollektionen hat. 

Der Aperitivo im Caffé Spadari ist schon eine kleine Tradition bei uns in der Familie. Sofort entflammt bei uns das italienische Lebensgefühl von dolce vita. v.l.Valentina Rusche, Thomas Rusche, Anna Rizzi-Rusche, Marianna Rusche, Heinrich Rusche und Carolina Rusche.

Der Aperitivo im Caffé Spadari ist schon eine kleine Tradition bei uns in der Familie. Sofort entflammt das italienische Lebensgefühl von dolce vita. v.l.Valentina Rusche, Thomas Rusche, Anna Arizzi-Rusche, Marianna Rusche, Heinrich Rusche und Carolina Rusche.

 

Der stahlblaue Himmel und die strahlende Sonne treiben die Einwohner und Touristen auf die Strassen der Stadt. Im Januar liegen die Temperaturen zumeist zwischen 5 - 10 Grad. Foto Carolina Rusche

Der stahlblaue Himmel und die strahlende Sonne treiben die Einwohner und Touristen auf die Straßen der Stadt. Im Januar liegen die Temperaturen zumeist zwischen 5 – 10 Grad. Foto Carolina Rusche

Mailand ist für mich im höchsten Maße inspirierend. Wenn ich das Treiben auf den Straßen beobachte und die strahlende Sonne mein Gemüt erhellt, läuft unmittelbar mein kreativer Geist auf Hochtouren. Zahlreiche Ideen für die SØR Kollektionen fanden bereits hier ihren Ursprung. Foto Carolina Rusche

Mailand ist für mich im höchsten Maße inspirierend. Wenn ich das Treiben auf den Straßen beobachte und die strahlende Sonne mein Gemüt erhellt, läuft unmittelbar mein kreativer Geist auf Hochtouren. Zahlreiche Ideen für die SØR Kollektionen fanden bereits hier ihren Ursprung. Foto Carolina Rusche

Mailand ist ständig in Bewegung und entdeckt sich immer wieder neu. Stillstand ist in der zweitgrößten Metropole Italiens ein no go. Hier ist der Sitz der italienischen Börse und der Headquarter der großen Mode-Labels  Die Milanesi sind stolz auf ihre Vergangenheit, richten dabei aber ihren Blick stets in die Zukunft - dieses Graffiti von Guiseppe Verdi ist für mich ein Sinnbild für die strahlende Vergangenheit und den blühenden Fortschritt in Mailand. Foto Carolina Rusche

Mailand ist ständig in Bewegung und entdeckt sich immer wieder neu. Stillstand ist in der zweitgrößten Metropole Italiens ein No-Go. Hier ist der Sitz der italienischen Börse und das Headquarter der großen Mode-Labels. Die Milanesi sind stolz auf ihre Vergangenheit, richten dabei aber ihren Blick stets in die Zukunft – dieses Graffiti von Giuseppe Verdi ist für mich ein Sinnbild für die strahlende Vergangenheit und eine blühende Zukunft in Mailand. Foto Carolina Rusche

Neben der Mode und Kunst ist Mailand für fantastische Interieurs bekannt, fast jedes Hotel, Restaurant, Store und Privathaus besticht durch eine gekonntes Arrangement von Möbeln und Wohnaccessoires. Die größte und wichtigste Möbelmesse der Welt ,,Salone del mobile’’ findet hier seit 1961 jährlich statt. Der Konzept-Store 10 Corso Como verbindet reizvolles Interieur mit den neusten Trends der Fashionwelt. Foto Carolina Rusche

Neben der Mode und Kunst ist Mailand für fantastische Interieurs bekannt. Fast jedes Hotel, Restaurant, Geschäft und Privathaus besticht durch eine gekonntes Arrangement aus Möbeln und Wohnaccessoires. Die größte und wichtigste Möbelmesse der Welt ,,Salone del mobile’’ findet hier seit 1961 jährlich statt. Der Konzept-Store 10 Corso Como verbindet reizvolles Interieur mit den neuesten Trends der Fashionwelt. Foto Carolina Rusche

Anlässlich der Expo Milano 2015 wurde in Mailand das größte innerstädtische Bauvorhaben Europas durchgeführt und hat das Gesicht von Mailand großflächig verändert. Vom Bahnhof Garibaldi bis Piazza della Repubblica ist die neue Skyline Mailands entstanden. Gut gelungen ist der Anschluss des Neubaukomplexes an das historische Viertel von Corso Como mit seinem urigen Leben dank der vielen Kneipen und Bars. Foto Carolina Rusche

Anlässlich der Expo Milano 2015 wurde in Mailand das größte innerstädtische Bauvorhaben Europas durchgeführt und hat das Gesicht von Mailand großflächig verändert.
Vom Bahnhof Garibaldi bis zur Piazza della Repubblica ist die neue Skyline Mailands entstanden. Gut gelungen ist der Anschluss des Neubaukomplexes an das historische Viertel von Corso Como mit seinem urigen Leben dank der vielen Kneipen und Bars. Foto Carolina Rusche

Das La Bricola verführt nicht nur mit einer sinnlichen Lichtstimmung, hier serviert man eine exzellente lombardische Küche und trägt zurecht den Ruf eines der besten Restaurants der Stadt zu sein. Wundern Sie sich nicht wenn plötzlich neben Ihnen David Beckham oder andere VIP’s Platz nehmen, das La Bricola ist so berühmt wie seine Gäste. Foto Carolina Rusche

Das La Briciola verführt nicht nur mit einer sinnlichen Lichtstimmung, hier serviert man eine exzellente lombardische Küche und es trägt zu Recht den Ruf, eines der besten Restaurants der Stadt zu sein. Wundern Sie sich nicht, wenn plötzlich neben Ihnen David Beckham oder andere VIP’s Platz nehmen, das La Briciola ist so berühmt wie seine Gäste. Foto Carolina Rusche

 

In kaum einer anderen Stadt der Welt, sind Männer so gut und stilvoll gekleidet wie in Mailand. Hier trägt man die Mode nicht, man lebt sie. Grandezza ist so selbstverständlich wie guter Wein und gutes Essen. Seit über 60 Jahren arbeiten wir bei SØR mit Freude daran dieses Gespür für Mode Lifestyle auf unsere Kunden zu übertragen. Foto Carolina Rusche

In kaum einer anderen Stadt der Welt, sind Männer so gut und stilvoll gekleidet wie in Mailand. Hier trägt man die Mode nicht, man lebt sie. Grandezza ist so selbstverständlich wie guter Wein und gutes Essen. Seit über 60 Jahren arbeiten wir bei SØR mit Freude daran, dieses Gespür für Mode und Lifestyle auf unsere Kunden zu übertragen. Foto Carolina Rusche

Unwiderstehlich sind für mich die süßen Kreationen der Pasticceria Pattini. Hier finden Sie die köstlichsten Panettone und Amaretti der Stadt. Foto Carolina Rusche

Unwiderstehlich sind für mich die süßen Kreationen der Pasticceria Pattini. Hier finden Sie die köstlichsten Panettone und Amaretti der Stadt.  Die Mailänder wissen das Schöne und Gute zu schätzen. Lieber würden sie nichts essen als etwas von schlechter Qualität. Insgesamt sind Italiener gerne bereit, für Qualität Geld auszugeben. Sie kaufen lieber wenig, aber dafür qualitativ Hochwertiges. Und ein Essen schlingen sie nicht runter, sondern zelebrieren es, am besten zusammen mit vielen Freunden. Foto Carolina Rusche

In einer Jugendstilvilla im Simplonpark feiert die IMG (International Men's Wear Group) ihr 60jähriges Bestehen.

Im  Palazzina Appiani im Parco Sempione feiert die IMG (International Menswear Group) ihr 60jähriges Bestehen.  Die Organisation besteht aus internationalen, familiengeführten Unternehmen, deren Leidenschaft und Profession die Kultur des guten Kleidens ist. Foto Carolina Rusche

 

Das Label Andrea Fenzi ist aus dem SØR Sortiment nicht wegzudenken. Auf die hochwertigen und modischen Strickkollektionen freuen wir uns jede Saison neu und sind immer wieder überrascht über die trendbewussten Innovationen. Zu den CEO's  Maria Teresa Scalmana (mitte) und Dottore Mario Roberti, ist über die Jahre ein freundschaftliches Verhältnis entstanden. Foto Carolina Rusche

Das Label Andrea Fenzi ist aus dem SØR Sortiment nicht wegzudenken. Auf die hochwertigen und modischen Strickkollektionen freuen wir uns jede Saison neu und sind immer wieder überrascht über die trendbewussten Innovationen. Zu den CEO’s Maria Teresa Scalmana (Mitte) und Dottore Mario Roberti ist über die Jahre ein freundschaftliches Verhältnis entstanden. Foto Carolina Rusche

 

Zum IMG Member Larry Rosen aus Canada existiert eine jahrzehnte lange Freundschaft. Bereits unsere Väter Egon Rusche und Harry Rosen lernten sich über die IMG kennen.  Foto Carolina Rusche

Zum IMG Mitglied Larry Rosen aus Kanada existiert eine jahrzehntelange Freundschaft. Schon unsere Väter, Egon Rusche und Harry Rosen, lernten sich über die IMG kennen.
Foto Carolina Rusche

Aufgeladen von neuen Trends, guten Gesprächen mit alten Freunden, kulinarischen Verführungen und einer guten zeit mit meiner Familie , verabschiede ich mich von meiner zweiten Heimat und freue mich schon auf meinen nächsten Besuch in bella Milano. Foto Carolina Rusche

Aufgeladen von inspirierenden Eindrücken, neuen Trends, guten Gesprächen mit alten Freunden, kulinarischen Verführungen und einer guten Zeit mit meiner Familie , verabschiede ich mich von meiner zweiten Heimat und freue mich schon auf meinen nächsten Besuch in bella Milano, Ihr Thomas Rusche. Foto Carolina Rusche

https://www.imgapparelretailgroup.com/

http://www.labriciola.com/

http://www.pattiniweb.it/

http://www.10corsocomo.com/

http://www.ingalleria.com/en

http://milano.repubblica.it/ristoranti/milano/comune/milano/caffe_spadari-200420.html?refresh_ce

http://soer.de

https://www.instagram.com/soer_rusche/

https://www.facebook.com/soer24